{"id":7585,"date":"2006-07-01T00:00:19","date_gmt":"2006-06-30T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7585"},"modified":"2022-07-26T14:24:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:24","slug":"barcelona-70-jahre-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/07\/barcelona-70-jahre-danach\/","title":{"rendered":"Barcelona, 70 Jahre &#8222;danach&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Wie das mit festen Vors\u00e4tzen so ist: Mitten auf den Ramblas laufe ich einem anarchistischen Ausrufer in die Arme, der lauthals Nostalgie anpreist: &#8222;<em>Se\u00f1oras y Se\u00f1ores<\/em>, kommen Sie, hier finden Sie das romantische Barcelona von fr\u00fcher!&#8220; Auf beiden Seiten B\u00fcchertische der <em>Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo<\/em> mit Anarchokappen, CNT-Feuerzeugen, Stickern und Che Guevara-T-Shirts, dazwischen Zeitungen, Reprints von Postern und B\u00fcchern \u00fcber die spanische Revolution von 1936. Der Stand wird belagert von jugendlichen Touris, die sich eindecken; die Ramblas sind heutzutage Barcelonas folkloristische Flaniermeile. Die beiden Tische sind strategisch gut postiert, direkt am Eingang zur Plaza Real, kaum jemand kommt ungeschoren durch.<\/p>\n<h3>Die gute und die b\u00f6se CNT<\/h3>\n<p>Noch gestern h\u00e4tte mich diese Cleverness gefreut, wenn ich nicht mittlerweile w\u00fcsste, dass hinter jedem Tisch eine <em>andere<\/em> CNT steht, zum Verwechseln \u00e4hnlich, aber heillos untereinander zerstritten. Sogar ihre Zeitungen f\u00fchren den selben Namen: <em>Solidaridad Obrera<\/em> &#8211; vor langer Zeit ein Massenblatt und eines der wichtigsten Organe im libert\u00e4ren Spanien.<\/p>\n<p>Zu einer Zeit, als die anarchistische Gewerkschaft noch Millionen Mitglieder z\u00e4hlte und st\u00e4rkste soziale Kraft Spaniens war &#8230;<\/p>\n<p>Mein erster Weg hatte mich nat\u00fcrlich schon vor Tagen zum Sitz der CNT an der malerischen <em>Plaza Medinacelli<\/em> gef\u00fchrt, den ich seit den 70er Jahren als einen quirligen Ort lebendiger libert\u00e4rer Aktion kannte. Aber die \u00d6ffnungszeiten waren auf werktags 19 Uhr reduziert, und selbst da stand ich vor verschlossener T\u00fcr. Es war nicht leicht, schlie\u00dflich per Telefon einen Interviewtermin zu bekommen, aber letztlich wurde ich als FAU-Mitglied doch noch freundlich empfangen &#8211; samt meinem Empfehlungsschreiben.<\/p>\n<p>Als erstes beging ich einen <em>faux-pas<\/em>. Ich gratulierte den Genossen zu ihrem neuen B\u00fcro in der <em>Calle Joaqu\u00edn Costa<\/em> und dem schicken Buchladen, die ich zuf\u00e4llig in der Altstadt entdeckt (und ebenfalls verschlossen vorgefunden) hatte. Betretene Gesichter. &#8222;Das ist gar keine CNT, das sind Usurpatoren, die von uns l\u00e4ngst ausgeschlossen sind.&#8220;<\/p>\n<p>So erfuhr ich von der CNT <em>desfederada<\/em> und einem internen Konflikt, der sich vor \u00fcber 10 Jahren zutrug und bis heute zu dem ebenso paradoxen wie fatalen Zustand f\u00fchrt, dass in ganz Katalonien zwei konkurrierende, wenn nicht gar verfeindete CNTs in der \u00d6ffentlichkeit unter identischen Namen, Fahnen und Zeitungen auftreten und so das h\u00e4ssliche Bild von Zerrissenheit und Bruderkampf bieten. Deren \u00fcberaus komplizierte Ursachen kann kein normaler Mensch so recht nachvollziehen. Mittlerweile interessieren sie auch kaum noch jemand anderes als die Beteiligten. Das politische Barcelona lacht dar\u00fcber oder zuckt die Schultern.