{"id":7456,"date":"2006-05-01T00:00:57","date_gmt":"2006-04-30T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7456"},"modified":"2022-07-26T14:24:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:24","slug":"neuer-thtr-in-china","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/05\/neuer-thtr-in-china\/","title":{"rendered":"Neuer THTR in China"},"content":{"rendered":"<h3>Eine alte Geschichte&#8230;<\/h3>\n<p>Es ist der Ort, wo seit \u00fcber 100 Jahren Bier nach deutschem Reinheitsgebot                 gebraut wird, wo Wilhelm II. bis 1914 im kaiserlichen Kolonialst\u00fctzpunkt                 das Sagen hatte und sp\u00e4ter Bayer, Rheinmetall, Degussa &#8211; und wo                 im n\u00e4chsten Jahr eine tot geglaubte altdeutsche Technik aus der                 Versenkung heraustritt, um erneut die Welt zu erobern: Hier auf                 der Halbinsel Shandong wird nicht zuf\u00e4llig der Thorium Hochtemperatur-Reaktor                 (THTR) gebaut.<\/p>\n<p>Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte China bei vielen milit\u00e4rischen                 Konflikten Niederlagen hinnehmen m\u00fcssen. In den folgenden Jahren                 verlangten europ\u00e4ische Gro\u00dfm\u00e4chte, Japan und Russland Hafenrechte,                 Konzessionen, Einflusszonen und Kriegsentsch\u00e4digungen.<\/p>\n<p>China als Selbstbedienungsladen der Finanzimperien wurde f\u00fcr                 Deutschland interessant. <\/p>\n<p>Bereits 1860 erkundete eine preu\u00dfische Expedition die Gegend                 der Kiautschou-Bucht auf der Halbinsel Shandong, was in den folgenden                 Jahren zum Abschluss verschiedener Handelsvertr\u00e4ge f\u00fchrte. 1890                 wurden christliche Missionsstationen unter &#8222;Schutz&#8220; gestellt,                 und es begann der Wettlauf um Bergbau- und Bahnkonzessionen.<\/p>\n<p>1898 n\u00f6tigte das Deutsche Kaiserreich China einen auf 99 Jahre                 &#8222;befristeten&#8220; Vertrag \u00fcber ein Pachtgebiet in der Kiautschou-Bucht                 auf. Die hier neu entstandene Stadt Tsingtau wurde ein paar Wochen                 sp\u00e4ter in ein deutsches &#8222;Schutzgebiet&#8220; umgewandelt und das Territorium                 in einem Umkreis von 50 Kilometern zu einer &#8222;neutralen&#8220; Einflusszone                 erkl\u00e4rt. Die deutsche Firma Carbwitz &#038; Co. sicherte sich beim                 Bau der Eisenbahnlinie von Qingdao in die Provinzhauptstadt Jinan                 f\u00fcr einen 15 Kilometer breiten Korridor rechts und links der Bahnlinie                 das Recht f\u00fcr die Ausbeutung von Kohleminen.<\/p>\n<p>Die Folge zahlloser unter Zwang und Druck abgeschlossener Vertr\u00e4ge                 war die halbkoloniale Versklavung gro\u00dfer zus\u00e4tzlicher Gebiete                 Chinas. Die Ermordungen von zwei deutschen Missionaren und des                 deutschen Gesandten Baron von Ketteler mussten im Gefolge des                 &#8222;Boxer-Aufstandes&#8220; f\u00fcr mehr als 40 blutige Strafexpeditionen des                 deutschen Kaiserreiches in Nordchina herhalten. <\/p>\n<p>Der Brigadekommandant Lothar von Trotha nahm \u00fcbrigens nicht nur                 an der Niederschlagung des Boxeraufstandes teil, sondern auch                 vier Jahre sp\u00e4ter an dem V\u00f6lkermord an den Herero und Nama in                 Deutsch-S\u00fcdwestafrika. Wilhelm II. rief seine Soldaten in der                 ber\u00fcchtigten &#8222;Hunnenrede&#8220; am 27.7.1900 zur Schonungslosigkeit                 auf: &#8222;Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon nicht                 gegeben; Gefangene nicht gemacht. Wer Euch in die H\u00e4nde f\u00e4llt,                 sei in Eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem                 K\u00f6nig Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der                 \u00dcberlieferung gewaltig erscheinen l\u00e4\u00dft, so m\u00f6ge der Name Deutschland                 in China in einer solchen Weise bekannt werden, da\u00df niemals wieder                 ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.