{"id":7591,"date":"2006-07-01T00:00:39","date_gmt":"2006-06-30T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7591"},"modified":"2022-07-26T14:14:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:58","slug":"die-neue-lust-an-der-fahne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/07\/die-neue-lust-an-der-fahne\/","title":{"rendered":"&#8222;Die neue Lust an der Fahne&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Mit geradezu religi\u00f6ser Inbrunst werden &#8222;Fu\u00dfball-G\u00f6tter&#8220;, wahlweise f\u00fcr Anh\u00e4nger der Antike: &#8222;Titanen&#8220;, gefeiert, die Spieler haben die Verehrungsw\u00fcrdigkeit moderner Heiliger erlangt, eines der Bilder, die immer wieder in \u00e4hnlichen Formen gezeigt werden: Ein Spieler kniet auf dem Rasen, die H\u00e4nde zum Himmel erhoben. Er bedankt sich f\u00fcr ein Tor, er hadert mit dem Schicksal, wenn er vorbeigeschossen hat. Transzendenz, die Gemeinschaft der Heiligen, die Liturgie: Je industrialisierter und kommerzialisierter der Sport wird, desto mehr wird er als etwas ganz anderes imaginiert: &#8222;You&#8217;ll never walk alone&#8220; &#8211; Gemeinschaft, Klassenlosigkeit, Vorschein vom Ende der Trennungen. Und dass unter diesem Banner genau das Gegenteil davon organisiert werden kann, macht den Lustgewinn f\u00fcr das Management aus. Der kurze Rausch, die komplette Illusion, der Fan opfert sich f\u00fcr seinen Verein und ist immer der Betrogene. Alles wie im richtigen Leben.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig sind Fahnen, Hymnen, alle Zeichen der Zugeh\u00f6rigkeit in der Fankultur: Es ist die verzweifelte Suche nach Heimat und Schutz in einer kalten, mechanisierten, verwalteten Welt. Hier d\u00fcrfen Emotionen gezeigt werden, auch von M\u00e4nnern.<\/p>\n<p>&#8222;Leuchte auf, mein Stern Borussia, ich folge Dir, wohin Du gehst&#8220; wird auf die Melodie der alten Hymne &#8222;Amazing Grace&#8220; gesungen. Auch auf Beerdigungen. Was dem Leben Sinn gibt, gibt auch dem Tod Sinn. So wie fr\u00fcher Jahreszeiten und das Kirchenjahr das Leben organisierten, so tun dies heute die Termine gro\u00dfer Sportveranstaltungen: Vor der WM ist nach der WM.<\/p>\n<p>Und die, die gerne die letzten religi\u00f6sen Feiertage einsparen w\u00fcrden (wozu noch Christi Himmelfahrt, Ostermontag, Pfingstmontag, sind das nicht enorme Standortnachteile?), zeigen gro\u00dfe Toleranz f\u00fcr die Feiertage der sportlichen Fahnenweihe. Sogar der Selbst\u00e4ndigen-Verband BDS forderte die Unternehmer auf, die Gelbe oder Rote Karte stecken zu lassen, wenn Besch\u00e4ftigte Radio-, Fernseh- oder Internet-\u00dcbertragungen der WM-Spiele verfolgen, denn &#8222;zufriedene Mitarbeiter sind motivierte Mitarbeiter&#8220; &#8211; &#8222;nach dem 9. Juli wird dann wieder voll gearbeitet.&#8220; Und zwar mit dem Teamgeist, den wir gerade gesehen haben. Die MitarbeiterInnen d\u00fcrfen auch ihre \u00dcberzeugungen offen zeigen, solange sie kein Kopftuch tragen &#8230; und den Betriebsfrieden nicht st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich: Leben wir etwa nicht in einer &#8222;Wissensgesellschaft&#8220;? Da muss man doch den Spielstand kennen.<\/p>\n<p>Die Religionen und Kirchen sind in dem Ma\u00dfe, wie sie Macht verlieren, kritischer und sozialer geworden, sie legitimieren nicht mehr ganz \u00fcberwiegend Herrschaft, Krieg und Ausbeutung. Sie m\u00fcssen sich rechtfertigen und werden kritisch beobachtet. Es ist, als ob einige der b\u00f6sesten, gewaltf\u00f6rdernden Charakteristika sich neue Orte und Zeiten suchen.<\/p>\n<p>Die Religion des modernen Staates aber ist der Nationalismus: Hier bekommt das Leiden und Sterben seinen Sinn, hier wird in Heldendenkm\u00e4lern und glorifizierenden Ritualen eine s\u00e4kularisierte Unsterblichkeit der Opfer behauptet, die im Kollektiv fortleben bis hin zum &#8222;Du bist nichts, Dein Volk ist alles&#8220;.<\/p>\n<p>Die Diagnose des Feuilletons: Es gibt eine Sehnsucht nach Patriotismus, die in der globalisierten Moderne sonst nicht mehr gelebt werden kann, hier wird etwas wieder \u00fcbersichtlich, ein Grund zum Feiern. Damit das Ganze fr\u00f6hlich bleibt, wird ein dichtes Netz disziplinierender Kontrollen um die schwitzenden K\u00f6rper gespannt, industrialisierte Begeisterung ist zuletzt immer Begeisterung f\u00fcr Ordnung, Rahmen, Raster, oft genug: f\u00fcr Gewalt.