{"id":7511,"date":"2006-05-01T00:00:10","date_gmt":"2006-04-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7511"},"modified":"2022-07-26T13:31:25","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:25","slug":"die-kunst-der-propaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/05\/die-kunst-der-propaganda\/","title":{"rendered":"Die Kunst der Propaganda"},"content":{"rendered":"<p>In seiner Studie untersucht B\u00fcrger, wie Krieg und Milit\u00e4r im US-amerikanischen Unterhaltungskino seit Ende des Kalten Krieges dargestellt werden.<\/p>\n<p>Weil der Film eine so kraftvolle und \u00fcberzeugende Wiedergabe der Realit\u00e4t verspricht und da er aufgrund seiner technischen Reproduzierbarkeit viele Menschen erreicht, ist er ein politisches Ph\u00e4nomen. Der Film spiegelt und schafft die Mythen der ihn umgebenden Kultur. Indem er Handlungsweisen und ihre Folgen beschreibt, hilft er zu definieren, was kulturell erlaubt ist.<\/p>\n<p>Die Rollen, die er auf diese Weise konzipiert, und die Geschichte(n), die er schreibt, bestimmen weitgehend die gemeinsame Erfahrung unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p>Aufgrund der Vorherrschaft US-amerikanischer Filme auf dem Weltmarkt spielt der Hollywoodfilm hierbei eine besondere Rolle. &#8222;Die US-amerikanische Filmindustrie, insbesondere hollywoodscher Pr\u00e4gung, ist mit 50 % wichtigster Lieferant f\u00fcr das europ\u00e4ische Fernsehen und mit 60 % f\u00fcr das Kino. Auch weltweit stammen die meisten TV-Filme von einem Hollywoodproduzenten.&#8220; 1992 stammten 83 % der Kinoeinnahmen in Deutschland aus US-amerikanischen Filmen.<\/p>\n<p>In Zeiten von Multimedia bleiben die Bilder und Botschaften des Unterhaltungskinos nicht auf der Leinwand. Die Kinopremiere wird von Video, DVD und TV-Ausstrahlung flankiert. Action wird in Computerspiele umgesetzt. Die Musik-CD und das Buch zum Film sind obligat.<\/p>\n<p>Das Genre des Unterhaltungsfilms \u00fcber Krieg und Milit\u00e4r wird als &#8222;Militainment&#8220; bezeichnet. &#8222;Militainment&#8220; beschr\u00e4nkt sich nicht nur auf den klassischen Kriegsfilm. Neben der Inszenierung historischer Schaupl\u00e4tze im Kino- und Fernsehfilm (des Zweiten Weltkriegs, Vietnams und der Milit\u00e4rschaupl\u00e4tze der 90er Jahre) behandelt B\u00fcrger den Rekrutierungsfilm, das Milt\u00e4rgerichtsdrama, Katastrophenfilme, in denen milit\u00e4rische Nukleartechnologie als Instrument zur Weltrettung erscheint, Apokalypse und Sternenkrieg und schlie\u00dflich Filme, in denen Terrorismus als innenpolitisches Thema der USA sowie als Ausgangspunkt f\u00fcr Milit\u00e4roperationen vorkommt. Von 542 Filmen, die der Autor aus diesem Spektrum zur Filmanalyse herangezogen hat, wurden 132 unter Beteiligung von Pentagon, Nato-Milit\u00e4r, CIA oder US-Raumfahrt produziert.<\/p>\n<p>&#8222;Wir begr\u00fc\u00dfen die M\u00f6glichkeit, uns \u00fcber ein so machtvolles Medium direkt an das amerikanische Publikum zu wenden&#8220;, sagt folgerichtig Captain Philip M. Strub, Chefbeauftragter des Pentagons f\u00fcr die Unterhaltungsindustrie, zum Thema &#8222;Film&#8220;.<\/p>\n<p>Das Pentagon beeinflusst die US-amerikanische Filmproduktion, indem es den Verleih von milit\u00e4rischer Ausr\u00fcstung an die Bedingung kn\u00fcpft, das Drehbuch eines Filmes einsehen und korrigieren zu d\u00fcrfen. Weil die Kosten f\u00fcr den Einsatz von Hightech-Waffen auf dem freien Markt extrem hoch sind, sind Regisseure, die in ihren Filmen die Kampfhandlungen eines modernen Krieges zeigen wollen, auf die Kooperation des Pentagons angewiesen.