{"id":7526,"date":"2006-06-01T00:00:33","date_gmt":"2006-05-31T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7526"},"modified":"2022-07-26T14:14:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:59","slug":"feministinnen-in-der-spanischen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/06\/feministinnen-in-der-spanischen-revolution\/","title":{"rendered":"Feministinnen in der Spanischen Revolution"},"content":{"rendered":"<h3>Die Gr\u00fcndung der Mujeres Libres<\/h3>\n<p>Als mit dem franquistischen Putsch am 18.\/19. Juli 1936 der Spanische B\u00fcrgerkrieg begann, erhoben sich Hunderttausende Menschen, um nicht nur die Republik zu verteidigen, sondern noch einen Schritt weiterzugehen in Richtung einer freien Gesellschaft. In denjenigen Regionen Spaniens, in denen die zum Teil sogar unbewaffneten Menschen die Putschisten erfolgreich niederschlugen, kam es sofort zu einer sozialen Revolution. Vor allem in Katalonien und Aragonien kollektivierten die LandarbeiterInnen die L\u00e4ndereien, und die ArbeiterInnen besetzten ihre Fabriken und betrieben sie unter eigener F\u00fchrung weiter.<\/p>\n<p>In dieser Aufbruchstimmung erhielt eine kleine Gruppe von Frauen, die drei Monate vorher eine Zeitschrift gegr\u00fcndet hatte, pl\u00f6tzlich enormen Zulauf und z\u00e4hlte in den n\u00e4chsten drei Jahren \u00fcber 20.000 Mitglieder ((1)): die Gruppe Mujeres Libres (&#8222;Freie Frauen&#8220;). Drei Anarchistinnen publizierten seit April 1936 in Madrid die Zeitschrift &#8222;Mujeres Libres&#8220;. Im September 1936 schloss sich die Kulturelle Frauengruppe Barcelona, die es seit 1934 gab, den Mujeres Libres an, und in vielen St\u00e4dten und einigen D\u00f6rfern der republikanischen Zone Spaniens gr\u00fcndeten sich mindestens 170 Mujeres Libres-Gruppen. ((2))<\/p>\n<p>Die Mujeres Libres waren nach den Grunds\u00e4tzen der Basisdemokratie aufgebaut, und in ihrer Satzung ist die Autonomie der einzelnen Gruppen festgehalten. ((3))<\/p>\n<h3>Warum eine eigene Frauenorganisation?<\/h3>\n<p>Die Idee, innerhalb der anarchistischen Bewegung eine Frauenorganisation zu gr\u00fcnden, war auch unter den anarchistischen Frauen nicht unumstritten.<\/p>\n<p>GegnerInnen waren der Ansicht, eine eigene Frauenorganisation f\u00fchre nur zu Spaltungen und sei nicht notwendig, da mit der Abschaffung des Kapitalismus automatisch die Unterdr\u00fcckung der Frauen verschwinden werde. Vor allem j\u00fcngere Anarchistinnen emp\u00f6rten sich jedoch \u00fcber das herablassende Verhalten einiger m\u00e4nnlicher Anarchisten gegen\u00fcber Frauen. ((4))<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndung einer anarchistischen Frauengruppe sollte nicht eine Geschlechtertrennung zementieren, sondern f\u00fcr eine gewisse Zeit einen gesch\u00fctzten Rahmen f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten und die Entwicklung des Selbstbewusstseins der Frauen bieten.<\/p>\n<p>Zur Unterst\u00fctzung des Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchls erfand die Gruppe Mujeres Libres sowohl eine eigene Fahne (blau mit einem rot-schwarzen Streifen am Rand) als auch eine Hymne. ((5))<\/p>\n<h3>Aktivit\u00e4ten der Mujeres Libres<\/h3>\n<p>Langfristiges Ziel der Mujeres Libres war die Errichtung einer freien Gesellschaft, in der alle Frauen und M\u00e4nner gleichberechtigt und selbstbestimmt leben k\u00f6nnen. Um dieser Gesellschaft n\u00e4her zu kommen, setzten sich die Mujeres Libres zwei kurzfristige Ziele: die Frauen zu bef\u00e4higen, sich selbst eine Meinung bilden zu k\u00f6nnen, politische Zusammenh\u00e4nge zu verstehen, selbstbewusst Arbeiten zu ergreifen &#8211; und sie f\u00fcr die Ideen des Anarchismus zu begeistern. Die Mujeres Libres sprechen in ihren Publikationen von der dreifachen Sklaverei der Frau: Sklaverei der Unwissenheit, Sklaverei der Frau und Sklaverei der Arbeiterin.