{"id":7399,"date":"2006-04-01T00:00:19","date_gmt":"2006-03-31T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7399"},"modified":"2022-07-26T14:15:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:00","slug":"ohne-hitler-nix-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/04\/ohne-hitler-nix-deutsch\/","title":{"rendered":"Ohne Hitler nix deutsch"},"content":{"rendered":"<p>Das m\u00fcssen wir erst einmal \u00fcbersetzen, damit auch unsere einb\u00fcrgerungswilligen ausl\u00e4ndischen Mitb\u00fcrger, die ja die Feinheiten der deutschen Syntax und Semantik wom\u00f6glich nicht spitzen, mitkriegen, auf was sie sich einlassen, wenn sie deutsche Staatsb\u00fcrger werden wollen.<\/p>\n<p>Der Gedankengang unseres Innenministers l\u00e4sst sich auf Pidgin-Deutsch zusammenfassen: Ohne Hitler nix deutsch!<\/p>\n<p>Da sagt er allerdings den Einb\u00fcrgerungskandidatinnen und -kandidaten nichts Neues. Wer einen Antrag auf Einb\u00fcrgerung stellt, hat sich ja m\u00f6glicherweise mit den Einb\u00fcrgerungsrichtlinien vertraut gemacht und wei\u00df, dass es dort unter &#8222;Einb\u00fcrgerungsvoraussetzungen&#8220; unter Punkt 3.2.1 hei\u00dft: &#8222;Weitere Voraussetzung f\u00fcr die Einb\u00fcrgerung ist die Einordnung in die deutschen Lebensverh\u00e4ltnisse; sie setzt in der Regel ein langfristiges Einleben in die deutsche Umwelt voraus.&#8220;<\/p>\n<p>Und jeder, der sich in der deutschen Umwelt bewegt, wei\u00df, wie hei\u00df es hergeht, wenn im Kollegenkreis oder in der Kneipe die Topthemen der nationalen Geschichts-Charts diskutiert werden; Verlauf und Ergebnis der Revolution von 1848, der Reichsdeputationshauptschluss von 1803, oder, im Falle eher kulturgeschichtlicher Dispute, Christoph Martin Wielands Erstaunen dar\u00fcber, dass man ernsthaft die Gr\u00fcndung eines deutschen Nationalstaats f\u00fcr eine gute Idee halten k\u00f6nne &#8230;<\/p>\n<p>Nein, nat\u00fcrlich nicht: Wer sich in die deutschen Lebensverh\u00e4ltnisse eingeordnet hat, guckt Guido Knopp und wird sich demzufolge nicht dar\u00fcber wundern, wenn ein deutscher Staatsb\u00fcrger, der nicht nur die deutsche Vergangenheit als seine nationale Vergangenheit, sondern auch ein paar Flaschen Bier intus hat, im Regionalexpress zu randalieren anf\u00e4ngt, weil s\u00e4mtliche Klos besetzt sind; und sich dabei unvermittelt, aber laut, langanhaltend und unfl\u00e4tig, \u00fcber diese Ausl\u00e4nder, Juden und Fixer ausl\u00e4sst, von denen wir uns ja &#8211; im eigenen Land! &#8211; immer alles bieten lassen m\u00fcssten; aber ihm reiche das jetzt, immer h\u00e4tten wir zu zahlen und zu kuschen, die sollten doch alle hingehen, wo sie hergekommen seien &#8211; es ist manchmal ganz merkw\u00fcrdig, wie Bierdruck auf der Blase und zwei besetzte Zugtoiletten Aufschluss \u00fcber die Psyche eines Deutschen im Sinne des Grundgesetzes liefern k\u00f6nnen. Wenn ein deutscher Biertrinker in einem deutschen Zug nicht pinkeln gehen kann, steigert er sich prompt in einen Anfall von Verfolgungswahn, weil er wei\u00df: Das Ausl\u00e4ndergesocks, dass die Klos besetzt h\u00e4lt, wird ihn h\u00e4misch und mit einem Verweis auf Hitler, also seine nationale Vergangenheit, runterputzen, wenn er sich den so dringend ben\u00f6tigten Zugang erstreiten will. Der arme Kerl hat es gar nicht leicht, aber Wolfgang Sch\u00e4uble kennt und versteht seine Sorgen. Wer Deutscher werden will, m\u00fcsse die deutsche Vergangenheit als seine nationale Vergangenheit mit \u00fcbernehmen. Nun ist die Einb\u00fcrgerung einerseits ein blo\u00dfer Verwaltungsakt, mit dem jemand in ein bestimmtes Rechtsverh\u00e4ltnis zu einer staatlichen Organisation gesetzt wird; andrerseits aber ein Verwaltungsakt mit Bedeutung, tiefer und emotionaler Bedeutung, denn schon in den Einb\u00fcrgerungsrichtlinien von 1977 hei\u00dft es:&#8220;Die Einb\u00fcrgerung setzt eine freiwillige und dauernde Hinwendung zu Deutschland (&#8230;) und ein Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung voraus.