<\/p>\n<p>Strub erl\u00e4utert hierzu:<\/p>\n<p>&#8222;Wir schlie\u00dfen einen Vertrag mit dem Produzenten, der im Grunde folgendes festlegt: Wir geben Dir dies und jenes, bestimmte Ger\u00e4te an bestimmten Tagen, je nach Drehbuch. Und Du zeigst uns daf\u00fcr den Rohschnitt, damit wir sehen k\u00f6nnen, ob das mit dem \u00fcbereinstimmt, was wir abgemacht haben.&#8220;<\/p>\n<p>Der Vertragsleitfaden der U.S. Army fordert: &#8222;Die Produktion sollte Rekrutierungsprogrammen der Streitkr\u00e4fte helfen [&#8230;] Die Produktionsgesellschaft erkl\u00e4rt sich bereit, in jeder Phase der Produktion, die das Milit\u00e4r betrifft oder darstellt, sich mit dem Verbindungsb\u00fcro des Verteidigungsministeriums zu beraten.&#8220;<\/p>\n<p>Manche Filme, wie die Produktionen von Jerry Bruckheimer (&#8222;Top Gun&#8220;, &#8222;Pearl Harbor&#8220;, &#8222;Black Hawk Down&#8220;), werden mit Betr\u00e4gen in Millionenh\u00f6he subventioniert. F\u00fcr die Dreharbeiten an &#8222;Pearl Harbor&#8220; stellten die US-amerikanischen Streitkr\u00e4fte einen Flugzeugtr\u00e4ger und Soldaten aller Waffengattungen als Statisten zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Filme, in denen das US-Milit\u00e4r &#8222;unrealistisch&#8220; dargestellt wird, kommen nicht in den Genuss dieser staatlichen F\u00f6rderung.<\/p>\n<p>Unrealistisch sind f\u00fcr das US-amerikanische Verteidigungsministerium z.B. das historisch verb\u00fcrgte &#8222;fragging&#8220; (Anschl\u00e4ge amerikanischer GIs auf ihre Vorgesetzten in Vietnam) und ein Massaker amerikanischer Marines an vietnamesischen Zivilisten in Oliver Stones Film &#8222;Platoon&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Jeder Film, der das Milit\u00e4r negativ darstellt, ist f\u00fcr uns nicht realistisch&#8220;, so Philip Strub.<\/p>\n<p>Allerdings ist nicht allein die Zensur des Pentagons daf\u00fcr verantwortlich, wie der Krieg und seine Protagonisten im Kino pr\u00e4sentiert werden. Auf Grund seiner Produktionsweise tendiert der Film dazu, die herrschenden Mythen zu (re-)produzieren. Der Film ist kein individuelles Kunstwerk, sondern eine Ware, deren Herstellung sich nur die Wohlhabendsten leisten k\u00f6nnen. Ebenso wie der Redakteur einer Zeitung ist der Regisseur eines Films von seinen Arbeitgebern abh\u00e4ngig. B\u00fcrger spricht von 12 Konzernen, die den US-Markt beherrschen. Die Interessen der Konzerne und die Werte und Normen ihrer Eigent\u00fcmer spiegeln sich im Produkt wider.<\/p>\n<p>Zudem bestehen zwischen Medien- und Milit\u00e4rmacht wirtschaftliche Verflechtungen. Z.B. ist die US-Army Gro\u00dfkunde von General Electric, dem weltweit gr\u00f6\u00dften Unternehmen mit R\u00fcstungsanteilen, und Eigent\u00fcmer des Fernsehsenders NBC. Westinghouse (CBS) ist ein anderer Konzern, der gleichzeitig R\u00fcstung produziert und durch Tochterunternehmen Massenmedien betreibt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich steht die Filmproduktion Hollywoods unter der Pr\u00e4misse zu unterhalten. Krieg unterhaltsam darzustellen bedeutet, die intellektuelle Analyse des Geschehens zu Gunsten von emotional ansprechenden Kriegsgeschichten zu vernachl\u00e4ssigen. Ebenso folgt daraus eine \u00c4sthetisierung der Grausamkeit. Francis Ford Coppola unterlegte in &#8222;Apokalypse Now&#8220; die Jagd der US-Luftinfanterie auf Vietnamesen mit Musik von Richard Wagner.