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich blieb diese Spaltung in den Interviews mit den CNT-Vertretern beider Richtungen das beherrschende Thema. So sehr ich mich auch bem\u00fchte, das Gespr\u00e4ch auf den gemeinsamen libert\u00e4ren Diskurs, auf aktuelle K\u00e4mpfe oder zeitgem\u00e4\u00dfe anarchosyndikalistische Strategien zu lenken, die Leidenschaft obsiegte. Denn in dieser verworrenen Story aus pers\u00f6nlichen Animosit\u00e4ten, Machtk\u00e4mpfen zwischen Basisgruppen und &#8222;Apparat&#8220; sowie 148 Millionen Peseten, die 1992 als staatliche Entsch\u00e4digung flossen, hat nat\u00fcrlich jede Seite Recht. Besonders aber die CNT von der Plaza Medinacelli, denn die wei\u00df die AIT und die FAI ((1)) hinter sich und versteht sich daher &#8222;nach Aktenlage&#8220; als die einzig &#8222;echte&#8220;, als &#8222;CNT <em>aut\u00e9ntica<\/em>&#8222;.<\/p>\n<h3>Gewerkschaft in der Klemme<\/h3>\n<p>Zum Gl\u00fcck wurden die Gespr\u00e4che dann doch noch sachlich &#8211; und auch informativ, wenngleich nat\u00fcrlich stets aus dem jeweiligen Blickwinkel und entsprechend widerspr\u00fcchlich.<\/p>\n<p>Die CNT <em>aut\u00e9ntica<\/em> betont, dass sie in letzter Zeit in ganz Spanien wieder vermehrt in der Arbeiterschaft Fu\u00df gefasst hat und zunehmend in Arbeitsk\u00e4mpfen agiert.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erlebe ich live die fieberhaften Vorbereitungen f\u00fcr den morgigen Aktionstag: Im Auslieferungslager der Supermarktkette <em>Mercadona<\/em> sind CNT-Mitglieder entlassen worden, worauf der Streik ausgerufen wurde. Auf diese Aktion fokussiert sich derzeit die Aktivit\u00e4t, ist hier doch eine der wenigen aktiven Betriebsgruppen vital bedroht, die die CNT noch hat. Wenngleich mein Interviewpartner von der <em>CNT desfederada<\/em> darauf hinweist, dass die \u00fcberwiegend aus Lateinamerika stammenden und als Billigarbeitskr\u00e4fte brutal ausgebeuteten <em>CNTistas<\/em> ihren Kampf im Grunde schon aufgegeben haben und eigentlich nur noch f\u00fcr eine ordentliche Abfindung k\u00e4mpfen, mobilisiert die CNT mit bewundernswertem Eifer und Elan alle ihre Kr\u00e4fte. Sie versteht diesen Kampf auch als ein St\u00fcck praktischer Solidarit\u00e4t mit den zahllosen ausgebeuteten Randgruppen: ImmigrantInnen, Billiglohnsklaven, Arbeitslose.<\/p>\n<p>Allerdings sind diese Kr\u00e4fte begrenzt. Denn was die Verankerung in der spanischen Arbeiterschaft und die &#8222;klassische&#8220; Rolle angeht, die die anarchosyndikalistische CNT als relativ starke <em>Gewerkschaft<\/em> noch vor wenigen Jahren spielte, sieht es eher mager aus. Die Organisation z\u00e4hlt &#8211; je nach Lesart &#8211; in Barcelona noch zwischen 300 und 600 Mitglieder, die verstreut in den verschiedensten Berufen arbeiten oder kleine Betriebsgruppen unterhalten, die jedoch kaum offen auftreten k\u00f6nnen. Nach \u00fcbereinstimmender Auskunft hat die CNT hier keine einzige funktionierende Branchengewerkschaft mehr und ihre <em>secciones sindicales<\/em> wieder auf die <em>oficios varios<\/em> reduziert, die &#8222;Vereinigung aller Berufe&#8220;, wie sie auch in der FAU die Regel ist. Mit einer ganz frischen Ausnahme, auf die <em>Eduardo Rodrigo<\/em>, einer meiner Interviewpartner der <em>CNT aut\u00e9ntica<\/em> stolz verweist: die \u00fcber 20 Mitglieder starke Gewerkschaftssektion &#8211; der Arch\u00e4ologen&#8230;<\/p>\n<p>Findet die CNT vielleicht als Gewerkschaft der Randgruppen zu neuer St\u00e4rke und Identit\u00e4t? Ja, meint Eduardo, gerade hier genie\u00dfe sie einen guten Ruf und habe regen Zulauf.