{"id":7382,"date":"2006-03-01T00:00:40","date_gmt":"2006-02-28T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7382"},"modified":"2022-07-26T14:24:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:25","slug":"andere-zeiten-andere-streiks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/03\/andere-zeiten-andere-streiks\/","title":{"rendered":"Andere Zeiten, andere Streiks"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem Argentinien zu Anfang des Jahrzehnts noch als der Beispielstaat f\u00fcr eine gelungene Integration in die Dynamik der kapitalistischen Akkumulation galt, musste es der traurigen Realit\u00e4t peripherer Gesellschaften ins Auge blicken: Auf die Krise im Dezember 2000 folgten der Einsturz des Bruttoinlandsprodukts in weniger als vier Jahren um mehr als 20 % (ein Prozentsatz, der f\u00fcr ein Land im Kriegszustand typisch ist), Arbeitslosenquoten von 25 % und eine Verarmung von mehr als der H\u00e4lfte der 37 Millionen EinwohnerInnen Argentiniens.<\/p>\n<p>Die argentinischen ArbeiterInnen sahen sich den Deregulierungen der Arbeitswelt ausgesetzt (Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und rapide abnehmende Arbeitsplatzsicherheit) und die traditionellen Einspruchsm\u00f6glichkeiten ihrer Gewerkschaften auf ein Minimum eingeschr\u00e4nkt. Diese gleichzeitige Verunsicherung und Verarmung sowie das Fehlen politischer Instrumente zur Eind\u00e4mmung der neoliberalen Offensive brachten neue Formen des Arbeitskampfes und der Organisation hervor: Fabrikbesetzungen und, vor allem, die historische Neuerung der Erwerbslosenbewegungen, die so genannten &#8222;piqueteros&#8220;. Geschw\u00e4cht durch die politische Konjunktur der Arbeitswelt, machten die &#8222;traditionellen Streiks&#8220; damit neuen Streikformen Platz.<\/p>\n<p>Im Fall der zahlungsunf\u00e4higen oder zur\u00fcckgelassenen Fabriken, deren Eigent\u00fcmerInnen ihren ArbeiterInnen bereits seit Monaten keine vollen Geh\u00e4lter mehr gezahlt hatten (w\u00e4hrend sie andererseits Reserven, bevorzugt in Steuerparadiesen, anlegten), fand man die alleinige L\u00f6sung darin, das Fabrikgel\u00e4nde und die zugeh\u00f6rigen Maschinen in Besitz zu nehmen: Indem man sich den R\u00e4umungsversuchen widersetzte und vor Gericht f\u00fcr die Enteignung der Fabrik zum Ausgleich der geschuldeten L\u00f6hne und Geh\u00e4lter k\u00e4mpfte (im Allgemeinen ein langwieriger und konfliktbelasteter Prozess), konnte man der drohenden Arbeitslosigkeit entkommen und mit der Einf\u00fchrung des Selbstverwaltungsregimes in der Produktion einen bedeutenden Schritt im Rahmen der gestellten Forderungen [nach Autonomie, J.H.] gehen.<\/p>\n<p>Verbunden damit waren die Abschaffung hierarchischer Strukturen, in Versammlungen getroffene Beschl\u00fcsse \u00fcber die Art der Produktion und die Verkaufszielgruppen, gleiches Einkommen f\u00fcr alle ArbeiterInnen (Putzpersonal, ProduktionsarbeiterInnen und LeiterInnen erhalten jetzt denselben Lohn) und die Lockerung der strikten Arbeitsteilung, was es den ArbeiterInnen erm\u00f6glichte, neue T\u00e4tigkeiten zu erlernen und verschiedene Funktionen im Unternehmen einzunehmen. Die zuvor angenommene Notwendigkeit von Vorgesetzten und Chefs f\u00fcr die Produktionsleitung konnte entmystifiziert werden, was f\u00fcr die Mehrzahl der ArbeiterInnen, die sich niemals den Produktionsablauf ohne ihre Vorgesetzten h\u00e4tten vorstellen k\u00f6nnen, keineswegs selbstverst\u00e4ndlich war. &#8222;Wenn wir eine riesige Fabrik f\u00fchren k\u00f6nnen, mit Computern und allem Drum und Dran, warum k\u00f6nnen wir dann nicht das ganze Land f\u00fchren?&#8220;, sagte mir ein Keramikarbeiter der Zanon, der seine Erfahrungen aus einem der am besten funktionierenden Selbstverwaltungsbeispiele Argentiniens zieht.