<\/p>\n<p>Krieg realistisch darzustellen, hie\u00dfe zu zeigen, wie jemand drei Stunden im Sch\u00fctzengraben verblutet.<\/p>\n<p>Die Kategorie des Antikriegsfilms h\u00e4lt B\u00fcrger deswegen f\u00fcr fragw\u00fcrdig und spricht stattdessen in seinen Analysen von kriegskritischen bzw. kriegsunterst\u00fctzenden Kriegsfilmen.<\/p>\n<p>Das Dilemma von &#8222;Antikriegsfilmen&#8220; besteht darin, dass die Darstellung von brutaler Gewalt nicht nur Abscheu, sondern auch Faszination ausl\u00f6sen und Sadismus, Gr\u00f6\u00dfenphantasien oder Rachegef\u00fchle bedienen kann.<\/p>\n<p>So wurde der deutsche Film &#8222;Die Br\u00fccke&#8220; (BRD 1959) in S\u00fcdamerika unter dem Titel &#8222;Die Helden sterben aufrecht&#8220; verliehen.<\/p>\n<h3>Militainment<\/h3>\n<p>&#8222;Militarismus bezeichnet die Vorherrschaft milit\u00e4rischer Wertvorstellungen und Ziele in der Politik und im gesellschaftlichen Leben, wie sie bspw. durch die einseitige Betonung des Rechts des St\u00e4rkeren und die Vorstellung, Kriege seien notwendig oder unvermeidbar, zum Ausdruck kommen &#8230;&#8220; (Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung)<\/p>\n<p>In den Filmanalysen seiner Monographie arbeitet B\u00fcrger Bilder und Botschaften heraus, die bei der Inszenierung von Krieg und Milit\u00e4r im US-amerikanischen Kino wiederkehren. Z.B. ist es f\u00fcr Science Fiktion und Katastrophenfilme wie &#8222;Armageddon&#8220; typisch, dass der US-amerikanische Pr\u00e4sident die Menschheit gegen\u00fcber einer \u00e4u\u00dferen Bedrohung repr\u00e4sentiert. Am Kampf gegen diese Bedrohung nehmen die US-amerikanischen Minderheiten mit je einem Angeh\u00f6rigen teil. Abgewendet wird die Gefahr durch technische und milit\u00e4rische Mittel.<\/p>\n<p>Offensichtlich ist die Absicht, Sch\u00fctzenhilfe in einer politischen Auseinandersetzung zu liefern, beim Milit\u00e4rgerichtsdrama &#8222;Rules of Engagement&#8220; (USA 2000). In der ersten Szene von &#8222;Rules of Engagement&#8220; sind US-amerikanische Soldaten bei der Evakuierung der US-Botschaft in einem arabischen Land zu sehen. Vor der Botschaft demonstriert eine aufgebrachte Menge. Heckensch\u00fctzen schie\u00dfen auf die US-Amerikaner. Der Einsatzleiter, Colonel Childers (Samuel L. Jackson), l\u00e4sst auf die Menschenmenge feuern, obwohl sein zweiter Offizier einwendet, dass es sich um unbewaffnete Zivilisten handele. Bei dem Massaker sterben 83 Menschen. Der Colonel wird aus politischen (!) Motiven vor Gericht gestellt, weil das Au\u00dfenministerium f\u00fcrchtet, Ansehen bei gem\u00e4\u00dfigten muslimischen Staaten zu verlieren. W\u00e4hrend des Prozesses erfahren die ZuschauerInnen durch R\u00fcckblenden, was wirklich geschah. In den Erinnerungen des Colonels, die im Film durch ein Videoband verifiziert werden, welches ein korrupter Politiker verschwinden l\u00e4sst, bewaffnet sich die scheinbar friedliche Menge.<\/p>\n<p>Hier erscheint eine Kalaschnikow, dort ein Brandsatz oder eine Handgranate bis hin zur Pistole in der Hand eines kleinen M\u00e4dchens. Wer wollte US-amerikanische Soldaten danach vor einen Internationalen Gerichtshof stellen?