&#8220;<\/p>\n<p>Mit blo\u00df gesetzestreuem Verhalten war es nicht getan, Bekenntnisse wurden gefordert. Das Bekenntnis zur Geschichte ist allerdings noch etwas anderes als das zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, denn wer dieses ablegen wollte, k\u00f6nnte ja einfach sagen: Die Verfassung find&#8216; ich schon OK. Aber was sagt man zur Geschichte? Wie soll man sich das &#8222;Mit\u00fcbernehmen&#8220; von Vergangenheit vorstellen? Um das Spielchen mit den rhetorischen Fragen nicht auf die Spitze zu treiben: Das kann man sich nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht vorstellen, so etwas gibt es nicht; was Herr Sch\u00e4uble da formuliert hat, ist ein so verquastes, ungenaues, schlechtes Deutsch, dass er mal blo\u00df froh sein kann, keinen Sprachtest ablegen zu m\u00fcssen. Sein Bekenntnisgeschw\u00e4tz zielt auf nichts anderes als auf die Entlastung des Biertrinkers im Regionalexpress, der sein schlechtes Gewissen wegen einer Vergangenheit nicht loswird und nicht loswerden kann, weil er sich von der Vergangenheit gerade nicht distanzieren will. Da tr\u00f6stet es doch, wenn er sich sagen kann, der eingeb\u00fcrgerte Junkie, der da grade das Klo verdreckt, m\u00fcsse nun genauso viel und genau die gleich nationale Vergangenheit mit sich herumschleppen wie er. Tats\u00e4chlich hat Wolfgang Sch\u00e4uble seine Forderung, andere m\u00fcssten die &#8222;deutsche Vergangenheit mit \u00fcbernehmen&#8220;, so begr\u00fcndet: &#8222;Gerade aus der t\u00fcrkischen Gemeinschaft sei immer wieder zu h\u00f6ren: Solange die Deutschen sich mit ihrer nationalen Identit\u00e4t schwer t\u00e4ten, sei es schwer, anderen zu sagen, sie sollten Deutsche werden.&#8220;<\/p>\n<p>Welcher T\u00fcrke dem Innenminister da immer wieder in den Ohren liegt, hat er nicht gesagt; wenn es aber nicht einer war, den er selber gebaut hat, h\u00e4tte er ihm mit einem Hinweis auf die Einb\u00fcrgerungsrichtlinien entgegnen m\u00fcssen, dass es bitte sogar unerw\u00fcnscht sei, anderen zu sagen, sie sollten Deutsche werden. Da ist der Punkt 2.3 der Richtlinien recht deutlich: &#8222;Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland; sie strebt nicht an, die Anzahl der deutschen Staatsangeh\u00f6rigen gezielt durch Einb\u00fcrgerung zu vermehren.&#8220;<\/p>\n<p>Das strebt sie sogar so wenig an, dass die entsprechenden gesetzlichen Vorschriften zur Einb\u00fcrgerung immer noch auf das Reichs- und Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz von 1913 zur\u00fcckgehen &#8211; allerdings werden dort im Paragraphen 8 die Voraussetzungen f\u00fcr eine Einb\u00fcrgerung (unbeschr\u00e4nkte Gesch\u00e4ftsf\u00e4higkeit, Nichtvorliegen eines Ausweisungsgrundes, fester Wohnsitz, Unabh\u00e4ngigkeit von Sozialhilfe) knapp und klar aufgef\u00fchrt; von Hinwendung und Bekenntnissen zu etwas, was man 1913 wohl &#8222;Deutschtum&#8220; genannt h\u00e4tte, ist nicht die Rede.