{"id":7561,"date":"2006-06-01T00:00:13","date_gmt":"2006-05-31T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7561"},"modified":"2022-07-26T14:14:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:59","slug":"der-osten-ist-rot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/06\/der-osten-ist-rot\/","title":{"rendered":"Der Osten ist rot?"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>&#8222;Die aktuellen Debatten um den Jahrestag des Reaktorunfalls in der Ukraine sind symptomatisch f\u00fcr die geistige L\u00e4hmung. (&#8230;) momentan (finden) umso mehr Misanthrophen und Fortschrittsmuffel Geh\u00f6r, die uns weismachen wollen, da\u00df Windr\u00e4der, neuerdings auch die G\u00fcllevergasung und Getreideverbrennung (Bioenergie) oder andere Low-Tech-Methoden daf\u00fcr pr\u00e4destiniert sind, unsere zuk\u00fcnftige Energieversorgung aufrechtzuerhalten (&#8230;) Der Hinweis auf Tschernobyl dient dazu, andere, ambitionierte Projekte wie den ITER als Gr\u00f6\u00dfenwahn erscheinen zu lassen.&#8220; (Thomas Deichmann, junge Welt, 6.3.06)<\/em><\/p>\n<p><em><strong>&#8222;Graswurzelrevolution<\/strong>, die Monatszeitung f\u00fcr Misanthrophen und Fortschrittsmuffel, ist da!&#8220; (GWR-Anzeige in der jW)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p class=\"vorspann\">Die jW versteht sich in ihrer Inlandsberichterstattung als Korrektiv zum angepassten halblinken Mainstream der Linkspartei\/PDS und unterst\u00fctzt diesen dort, wo er ausnahmsweise soziale Positionen vertritt.<\/p>\n<p>Eine enge Zusammenarbeit mit marxistischen Foren wie der Kommunistischen Plattform ist da angesagt. Es f\u00e4llt auf, dass unproduktive Auseinandersetzungen zwischen WASG und Linkspartei insbesondere um konkurrierende Parlamentskandidaturen in den letzten Monaten immer gr\u00f6\u00dferen Raum einnehmen. Das bringt die sozialen Bewegungen nicht weiter, sondern lenkt ab von wichtigeren Aktivit\u00e4ten und dringend notwendigen direkten Aktionen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus bietet die jW in der Auslandsberichterstattung StreiterInnen f\u00fcr den untergegangenen Staatssozialismus reichlich Platz. Anhand mehrerer Themenfelder zeigen wir f\u00fcr uns unannehmbare autorit\u00e4re Tendenzen und Inhalte in der Berichterstattung der jungen Welt auf.<\/p>\n<p>Seit dem Ende des Staatssozialismus ab 1989 in den L\u00e4ndern des Ostblocks besch\u00e4ftigt sich die jW mit einer Analyse des Scheiterns der kommunistischen Parteien. Sie nennt diesen Untergang &#8222;Eigentumsumsturz&#8220; zur\u00fcck zum Kapitalismus. Alle gesellschaftlichen Kr\u00e4fte, die jenen Umsturz zu be- oder verhindern trachteten oder trachten, stehen daher f\u00fcr die jW auf der richtigen Seite. Und hier kommt Lukaschenko, der autokratische Staatspr\u00e4sident von Wei\u00dfrussland\/Belarus ins Spiel, proudly presented by jW. Erst im letzten M\u00e4rz wurde er von den Wei\u00dfrussInnen wieder gew\u00e4hlt, angeblich mit einer beachtlichen Prozentzahl der Stimmen \u00fcber der 80 %-Grenze. Unz\u00e4hlige Artikel widmet die jW ihrem Liebling Lukaschenko, zumeist von Werner Pirker geschrieben.<\/p>\n<h3>Belarus als anti-neoliberale Alternative<\/h3>\n<p>Pirker hat Belarus vor der letzten Pr\u00e4sidentschaftswahl besucht und in einem langen, detaillierten Beitrag ((2)) seine Eindr\u00fccke geschildert. Danach h\u00e4tte die Lukaschenko-Administration seit 1993 erfolgreich verhindert, dass es einen Ausverkauf von Staatseigentum gab; gleichfalls g\u00e4be es regelm\u00e4\u00dfig L\u00f6hne, Geh\u00e4lter und Renten. Pirker vergleicht diese sozialen Tatbest\u00e4nde mit denjenigen in den Nachbarrepubliken. So erkl\u00e4rt er, wieso die Opposition gegen Lukaschenko keine breite soziale Basis habe. Er gesteht zu, dass Lukaschenko autorit\u00e4re Z\u00fcge als Pr\u00e4sident habe. Hoch erfreut weist Pirker aber auf die wirtschaftliche Dynamik und die angebliche soziale Ausgeglichenheit in der Gesellschaft hin. Deshalb sei sein System auch eine praktizierte Alternative zum Neoliberalismus. Und diese Alternative ist f\u00fcr die jW so alternativlos, dass sie mit beinahe allen Mitteln verteidigt werden muss.