<\/p>\n<p><em>Ignacio Lamata<\/em>, der mich bei den <em>desfederados<\/em> empf\u00e4ngt, sch\u00e4tzt die Situation n\u00fcchterner ein. Er ist ein alter Hase und seit Jahrzehnten in der Bewegung. Nat\u00fcrlich ist er mit den \u00fcberwiegend &#8222;sehr jungen Leuten&#8220;, die bei den <em>aut\u00e9nticos<\/em> erstaunlicherweise den Ton angeben, solidarisch &#8211; aber er sieht auch, dass sie mit viel Elan auf verlorenem Posten k\u00e4mpfen. Er zieht eine d\u00fcstere Bilanz der letzten 20 Jahre. Eine Zeitspanne, in der die CNT, die in Barcelona in manchen Branchen sogar Mehrheitsgewerkschaft und tonangebende politische Kraft war, fast in die Bedeutungslosigkeit zur\u00fcckgefallen ist. Es sei einfach besch\u00e4mend, wenn in Barcelona am 1. Mai ganze 50 CNT-Leute auf die Demonstration k\u00e4men, wettert er. Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sieht auch er in den verh\u00e4ngnisvollen Spaltungen (die beschriebene war nicht die einzige), aber auch in gewissen Verkrustungen der CNT. Sie sei noch immer zu sehr r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt und lie\u00dfe sich von den Apparatschiks der FAI viel zu sehr zu dogmatischem Purismus dr\u00e4ngen. Zum Beispiel auch in der kontrovers diskutierten Frage, ob eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft an Betriebsratswahlen teilnehmen und Tarifvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen d\u00fcrfe. Zwar legt er Wert auf die Feststellung, dass er in dieser Frage keineswegs mit der CGT \u00fcbereinstimme, aber er fordert, dass dies in bestimmten F\u00e4llen auch f\u00fcr die CNT eine Option sein m\u00fcsse. Wie sonst, so fragt er, solle man denn die Arbeiterschaft erreichen?<\/p>\n<p>Und wenn sie nicht erreicht und von unseren libert\u00e4ren Alternativen \u00fcberzeugt w\u00fcrden, so f\u00fcrchtet er, k\u00f6nnte die n\u00e4chste gro\u00dfe Krise geradewegs zu einem neuen Faschismus f\u00fchren.<\/p>\n<h3>Und noch ne Spaltung &#8230;<\/h3>\n<p>Die CGT, von der Ignacio sich so vorsichtig distanzierte, ist die dritte anarchosyndikalistische Gewerkschaft, die ich in Barcelona besuche. Sie ist zugleich die st\u00e4rkste &#8211; nicht nur hier, sondern in ganz Spanien. Ihre Abspaltung ist schon \u00fcber ein Vierteljahrhundert her, aber die Narben sind auch hier noch nicht geheilt. Ich erinnere mich noch gut an den fatalen 5. Kongress der CNT, wo ich 1979 als junger Delegierter fassungslos mit erleben musste, wie Genossen mit dem Messer aufeinander losgingen.<\/p>\n<p>Als 40 Jahre nach der Revolution der greise Diktator Franco starb und die CNT wieder erstarkte, war der Unterschied zwischen Traditionalisten und Erneuerern un\u00fcberbr\u00fcckbar geworden. Die <em>tradicionalistas<\/em> wollten an die anarchosyndikalistischen Programme der 30er Jahre nahtlos ankn\u00fcpfen, die <em>renovadores<\/em> forderten eine offene Debatte f\u00fcr eine Neubestimmung in den ver\u00e4nderten Realit\u00e4ten. Auch hier waren Betriebsratswahlen und Tarifvertr\u00e4ge das gro\u00dfe Reizthema: anarchistischer S\u00fcndenfall f\u00fcr die einen, m\u00f6gliche Option als pragmatisches Werkzeug f\u00fcr die anderen. Die Diskussion zog sich \u00fcber Jahre hin, generierte regelrechte Schlammschlachten, h\u00e4ssliche Kleinkriege und eine endlose Prozessiererei um &#8222;anarchistische Markenrechte&#8220;, denn die Frage, wer den historischen Namen CNT f\u00fchren d\u00fcrfte, war zum zentralen Streitpunkt mutiert. Derweil lief dem Anarchosyndikalismus die Arbeiterschaft davon.