{"id":736,"date":"1996-11-01T00:00:31","date_gmt":"1996-10-31T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=736"},"modified":"2022-07-26T14:26:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:36","slug":"erst-mus-der-mensch-leben-dann-kann-seine-ehre-geschutzt-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/11\/erst-mus-der-mensch-leben-dann-kann-seine-ehre-geschutzt-werden\/","title":{"rendered":"&#8222;Erst mu\u00df der Mensch leben, dann kann seine Ehre gesch\u00fctzt werden.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Kein Zweifel, die Verh\u00e4ltnisse in den Gef\u00e4ngnissen in der T\u00fcrkei sind untragbar. Auch wenn es aus anarchistischer Sicht keinen &#8222;humanen&#8220; Strafvollzug geben kann und somit Gef\u00e4ngnisse an sich abzuschaffen sind, so hilft diese eher langfristige Perspektive den derzeitigen Gefangenen wenig. Anstrengungen, die Haftbedingungen ertr\u00e4glicher zu gestalten, sind daher durchaus notwendig und sollten auch von gewaltfreien AnarchistInnen unterst\u00fctzt werden. Es geht also nicht darum, die Berechtigung und die Notwendigkeit der K\u00e4mpfe der Gefangenen in den t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Dennoch k\u00f6nnen und m\u00fcssen die hinter den Hungerstreiks stehenden politischen Konzepte kritisch hinterfragt werden. Diese Konzepte kommen nur wenig in den konkreten Forderungen der Hungerstreikenden zum Ausdruck, wohl aber in ihrer Rhetorik und den Begr\u00fcndungen ihres Kampfes &#8211; oder der Einsch\u00e4tzung der Ergebnisse.<\/p>\n<h3>Die Forderungen<\/h3>\n<p>Das &#8222;Todesfasten&#8220; war im wesentlichen mit drei Forderungen verbunden: Schlie\u00dfung des Isolationsgef\u00e4ngnisses Eskisehir, von den Gefangenen als &#8222;der Sarg&#8220; bezeichnet; sofortige Beendigung der Mi\u00dfhandlung von Gefangenen bei Transporten und der Angeh\u00f6rigen bei Besuchen; Inhaftierung der Gefangenen zusammen in der N\u00e4he des Gerichtsortes, um eine gemeinsame Vorbereitung auf das Verfahren zu erm\u00f6glichen. Diese Forderungen basieren auf den Mindestanforderungen f\u00fcr einen den Menschenrechten entsprechendem Strafvollzug, stellen also eigentlich Selbstverst\u00e4ndlichkeiten dar.<\/p>\n<p>Die Forderungen im &#8222;Hungerstreik der 11 000&#8220; gingen teilweise weiter: zu den obigen Forderungen kamen vor allem solche hinzu, die eine unabh\u00e4ngige Untersuchung der Ereignisse im Gef\u00e4ngnis Diyarbark\u00fdr betrafen sowie eine ungehinderte Kommunikation und Besuche unter den Gefangenen. ((1))<\/p>\n<p>Ich will mich nicht in den Einzelheiten der Forderungen verlieren. \u00dcber einige lie\u00dfe sich &#8211; ausgehend von einem b\u00fcrgerlichen Menschenrechtsverst\u00e4ndnis oder den entsprechenden UN-Konventionen &#8211; sicherlich streiten, doch darum geht es hier nicht.<\/p>\n<p>Das &#8222;Todesfasten&#8220; endete am 27. Juli, nachdem 12 Hungerstreikende an den Folgen des Hungerstreiks gestorben waren, zahlreiche weitere werden bis an ihr Lebensende unter den Gesundheitssch\u00e4den des Streiks zu leiden haben. Zwar endete der Hungerstreik mit der formalen Erf\u00fcllung der Forderungen der Gefangenen durch die Regierung, tats\u00e4chlich hat sich jedoch nichts ge\u00e4ndert (vgl. <a title=\"\u201cIch werde dieses Protokoll nie akzeptieren, denn wir haben nichts unterzeichnet\u201d\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/09\/ich-werde-dieses-protokoll-nie-akzeptieren-denn-wir-haben-nichts-unterzeichnet\/\">GWR 211<\/a>). Kann vor diesem Hintergrund der Hungerstreik als erfolgreich angesehen werden?