&#8220;<\/p>\n<p>Nach der weitgehenden Unterwerfung Chinas durch die neuen europ\u00e4ischen                 Kolonialherren konnten die Gesch\u00e4ftsinteressen deutscher Firmen                 intensiver weiterverfolgt und immer mehr diskriminierende Konzessionsvertr\u00e4ge                 abgeschlossen werden. 1914 besa\u00dfen deutsche Konzerne 16 % der                 Anleihen in China. Die Verwaltung von Qingdao unterlag dem Reichsmarineamt.                 Zu Beginn des 1. Weltkrieges wurde das dort stationierte dritte                 Seebatallion (1.400 Mann) durch 3.400 weitere Soldaten verst\u00e4rkt.                 Nach wochenlangen K\u00e4mpfen gegen japanische und britische Truppen                 kapitulierte am 7.11.1914 die deutsche Truppe. Qingdao wurde durch                 Japan besetzt.<\/p>\n<h3>Die aktuelle Entwicklung<\/h3>\n<p>Und wie sieht die Situation heute aus? China und Deutschland                 bem\u00fchen sich, den Konzernen alles Recht zu machen, damit sie investieren.                 Sicherlich r\u00e4umen beide Seiten ein, dass die Vergangenheit gewisse                 &#8222;Schatten&#8220; hinterlassen habe. Aber wo das Gesch\u00e4ft winkt, wird                 sogar von chinesischen Wissenschaftlern mal eben ein koloniales                 Terrorregime in eine &#8222;Musterkolonie&#8220; mit Universit\u00e4t, deutscher                 Architektur und hundertj\u00e4hriger Brauereitradition umdefiniert,                 die damalige &#8222;Modernisierungsleistung&#8220; der Deutschen gelobt und                 flei\u00dfig &#8222;differenziert&#8220;: &#8222;Auf der anderen Seite sind Aspekte wie                 der Bau von Eisenbahnenlinien und die dadurch erreichte Belebung                 der Wirtschaft der Region und die Entwicklung Qingdaos zur modernen                 Stadt, der Aufbau einer modernen Verwaltung und eines modernen                 Ausbildungssystems nicht zu bestreiten. (&#8230;) Mu\u00df man gar das                 Ende des kolonialen Zeitalters betrauern?&#8220; schrieb 1998 Jing Dexiang                 in dem Tsingtau-Ausstellungskatalog des Deutschen Historischen                 Museums.<\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten sind beide L\u00e4nder in beiderseitigem                 Gesch\u00e4ftsinteresse im Eiltempo aufeinander zugegangen. Helmut                 Kohl hat w\u00e4hrend seiner Chinareise 1995 Qingdao besucht und neue                 Kooperationen angebahnt.<\/p>\n<h3>Nukleare Kooperation zwischen China und Deutschland<\/h3>\n<p>So ist nicht wirklich verwunderlich, dass die in Deutschland                 entwickelte HTR-Linie hier ihren Neuanfang nimmt. Ein Konsortium                 aus Huaneng, Tsinghua und China Nuclear Engineering and Construction                 (CNEC) hat sich daf\u00fcr entschieden, bei Weihai an der Nordk\u00fcste                 der Halbinsel Shandong einen 195 MW-THTR zu bauen. Huaneng, einer                 von Chinas gr\u00f6\u00dften Stromerzeugern, erh\u00e4lt 50 % in dem Joint Venture.                 2007 ist Baubeginn, 2010 soll der THTR fertig sein.<\/p>\n<p>Auch diese neuere Entwicklung hat eine unmittelbare Vorgeschichte.                 