<\/p>\n<p>Dem machten die Erneuerer schlie\u00dflich ein Ende, besannen sich auf den alten Namen <em>Confederaci\u00f3n General del Trabajo<\/em>, der schon 1910 bei der CNT-Gr\u00fcndung zur Debatte gestanden hatte, und segeln seit 1989 ebenfalls unter der schwarzroten Fahne, aber als CGT, ihren eigenen Kurs. Hartn\u00e4ckig haftet ihnen in anarchistischen Kreisen der Ruf an, &#8222;reformistisch&#8220; zu sein und mit dem Staat und den Unternehmern zu paktieren. Sie h\u00e4tten bezahlte Funktion\u00e4re, seien von Marxisten, Trotzkisten und Bourgeois unterwandert und selbstverst\u00e4ndlich keine Anarchosyndikalisten, geschweige denn Anarchisten. Erst kurz vor meiner Abreise wurde in einem AIT-Zirkular eindringlich vor diesen marxistischen &#8222;Elementen&#8220; gewarnt, die den anarchosyndikalistischen Namen missbr\u00e4uchten und eine arbeiterfeindliche Politik betrieben. In manchen Anarchokreisen gilt es geradezu als unanst\u00e4ndig, auch nur Kontakt zur CGT zu haben; in der AIT gar als Ausschlussgrund.<\/p>\n<h3>Gewerkschaft im Aufwind<\/h3>\n<p>Als ich das CGT-B\u00fcro in der <em>Via Layetana<\/em> (ex <em>Via Durruti<\/em>) aufsuche, glaube ich zun\u00e4chst, ich h\u00e4tte mich in der Adresse geirrt: ein gro\u00dfes B\u00fcrohochhaus aus den 50ern, ein freundlicher Pf\u00f6rtner am Empfang im Foyer, \u00fcberall schwarzrote Wegweiser zu allen m\u00f6glichen Gewerkschaftssektionen, Veranstaltungs- und Sozialr\u00e4umen, Rechtshilfeb\u00fcro, Schulungszentrum, Bar &#8230; So etwas war mir in fast 40 Jahren Anarchodasein noch nicht begegnet; fast automatisch kommen Skepsis und Misstrauen hoch: Das sieht ja aus wie in einer &#8222;richtigen&#8220; Gewerkschaft &#8211; hat sich die CGT also doch vom System &#8222;kaufen&#8220; lassen?!<\/p>\n<p>Am Telefon hatte man mir gesagt, der Auslandssekret\u00e4r w\u00fcrde mich erwarten &#8211; und das war dann die zweite \u00dcberraschung: Mir kommt ein alter Bekannter entgegen, <em>Angel Bosqued<\/em>, Anarchoaktivist seit den 70ern, der uns vor vielen Jahren in Deutschland besucht hatte, als wir das &#8222;Projekt A&#8220; aus der Taufe hoben &#8230;<\/p>\n<p>Mit ihm kann ich ja offen reden, also bringe ich sogleich meine Skepsis an den Mann. Angel lacht und kl\u00e4rt mich auf: Das Hochhaus geh\u00f6rte einer Abteilung der alten faschistischen Franco-Gewerkschaft, wurde vor Jahren besetzt, und die CGT hat sich inzwischen ein Bleiberecht erk\u00e4mpft. Als anarchosyndikalistische Organisation lehnt die CGT das Berufsfunktion\u00e4rstum ab; die meisten Funktionstr\u00e4gerInnen seien als Betriebsratsmitglieder freigestellt und w\u00fcrden vom Arbeitgeber bezahlt, er selbst zum Beispiel vom deutschen Versicherungsmulti Allianz. Die Statuten erlaubten nur bed\u00fcrftigen Genossinnen und Genossen ein geringes Sal\u00e4r, etwa im Sekretariat sehr gro\u00dfer Ortsf\u00f6derationen; in Barcelona werden der Portier und zwei Reinigungskr\u00e4fte bezahlt, die vorher arbeitslos waren. Auch die Annahme staatlicher F\u00f6rdergelder, etwa f\u00fcr Bildungsarbeit, ist strikt geregelt: Die Statuten verbieten die Annahme \u00f6ffentlicher Gelder f\u00fcr alle grundlegenden Strukturen der CGT; nur Subventionen f\u00fcr punktuelle Projekte sind erlaubt: maximal 10 % des Etats. Aber selbst das wird nicht gerne gesehen.<\/p>\n<p>Die finanzielle Basis der CGT sind die Beitr\u00e4ge ihrer Mitglieder. Und das sind in Barcelona 5.000, in Katalonien 10.000, in Spanien 60.000. Wobei nur diejenigen gez\u00e4hlt sind, die ihre Beitr\u00e4ge gezahlt haben. Die Gewerkschaft ist in allen relevanten Branchen fest verankert, mit Ausnahme von Bauindustrie und Landwirtschaft. In einigen Unternehmen ist sie Mehrheitsgewerkschaft, in der Regel aber nach <em>UGT<\/em> (sozialdemokratisch) <em>und Comisiones Obreras<\/em> (kommunistisch) die dritte Kraft: bei den Arbeiterinnen und Arbeitern respektiert, weil sie hart verhandelt, k\u00e4mpferisch agiert und entsprechend viel &#8222;herausholt&#8220; &#8211; bei Staat und Unternehmern als &#8222;verbohrt&#8220;, &#8222;militant&#8220;, &#8222;unversch\u00e4mt&#8220; und &#8222;Utopisten&#8220; verschrien.