{"id":7582,"date":"2006-07-01T00:00:48","date_gmt":"2006-06-30T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7582"},"modified":"2022-07-26T14:14:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:58","slug":"gewaltfreier-widerstand-im-zweiten-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/07\/gewaltfreier-widerstand-im-zweiten-weltkrieg\/","title":{"rendered":"Gewaltfreier Widerstand im Zweiten Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<p>Viele PazifistInnen und AnarchistInnen in Deutschland haben sich vor allem in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg um eine eindeutige Antwort gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Eine Antwort, die jedoch vielfach zu h\u00f6ren war, lautete: Die nationalsozialistische Diktatur, die nach Rache f\u00fcr Versailles trachtete, den Krieg vom Zaun brach und den Genozid an J\u00fcdinnen und Juden, &#8222;Zigeunern&#8220;, PolInnen, RussInnen, Kranken, Behinderten und anderen organisierte, konnte wohl nur mit kriegerischer Gewalt besiegt werden.<\/p>\n<p>Die meisten Menschen, die heute in den sozialen Bewegungen aktiv sind, kennen den Krieg und die Nazi-Herrschaft nicht mehr aus eigener Erfahrung, und eine Auseinandersetzung mit den Fragen von Krieg, Unterdr\u00fcckung, Ausbeutung und totalit\u00e4rer Herrschaft geht eher in andere Richtungen.<\/p>\n<p>Kriegsdienstverweigerung, Desertieren und Sabotage von Deutschen gegen diesen Krieg wird heute vor allem in den sozialen Bewegungen als eine gerechte Sache angesehen.<\/p>\n<h3>Wie aber steht es mit solcher Art von Opposition und Widerstand in den L\u00e4ndern, die gegen Deutschland Krieg gef\u00fchrt haben?<\/h3>\n<p>Informationen dar\u00fcber gab es kaum in Nachkriegsdeutschland. Nur wenige Menschen in der Friedensbewegung hatten internationale Kontakte, und selbst wenn sie von Widerstand gegen Krieg in ehemaligen Feindl\u00e4ndern erfuhren, war ihre ganze Kraft doch auf Widerstand gegen Wiederbewaffnung, Wiederaufr\u00fcstung, Atombewaffnung, Wehrpflicht hier gerichtet. Au\u00dferdem waren Teile der Friedensbewegung von Menschen dominiert, die SympathisantInnen des Sowjetkommunismus waren und teilweise aus der DDR bezahlt wurden. F\u00fcr sie war klar, dass der Zweite Weltkrieg ein gerechter Krieg war.<\/p>\n<p>Erst im vergangenen Jahr wurde im Zusammenhang mit einer Rundreise von KDVern des Zweiten Weltkrieges aus den USA in Deutschland ein gewisses Ma\u00df an \u00d6ffentlichkeit geschaffen und Menschen mit diesem Widerstand vertraut gemacht. Der Vers\u00f6hnungsbund ver\u00f6ffentlichte mit Unterst\u00fctzung aus dem HerausgeberInnenkreis der Graswurzelrevolution ein Buch \u00fcber &#8222;Amerikanische und britische Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg&#8220;. ((1))<\/p>\n<p>Widerstand gegen den Krieg durch Kriegsdienstverweigerung, Desertieren, Untertauchen, Beschaffen von falschen Papieren und \u00e4hnliche Ma\u00dfnahmen gab es praktisch in allen L\u00e4ndern, die gegen Deutschland Krieg f\u00fchrten, so etwa in Polen, Russland, Skandinavien, Holland, Frankreich, USA und Gro\u00dfbritannien. Devi Prasad f\u00fchrt in seinem k\u00fcrzlich erschienen Buch ((2)) mehr als zwanzig L\u00e4nder auf.