<\/p>\n<p>So schreibt Pirker Ende M\u00e4rz ((3)) \u00fcber den Polizeieinsatz in Minsk gegen Oppositionelle:<\/p>\n<p>&#8222;Der Polizeieinsatz gegen die nicht zugelassene Demonstration mag brachial gewesen sein.<\/p>\n<p>Doch wenn das der Rundumschlag einer wildgewordenen Staatsmacht gewesen sein soll, was sind dann die Kesselschlachten, die von den Ordnungskr\u00e4ften in westlichen Metropolen den Globalisierungsgegnern geliefert werden?&#8220;<\/p>\n<p>Gleichfalls wird im Vorfeld der Wahl auch der BSV Ziel einer Attacke ((4)): &#8222;Ausgebildet f\u00fcr den Graswurzelkampf werden die &#8218;gewaltfreien Aktivisten&#8216; unter anderem vom &#8218;Bund f\u00fcr soziale Verteidigung e.V.&#8216; mit Sitz in Minden. Die Gruppe versteht sich als Teil der deutschen Friedensbewegung und leitet in aller Unschuld EU-Gelder an die Umst\u00fcrzler in Minsk weiter. Ihr binationales Trainingsprogramm &#8218;Zivilcourage f\u00fcr Menschenrechte&#8216; an diesem Wochenende wird von der deutschen Stiftung &#8218;Erinnerung, Verantwortung und Zukunft&#8216; mit einem f\u00fcnfstelligen Betrag gef\u00f6rdert.&#8220;<\/p>\n<p>In der Graswurzelrevolution Nr. 306 hat Thomas S. Eiselberg differenziert zu den Aktivit\u00e4ten verschiedener &#8222;gewaltfreier Revolution\u00e4re&#8220; in Osteuropa und Zentralasien Stellung genommen und betont, dass es sicherlich keine Graswurzel-Revolution ist, wenn diese sich darauf beschr\u00e4nkt, die politischen Herrschaftseliten nur auszuwechseln: &#8222;Gewaltfreie Aktion wird so vom gesellschaftlichen Ziel einer freiheitlich-sozialistischen Gesellschaftsordnung getrennt, f\u00fcr andere Zwecke (nationale Interessen) eingesetzt. Der Begriff der gewaltfreien Revolution kommt so auf den Hund.&#8220; Den Versuch der jW, libert\u00e4re Revolution\u00e4re (&#8222;Graswurzelkampf&#8220;) in einen Topf mit US-gesponserten Oppositionellen zu werfen, haben wir durch unsere eigenen Aussagen widerlegt.<\/p>\n<p>Wo die jW auf der einen Seite richtiger Weise die Medienmacht von z.B. Berlusconi kritisiert, dr\u00fcckt sie auf der Seite der osteurop\u00e4ischen Republiken beide Augen zu.<\/p>\n<p>Fakt ist, dass es in Belarus keine freien Medien gibt.<\/p>\n<p>Aber dies kann alles hinter einem weiteren, letztlich entscheidenden Aspekt zur\u00fccktreten, der geopolitischen Analyse. Sylvester 2005 ((5)) blickt Pirker auf das Jahr zur\u00fcck und stellt fest: &#8222;Strategisches Ziel aller bunten Revolutionen ist die Einnahme Moskaus.&#8220; Pirker analysiert die Entwicklungen in der Ukraine, Usbekistan, Georgien, Kirgisien und meint, dass der Griff nach Moskau durch die &#8222;weltmarktbeherrschenden Kr\u00e4fte&#8220; immer bedrohlicher werde. Von daher hat er volles Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Ma\u00dfnahme der russischen Administration, Nichtregierungsorganisationen unter beh\u00f6rdliche Aufsicht zu stellen. Nicht nur in den europ\u00e4ischen Ex-Ostblock-L\u00e4ndern sieht die jW etwas Positives, Sozialistisches. Die Ergebnisse des letzten Volkskongresses in China beschreibt Rainer Rupp ((6)) unter dem Titel: &#8222;Linksruck in China &#8230; Sozialistische Werte wiederentdeckt.