{"id":7536,"date":"2006-06-01T00:00:58","date_gmt":"2006-05-31T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7536"},"modified":"2022-07-26T13:11:44","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:44","slug":"tschernobyl-jahrestag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/06\/tschernobyl-jahrestag\/","title":{"rendered":"Tschernobyl-Jahrestag"},"content":{"rendered":"<p>In unz\u00e4hligen TV-Dokus und Zeitungsberichten wurden die grausigen Fakten dargestellt; in LeserInnen-Interviews kam klar r\u00fcber, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung noch heute wei\u00df, was der &#8222;Super-GAU&#8220; damals bewirkte; und die mehreren hundert lokalen Infoveranstaltungen waren bundesweit oft sehr gut besucht. Damit ist es gelungen, dem Verdr\u00e4ngen und Verharmlosen seitens der Atomindustrie und der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde (IAEO) einen Riegel vorzuschieben. Zu tief ist das Unbehagen der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber den Risiken und Gefahren der Atomenergie verankert, als dass dies durch die hochpolierten Image-Kampagnen der Atomlobby wegzuretuschieren w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das ist die positive Seite der Medaille.<\/p>\n<p>Es zeigte sich aber auch, dass die Medien zum Tschernobyl-Jahrestag die Anti-Atom-Bewegung als &#8222;Experten&#8220; nicht wirklich anerkannt hat. Das Wort bei den Kritikern wurde Strahlungsbiologen, Umweltverb\u00e4nden u.\u00e4. erteilt. Dies ist eine interessante Erfahrung: W\u00e4hrend bei Castor-Protesten die Anti-Atom-Bewegung von den Medien angesprochen wird, gelten die B\u00fcrgerinitiativen und AktivistInnen bei Reaktorkatastrophen offensichtlich nicht als kompetent genug.<\/p>\n<p>Hinter dieser medialen Differenzierung steckt nat\u00fcrlich ein zweiter Gesichtspunkt. 20 Jahre nach Tschernobyl soll die Erfahrung der Katastrophe von der aktuellen politischen Diskussion um die Zukunft der Atomenergie abgekoppelt werden. Um sich vor unliebsamen politischen Forderungen zu sch\u00fctzen, fragt man lieber &#8222;Experten&#8220; zu den Gesundheits-Folgen von Tschernobyl als Anti-Atom-Initiativen zu den politischen Schlussfolgerungen, die tagespolitische Konsequenzen nach sich ziehen. So blieb es dabei: Erinnern ja &#8211; Konsequenzen nein.<\/p>\n<p>Diese Tendenz wird von der Atomlobby gerne unterst\u00fctzt und gef\u00f6rdert. So waren die altbekannten L\u00fcgen zu h\u00f6ren, dass &#8222;im Westen&#8220; alle AKWs sicher seien, dass &#8222;hier&#8220; nichts verheimlicht werde wie damals in der UdSSR, dass Atomenergie gegen den Klimawandel hilft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend diese Thesen seit Jahren bekannt sind und sehr inhaltlos klingen, ist eine neue These viel gef\u00e4hrlicher: &#8222;Der Atomausstieg ist in Deutschland doch beschlossen, wir m\u00fcssen nur daran festhalten.&#8220; Vor allem in rot-gr\u00fcnen Bev\u00f6lkerungskreisen hat sich diese M\u00e4r eingeb\u00fcrgert, mit fatalen Konsequenzen. Denn wenn der Atomausstieg schon beschlossen ist, muss man daf\u00fcr nicht mehr auf die Stra\u00dfe gehen. Ganz nach dem Motto: <em>Wir<\/em> haben doch aus Tschernobyl die Konsequenzen gezogen.<\/p>\n<p>Nichts ist falscher als diese Behauptung. Fakt ist aber, dass viele \u00fcberhaupt keine Ahnung haben, was im Atomgesetz wirklich drin steht oder eben nicht. Selbst im M\u00fcnsterland und im Ruhrgebiet konnte mensch z.B. rund um den Tschernobyl-Jahrestag immer wieder feststellen, dass die Urananreicherungsanlage Gronau weitgehend unbekannt ist, also auch, dass sie gar nicht im Atomgesetz erw\u00e4hnt wird und deshalb unbegrenzt weiterbetrieben werden darf. Gleiches gilt f\u00fcr die Brennelementefabrik in Lingen. Vielleicht erkl\u00e4rt sich so auch, warum vergleichsweise so wenige Menschen bundesweit auf Mahnwachen, Kundgebungen oder Demonstrationen waren.<\/p>\n<p>Sch\u00e4tzungsweise 6.000-7.000 Menschen demonstrierten f\u00fcr den sofortigen Atomausstieg. Das ist gemessen an der bundesweiten Demo in L\u00fcneburg letzten Herbst (7.000 Leute) anscheinend das Mobilisierungspotenzial. Gemessen an der Anti-Atom-Demo im franz\u00f6sischen Cherbourg (20-30.000 Leute) ist es aber eher wenig. Wie der ehemalige GWR-Redakteur Jochen Stay treffend anmerkte, die Anti-Atom-Bewegung ist hierzulande derzeit keine Massenbewegung. Weil zudem eine zentrale und\/oder gemeinsame Mobilisierung fehlte, wurden selbst die gr\u00f6\u00dften Demos in Biblis und Freiburg (jeweils 1.000 Leute) \u00fcberregional in den Medien kaum wahrgenommen.<\/p>\n<p>Hier gilt es deshalb, in den kommenden Monaten und Jahren anzusetzen. Zum einen ist massiver Druck gegen die &#8222;Renaissance&#8220;-Pl\u00e4ne der Atomlobby n\u00f6tig, zum anderen muss die M\u00e4r vom &#8222;beschlossenen Atomausstieg&#8220; durch verst\u00e4rkte Aufkl\u00e4rungsarbeit zerstreut werden. Zum dritten m\u00fcssen wir daf\u00fcr sorgen, dass die Atomanlagen, die 2008\/09 offiziell abgeschaltet werden sollen, auch tats\u00e4chlich abgeschaltet werden.<\/p>\n<p>Um erfolgreich zu sein, muss sich die Anti-Atom-Bewegung auch \u00fcberregional wieder st\u00e4rker vernetzen und gemeinsam die politische Offensive suchen. Denn wie gesagt: In der Bev\u00f6lkerung sitzt der Schrecken \u00fcber die Atomenergie auch 20 Jahre nach Tschernobyl noch tief. Das ist eine gute Basis f\u00fcr die anstehenden Aufgaben (<a title=\"Tschernobyl\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/04\/tschernobyl-2\/\">s. GWR 308<\/a>). Es darf nicht beim Erinnern bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In unz\u00e4hligen TV-Dokus und Zeitungsberichten wurden die grausigen Fakten dargestellt; in LeserInnen-Interviews kam klar r\u00fcber, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung noch heute wei\u00df, was der &#8222;Super-GAU&#8220; damals bewirkte; und die mehreren hundert lokalen Infoveranstaltungen waren bundesweit oft sehr gut besucht. 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