Bereits 1976 bereisten Ingenieure der Essener Vereinigung der                 Gro\u00dfkraftwerke (VGB) China und sprachen eine Einladung nach Deutschland                 aus. 1978 besuchte der stellvertretende Energieminister Chinas,                 Chan Pin, den damals im Bau befindlichen THTR in Hamm\/Westfalen.                 Schon in den 80er Jahren bestanden intensive Kontakte zwischen                 dem Kernforschungszentrum J\u00fclich, wo der THTR entwickelt wurde,                 und der Tsinghua Universit\u00e4t in Peking. Auch nach dem Massaker                 auf dem &#8222;Platz des Himmlischen Friedens&#8220; im Jahre 1989 in Peking                 arbeiteten deutsche und chinesische Wissenschaftler an mehreren                 Studien f\u00fcr einen zu bauenden HTR in China.<\/p>\n<p>Der Kernphysiker Wang Dazong hatte in der mit J\u00fclich kooperierenden                 RWTH Aachen promoviert und seine Doktorarbeit \u00fcber kleine HTRs                 geschrieben. Er ging zur\u00fcck nach China, machte Karriere und wurde                 Pr\u00e4sident der Pekinger Tsinghua Uni. China kaufte die stillgelegten                 Anlagen aus Hanau zur Herstellung der HTR-Brennelemente &#8211; der                 Skandal blieb damals aus &#8211; und erwarb das noch fehlende Know how.                 1995 begannen die Chinesen mit dem Bau eines 10 MW-Versuchsreaktors                 auf dem milit\u00e4risch gesicherten Gel\u00e4nde der Pekinger Universit\u00e4t.                 Im Jahre 2000 wurde der Reaktor erstmals kritisch. Eine rege internationale                 Tagungst\u00e4tigkeit begleitet den Versuchsbetrieb. Deutsche Wissenschaftler                 und Verbandsvertreter sind nat\u00fcrlich immer dabei.<\/p>\n<p>Inzwischen ist Shandong vom chinesischen Staatsrat zu einer &#8222;\u00f6kologischen                 Provinz&#8220; erkl\u00e4rt worden. Vom 11. bis zum 13. Januar 2006 fand                 in Qingdao das zweite Deutsch-Chinesische Umweltforum statt. Neben                 dem deutschen Umweltstaatssekret\u00e4r Matthias Maching reiste auch                 Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) an. Es nahmen mehr als                 zweihundert Teilnehmer aus Wirtschaft und Politik teil. Die deutschen                 Forschungszentren setzten in diesem Rahmen ihre altbekannte Arbeit                 fort. &#8222;Zusammenarbeit im Technologiebereich&#8220;, &#8222;Energieeffizienz&#8220;                 und &#8222;gemeinsame Bem\u00fchungen zur F\u00f6rderung der nachhaltigen Nutzung                 von Ressourcen&#8220; hei\u00dft es im Text der &#8222;Qingdao-Initiative&#8220; zum                 Ziel der Veranstaltung. Da von der Atomindustrie inzwischen Uran                 als &#8222;nat\u00fcrlicher Rohstoff&#8220; und AKWs als &#8222;nachhaltige Energieform&#8220;                 deklariert werden, kann sie hier ohne Probleme mitmischen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine alte Geschichte&#8230; Es ist der Ort, wo seit \u00fcber 100 Jahren Bier nach deutschem Reinheitsgebot gebraut wird, wo Wilhelm II. bis 1914 im kaiserlichen Kolonialst\u00fctzpunkt das Sagen hatte und sp\u00e4ter Bayer, Rheinmetall, Degussa &#8211; und wo im n\u00e4chsten Jahr eine tot geglaubte altdeutsche Technik aus der Versenkung heraustritt, um erneut die Welt zu erobern: &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/05\/neuer-thtr-in-china\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Neuer THTR in China - graswurzelrevolution","description":"Eine alte Geschichte... 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