<\/p>\n<p>Nach dem Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs setzten die Mujeres Libres ihre Priorit\u00e4t darauf, den Faschismus zu besiegen und die Revolution fortzusetzen. Dabei konzentrierten sie sich auf die praktische Arbeit, entwickelten aber auch die Theorie des doppelten Kampfes: Weder allein die Befreiung der Frauen noch allein die Befreiung der Arbeiterklasse f\u00fchrten in eine freie Gesellschaft, deshalb sei die Verbindung der beiden Befreiungsk\u00e4mpfe unerl\u00e4sslich f\u00fcr eine wirkliche soziale Revolution. Da nur die Frauen sich selbst befreien k\u00f6nnen &#8211; genau wie die Arbeiterklasse sich nur selbst befreien kann -, m\u00fcssen die Frauen zwei K\u00e4mpfe in Angriff nehmen: einen, gemeinsam mit den M\u00e4nnern, gegen den wirtschaftlich ausbeutenden und politisch unterdr\u00fcckenden Staat und einen allein, gegen die patriarchalen Strukturen.<\/p>\n<p>Heute werden die Mujeres Libres als Anarchafeministinnen bezeichnet; sie selber lehnten aber den Begriff Feminismus ab, da sie damit die b\u00fcrgerliche Wahlrechtsbewegung assoziierten.<\/p>\n<p>Die Praxis der Mujeres Libres umfasste neben einem umfangreichen Bildungs- und Ausbildungsangebot &#8211; au\u00dfer Kursen boten sie Arbeit in eigenen Werkst\u00e4tten an und er\u00f6ffneten in Madrid die erste Fahrschule f\u00fcr Frauen &#8211; die Unterst\u00fctzung der republikanischen Seite im B\u00fcrgerkrieg sowohl mit der Waffe an der Front als auch im Hinterland in der Industrie, bei der Kinderbetreuung und der \u00f6ffentlichen Verpflegung. Ein wichtiges Instrument zur Bildung und Information war die Zeitschrift &#8222;Mujeres Libres&#8220;, die in 13 Ausgaben zwischen April 1936 und Oktober 1938 erschien. Daraus konnten die Mitglieder erfahren, welche Aktivit\u00e4ten die anderen Ortsgruppen durchf\u00fchrten.<\/p>\n<p>Es ist beeindruckend, wie viele verschiedene Projekte die Mujeres Libres organisierten, ohne R\u00fcckendeckung durch eine gro\u00dfe Organisation zu haben. CNT, FAI und FIJL ((6)) stellten ihnen zwar R\u00e4umlichkeiten zur Verf\u00fcgung und unterst\u00fctzten sie gelegentlich finanziell, bef\u00fcrworteten jedoch nicht ihre Existenz &#8211; deshalb brauchten die aktiven Mitglieder der Mujeres Libres sicher viel Kraft, um nicht aufzugeben.<\/p>\n<h3>Die Mujeres Libres nach dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg<\/h3>\n<p>Sp\u00e4testens mit dem Sieg der Franquisten am 1. April 1939 war die Arbeit der Mujeres Libres in Spanien beendet. W\u00e4hrend der 36 Jahre Diktatur gab es im Exil eine Zeitschrift &#8222;Mujeres Libres en Exilio&#8220; in Spanien selbst hingegen keine Aktionen der Gruppe mehr. Wegen drohender Repressionen f\u00fcr RepublikanerInnen konnten die Frauen auch bis zum Ende der Diktatur nach Francos Tod im November 1975 nicht \u00fcber ihre damaligen Aktivit\u00e4ten sprechen.