{"id":7454,"date":"2006-05-01T00:00:50","date_gmt":"2006-04-30T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7454"},"modified":"2022-07-26T13:56:48","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:48","slug":"deutschland-bluht-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/05\/deutschland-bluht-auf\/","title":{"rendered":"Deutschland bl\u00fcht auf"},"content":{"rendered":"<p>Die Nation treibt in diesem Jahr besonders pr\u00e4chtige Bl\u00fctenkelche. Im ganzen Land &#8211; gar \u00fcber unsere Grenzen hinaus &#8211; leuchtet es in schwarz, rot und gold. Ob Bikini, Kartoffelchips oder Bockw\u00fcrstchen &#8211; kein Produkt ist zu banal, um als Werbefl\u00e4che f\u00fcr Nationalbewusstsein zu dienen. Mehr denn je und im Jahr der Fu\u00dfballweltmeisterschaft erst recht scheint zu gelten: nation sells.<\/p>\n<p>Die Deutschland-Kampagne, die ihren vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt in den kommenden Monaten mit der WM finden wird, ist jedoch nicht allein dem Fu\u00dfballfieber sportbegeisterter Landsleute geschuldet: Der mediale Optimismus-Feldzug der neoliberalen &#8222;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&#8220; sowie die schon jetzt legend\u00e4re Kampagne &#8222;Du bist Deutschland&#8220; mit ihrem \u00e4sthetisch besonders ansprechenden Logo in Form eines schwarz-rot-goldenen Kothaufens &#8211; sie haben den Boden bereitet f\u00fcr das gew\u00fcnschte nationale Selbstverst\u00e4ndnis: selbstbewusst und optimistisch. \u00dcbersetzt hei\u00dft das: nationalkonservativ und wirtschaftsliberal. Oder: Leitkultur und Sozialabbau.<\/p>\n<p>Kaum jemand bringt diese Symbiose so treffend auf den Punkt wie der Historiker Arnulf Baring. Im Jahr 2002 rief er die Massen in der FAZ zur Revolte gegen den Sozialstaat auf, ein Jahr darauf vermisste er im ZDF den &#8222;Enthusiasmus&#8220; der Deutschen, den diese seinerzeit etwa ihrem F\u00fchrer Adolf Hitler entgegengebracht h\u00e4tten: Mit einem Bruchteil davon &#8222;w\u00e4ren wir aus allen Schwierigkeiten raus&#8220;.<\/p>\n<p>Angesichts solcher wissenschaftlicher Erg\u00fcsse ist es nachvollziehbar, ja geradezu zwingend, dass BILD als Deutschlands kl\u00fcgste Zeitung Baring zu &#8222;Deutschlands kl\u00fcgstem Kopf&#8220; auserkoren hat. Unter dem Titel &#8222;Multi-Kulti ist gescheitert&#8220; erkl\u00e4rt Professor Baring am 5. April den interessierten Lesern, dass Deutschland viel zu lange keine &#8222;klare, an deutschen Interessen ausgerichtete Einwanderungspolitik mit eindeutigen Grenzen f\u00fcr den Nachzug von sozial bed\u00fcrftigen Angeh\u00f6rigen&#8220; umgesetzt habe. Und auf die gewohnt kritische Nachfrage von BILD (&#8222;Ist es zu verantworten, noch mehr Ausl\u00e4nder hereinzuholen?&#8220;) wei\u00df der kluge Kopf: &#8222;Soweit es Problemgruppen betrifft: nat\u00fcrlich nicht.&#8220; Stattdessen pl\u00e4diert er angesichts der Geschehnisse an der Berliner R\u00fctli-Schule f\u00fcr Sanktionsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr integrationsunwillige Ausl\u00e4nder, &#8222;also beispielsweise K\u00fcrzungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Sozialhilfe und Kindergeld&#8220;.<\/p>\n<p>Apropos Probleme an der R\u00fctli-Schule &#8211; wo liegt nach Ansicht des Professors denn die Ursache f\u00fcr derlei Konflikte? &#8222;Da wir Deutschen ein geringes Selbstwertgef\u00fchl haben, wagten wir lange nicht, von den Zuwanderern Integrationsanstrengungen zu verlangen.&#8220;<\/p>\n<p>In dieser Aussage ist der gro\u00dfe Vorteil der Verbindung von Nationalkonservatismus und Neoliberalismus offensichtlich: Auf Soziale Fragen k\u00f6nnen nationale Antworten gegeben werden. Nicht etwa die drastische Chancenungleichheit des dreigliedrigen Schulsystems, nicht etwa die Ausgrenzung von MigrantInnen aus dem Arbeitsmarkt, oder gar die Aussichtslosigkeit auf einen Ausbildungsplatz nach der Hauptschule k\u00f6nnten Schuld tragen an Konflikten wie in Berlin-Neuk\u00f6lln. Die Integrationsunwilligkeit der Ausgegrenzten ist schuld! Und nat\u00fcrlich das mangelnde deutsche Selbstbewusstsein.