<\/p>\n<p>Die Arbeitslosen, die ja nicht gegen die <em>Produktion<\/em> der Waren in Streik treten konnten, entschieden sich f\u00fcr eine organisierte Verhinderung der <em>Zirkulation<\/em> der Waren, denn: ohne Zirkulation kein Verkauf und ohne Verkauf kein Gewinn. Massive Stra\u00dfenblockaden (&#8222;piquetes&#8220; ((1)) &#8211; daher der Namen &#8222;piqueteros&#8220;) Zehntausender von Erwerbslosen verhinderten vor allem ab dem Jahr 2000 die Ausfahrt von Lastw\u00e4gen aus den Fabriken und behinderten den Verkehrsfluss auf den Hauptverkehrswegen von Buenos Aires und den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten des Landes, wodurch Industrie und Handel gro\u00dfe Einbu\u00dfen hinnehmen mussten. Es war der einzige Weg, die Regierung zur Ber\u00fccksichtigung der grunds\u00e4tzlichen Forderung zu bringen, den Arbeitslosen &#8222;planes&#8220; (Mindestl\u00f6hne) ((2)) in H\u00f6he von 150 Pesos (etwa 40 Euro) zu zahlen.<\/p>\n<p>Der zweite Schritt der Bewegung war die Organisation von Gemeinschaftsfonds, zu denen die Tausenden von Familien, die &#8222;planes&#8220; erhalten, monatlich 10 bis 15 Pesos beizutragen angehalten sind. Auf der Basis dieser Mittel und der in den Versammlungen getroffenen Entscheidungen begann man in den peripheren Stadtteilen, Initiativen aufzubauen, deren Ziel vor allem die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist: Um die Lebenserhaltungskosten der betroffenen Familien zu senken, richtete man &#8222;comedores&#8220; (Gemeinschaftsk\u00fcchen) ein, in denen die Familien ein bis zwei kostenlose Mahlzeiten am Tag einnehmen k\u00f6nnen; zudem B\u00e4ckereien und gemeinschaftliche Gem\u00fcseg\u00e4rten, die beinahe zu Produktionskosten Brot und Gem\u00fcse verkaufen und deren Verkaufserl\u00f6se in die &#8222;comedores&#8220; zur\u00fcckflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Heute existieren Tausende derartiger Initiativen in den Vierteln der argentinischen St\u00e4dte. Einige der st\u00e4rker organisierten Gruppen haben sogar Brunnen gebaut, integrieren kleinere Schneidereien, Kinderhorte, Erste-Hilfe-Stationen und bisweilen sogar eine eigene Bierbrauerei, neben den organisierten Gruppen f\u00fcr politische Bildung, in denen die vorrangigen Themen der nationalen Politik diskutiert und Geschichten des Klassenkampfes erz\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Die Verbindung von Mobilisierungsarbeit in den Stra\u00dfen der Stadt und der Gemeinschaftsarbeit in der Peripherie l\u00e4sst eine Art eigener Identit\u00e4t der &#8222;piqueteros&#8220; entstehen als Gegenpol zu dem Gef\u00fchl der Erniedrigung durch die w\u00fcrdelose, isolierende und deprimierende Armut eines Erwerbslosen, dem der neoliberale Diskurs immer wieder vorbetet, dass die Schuld f\u00fcr die Arbeitslosigkeit beim Arbeitslosen selbst liege: weil er nicht qualifiziert genug, zu faul, zu jung, zu alt ist \u2026 (nicht wenige der Leute, mit denen ich gesprochen habe, sagten, dass sie sich mit dem Anschluss an die Bewegung aus schweren Depressionskrisen retteten, weil sie so ihre &#8222;W\u00fcrde wiedererlangt&#8220; und sich &#8222;wieder n\u00fctzlich gef\u00fchlt&#8220; h\u00e4tten, &#8222;weil ich jetzt nicht mehr f\u00fcr einen Chef, sondern f\u00fcr meine Gemeinschaft arbeite&#8220;).<\/p>\n<p>Trotzdem haben die zaghafte Wiederherstellung der argentinischen Wirtschaft (das BIP ist jetzt wieder auf dem Stand von 1998) sowie einige volksnahe Ma\u00dfnahmen der Regierung von Kirchner (wie etwa der Zahlungsaufschub f\u00fcr mehr als 80 % der Auslandsverschuldung und die Verurteilung einiger Milit\u00e4rs aus der Zeit der Diktatur) die Bewegungsopposition geschw\u00e4cht und zum Teil sogar zersplittert. Dass die Einheit der Aktions- und Forderungsformen der verschiedenen &#8222;piquetero&#8220;<em>&#8211;<\/em>Organisationen nur schwer zu erhalten ist, tr\u00e4gt zu dieser Schw\u00e4chung der oppositionellen Kraft bei. Seit der Amtszeit Kirchners ist fast die H\u00e4lfte der Organisationen der Regierungspartei beigetreten und hat ihre Protest- und Forderungsaktivit\u00e4ten reduziert. Derzeit erw\u00e4gt die Regierung, die von ihr monatlich gezahlten 1,4 Millionen &#8222;planes&#8220; um die H\u00e4lfte zu senken. Den besetzten Fabriken, die um die zehntausend Arbeiter in mehr als 300 Produktionseinheiten vereinen, gelang es ihrerseits bislang nicht, ein Instrument der linkspolitischen Einflussnahme auf die nationale Politikebene zu schaffen. Denn offensichtlich k\u00f6nnen die entwickelten Mechanismen neoliberale Einfl\u00fcsse nicht verhindern.