<\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit verfolgt die K\u00e4mpfe der CGT aufmerksam, Staat und Wirtschaft mit Argwohn, denn sie bringt gef\u00e4hrlich-radikale Positionen bis hin zum Steuerboykott ins Spiel und mischt in wichtigen Schl\u00fcsselindustrien mit: Post, Bahn, Banken und gro\u00dfe Metallbetriebe wie die zum VW-Konzern geh\u00f6rige SEAT. Dort haben die Anarchosyndikalisten 14.000 Stimmen bekommen, und 20 gew\u00e4hlte <em>CGTistas<\/em> tragen jetzt den Druck der Basis in die Verhandlungen.<\/p>\n<p>Denn trotz aller Unkenrufe: Die CGT sieht in Betriebsr\u00e4ten und Tarifkommissionen keinen Selbstzweck, sondern nur eine pragmatische Option, um die Basis \u00fcberhaupt zu erreichen und konkrete Verbesserungen zu erk\u00e4mpfen. Die Grundlage ihrer Struktur bilden jedoch Betriebsversammlungen und autonome Basiskomitees. Wo immer es geht, wird diese direkte Demokratie von unten aufgebaut, gef\u00f6rdert und forciert. Nicht immer mit Erfolg.<\/p>\n<h3>Ambivalente Erfahrungen<\/h3>\n<p>Angel redet ganz offen \u00fcber die ambivalenten Erfahrungen aus 20 Jahren des <em>anarcosindicalismo renovado<\/em>.<\/p>\n<p>Wir haben uns inzwischen unters Dach in das anarchistische Archiv <em>Salvador Segu\u00ed<\/em> gefl\u00fcchtet, nachdem uns ein Rundgang durch ein Dutzend B\u00fcros, durch Schulungszentren, Redaktionsr\u00e4ume und die Bar ein wenig erm\u00fcdet hatten: \u00fcberall Shakehands, viele Fragen zur Situation in Deutschland &#8211; und zwischendurch, in der <em>Sala Durruti<\/em>, ein improvisiertes Meeting mit einigen Aktivisten und der frisch gew\u00e4hlten Generalsekret\u00e4rin der katalanischen CGT&#8230; \u00dcberhaupt f\u00e4llt hier die gro\u00dfe Zahl von Frauen ins Auge.<\/p>\n<p>Klar, sagt Angel, bef\u00e4nde man sich st\u00e4ndig auf einer Gratwanderung, einem Spagat zwischen den sozialen Tagesk\u00e4mpfen und dem Ziel einer anarchistischen Gesellschaft. Von daher sei die CGT nat\u00fcrlich der Gefahr ausgesetzt, in Reformismus abzugleiten. Es gebe Sektionen, wo die Basisversammlungen hervorragend funktionierten, in anderen dagegen sei es regelrecht deprimierend. Aber &#8222;sich die H\u00e4nde schmutzig zu machen&#8220; w\u00e4re nun einmal der Preis daf\u00fcr, in der realen Arbeitswelt zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Das sei \u00fcbrigens bei der historischen CNT auch nicht anders gewesen &#8211; und gerade dies habe ihre einzigartige St\u00e4rke und Schlagkraft begr\u00fcndet: die Verbindung zwischen Alltag und Utopie zu schaffen. Das verg\u00e4\u00dfen die &#8222;Genossen der reinen Lehre&#8220; leider immer bei ihrer Kritik. F\u00fcr sie reduziere sich das Bild auf eine h\u00f6chst revolution\u00e4re Situation vor 70 Jahren, als die CNT aus einer Position der St\u00e4rke heraus die Machtfrage stellte. Zu einer solchen St\u00e4rke aber gelange man nicht durch den R\u00fcckzug aus dem realen Leben. Im Grunde, so Angel, kn\u00fcpfe die CGT an der Politik der alten CNT an. Die heutige CNT, f\u00fcr deren K\u00e4mpfe er \u00fcbrigens auch lobende Worte findet, sieht er in der Gefahr, sich von der realen spanischen Gesellschaft zu isolieren.<\/p>\n<p>Die CGT versteht sich denn auch, genau wie die historische CNT, nicht als eine Gewerkschaft <em>f\u00fcr Anarchisten<\/em>, sondern als eine <em>anarchistische<\/em> Gewerkschaft f\u00fcr alle arbeitenden Menschen.