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitsarbeit und organisierte Opposition war allerdings nur in wenigen L\u00e4ndern m\u00f6glich. Prasad berichtet \u00fcber eine Situation in Frankreich von Marcel Pichon, Gr\u00fcnder der <em>Ligue Scolaire Internationale pour la Paix<\/em>, der 1940 ins Gef\u00e4ngnis gesteckt wurde. Er konnte vom Gef\u00e4ngnis aus dem B\u00fcro der War Resisters&#8216; International (WRI) in London Informationen \u00fcber sich und andere KDVer schicken, mit denen er Kontakt halten konnte. Pazifistische Organisationen und Publikationen waren in Frankreich im Krieg verboten. Dennoch konnten Kontakte vielfach aufrechterhalten werden. Viele KDVer hatten direkte Erfahrung aus dem Ersten Weltkrieg oder indirekt durch Vater oder andere Verwandte. Ihre Verweigerung gr\u00fcndete sich oft auf eine sehr pers\u00f6nliche Ablehnung der Schrecken des Krieges, der Menschenschl\u00e4chterei, die mit den Mitteln der modernen Kriegf\u00fchrung ein unterschiedsloses Morden von Frauen, Kindern und anderen am Krieg nicht Beteiligten bedeutete.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es viele Menschen, die neben pers\u00f6nlichen und moralischen Gr\u00fcnden ihre Opposition gegen den Krieg in \u00f6ffentlicher Propaganda in Zeitschriften und Brosch\u00fcren ver\u00f6ffentlichten. Dazu geh\u00f6rte die anarchistische Freedom-Gruppe in London. Sie ver\u00f6ffentlichte von 1936-1939 die zweiw\u00f6chentliche Zeitschrift <em>Spain and the World <\/em>und im Krieg die Zeitschrift <em>War Commentary<\/em>, die zun\u00e4chst monatlich, sp\u00e4ter zweiw\u00f6chentlich erschien. <em>War Commentary <\/em>konnte den ganzen Krieg hindurch ungehindert erscheinen. Erst am Ende des Krieges wurden die Redakteurin Marie-Louise Berneri und die Redakteure Vernon Richards, Philip Sansom und John Hewetson wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet und angeklagt. Zu weiteren MitarbeiterInnen dieser Gruppe z\u00e4hlten u.a. George Woodcock, Herbert Read and Alex Comfort.<\/p>\n<p>Vor Beginn des Krieges befassten sie sich in <em>Spain and the World<\/em> (Spanien und die Welt) mit den Ereignissen, die dem Krieg vorausgegangen waren. Als Hitler 1938 die &#8222;Sudetenkrise&#8220; inszenierte, erzeugte die kapitalistische Presse in Gro\u00dfbritannien eine Kriegsstimmung, in der der Eindruck entstand, dass der n\u00e4chste Krieg zur Verteidigung der tschechoslowakischen Demokratie gef\u00fchrt w\u00fcrde. Auch Konservative, die noch kurz vorher enthusiastische Artikel \u00fcber die Vorz\u00fcge und Errungenschaften des Faschismus in Deutschland und Italien geschrieben hatten, stimmten in diese Stimmungsmache ein.<\/p>\n<p>In <em>Spain and the World <\/em>wurde die Manipulation der \u00d6ffentlichkeit durch Heuchelei und L\u00fcgen angegriffen. Auf die halbherzigen Wirtschaftsma\u00dfnahmen gegen das faschistische Italien wurde hingewiesen, als es Abessinien (\u00c4thiopien) besetzte. Die Erfahrung mit Spanien war einer der entscheidenden Gr\u00fcnde, gegen den Krieg mit Nazi-Deutschland Stellung zu nehmen. Die &#8222;demokratischen&#8220; Staaten weigerten sich, das republikanische Spanien mit Waffen zu beliefern, und sie schauten tatenlos zu, als Nazi-Deutschland und das faschistische Italien aktiv in den Krieg gegen die republikanische Seite eingriffen. Sozialismus und Anarchismus waren der absolute Horror f\u00fcr die Herrschenden.<\/p>\n<p>Die Entwicklung dahin galt es zu verhindern.<\/p>\n<p>Hitler war f\u00fcr die demokratischen Regierungen akzeptabel, so lange er sich gegen den Kommunismus stellte. Schon fr\u00fch zog Churchill Deutschland, mit oder ohne Hitler, in seine Pl\u00e4ne als Bollwerk gegen das bolschewistische Russland ein. Mit dem Griff nach Lebensraum im Osten f\u00fcr Deutschland hatten die demokratischen L\u00e4nder keine Probleme. Die demokratischen Staaten belieferten Hitler mit Waffen und Rohstoffen. Frankreich lieferte Eisen aus den Gruben Lothringens.