<\/p>\n<p>Aber irgendwann muss man ja auch einmal den einen oder anderen Fortschritt machen, und der besteht darin, dass die freiheitliche und demokratische Bundesrepublik Deutschland gleiche Rechte wirklich nur noch denen gew\u00e4hren will, die den Eingeborenen gleich sind, oder jedenfalls bereit, sich ihnen gleichmachen zu lassen. Im politischen Jargon hei\u00dft das &#8222;Integration&#8220;, und die ist sehr beliebt geworden, seit die politische Klasse gemerkt hat, dass ihr die Kontrolle \u00fcber einen langsam anwachsenden Teil der Bev\u00f6lkerung entgleitet &#8211; das nennt sich dann &#8222;Parallelgesellschaft&#8220;. Dieser parallelen Gesellschaft geh\u00f6ren Leute an, die nicht einmal genug deutsch k\u00f6nnen, um die Bildzeitung zu verstehen, deshalb lesen sie Sabah, aber die wiederum verstehen die Politiker nicht, und nun haben sie ein Problem. Was die Ausl\u00e4nder \u00fcber uns denken, mag ja schon schwer festzustellen sein, aber wenn man nun nicht einmal mehr wei\u00df, was die Ausl\u00e4nder, die im Lande leben, \u00fcber uns denken, wird&#8217;s brenzlig.<\/p>\n<p>Daher das aufs \u00c4u\u00dferste gesteigerte Interesse an einer Integration dieses Bev\u00f6lkerungssegments, nachdem man sich um die Bedingungen, unter denen die importierten Arbeitskr\u00e4fte und nachher ihre Familien hier lebten und weiter leben w\u00fcrden, jahrzehntelang nicht sonderlich gek\u00fcmmert hat. War ja alles ruhig, also in Ordnung. Jetzt aber haben wir den Kampf der Kulturen, und demzufolge Angst vor Leuten, die wir schlecht behandelt haben und von denen wir sicher wissen wollen, dass sie genauso denken, sich genauso verhalten, genauso sind wie wir. Die sollen sich integrieren!<\/p>\n<p>Das wird nat\u00fcrlich nicht funktionieren, denn Integration bedeutet, dass sich nicht nur die Einwanderer ver\u00e4ndern, sondern auch die Gesellschaft, in die sie eingewandert sind. Wenn aber die einzige \u00c4nderung, die diese Gesellschaft akzeptieren will, das allgegenw\u00e4rtige Angebot von D\u00f6ner Kebab ist (D\u00f6ner ist einfach besser als Currywurst mit Pommes), wenn dazu noch eine Integrationsdebatte kommt, die hinter jeder D\u00f6nerbude die Moschee drohen sieht, wenn die Koexistenz verschiedener Bev\u00f6lkerungsgruppen nicht mehr anders gesehen werden kann, denn als st\u00e4ndiger Kampf um die Durchsetzung der einen oder anderen Werte und Traditionen, dann f\u00fchrt das eben nicht zu irgendeiner Form gesellschaftlicher Integration, sondern zur immer r\u00fcder gestellten Forderung nach Unterwerfung und zum immer heftigeren Aufbegehren dagegen, das sich ja auch als Abkapselung \u00e4u\u00dfern kann.<\/p>\n<p>Die verdachtsunabh\u00e4ngigen Personenkontrollen der Polizei, deren Opfer fast ausschlie\u00dflich erkennbare Ausl\u00e4nder sind, und die Forderung nach einem Bekenntnis der Einb\u00fcrgerungswilligen zur deutschen Geschichte sind zwei Seiten derselben Medaille. Es ist nur ein Ausdruck der immer repressiver werdenden Verh\u00e4ltnisse, wenn aus dem Verwaltungsakt der Einb\u00fcrgerung ein Initiationsritus in eine verschworene Bande wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das m\u00fcssen wir erst einmal \u00fcbersetzen, damit auch unsere einb\u00fcrgerungswilligen ausl\u00e4ndischen Mitb\u00fcrger, die ja die Feinheiten der deutschen Syntax und Semantik wom\u00f6glich nicht spitzen, mitkriegen, auf was sie sich einlassen, wenn sie deutsche Staatsb\u00fcrger werden wollen. Der Gedankengang unseres Innenministers l\u00e4sst sich auf Pidgin-Deutsch zusammenfassen: Ohne Hitler nix deutsch! 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