&#8220;<\/p>\n<p>Es bedarf schon einer (un)geh\u00f6rigen Portion Wegschauens, um in der VR China heutzutage auch nur Ans\u00e4tze f\u00fcr sozialistische Werte zu entdecken. In einem Beitrag in der FR f\u00fchrt Karl Grobe ((7)) aus: &#8222;Eine s\u00fcdchinesische Tageszeitung rechnete dieser Tage aus, dass es in China derzeit 236.000 Dollar-Million\u00e4re gebe. Sie h\u00e4tte eine weitere Zahl hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnen: Diese Reichen verf\u00fcgen \u00fcber pers\u00f6nliche Einkommen, die fast tausendmal h\u00f6her sind als die der \u00e4rmsten zehn Prozent. Und erstmals seit 1979 nimmt die Zahl der absolut Armen wieder zu. Als arm gilt, wer weniger als 70 Euro verdient &#8211; im Jahr. Das sind derzeit 29 Millionen Chinesen.&#8220;<\/p>\n<p>Die jW lie\u00df im Januar 2006 ((8)) auch Herwig Lerouge, Mitglied des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Belgiens (PTB) und Leiter ihrer Forschungsabteilung, zu Wort kommen.<\/p>\n<p>Die PTB ist eines der letzten \u00dcberbleibsel der maoistischen Parteien in Westeuropa und hat 1989 folglich die blutige Niederschlagung auf dem Tienanmen-Platz in Peking in ihrer Zeitung &#8222;solidair&#8220; verteidigt.<\/p>\n<h3>Verharmlosung der Katastrophe von Tschernobyl<\/h3>\n<p>Genau drei Wochen vor dem 20. Tschernobyljahrestag ver\u00f6ffentlichte die jW auf ihrer Wissenschaft- &amp; Umweltseite den Artikel &#8222;Atomkraft? Ja, bitte&#8220;. Es war keine Satire. R\u00fcckw\u00e4rtsgewandte &#8222;Misanthropen und Fortschrittsmuffel&#8220; &#8211; &#8222;geistig gel\u00e4hmt&#8220; und argw\u00f6hnisch gegen\u00fcber den technologischen Errungenschaften der Menschheit &#8211; verk\u00fcmmerten diesem Artikel zufolge voll &#8222;Demut vor der Artenvielfalt&#8220; in einer &#8222;latenten Weltuntergangsstimmung&#8220; dahin, obwohl &#8222;in Deutschland noch kein einziger Mensch Opfer eines Reaktorunfalls wurde, sehr wohl aber beispielsweise allein 2005 vier Menschen bei der Explosion einer Biogasanlage starben&#8220;.<\/p>\n<p>In einem zweiten Artikel werden die verharmlosenden Tschernobyl-Opferzahlen der Atomkraft-Lobbyorganisationen IAEO mitsamt \u00e4hnlich lautenden Regierungserkl\u00e4rungen ernsthaft als seri\u00f6se Informationsquelle genannt. Dies ist eine unversch\u00e4mte Verh\u00f6hnung der Strahlenopfer. Auch wenn sp\u00e4ter anderslautende Berichte von atomkritischen Organisationen abgedruckt wurden, so ist festzuhalten, dass kein Aufschrei des Entsetzens \u00fcber diese Zumutung zu vernehmen war.<\/p>\n<p>Warum gingen diese beiden Artikel bei den LeserInnen der jW kommentarlos durch?<\/p>\n<p>Wurde eine ganze Seite Atompropaganda von ihnen einfach \u00fcbersehen? An einer un\u00fcberschaubaren Artikelf\u00fclle kann es nicht gelegen haben.<\/p>\n<p>Ist die bisherige atomkraftkritische Berichterstattung zum unverbindlichen, schm\u00fcckenden Beiwerk im linken Potpourri verkommen? Interessiert das Thema in der jW gerade mal ein gutes Dutzend atomkritischer \u00d6ffentlichkeitsarbeiterInnen?<\/p>\n<p>War unser angenommenes Interesse der jW-LeserInnenschaft an kritischer Berichterstattung \u00fcber Atomkraft nur eine Illusion? Denn diese diskutiert offensichtlich lieber seitenlang die Probleme der marxistisch-leninistischen Theorie und Praxis in allen Einzelheiten. Ist dann die jW noch der richtige Ort, atomkritische Gegen\u00f6ffentlichkeit herzustellen, wenn sowieso wurscht ist, was zu diesem Thema in dieser Zeitung steht? Eine potentielle Zielgruppe f\u00fcr aktivierbare AtomkraftgegnerInnen h\u00e4tte sich sicher anders verhalten.