<\/p>\n<p>Trotz des Krieges und der nachfolgenden Unterdr\u00fcckung haben die spanischen Frauen, die damals aktiv gewesen waren, etwas gewonnen: Sie hatten drei Jahre in einer Revolution gelebt und ihr Leben selbst in die Hand genommen. Viele von ihnen behielten diese Zeit als die freieste ihres Lebens in Erinnerung. ((7))<\/p>\n<p>1976 gr\u00fcndeten junge Frauen in f\u00fcnf spanischen St\u00e4dten neue Mujeres Libres-Gruppen, nachdem sie das erste Buch der Historikerin Mary Nash \u00fcber die Mujeres Libres gelesen hatten. ((8))<\/p>\n<p>Sie setzten sich mit Sara Guill\u00e9n Berenguer und anderen Mujeres Libres in Verbindung und besprachen die Neugr\u00fcndung. Sara Guill\u00e9n Berenguer lebt seit dem Ende des B\u00fcrgerkriegs in S\u00fcdfrankreich und hatte seit 1964 mit anderen spanischen Anarchistinnen die Zeitschrift &#8222;Mujeres Libres en Exilio&#8220; publiziert. Nach dem Kontakt zu den jungen Mujeres Libres wurde die Exilzeitschrift 1976 eingestellt, und es entstanden vier Ausgaben der neuen Mujeres Libres-Zeitschrift. Wieder war der Chauvinismus innerhalb der CNT der Grund f\u00fcr eine eigene Frauenorganisation; diesmal allerdings wurden auch M\u00e4nner als Mitglieder zugelassen.<\/p>\n<p>In Gespr\u00e4chen mit spanischen AnarchistInnen h\u00f6rte ich, dass es heute keine Mujeres Libres-Gruppen mehr gebe, da die CNT so chauvinistisch sei, dass sich anarchistische Frauen lieber in autonomen Gruppen engagieren als bei den Mujeres Libres, die sich der CNT zugeh\u00f6rig f\u00fchlten (w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs waren viele Mujeres Libres auch CNT-Mitglieder). Auf dem Kongress &#8222;Mujeres, Libres y Libertarias&#8220; (&#8222;Frauen, Freie und Libert\u00e4re&#8220;), der im Mai 2005 in Madrid stattfand, lernte ich jedoch zwei junge Mujeres Libres aus Barcelona kennen. Im M\u00e4rz 2005 machte ich au\u00dferdem die Bekanntschaft von zwei alten Anarchistinnen: Sara Guill\u00e9n Berenguer lernte ich in S\u00fcdfrankreich kennen und Concha P\u00e9rez in Barcelona. Beide sind \u00fcber 80 Jahre alt, aber immer noch politisch aktiv. 1999 hat Sara Guill\u00e9n mit anderen Anarchistinnen ein Buch ver\u00f6ffentlicht, in dem Texte aus den Zeitschriften w\u00e4hrend der Spanischen Revolution neben ihren heutigen Erinnerungen an die damalige Zeit stehen. ((9)) Sie schreibt Gedichte und steht mit vielen jungen und \u00e4lteren AnarchistInnen in Kontakt. Concha P\u00e9rez, die w\u00e4hrend der Revolution nicht bei den Mujeres Libres, aber im selben anarchistischen Ateneo (Bildungszentrum) wie Sara Guill\u00e9n aktiv war und elf Monate an der Front von Aragonien gek\u00e4mpft hat, ist heute in einer linken Diskussionsgruppe mit anderen Veteraninnen der Spanischen Revolution aktiv.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gr\u00fcndung der Mujeres Libres Als mit dem franquistischen Putsch am 18.\/19. Juli 1936 der Spanische B\u00fcrgerkrieg begann, erhoben sich Hunderttausende Menschen, um nicht nur die Republik zu verteidigen, sondern noch einen Schritt weiterzugehen in Richtung einer freien Gesellschaft. In denjenigen Regionen Spaniens, in denen die zum Teil sogar unbewaffneten Menschen die Putschisten erfolgreich niederschlugen, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/06\/feministinnen-in-der-spanischen-revolution\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Feministinnen in der Spanischen Revolution - graswurzelrevolution","description":"Die Gr\u00fcndung der Mujeres Libres Als mit dem franquistischen Putsch am 18.\/19. Juli 1936 der Spanische B\u00fcrgerkrieg begann, erhoben sich Hunderttausende Menschen,"},"footnotes":""},"categories":[451,1038,1042],"tags":[],"class_list":["post-7526","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-310-juni-2006","category-kleine-unterschiede","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7526","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7526"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7526\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7526"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}