{"id":7483,"date":"2006-05-01T00:00:59","date_gmt":"2006-04-30T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7483"},"modified":"2022-07-26T13:56:48","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:48","slug":"wir-wollen-sein-ein-dreigliedrig-volk-von-schlafmutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/05\/wir-wollen-sein-ein-dreigliedrig-volk-von-schlafmutzen\/","title":{"rendered":"Wir wollen sein ein dreigliedrig Volk von Schlafm\u00fctzen"},"content":{"rendered":"<p>An der R\u00fctli-Schule sind weniger als 20 Prozent der Sch\u00fclerInnen &#8222;Einheimische&#8220;, und die Gruppe der &#8222;t\u00fcrkischen&#8220; Sch\u00fclerInnen, die knapp 30 Prozent ausmacht, f\u00fchle sich teilweise, wie zu lesen war, von der noch st\u00e4rkeren Gruppe der &#8222;libanesischen&#8220; Mitsch\u00fcler bedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Der bekannte Karikaturist Horst Haitzinger nahm diese Nachricht zum Anlass, eine zweiteilige Karikatur zu zeichnen. Auf dem ersten Bild sieht man einen Mann schlafend im Bett.<\/p>\n<p>Er zeigt einen gl\u00fccklichen Gesichtsausdruck, und eine Denkblase macht deutlich, dass er von etwas tr\u00e4umt, das mit dem Ausdruck &#8222;MULTIKULTI&#8220; sowie Herzen, Blumen, Musiknoten sowie einer Glocke dargestellt wird. Auf dem zweiten Bild ist der Tr\u00e4umer hochgeschreckt, mit entgeistertem Blick starrt er auf einen \u00fcberdimensionalen Wecker, der offenbar mit ohrenbet\u00e4ubendem L\u00e4rm zu klingeln begonnen hat. Die Glocke dieses Weckers tr\u00e4gt die Aufschrift &#8222;R\u00dcTLI-SCHULE&#8220;.<\/p>\n<p>Die Gesamtkarikatur tr\u00e4gt die kommentierende Unterschrift &#8222;B\u00f6ses Erwachen&#8220;.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7484\" aria-describedby=\"caption-attachment-7484\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/haitzinger.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7484\" title=\"Haitzingers R\u00fctli-Karikatur\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/haitzinger-300x210.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/haitzinger-300x210.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/haitzinger-600x420.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/haitzinger.jpg 700w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7484\" class=\"wp-caption-text\">Haitzingers R\u00fctli-Karikatur<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was Haitzinger dem Betrachter sagen will, ist, dass die unerfreulichen Vorg\u00e4nge an der R\u00fctli-Schule in Berlin den Traum von &#8222;Multikulti&#8220; j\u00e4h beendet haben. Diese Aussage wirft Fragen auf.<\/p>\n<p>Wer tr\u00e4umt da? Dem Genre der Karikatur entsprechend, handelt es sich bei dem Tr\u00e4umer, der keine Z\u00fcge einer prominenten Person tr\u00e4gt, um eine Allegorie. Er steht f\u00fcr ein Kollektiv. Welches Kollektiv das sein k\u00f6nnte, wird nicht durch Textaufdrucke verdeutlicht, aber es muss ein Kollektiv sein, dass in irgendeiner Beziehung zur R\u00fctli-Schule und zu &#8222;Multikulti&#8220; steht: ein politisches Willensbildungs-Kollektiv. Eigentlich kann es sich nur um die Entit\u00e4t &#8222;Deutschland&#8220; handeln, das im Karikaturen-Diskurs seit langem durch einen mit Schlaf-Attributen ausgestatteten &#8222;Michel&#8220; versinnbildlicht wird. Haitzingers Schl\u00e4fer hat, so l\u00e4sst sich vermuten, nur deswegen nicht die sonst obligatorische Schlafm\u00fctze dieses &#8222;Michel&#8220; auf dem Kopf, damit ihm im zweiten Bild sichtbar die Haare zu Berge stehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wovon tr\u00e4umt Haitzingers Deutscher Michel?