<\/p>\n<p>Erst als Hitler nach Kolonien und Erd\u00f6l trachtete, die im Besitz der demokratischen Staaten waren, wurde Nazi-Deutschland f\u00fcr sie ein Problem. Damit war klar, dass der Krieg ein Krieg zwischen zwei kapitalistischen Klassen sein w\u00fcrde, in dem die ArbeiterInnen sowohl der faschistischen wie der demokratischen L\u00e4nder zum Kanonenfutter der Kapitalisten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>1938 ver\u00f6ffentlichte die Freedom-Gruppe in <em>Spain and the World <\/em>ein Editorial an die Arbeiter, sich nicht f\u00fcr ein Massaker an deutschen Arbeitern missbrauchen zu lassen, sondern sich gegen den Kapitalismus zu wenden.<\/p>\n<p>In der gleichen Ausgabe ver\u00f6ffentlichten sie <em>A Manifesto by Coloured Workers<\/em> (<em>ein Manifest von farbigen Arbeitern<\/em>) an Afrikaner und Menschen afrikanischer Abstammung und die kolonialen V\u00f6lker in aller Welt. Daraus ein paar S\u00e4tze:<\/p>\n<p>&#8222;Unsere Herrscher wollen uns Glauben machen, da\u00df dieser Krieg gef\u00fchrt werden soll, um die Tschechoslowakei vor Hitler zu retten. <em>Dies ist eine L\u00fcge<\/em>. In Wirklichkeit geht es darum, Hitler daran zu hindern, Europa zu \u00fcberrennen und ihre Kolonien zu stehlen. Wir brandmarken die ganze Gang europ\u00e4ischer R\u00e4uber und Sklavenhalter der kolonialen V\u00f6lker. Deutsche Nazis, italienische Faschisten, britische, franz\u00f6sische, belgische Demokratien sind alle gleich: IMPERIALISTISCHE AUSBEUTER. Wir beklagen den Krieg und das Elend, das er verursacht. Europas Schwierigkeiten sind Afrikas Chance.<\/p>\n<p>Schwarze &#8211; wo auch immer und unter welcher Flagge &#8211; in Krieg wie in Frieden kennen nur ein Ziel: UNABH\u00c4NGIGKEIT.<\/p>\n<p>La\u00dft euch nicht von den L\u00fcgen und Versprechungen der Imperialisten einfangen. Organisiert euch und nutzt die Chance, wenn sie kommt.&#8220;<\/p>\n<p>Die kleine anarchistische Bewegung Britanniens war geeint in ihrer Opposition gegen den Krieg, mit Ausnahme der spanischen GenossInnen, die jetzt im Exil lebten. Diese meinten, dass der Sieg \u00fcber Hitler und Mussolini auch unweigerlich das Ende Francos herbeif\u00fchren w\u00fcrde. Sie konnten zwar viel \u00fcber die spanische Revolution erz\u00e4hlen, waren aber &#8222;ziemlich naiv in Sachen Weltpolitik&#8220;, meinte die Freedom-Gruppe und sagte, dass die &#8222;Demokratien&#8220; lieber ein faschistisches Spanien h\u00e4tten als eine abermalige Revolution.<\/p>\n<p>Britannien hatte im Krieg faschistoide Tendenzen. Alle mussten einen Personalausweis haben; Nahrungsmittel und alle Waren waren rationiert. Alle M\u00e4nner und Frauen waren zu Zwangsdienst verpflichtet &#8211; milit\u00e4risch oder zivil. Dennoch gelang es vielen, in einer Art Untergrund zu \u00fcberleben, was in einem wirklich faschistischen Staat viel schwerer gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Vorteil f\u00fcr diejenigen, die bereit waren, offen Propaganda gegen den Krieg zu machen, bestand darin, dass ein relativ gro\u00dfes Ma\u00df an &#8222;freier&#8220; Rede und &#8222;freier&#8220; Publikation &#8222;gew\u00e4hrt&#8220; wurde. Die Gr\u00fcnde lagen darin, dass Britannien eine &#8222;Demokratie&#8220; war, und als