<\/p>\n<h3>&#8222;Die Ehre ist auf unserer Seite&#8220;<\/h3>\n<p>Von den Gefangenen selbst wird er jedenfalls als Erfolg gewertet. Bei einem Gespr\u00e4ch, das ich in Izmir mit Ercan Demir, Vorsitzender des Menschenrechtsvereins (IHD) Izmir, f\u00fchrte, erkl\u00e4rte dieser: &#8222;Nach dem Beginn des Hungerstreiks gerieten die konkreten Forderungen der Gefangenen schnell in den Hintergrund und der Kampf verwandelte sich in einen Kampf um die Ehre. (&#8230;) Die Gefangenen haben durch den Hungerstreik ihre Ehre zur\u00fcckgewonnen. Sie haben der \u00d6ffentlichkeit gezeigt, da\u00df sie keine Terroristen sind, sondern da\u00df sie eine revolution\u00e4re Ehre besitzen. Sie wu\u00dften, da\u00df sich trotz der Vereinbarungen mit der Regierung, in denen sie die Erf\u00fcllung der Forderungen zusicherte, nichts \u00e4ndern w\u00fcrde. Doch als sie dennoch den Vereinbarungen zustimmten, war die Ehre auf ihrer Seite.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Die 12 Toten, &#8222;gefallen&#8220; also f\u00fcr die &#8222;revolution\u00e4re Ehre&#8220;? Ich halte diese Bewertung f\u00fcr fragw\u00fcrdig, sie unterscheidet sich in nichts von Konzepten einer &#8222;nationalen Ehre&#8220; oder was auch immer. Zwischen dem &#8222;ehrenhaften Tod auf dem Schlachtfeld&#8220; und dem &#8222;ehrenhaften Tod&#8220; im Hungerstreik besteht prinzipiell kein inhaltlicher Unterschied.<\/p>\n<p>Der dahinterstehende Begriff von &#8222;Ehre&#8220; ist grunds\u00e4tzlich zu hinterfragen. &#8222;Ehre&#8220; ist letztendlich ein patriarchal- m\u00e4nnliches Konzept, dem auch im &#8222;revolution\u00e4ren Kampf&#8220; kein emanzipatorischer Inhalt untergeschoben werden kann. Das Konzept der &#8222;Ehre&#8220; f\u00fchrt gerade dazu, Auseinandersetzungen zu einem &#8222;Alles oder Nichts&#8220; zuzuspitzen, bei dem es dann nicht mehr um die Inhalte geht, sondern nur noch darum, den Anderen als &#8222;unehrenhaft&#8220; erscheinen zu lassen und selbst das &#8222;Gesicht zu wahren&#8220;, die eigene &#8222;Ehre&#8220; zu verteidigen.<\/p>\n<p>Ein auf dem Begriff der &#8222;Ehre&#8220; beruhender Kampf &#8211; auch wenn es um berechtigte Forderungen geht &#8211; ist somit tendenziell anti-emanzipatorisch. Er st\u00e4rkt patriarchal-m\u00e4nnliche Rollenzuschreibungen und f\u00f6rdert Hierarchien und Zwang unter den am Kampf beteiligten &#8211; denn wer sich aus welchen Gr\u00fcnden auch immer nicht am Hungerstreik beteiligt, ist &#8222;ehrlos&#8220; und mu\u00df damit rechnen, von seinen\/ihren KampfgenossInnen nicht mehr respektiert, ausgeschlossen zu werden.<\/p>\n<h3>Kritische Unterst\u00fctzung<\/h3>\n<p>Eine Unterst\u00fctzung der Gefangenen kann daher nicht vorbehaltlos erfolgen. Eine Instrumentalisierung f\u00fcr die weitergehenden politischen Konzepte ist unbedingt zu vermeiden. Notwendig ist aus meiner Sicht eine Positionsfindung, die zum einen die Auseinandersetzung mit den Gefangenen \u00fcber die hinter ihrem Kampf stehenden Konzepte nicht scheut, die unbedingt notwendige Kritik auch artikuliert. Auf der anderen Seite m\u00fcssen die praktischen Forderungen der Gefangenen sehr deutlich unterst\u00fctzt werden. Es geht um eine kritische Solidarit\u00e4t auf menschenrechtlicher Grundlage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Zweifel, die Verh\u00e4ltnisse in den Gef\u00e4ngnissen in der T\u00fcrkei sind untragbar. Auch wenn es aus anarchistischer Sicht keinen &#8222;humanen&#8220; Strafvollzug geben kann und somit Gef\u00e4ngnisse an sich abzuschaffen sind, so hilft diese eher langfristige Perspektive den derzeitigen Gefangenen wenig. 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