{"id":7350,"date":"2006-03-01T00:00:01","date_gmt":"2006-02-28T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7350"},"modified":"2022-07-26T14:24:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:26","slug":"new-profile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/03\/new-profile\/","title":{"rendered":"New Profile"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;New Profile&#8220; ist eine israelische Organisation, die sich seit 1997 f\u00fcr eine &#8222;Zivilisierung&#8220; der israelischen Gesellschaft, sprich: ihre Demilitarisierung einsetzt.<\/p>\n<p>Ruth und Michal haben sich beide wegen ihrer Kinder entschlossen, bei der Gruppe mitzuarbeiten. &#8222;Als mein dritt\u00e4ltester Sohn mir sagte, dass er nicht zur Armee gehen wird, musste ich mich entscheiden, ob ich f\u00fcr ihn bin oder gegen ihn&#8220;, sagt Ruth Hiller. Sie hat sich f\u00fcr ihren Sohn entschieden, obwohl sie, wie sie sagt, in einem Kibbuz lebt, der sehr zionistisch ist. Bei Michal war es ihre zweit\u00e4lteste Tochter, die nicht zur Armee wollte und deswegen mehrere Male im israelischen Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis sa\u00df.<\/p>\n<p>New Profile ist eine der wenigen Gruppen innerhalb Israels, die sich mit den Folgen der Militarisierung der israelischen Gesellschaft auseinander setzen, und versucht, ihr etwas zu entgegnen. Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die Unterst\u00fctzung von Kriegsdienstverweigerinnen und Kriegsdienstverweigerern.<\/p>\n<p>In Israel besteht eine Wehrpflicht von 3 Jahren f\u00fcr M\u00e4nner und 21 Monaten f\u00fcr Frauen. Jugendliche erhalten mit 16 den ersten Bescheid, dass sie zur Armee eingezogen werden, und m\u00fcssen zu ersten medizinischen Untersuchungen gehen. Mit 18 beginnt der Kriegsdienst. Religi\u00f6se oder verheiratete Frauen und pal\u00e4stinensische Israelis m\u00fcssen keinen Kriegsdienst leisten. Daneben gibt es die M\u00f6glichkeit, diesem aus medizinischen Gr\u00fcnden zu entgehen oder ihn &#8211; in engen Grenzen &#8211; aus Gewissensgr\u00fcnden zu verweigern.<\/p>\n<p>Vor allem die M\u00f6glichkeit der Verweigerung aus Gewissensgr\u00fcnden ist allerdings nach Aussagen der beiden Frauen von New Profile wenig bekannt. Wer dies tun will, muss es bereits nach Erhalt des ersten Bescheids der Armee mitteilen. Sp\u00e4ter wird er oder sie von einer Kommission angeh\u00f6rt und gegebenenfalls vom Kriegsdienst freigestellt.<\/p>\n<p>New Profile ber\u00e4t \u00fcber M\u00f6glichkeiten der Kriegsdienstverweigerung, organisiert Rechtshilfe, spricht mit Eltern und Jugendlichen. Teil der Aufkl\u00e4rungsarbeit ist es auch, bestimmte Mythen dar\u00fcber zu zerst\u00f6ren, welche Nachteile es in Israel angeblich mit sich bringen kann, keinen Kriegsdienst geleistet zu haben. Tats\u00e4chlich stehen bestimmte Jobs nur Leuten offen, die ihren Kriegsdienst geleistet haben, und auch manche Verg\u00fcnstigungen (wie z.B. die Berechtigung, in einem Studentenwohnheim zu wohnen) werden davon abh\u00e4ngig gemacht. Viele andere Bef\u00fcrchtungen sind aber unberechtigt.<\/p>\n<p>&#8222;Es waren teilweise Ger\u00fcchte im Umlauf, dass jemand, der nicht in der Armee war, keinen F\u00fchrerschein machen d\u00fcrfte&#8220;, erz\u00e4hlt Ruth. &#8222;Das ist v\u00f6lliger Unsinn.&#8220;<\/p>\n<p>Nach ihrer Einsch\u00e4tzung ist es nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig schwierig, den Kriegsdienst auf die ein oder andere Art zu vermeiden. &#8222;Es gibt einen \u00dcberfluss an Soldaten in diesem Land.&#8220; Ungef\u00e4hr 50 % der j\u00fcdischen Israelis jedes Jahrgangs leisten keinen Kriegsdienst oder verlassen die Armee im Laufe des ersten Jahres wieder.