<\/p>\n<p>Den milit\u00e4rischen Humanismus der Vereinigten Staaten illustriert &#8222;Air Force One&#8220; (USA 1996) von Wolfgang Petersen. Nach einer amerikanisch-russischen Milit\u00e4roperation gegen den \u201aselbsternannten Staatschef von Kasachstan&#8216;, der eine Gefahr f\u00fcr den Weltfrieden darstellt und die Demokratiebewegung blutig unterdr\u00fcckt, erkl\u00e4rt der amerikanische Pr\u00e4sident (Harrison Ford): &#8222;Nie wieder werde ich zulassen, dass unsere politische Engstirnigkeit uns daran hindert, irgendetwas zu tun, was wir f\u00fcr moralisch richtig halten. Folter und Terror sind keine politischen Mittel.<\/p>\n<p>Denen, die sie einsetzen, sage ich: \u201aEure Zeit ist um! Wir werden nicht verhandeln, wir werden auch nicht mehr die Augen verschlie\u00dfen, und wir werden auch keine Angst mehr haben. Jetzt sollt Ihr Angst haben!'&#8220;<\/p>\n<p>Terroristen entf\u00fchren daraufhin die Pr\u00e4sidentenmaschine &#8222;Air Force One&#8220;, ahnen aber nicht, dass der Pr\u00e4sident nicht nur liebevoller Familienvater, sondern auch kampferprobter Vietnamveteran ist. Im Alleingang erledigt er die B\u00f6sewichter und l\u00e4sst sich als letzter der \u00dcberlebenden aus dem abst\u00fcrzenden Jet evakuieren.<\/p>\n<p>Als europ\u00e4ischen Beitrag zur neuen Weltkriegsordnung steuert die franz\u00f6sische Produktion &#8222;Transporter&#8220; (Frankreich\/USA 2003) den sch\u00f6nen Satz bei:<\/p>\n<p>&#8222;Du warst Soldat, Deine Aufgabe war es, Leben zu retten.&#8220;<\/p>\n<h3>Was tun?!<\/h3>\n<p>Die weiche Propaganda des Kinos liefert die Bilder und Mythen, welche die harte Propaganda vor Beginn eines Krieges glaubhaft machen.<\/p>\n<p>Wer gesehen hat, dass es einen James Bond braucht, um die Schurken in ihren unterirdischen Hightechhallen aufzusp\u00fcren, wird sich vielleicht nicht wundern, dass die UN-Inspektoren die irakischen Massenvernichtungswaffen nicht finden konnten.<\/p>\n<p>Gegen das kulturelle Diktat der Bellizisten fordert B\u00fcrger zum einen die Umsetzung geltender Rechtsnormen. Nationale und internationale Vertr\u00e4ge und Bestimmungen stehen der Propagierung von Krieg und Gewalt als Mitteln zur L\u00f6sung von Konflikten entgegen und enthalten zum Teil die ausdr\u00fcckliche Verpflichtung, Kriegspropaganda zu unterbinden und eine Kultur des Friedens zu f\u00f6rdern. &#8222;Jede Kriegspropaganda wird durch Gesetz verboten&#8220;, hei\u00dft es im Internationalen Pakt \u00fcber b\u00fcrgerliche und politische Rechte vom 16.12.1966, Artikel 20 (1).<\/p>\n<p>Zum anderen schl\u00e4gt er vor, die Beteiligung von Milit\u00e4rs an Filmen auf der H\u00fclle von Videos und DVDs zu kennzeichnen.<\/p>\n<p>Diese ist zur Zeit in den Danksagungen am Ende eines Films versteckt. Auf DVD und Videoformat ist der Abspann noch dazu klein und unleserlich.<\/p>\n<p>In Deutschland w\u00e4re die Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien f\u00fcr B\u00fcrger eine Instanz, die dieses Etikett vergeben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>AnarchistInnen werden vielleicht nicht auf die Initiative einer staatlichen Stelle warten wollen, sondern die direkte Aktion in ihrer Videothek bevorzugen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner Studie untersucht B\u00fcrger, wie Krieg und Milit\u00e4r im US-amerikanischen Unterhaltungskino seit Ende des Kalten Krieges dargestellt werden. Weil der Film eine so kraftvolle und \u00fcberzeugende Wiedergabe der Realit\u00e4t verspricht und da er aufgrund seiner technischen Reproduzierbarkeit viele Menschen erreicht, ist er ein politisches Ph\u00e4nomen. 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