die USA sich in Folge des japanischen Angriffs auf Pearl Harbour am Krieg beteiligten, entdeckten Churchill und Roosevelt &#8222;Freiheit&#8220; als Kriegsziel. In den USA und Britannien gab es traditionell Pressefreiheit, die von der kapitalistischen Presse eifrig verteidigt wurde, sie beschr\u00e4nkte sich jedoch freiwillig im Interesse des Nationalstaates. Die Erfahrung im Ersten Weltkrieg lehrte die britische Regierung, dass Unterdr\u00fcckung den Aufwand nicht lohnt und dass es viel einfacher ist, die kleinen revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte offen gew\u00e4hren zu lassen. Dadurch konnte die Regierung leichter einen \u00dcberblick behalten und diese eher unter Kontrolle halten, als wenn sie im Untergrund operiert h\u00e4tten.<\/p>\n<h3>F\u00fcr die soziale Revolution, gegen Kapitalismus und Staat<\/h3>\n<p>Die revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte hatten keine Mittel, um die Sicherheit des Staates ernsthaft zu gef\u00e4hrden. Sie waren zwar Revolution\u00e4rinnen und Revolution\u00e4re, aber keine Verr\u00e4terInnen. Sie hatten zwar kein Interesse, dem Feind zu helfen. Sie wollten aber nicht f\u00fcr Churchill und das Britische Empire k\u00e4mpfen. (Britannien beherrschte Indien, die Karibik, Afrika, Asien &#8230;) Sie wollten auch nicht, dass Hitler den Krieg gewinnt.<\/p>\n<p>Sie wollten das, was anarchistische GenossInnen in Deutschland, Italien, Frankreich, Amerika, Japan und Russland f\u00fcr die Menschen in ihren L\u00e4ndern auch wollten:<\/p>\n<p>Sie wollten eine soziale Revolution und eine soziale Ordnung schaffen, in der der Kapitalismus mit all seiner Gewalt nach innen und au\u00dfen, ohne die er nicht existieren kann und die sich f\u00fcr AnarchistInnen im Staat manifestiert, weggefegt und durch eine wirklich freie Gesellschaft ersetzt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Am Ende eines Krieges und in den Jahren danach gibt es oft gesellschaftlich und politisch ungewisse Situationen. Am Ende des Ersten Weltkrieges gab es revolution\u00e4re Aufst\u00e4nde nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland und Italien. In Britannien gab es in den 1920er Jahren erbitterte Klassenk\u00e4mpfe und den Generalstreik, in den 1930ern das Gleiche in Frankreich und die Anf\u00e4nge der chinesischen Revolution. Ver\u00e4nderung und Zusammenbruch lagen am Ende des Krieges in der Luft.<\/p>\n<p>Die Revolution\u00e4rinnen und Revolution\u00e4re in Britannien waren nicht die Einzigen, die das sahen. Die Regierung sah das auch klar und war in der Lage, entsprechend zu handeln &#8211; besser als die ArbeiterInnenklasse. Das Ende eines Krieges ist immer eine gef\u00e4hrliche Zeit f\u00fcr eine Regierung. Millionen von Soldaten<em> <\/em>haben verzweifelte Taten begangen, alle haben Grausames und Schreckliches mit angesehen, und sie haben keine Bedenken, mit ihren Vorgesetzten und Herrschenden in gleicher Weise zu verfahren. Es ist sehr schwer, das Verschieben von Waffen und Ausr\u00fcstungen zwischen L\u00e4ndern und innerhalb eines Landes zu verhindern, wenn eine Armee nach Hause zur\u00fcckkehrt. Sie ist eine potentielle Gefahr f\u00fcr die herrschende Klasse, vor allem wenn revolution\u00e4re Gruppen mitten in der Armee sind. Im Zweiten Weltkrieg gab es zwei Beispiele daf\u00fcr, wie Krieg f\u00fchrende Regierungen verfahren, um revolution\u00e4re Erhebungen zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>1943 erhoben sich viele