<\/p>\n<p>Dabei ist jedoch zu bedenken, dass die Erfahrungen der &#8222;piqueteros&#8220; wie auch die der BesetzerInnen von Fabriken zwar politisch reichhaltig, aber noch nicht einmal zehn Jahre alt sind. Sie stecken also noch in den Kinderschuhen und haben aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht alle ihre Fr\u00fcchte getragen. Vielleicht geben sie uns einige Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass es nicht nur m\u00f6glich, sondern auch notwendig ist, mit dem Aufbau eines &#8222;vorrevolution\u00e4ren&#8220; Sozialismus zu beginnen. Derartige Erfahrungen zeigen auch, dass es m\u00f6glich ist, alternative Arbeitsorganisations-, Produktions- und Warendistributionsformen hier und jetzt zu entwickeln, ohne dabei den radikalen Wandel f\u00fcr die Zukunft aus dem Blick zu verlieren, sondern ganz im Gegenteil, ihn in m\u00fchevoller tagt\u00e4glicher Konstruktionsarbeit immer konkreter werden zu lassen.<\/p>\n<p>Der traditionelle Streik war immer die beste M\u00f6glichkeit, das Vetorecht der Arbeiterklasse gegen\u00fcber dem unstillbaren Hunger des Kapitals durchzusetzen, aber er f\u00f6rdert nicht die Selbstorganisation. Nach seinem Abschluss kehren die ArbeiterInnen zu ihrem normalen Arbeitsrhythmus unter der Auflage der Arbeitsteilung und dem Imperativ des kapitalistischen Gewinns zur\u00fcck. In einer besetzten Fabrik und einem peripheren Stadtviertel von Buenos Aires hingegen haben die ArbeiterInnen die M\u00f6glichkeit, die Produktion gemeinschaftlich zu organisieren, den zeitlichen und r\u00e4umlichen Verlauf ihres Lebens autonom zu gestalten, ohne auf die Anweisungen von Vorgesetzten oder Beamten angewiesen zu sein. Im \u00dcbergang &#8222;vom Streik zur Selbstverwaltung&#8220; liegt die Chance, den Alltag und die Soziabilit\u00e4t der ArbeiterInnen zu \u00e4ndern. Daraus ergeben sich ganz neue Bedingungen f\u00fcr die Subjektivit\u00e4t der Protagonisten einer &#8222;anderen Geschichte&#8220;, einer Geschichte, die noch zu schreiben ist: die Geschichte einer Gesellschaft ohne Privateigentum an Produktionsmitteln und ohne Ausbeutung durch ArbeitgeberInnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem Argentinien zu Anfang des Jahrzehnts noch als der Beispielstaat f\u00fcr eine gelungene Integration in die Dynamik der kapitalistischen Akkumulation galt, musste es der traurigen Realit\u00e4t peripherer Gesellschaften ins Auge blicken: Auf die Krise im Dezember 2000 folgten der Einsturz des Bruttoinlandsprodukts in weniger als vier Jahren um mehr als 20 % (ein Prozentsatz, der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/03\/andere-zeiten-andere-streiks\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Andere Zeiten, andere Streiks - graswurzelrevolution","description":"Nachdem Argentinien zu Anfang des Jahrzehnts noch als der Beispielstaat f\u00fcr eine gelungene Integration in die Dynamik der kapitalistischen Akkumulation galt, mu"},"footnotes":""},"categories":[443,1026,1042],"tags":[],"class_list":["post-7382","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-307-marz-2006","category-geld-oder-leben","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7382","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7382"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7382\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7382"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7382"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7382"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}