<\/p>\n<p>Die meisten Mitglieder sind ihr beigetreten, weil ihnen die k\u00e4mpferische Linie in einem Arbeitskonflikt imponiert hat oder sie von den reformistischen Gewerkschaften entt\u00e4uscht wurden. In vielen kleinen weiteren Schritten werden sie mit der libert\u00e4ren Zielsetzung vertraut gemacht und nach M\u00f6glichkeit eingebunden. Denn die CGT betreibt neben der Betriebsarbeit einen ganzen F\u00e4cher sozialer, kultureller und politischer Initiativen und ist in die aktuellen gesellschaftlichen K\u00e4mpfe Spaniens aktiv eingebunden: von der \u00d6kologie- \u00fcber die Frauenbewegung bis hin zu selbstverwalteten Betrieben, Antifa und Stadtteilarbeit.<\/p>\n<p>Und am Fu\u00dfe der Pyren\u00e4en bietet sie Arbeiterfamilien in einem gewerkschaftseigenen Dorf sogar preiswerten \u00d6ko-Urlaub.<\/p>\n<p>Wenn aber jeder in die CGT eintreten kann, bietet sie sich dann nicht f\u00fcr Unterwanderung geradezu an?<\/p>\n<p>Angel zuckt die Schultern: Das habe man nat\u00fcrlich alles erlebt, genauso \u00fcbrigens wie die CNT. Der Reihe nach haben es die Trotzkisten, Maoisten und sogar schon katalanische Nationalisten versucht, aber sie h\u00e4tten sich allesamt an den Statuten die Z\u00e4hne ausgebissen: In einer wirklich libert\u00e4ren Struktur liefen deren Unterwanderungskonzepte einfach ins Leere, da die Funktionen ja mit keinerlei Macht \u00fcber die Mitglieder verbunden seien.<\/p>\n<p>Die Leute, so Angel, h\u00e4tten entweder resigniert oder w\u00e4ren zu Anarchisten geworden.<\/p>\n<h3>Br\u00fccken schlagen<\/h3>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter bin ich im Stadtteil <em>Sants<\/em> zu Gast bei verschiedenen libert\u00e4ren Initiativen. In einem besetzten Haus wundere ich mich \u00fcber Plakate und Aufrufe der CGT. Die <em>Squatters<\/em> indes wundern sich nicht. Von ihnen erfahre ich, dass es bei der CGT \u00fcblich ist, ihre Gewerkschaftstagungen in den R\u00e4umlichkeiten anderer sozialer Bewegungen und Projekte abzuhalten &#8211; beispielsweise in besetzten H\u00e4usern. Ich bin beeindruckt. <em>So<\/em> werden aktiv Br\u00fccken gebaut zwischen der Welt der Lohnarbeit und politischer Gegenkultur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie das mit festen Vors\u00e4tzen so ist: Mitten auf den Ramblas laufe ich einem anarchistischen Ausrufer in die Arme, der lauthals Nostalgie anpreist: &#8222;Se\u00f1oras y Se\u00f1ores, kommen Sie, hier finden Sie das romantische Barcelona von fr\u00fcher!&#8220; Auf beiden Seiten B\u00fcchertische der Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo mit Anarchokappen, CNT-Feuerzeugen, Stickern und Che Guevara-T-Shirts, dazwischen Zeitungen, Reprints &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/07\/barcelona-70-jahre-danach\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Barcelona, 70 Jahre \"danach\" - graswurzelrevolution","description":"Wie das mit festen Vors\u00e4tzen so ist: Mitten auf den Ramblas laufe ich einem anarchistischen Ausrufer in die Arme, der lauthals Nostalgie anpreist: \" Se\u00f1oras y S"},"footnotes":""},"categories":[452,1042],"tags":[],"class_list":["post-7585","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-311-sommer-2006","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7585","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7585"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7585\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7585"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7585"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7585"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}