<\/p>\n<p>In den Medien wird aber von dieser Gewalt nicht der soziale Kern, sondern nur der ungerichtete Rand thematisiert: Hooligans. Davon abgegrenzt ist der Sport gerade ein Zivilisierungsmodell: Fair play, alles folgt den Regeln, Schiedsrichterentscheidung gilt (auch wenn Millionen in aller Welt in Echtzeit sehen: Er hat sich geirrt). Nur selten werden Spieler noch staatlich bestraft, weil sie durch Niederlagen die Ehre der Nation besudeln. Die Ausnahme ist auch, dass ein Spieler hingerichtet wird, weil er einen hohen Wetteinsatz zunichte gemacht hat, egal wie. Das ist Kolumbien, die haben noch nicht begriffen: Alles nur Spiel. Da wird noch mit Gewalt das Marktgeschehen irritiert.<\/p>\n<p>Sonst ist Sport \u00fcberall das Fest der Leistungsideologie. Als w\u00fcrde nicht allt\u00e4glich das Gegenteil erlebt, wird die Ansicht, es sei der Beste, der gewinne, demonstriert. Jeder seines Gl\u00fcckes Schmied. Ein wenig Gl\u00fcck muss nat\u00fcrlich dabei sein, aber das Ideal ist doch, dass die Leistungsstarken gewinnen, der Beste siegt. Die sozialen Ausscheidungsk\u00e4mpfe werden so erl\u00e4utert.<\/p>\n<p>Hier ist tats\u00e4chlich die m\u00e4nnliche Sprachform allein angemessen; Sport ist die Dom\u00e4ne ganz bestimmter Formen von M\u00e4nnlichkeit, die aufs engste mit Gewalt legiert sind. Wenn krasse Formen des Sexismus (ebenso des Rassismus, Antisemitismus; das alles verbindet sich) sichere R\u00fcckzugsgebiete finden, dann hier. Die Kampagnen gegen Zwangsprostitution w\u00e4hrend der &#8222;fr\u00f6hlichen&#8220; Spiele haben versucht, das zum Thema zu machen.<\/p>\n<p>Die Spiele werden jetzt auch verwissenschaftlicht; wo Marketing und Betriebswirtschaft regieren, kann die Statistik nicht wegbleiben, &#8222;wissenschaftliche Betriebsf\u00fchrung&#8220; sucht auch Rationalisierungsvorteile.<\/p>\n<p>So wird versucht, den &#8222;Heimvorteil&#8220; wissenschaftlich zu erforschen: Was ist eigentlich die Ursache daf\u00fcr, dass Mannschaften im eigenen Stadion den &#8222;Gast&#8220;-Mannschaften (den Fremden!) \u00fcberlegen sind? Wie heute \u00fcblich: Speichelprobe &#8211; und das Ergebnis: mordsm\u00e4\u00dfige Testosteron-Aussch\u00fcttung der Mannschaft, die &#8222;auf ihrem Territorium verteidigt&#8220;, durch das Testosteron aber: mehr Aggressivit\u00e4t, bessere Orientierung im Raum, gr\u00f6\u00dfere Reaktionsgeschwindigkeit, also bessere Leistung, also Sieg auf der ganzen Linie, (kleiner intellektueller Scherz f\u00fcr den \u00d6ffentlichkeitsoffizier Sanftleben J:) also Clausewitz: Vorteil der Verteidigung \u00fcber den Angriff, also Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.<\/p>\n<p>Die Fahne sollte uns schon Warnung genug sein, deckt sie doch jedes Unrecht: &#8222;Right or wrong, my country&#8220;; vielleicht liegt aber die entscheidende soziale Bedeutung der &#8222;fr\u00f6hlichen Spiele&#8220; in etwas anderem: Im &#8222;Normalfall&#8220; tats\u00e4chlich nur Ablenkung und Kompensation f\u00fcr die Eint\u00f6nigkeit des Alltags und sogar v\u00f6lkervers\u00f6hnend wie fr\u00fcher die Sozialdemokratie, zivilisierend, weil eben Spielergebnisse in der Regel nicht gewaltt\u00e4tig korrigiert werden, zeigt die Struktur k\u00f6rperbetonter, gewaltbereiter M\u00e4nnlichkeit in gesellschaftlichen Krisensituationen ein ganz anderes Gesicht.<\/p>\n<p>Das wurde etwa deutlich, als der jugoslawische Staat zerfiel und aus dem Umkreis von Fu\u00dfballmannschaften &#8230; Milizen entstanden. Dies ist m\u00f6glich, weil dort k\u00e4mpferische, gar kriegerische Werte, Gewaltbereitschaft und nationalistische Legitimation wie auf Vorrat f\u00fcr solche Situationen latent vorhanden sind. Solche Vorab-Militarisierung wird gerade wichtig, wenn Gesellschaften ihre Heere verkleinern oder es keine allgemeine Wehrpflicht gibt. Dann sind die M\u00e4nnerb\u00fcnde um die Vereine die &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; Rekrutierungsgrundlage f\u00fcr nationalistisch legitimierte Gewalthaufen, staatlich oder parastaatlich.<\/p>\n<p>Die Welt aber hat ein Problem: Sie hat keine Freunde. Nur UFO-Sekten glauben etwas anderes. Und sie neigen zum Selbstmord, weil sie glauben, es werde sie dann jemand &#8222;dort abholen, wo sie stehen&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit geradezu religi\u00f6ser Inbrunst werden &#8222;Fu\u00dfball-G\u00f6tter&#8220;, wahlweise f\u00fcr Anh\u00e4nger der Antike: &#8222;Titanen&#8220;, gefeiert, die Spieler haben die Verehrungsw\u00fcrdigkeit moderner Heiliger erlangt, eines der Bilder, die immer wieder in \u00e4hnlichen Formen gezeigt werden: Ein Spieler kniet auf dem Rasen, die H\u00e4nde zum Himmel erhoben. 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