<\/p>\n<p>&#8222;Leuten, die den Milit\u00e4rdienst vermeiden wollen, ohne Aufsehen zu erregen, wird dies oft relativ einfach erm\u00f6glicht . Leute, die aus ihrer Verweigerung einen \u00f6ffentlichen Akt machen (insbesondere Verweigerer aus Gewissengr\u00fcnden), werden dagegen sehr hart behandelt und oft ins Gef\u00e4ngnis gesperrt&#8220;, stellt ein Bericht von New Profile fest.<\/p>\n<p>Aktivit\u00e4ten im Bereich von Erziehung bilden einen weiteren Aspekt von New Profile. New Profile arbeitet sowohl mit Jugendlichen, als auch mit Eltern und LehrerInnen.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn ich Kinder aufziehe, bin ich mit daf\u00fcr verantwortlich, was sie tun&#8220;, sagt Ruth. Die Vorbereitung aufs Milit\u00e4r beginnt in Israel bereits in der Schulzeit. SoldatInnen in Uniform haben Zugang zu allen Schulen. In manchen Schulen werden SoldatInnen als HilfslehrerInnen eingesetzt. Im letzten Schuljahr haben alle Sch\u00fclerInnen die M\u00f6glichkeit, an einem einw\u00f6chigen milit\u00e4rischen Training teilzunehmen, in Uniform und in Begleitung ihrer LehrerInnen. Schie\u00df\u00fcbungen eingeschlossen. New Profile hat keinen vergleichbar einfachen Zugang zu den Schulen. \u00dcber Sommercamps und andere Aktivit\u00e4ten versuchen die AktivistInnen von New Profile trotzdem, die Jugendlichen zu erreichen.<\/p>\n<p>Die gesellschaftlichen Auswirkungen davon, dass ein Gro\u00dfteil der jungen M\u00e4nner und Frauen ihren Armeedienst ableisten und die Gesellschaft insgesamt in hohem Ma\u00dfe militarisiert ist, beschreibt Ruth so: &#8222;Wir sind besorgt \u00fcber die Checkpoints und die Besatzung. Aber wir sind auch besorgt dar\u00fcber, dass die Soldaten nach Hause kommen und ihre Frauen verpr\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Selbst wenn die Besatzung enden w\u00fcrde, h\u00e4tten wir immer noch mit ihren Folgen umzugehen. Hast Du den israelischen Fahrstil beobachtet? Jeder einzelne hier auf der Stra\u00dfe ist ein gro\u00dfer Panzer.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir haben hier in den letzten Jahren eine starke Zunahme an Aggression erlebt&#8220;, f\u00fcgt Michal zu. Beide betonen immer wieder, wie jung Israelis sind, wenn sie sich entscheiden m\u00fcssen, ob sie zur Armee wollen, und wenn sie ihren Kriegsdienst ableisten. &#8222;Wenn die Soldaten nicht 21 w\u00e4ren, w\u00fcrden sie das, was sie tun, vermutlich nicht tun&#8220;, sagt Ruth.<\/p>\n<p>Die Gruppe versteht sich als feministisch. Das hei\u00dft jedoch, wie Ruth betont, nicht, dass nur Frauen mitarbeiten. Das Feministische an der Arbeit von New Profile ist f\u00fcr sie, dass ein bestimmter Blick hinterfragt wird, die Idee, dass es keine Alternative gibt zu Krieg und Militarisierung. Weiterhin trifft die Gruppe Entscheidungen nach Prinzipien, die sie als feministisch betrachtet: keine hierarchische Struktur, Diskussion und Entscheidung im Plenum. New Profile arbeitet ehrenamtlich mit ungef\u00e4hr 45 Aktiven im ganzen Land und finanziert sich \u00fcber Spenden und Zusch\u00fcsse.<\/p>\n<p>Ruth und Michal haben auch in ihrem eigenen Umfeld immer wieder mit Leuten zu tun, die in der Armee sind. Michal erz\u00e4hlt: &#8222;Eines Tages waren Freunde meines Sohnes bei uns zuhause. Ich h\u00f6rte einen der Freunde meines Sohnes sagen: \u201aLetzte Woche habe ich zwei Araber umgebracht&#8216;, in einem Ton, als w\u00fcrde er erz\u00e4hlen, dass er sich gestern ein Eis gekauft hat.&#8220;<\/p>\n<p>Solche Aussagen, sagt sie, sind einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Arbeit bei New Profile.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;New Profile&#8220; ist eine israelische Organisation, die sich seit 1997 f\u00fcr eine &#8222;Zivilisierung&#8220; der israelischen Gesellschaft, sprich: ihre Demilitarisierung einsetzt. 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