Menschen in Italien und vertrieben das Mussolini-Regime. Offensichtlich geschah dies nicht zur Freude der britischen Regierung, denn die britische Luftwaffe lie\u00df hoch explosive Bombenteppiche auf die ArbeiterInnenviertel von Turin, Mailand und Genua niederregnen und bombte die Bev\u00f6lkerung in die Unterwerfung zur\u00fcck. Als die ItalienerInnen noch dabei waren, ihre Toten zu z\u00e4hlen und ihre unversehrt gebliebenen Habseligkeiten zusammenzuklauben, kamen die Deutschen, kassierten die demoralisierte italienische Armee und auch die Revolution\u00e4rinnen und Revolution\u00e4re (die nach 20 Jahren faschistischer Herrschaft wieder aus dem Untergrund aufgetaucht waren) und stellten &#8222;Recht und Ordnung&#8220; wieder her.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter spielten die Russen ein \u00e4hnliches Spiel in Polen. Sie stoppten ihren schnellen Vorsto\u00df auf Warschau, als sie sahen, dass die polnischen Widerstandsk\u00e4mpfer aus ihren Kellern kamen und die im R\u00fcckzug begriffene deutsche Armee angriffen. Als die Deutschen den Vormarsch der Russen zum Halt kommen sahen, stoppten sie ihren R\u00fcckzug, machten Warschau dem Erdboden gleich und vernichteten die Widerstandsk\u00e4mpfer. Erst dann setzten die Russen ihren Vormarsch fort.<\/p>\n<p>Die polnische Exilregierung in London hatte auch ihren Anteil an dieser Trag\u00f6die. Sie hatte gehofft, dass polnische Kr\u00e4fte Warschau kontrollieren w\u00fcrden, bevor die Russen da waren, und sandte Anweisungen an den polnischen Untergrund, entsprechend vorzugehen.<\/p>\n<p>Auf solche Art arbeiteten eigentlich sich feindlich gegen\u00fcber stehende Regierungen Hand in Hand, um Erhebungen der Bev\u00f6lkerung, die in revolution\u00e4re Entwicklungen h\u00e4tten einm\u00fcnden k\u00f6nnen, im Keim zu ersticken.<\/p>\n<p>Gegen Ende des Krieges begann die britische ArbeiterInnenklasse, ihre Zusammenarbeit mit ihrer herrschenden Klasse aufzugeben. Im Herbst 1944 begannen die Bergarbeiter in Kent einen Streik, die britischen Arbeiter sahen das baldige Ende des Krieges kommen und waren entschlossen, nicht wieder in Arbeitslosigkeit, Armut und Elend zur\u00fcckzufallen wie in den 30er Jahren.<\/p>\n<p>Sechs Monate, bevor die Freedom-Gruppe verhaftet wurde, gab es bei den Trotzkisten Hausdurchsuchungen, und vier ihrer F\u00fchrer wurden wegen Anstiftung zum Streik verhaftet. Streik wurde in Kriegszeiten unter keinen Umst\u00e4nden geduldet.<\/p>\n<p>Anlass f\u00fcr die Verhaftung der Freedom-Gruppe war, dass unter den Abonnenten von <em>War Commentary <\/em>Soldaten waren.<\/p>\n<p>Unter ihnen war Colin Ward, der f\u00fcr die Staatsanwaltschaft als Zeuge vorgeladen wurde, um den Anklagepunkt der Wehrkraftzersetzung zu bezeugen.<\/p>\n<p>Colin wurde sp\u00e4ter einer der kreativsten Mitarbeiter von Freedom Press. Die Soldaten sahen, als Warschau gefallen war und die US-Amerikaner Paris eingenommen hatten, dass der Krieg praktisch f\u00fcr die Alliierten gewonnen war. Die K\u00e4mpfe gingen jedoch weiter, weil Churchill auf der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen bestand, die dazu nicht bereit waren. Viele britische Soldaten sahen nicht ein, warum sie jetzt noch f\u00fcr die Interessen der herrschenden Klasse ihr Leben aufs Spiel setzen sollten.