<\/p>\n<p>Das K\u00fcrzel &#8222;Multikulti&#8220; steht f\u00fcr die Vision und\/oder die Realit\u00e4t einer &#8222;multikulturellen Gesellschaft&#8220;, das hei\u00dft: des Zusammenlebens von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Traditionen.<\/p>\n<p>Die bildlichen Elemente in der Traumblase sollen andeuten, dass der Tr\u00e4umer die multikulturelle Gesellschaft wohlwollend betrachtet, als einen Ort der Harmonie. Der Schlafende steht, wie wir bereits herausgefunden haben, f\u00fcr Deutschland (bzw. genauer: f\u00fcr die deutsche \u00d6ffentlichkeit) insgesamt. Haitzinger will also insinuieren, in Deutschland herrsche bislang ein idyllisierendes Bild von der multikulturellen Gesellschaft vor.<\/p>\n<p>W\u00fcnscht sich der Schlafende jenes &#8222;Multikulti&#8220; nur, oder setzt er es als gegeben voraus? W\u00fcrde die erste M\u00f6glichkeit zutreffen, w\u00e4re schwer zu plausibilisieren, warum die Situation an der R\u00fctli-Schule ein &#8222;B\u00f6ses Erwachen&#8220; bewirken sollte.<\/p>\n<p>Wenn Michel schon vorher wusste, dass der w\u00fcnschenswerte Zustand nicht verwirklicht war, f\u00e4nde er sich jetzt nur best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Haitzinger will also sagen, dass die \u00f6ffentliche Meinung in Deutschland bislang der Ansicht gewesen sei, eine harmonische multikulturelle Gesellschaft sei in Deutschland bereits Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>In welchem Verh\u00e4ltnis steht &#8222;R\u00dcTLI-SCHULE&#8220; zu &#8222;MULTIKULTI&#8220;?<\/p>\n<p>Die Problemschule ist jene Ursache, die den Deutschen Michel aus seinen Multi-Kulti-Tr\u00e4umen aufweckt. Darin ist eine Aussage \u00fcber die Ursache der Probleme an der R\u00fctli-Schule enthalten: Diese werden n\u00e4mlich, so will uns die Karikatur sagen, durch den Multi-Kulti-Traum verursacht. L\u00e4sst man Menschen mit verschiedenem kulturellen Hintergrund &#8222;einfach so&#8220; an einem Ort zusammen, dann knallt es.<\/p>\n<p>Welche Handlungsanweisung sollen wir der Karikatur entnehmen? Haitzinger will uns offenbar sagen, dass die R\u00fctli-Schule den Abschied von &#8222;Multikulti&#8220; entweder schon bedeute oder aber erfordere. In jedem Fall ist eine Politik erheischt, die das gleichberechtigte Nebeneinander verschiedener Kulturen negiert. (Dass die Zeiger des Weckers auf F\u00fcnf nach Zw\u00f6lf zeigen, indiziert nach heutigem Usus versch\u00e4rften Handlungsbedarf.) Im Rahmen der einschl\u00e4gigen politischen Debatten kann damit gemeint sein, dass Ma\u00dfnahmen der &#8222;Zwangsintegration&#8220; unterst\u00fctzt werden oder die Verringerung der Zahl der &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220; in Deutschland.<\/p>\n<p>Die Aussage der Karikatur l\u00e4sst sich also wie folgt zusammenfassen:<\/p>\n<p><em>Die deutsche \u00d6ffentlichkeit glaubt, in einer funktionierenden multikulturellen Idylle zu leben. Die Zust\u00e4nde an der R\u00fctli-Schule wecken sie jetzt aus diesem falschen Traum; sie erfordern Zwangsma\u00dfnahmen gegen in Deutschland lebende &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Haitzinger nimmt also hier mit einer betont reaktion\u00e4ren Zielrichtung Stellung zu einem heiklen Tagesproblem.