<\/p>\n<h3>&#8222;Anarchistische und syndikalistische Elemente&#8220;<\/h3>\n<p>Als Historiker und zugleich Chronist der Roten Hilfe e.V. wirft jW-Autor Nick Brauns 85 Jahre nach dem Niedermetzeln des libert\u00e4r-sozialistischen Kronstadter Matrosenaufstandes in der Sowjetunion einen Blick auf die damaligen Ereignisse. ((9)) Dabei kommt er zu dem eindeutigen Ergebnis, dass es f\u00fcr die Bolschewiki und die junge Sowjetrepublik keine Alternative zur gewaltsamen Beendigung des Aufbegehrens gegeben habe.<\/p>\n<p>Brauns versteigt sich zu folgender Analyse der sozialen Struktur des Aufstands: &#8222;Da der &#8211; von den Bolschewiki vorher als Artilleriefachmann eingesetzte &#8211; ehemalige zaristische General Koslowski auf Seiten der Aufst\u00e4ndischen aktiv war, hie\u00df es, hinter dem Aufstand st\u00fcnden die Wei\u00dfgardisten. In Wirklichkeit dominierten anarchistische und syndikalistische Elemente.&#8220;<\/p>\n<p>Auch heute noch Anarchisten und Syndikalisten abwertend als &#8222;Elemente&#8220; zu bezeichnen, deutet auf Lernunf\u00e4higkeit hin.<\/p>\n<p>Er pflichtet Trotzki bei, der in der Niederschlagung eine &#8222;tragische Notwendigkeit&#8220; gesehen hatte. Denn im Kern geht es um &#8222;die Beibehaltung und Straffung der politischen Macht der Bolschewiki&#8220; zu Ungunsten der freien R\u00e4te. Solche tragischen Notwendigkeiten sollte es in den folgenden Jahrzehnten noch viele geben. Wenn an ihnen von Nick Brauns und dem ihm nahestehenden politischen Lager beharrlich festgehalten wird, so wissen wir, was uns vielleicht eines Tages erwartet: &#8222;Sorry, da ihr Konterrevolution\u00e4re seid, m\u00fcssen wir euch leider alle umbringen!&#8220;<\/p>\n<p>Es ist gut, dass Brauns seine Rechtfertigung f\u00fcr die brutale Unterdr\u00fcckung anderer sozialistischer Str\u00f6mungen mit Bezug auf eine historische Situation noch einmal betont. Vielleicht hatten einige von uns die Illusion, dass eine Aufarbeitung der staatssozialistischen Periode und ein Umdenken in bestimmten marxistischen Gruppen stattgefunden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Aber wie vertr\u00e4gt sich die Haltung des vielschreibenden jW-Autors mit dem Anspruch der jW, eine &#8222;linkspluralististische&#8220; Zeitung zu sein, wo hier nachtr\u00e4glich die physische Ausl\u00f6schung eines Teils der linken Str\u00f6mungen gerechtfertigt wird?<\/p>\n<p>Fakt ist, dass angesichts eingeschr\u00e4nkter M\u00f6glichkeiten, in b\u00fcrgerlichen Medien zu Wort zu kommen, viele Libert\u00e4re (und B\u00fcrgerinitiativen) froh sind, auch mal einen Artikel in der jW unterbringen zu k\u00f6nnen, um das eigene Anliegen bekannt zu machen. Das ist einerseits verst\u00e4ndlich. Aber f\u00fchlen sie sich in diesem Umfeld gut aufgehoben?<\/p>\n<p>Die jetzige unbefriedigende Situation sollte zu verst\u00e4rkten \u00dcberlegungen f\u00fchren, wie eine st\u00e4rker libert\u00e4r ausgerichtete Presse mit h\u00f6heren Auflagenzahlen weiterentwickelt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die jW bietet einerseits einer bestimmten Str\u00f6mung des r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Staatssozialismus ein bevorzugtes Forum, andererseits schafft es die Zeitung aber auch, dar\u00fcber hinausgehende Kreise anzusprechen. Ob das in Zukunft so bleiben wird, ist eine spannende Frage. Die f\u00fcr uns wichtigere lautet aber anders: Wie entwickeln sich unsere libert\u00e4ren Medien weiter und was tun wir daf\u00fcr?<\/p>\n<p>strong<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die aktuellen Debatten um den Jahrestag des Reaktorunfalls in der Ukraine sind symptomatisch f\u00fcr die geistige L\u00e4hmung. 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