<\/p>\n<p>Aber an dem wird ja gegenw\u00e4rtig kr\u00e4ftig gefeilt. So kr\u00e4ftig, dass offensichtlich rassistisch motivierte Mordversuche wie der am 16. April an einem Deutschen mit dunkler Hautfarbe die Au\u00dfenwirkung unangenehm tr\u00fcben k\u00f6nnte. Nachdem der Generalbundesanwalt die Ermittlungen in dem Fall an sich genommen hatte, da er von rechtsextremistischen Motiven ausging und die Sicherheit gef\u00e4hrdet sah, kamen postwendend Zweifel von der Stahlhelmfraktion der Union: Auf der Handymailbox, die den Streit zwischen T\u00e4tern und Opfer teilweise aufgezeichnet hatte, sind zwar Worte wie &#8222;schei\u00df Nigger&#8220; deutlich zu h\u00f6ren, f\u00fcr Brandenburgs Innenminister J\u00f6rg Sch\u00f6nbohm ist dies jedoch nicht zwangsl\u00e4ufig ein Zeichen f\u00fcr ein rassistisches Tatmotiv: Man wisse noch gar nicht, wie sich die Tat abgespielt habe und d\u00fcrfe nicht vorschnell urteilen. Und Bundesinnenminister Wolfgang Sch\u00e4uble entbl\u00f6dete sich nicht zu argumentieren: &#8222;Es werden auch blonde, blau\u00e4ugige Menschen Opfer von Gewalttaten, zum Teil sogar von T\u00e4tern, die m\u00f6glicherweise nicht die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit haben. Das ist auch nicht besser.&#8220;<\/p>\n<p>Was ist der Grund f\u00fcr derlei dummdreistes Geschw\u00e4tz und substanzlose Relativierungen?<\/p>\n<p>Rassistische Gewalt ist schlecht f\u00fcr den Standort, Potsdam hat unter Stornierungen ausl\u00e4ndischer Touristen und Wissenschaftler zu leiden. Da mag man die ganze Geschichte ungern noch weiter breit treten, denn das schadet dem Selbstbewusstsein.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich ist die Welt bald hier zu Gast bei Freunden. Bundeskanzlerin Angela Merkel wei\u00df: Die Weltmeisterschaft ist die &#8222;einmalige Chance f\u00fcr Deutschland, sich der Welt als gastfreundliches, fr\u00f6hliches und modernes Land der Ideen zu pr\u00e4sentieren. Ich bin \u00fcberzeugt: Der Funke der Begeisterung und der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung wird bei der Fu\u00dfball-WM von Deutschland auf die ganze Welt \u00fcberspringen.&#8220;<\/p>\n<p>Offiziell nicht best\u00e4tigten Hinweisen zufolge sind gar f\u00fcr die Zeit der WM Abschiebungen aus Deutschland storniert worden, um das Image nicht zu gef\u00e4hrden. Ein Beispiel: Wie der Fl\u00fcchtlingsrat NRW mitteilt, hat eine Familie aus dem Rheinkreis Neuss statt der \u00fcblichen dreimonatigen Duldungen das Papier f\u00fcr vier Monate verl\u00e4ngert bekommen: bis zum 10. Juli. Das WM-Finalspiel ist am 9. Juli&#8230;<\/p>\n<p>In einer \u00e4hnlichen Situation wie diese Familie sind bundesweit etwa 200.000 weitere Menschen mit Duldungsstatus.<\/p>\n<p>Eine Bleiberechtsregelung &#8211; bei der letzten Innenministerkonferenz im Dezember vergangenen Jahres einmal mehr vertagt &#8211; wird zwar von immer mehr Seiten bef\u00fcrwortet. Es ist aber bereits abzusehen, dass auch die kommende Innenministerkonferenz am 6. Mai in Garmisch-Partenkirchen das Thema nicht entscheiden wird. Fr\u00fchestens im Herbst besteht eine realistische Chance auf Verabschiedung einer eingeschr\u00e4nkten Altfallregelung. Wer w\u00fcrde davon profitieren? &#8222;Integration&#8220; (was immer das hei\u00dfen soll) und Sozialhilfeunabh\u00e4ngigkeit werden mit Sicherheit zwingende Voraussetzungen sein. Auch hier gilt also: Anerkennung der Leitkultur und \u00f6konomische Verwertbarkeit passen gut zusammen. Da wird der Fl\u00fcchtling, der zwar seit 20 Jahren mit einer Duldung in Deutschland lebt, aber dummerweise arbeitslos ist, wohl Pech haben und kein Bleiberecht erhalten.<\/p>\n<p>Aber das ist es doch auch nicht, was z\u00e4hlt. Viel wichtiger ist f\u00fcr unseren Fl\u00fcchtling seine optimistische Grundhaltung und das Bewusstein: &#8222;Ich bin Deutschland!&#8220; Ganz egal wo auf der Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nation treibt in diesem Jahr besonders pr\u00e4chtige Bl\u00fctenkelche. Im ganzen Land &#8211; gar \u00fcber unsere Grenzen hinaus &#8211; leuchtet es in schwarz, rot und gold. Ob Bikini, Kartoffelchips oder Bockw\u00fcrstchen &#8211; kein Produkt ist zu banal, um als Werbefl\u00e4che f\u00fcr Nationalbewusstsein zu dienen. 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