<\/p>\n<p>Bemerkenswert daran ist, dass er ein p\u00e4dagogisches Problem auf ein ausl\u00e4nderpolitisches eindampft und damit vom Wesentlichen ablenkt. Die meisten schulpolitischen Analysen gehen in Deutschland nicht erst seit den Vorg\u00e4ngen um die R\u00fctli-Schule, sondern bereits seit dem sogenannten Pisa-Schock (und eigentlich sogar seit der Bildungsreform-Debatte der 60er Jahre) davon aus, dass die Selektion zehnj\u00e4hriger Sch\u00fclerInnen in ein drei- oder viergliedriges System betr\u00e4chtlichen Schaden am Bildungsstand der Jugend anrichtet, und seit Jahren ist klar, dass die Hauptschulen im Wesentlichen zu Aufbewahrungs-Anstalten f\u00fcr jene Jugendlichen geworden sind, die nie eine Chance haben werden. Sprachliche Benachteiligung und ausl\u00e4nderskeptische Vorurteile wirken zusammen, um dieser Chancenverweigerungsanstalt auch eine ausgesprochen rassistische Note zu verleihen. (Die meisten HauptschullehrerInnen k\u00f6nnen wahrscheinlich nichts daf\u00fcr; sie m\u00fcssen f\u00fcr weniger Geld mehr Unterrichtsstunden in einer wesentlich schwierigeren Unterrichtssituation absolvieren als ihre KollegInnen etwa am Gymnasium.)<\/p>\n<p>Die R\u00fctli-Schule ist ein Symptom dieser Misere.<\/p>\n<p>Das dreigliedrige preu\u00dfische Schulsystem war schon zu Zeiten, als es einen relativ guten Bildungs-Output hervorbrachte (also im 19. Jahrhundert), eine durch und durch autorit\u00e4re, seelenschindende Struktur; heute ist es zudem ein gigantisches Bildungshindernis.<\/p>\n<p>Aber ich halte jede Wette, dass auch die aktuellen Vorg\u00e4nge nichts daran \u00e4ndern werden. Die Schulpolitik ist in Deutschland der irrationalste aller politischen Bereiche. Hier hat man seit 1918 jeden, aber auch jeden vern\u00fcnftigen Ver\u00e4nderungsvorschlag mit der &#8222;Gleichmacherei&#8220;-Keule schroten k\u00f6nnen. Jetzt kommt noch die Multikulti-Keule hinzu. Daf\u00fcr muss Haitzinger sich einen Michel erfinden, der grotesker gar nicht die Realit\u00e4t verfehlen k\u00f6nnte. (Wie w\u00e4re wohl z.B. die Sitzverteilung im Bundestag, wenn Michel tats\u00e4chlich von Multikulti tr\u00e4umen w\u00fcrde?)<\/p>\n<p>Der echte Michel liegt derweilen in seinem Bett und tr\u00e4umt selig von Kindern, die in Reih und Glied in der jeweiligen richtigen Schublade stehen. Wenn der Wecker schrillt, schreckt Michel hoch und glaubt, er sei aus einem Multikulti-Traum erwacht.<\/p>\n<p>Dass diese Selbstt\u00e4uschung so bleibt &#8211; daf\u00fcr sorgen auch Karikaturisten wie Haitzinger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der R\u00fctli-Schule sind weniger als 20 Prozent der Sch\u00fclerInnen &#8222;Einheimische&#8220;, und die Gruppe der &#8222;t\u00fcrkischen&#8220; Sch\u00fclerInnen, die knapp 30 Prozent ausmacht, f\u00fchle sich teilweise, wie zu lesen war, von der noch st\u00e4rkeren Gruppe der &#8222;libanesischen&#8220; Mitsch\u00fcler bedr\u00e4ngt. Der bekannte Karikaturist Horst Haitzinger nahm diese Nachricht zum Anlass, eine zweiteilige Karikatur zu zeichnen. 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