<\/p>\n<p>Dies fand die Freedom-Gruppe heraus, als sie ins Gef\u00e4ngnis kamen. Die Zellen waren nicht \u00fcberf\u00fcllt mit Kriminellen von der Heimatfront, sondern mit Soldaten, die von Milit\u00e4rgerichten wegen Desertieren in Frankreich, Italien und Deutschland verurteilt waren. Wie kann ein Deserteur in einem fremden Land \u00fcberleben? Er hat eine Waffe und hat gelernt, damit umzugehen. Also benutzte er sie, er benutze sie zu bewaffnetem \u00dcberfall, er verkaufte Waffen und andere G\u00fcter, die der Regierung geh\u00f6rten. Haarstr\u00e4ubende Geschichten h\u00f6rte die Freedom-Gruppe von Schwarzmarkt, dem Verkauf ganzer Lastwagen voll Material, Lebensmittel, Benzin, \u00d6l, alles, was knapp oder \u00fcberhaupt nicht mehr vorhanden war in den L\u00e4ndern, die die Soldaten &#8222;befreit&#8220; hatten. Die Soldaten wurden bei dieser Selbstbefreiung schlie\u00dflich von der Milit\u00e4rpolizei erwischt. Sie wurden zu unglaublichen Gef\u00e4ngnisstrafen von 10, 15, 25, 30 Jahren verurteilt und nach England zur\u00fcckgeschickt, um die Strafe abzusitzen. Die Freedom-Gruppe h\u00f6rte Geschichten von Massendesertierungen. Ein Mann der 8. Armee erz\u00e4hlte, dass von seiner Einheit 80 % der Soldaten desertiert waren, in der Zeit, in der sie vom Stiefel Italiens bis zum \u00e4u\u00dfersten Norden vorgedrungen waren. Der Rest nahm an einem Siegesmarsch der PartisanInnen Titos in Triest teil, um zu zeigen, wo ihre politischen Sympathien lagen.<\/p>\n<p>Zwei bis drei Mal pro Woche kamen Gruppen von 20 bis 30 Gefangenen in den Londoner Gef\u00e4ngnissen an. Von dort wurden sie auf die Gef\u00e4ngnisse im Land, in die N\u00e4he ihrer Heimatorte, verteilt. Die Gefangenen wurden trotz der hohen Strafen oft schon nach einigen Monaten unehrenhaft aus der Armee entlassen, denn in den Gef\u00e4ngnissen war einfach kein Platz. Niemand im Lande wusste von diesen Vorg\u00e4ngen, au\u00dfer vielleicht den Angeh\u00f6rigen der Gefangenen, und die schwiegen &#8211; nat\u00fcrlich gab es auch noch die Zensur daf\u00fcr. Auch die Freedom-Gruppe, die Kontakte in die Armee innerhalb Englands hatte, wusste \u00fcber diese Vorg\u00e4nge im Ausland nichts, bevor sie ins Gef\u00e4ngnis kam.<\/p>\n<p>Es gab keine Abneigungen und Animosit\u00e4ten zwischen den Soldaten der k\u00e4mpfenden Truppe und den KDVern der Freedom-Gruppe im Gef\u00e4ngnis. Die Soldaten hatten das Leiden und die Zerst\u00f6rung gesehen, sie hatten mit den Menschen in Italien gesprochen und gesehen, dass diese keine faschistischen Bestien waren. Sie hatten wahrgenommen, dass die deutschen ArbeiterInnen in ihren Fabriken und H\u00e4usern ums \u00dcberleben k\u00e4mpften, und gesehen, dass sie nicht alle Nazimonster waren, sondern auch Opfer ihres irrsinnigen Regimes und \u00e4hnlich wie die Soldaten selbst gefangen in wahnsinnigen und komplizierten Fallen des herrschenden Systems. Also liefen die britischen Soldaten einfach weg von Armee und Krieg. Sie waren kriegsm\u00fcde, entsetzt und voller Abscheu vor dem Erlebten.<\/p>\n<p>Die Freedom-Gruppe &#8211; und andere Anti-Kriegsgruppen &#8211; hatten jedoch keinen Anteil an diesen Aktionen der Soldaten. Ihre Verhaftung und Verurteilung bedeutete, dass die Regierung einen S\u00fcndenbock suchte und eine potentielle Zusammenarbeit von revolution\u00e4ren Gruppen und den kriegsm\u00fcden Soldaten verhindern wollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele PazifistInnen und AnarchistInnen in Deutschland haben sich vor allem in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg um eine eindeutige Antwort gedr\u00fcckt. 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