{"id":7608,"date":"2006-07-01T00:00:53","date_gmt":"2006-06-30T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7608"},"modified":"2022-07-26T14:24:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:24","slug":"die-renaissance-der-clan-mutter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/07\/die-renaissance-der-clan-mutter\/","title":{"rendered":"Die Renaissance der Clan-M\u00fctter"},"content":{"rendered":"<p>Die Wurzeln des Konflikts reichen tief in die amerikanische Kolonialgeschichte zur\u00fcck. Die Konf\u00f6deration der Irokesen vereinte im 18. Jahrhunderts die sechs Nationen der Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga, Seneca und Tuscarora. Gemeinsam waren sie im &#8222;French and Indian War&#8220; (1754-1763) Englands Alliierte. Im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg der USA rissen auch die Bande der Irokesen. Manche k\u00e4mpften gegeneinander auf Seiten Englands oder der rebellierenden Kolonien. Manche blieben neutral. Nach Kriegsende garantierte England seinen nach Kanada gefl\u00fcchteten Verb\u00fcndeten im Jahr 1784 als Entsch\u00e4digung f\u00fcr Landverluste ein ca. 380.000 Hektar gro\u00dfes Territorium an beiden Ufern des Grand River.<\/p>\n<p>Durch fortgesetzten Landraub kanadischer Siedler hat sich das Gebiet der Grand River-Irokesen heute auf etwa nur noch 5 % ihres ehemaligen Territoriums reduziert. 1841 wurde eine Stra\u00dfe mitten durch ihr Land gebaut: heute der Highway Six. Umstritten ist, ob das Land damals rechtm\u00e4\u00dfig verkauft, so die Version Ontarios, oder nur verpachtet wurde.<\/p>\n<p>Die Clan-M\u00fctter fordern es im Auftrag der Konf\u00f6deration der Irokesen von Kanada zur\u00fcck und erkl\u00e4ren dar\u00fcber hinaus, als souver\u00e4ne Nation behandelt werden zu wollen: &#8222;Respekt f\u00fcr den internationalen Status der Six Nations war erlangt, noch bevor Kanada seine eigene Anerkennung als Staat erreichte und die F\u00e4higkeit errang, selbst Vertr\u00e4ge zu zeichnen.&#8220;<\/p>\n<p>Am 20. April scheiterte ein R\u00e4umungsversuch der Provinzpolizei (OPP) am indianischen Widerstand. Es folgten Solidarit\u00e4tsaktionen mit den Six Nations in ganz Kanada. Stra\u00dfensperren wurden errichtet, Br\u00fccken und Eisenbahnlinien vor\u00fcbergehend blockiert. Aber auch die IndianergegnerInnen sammelten sich. Immer wieder kam es zu rassistischen Ausschreitungen gegen das Besetzercamp.<\/p>\n<p>Unterdessen verhandeln Staatsvertreter und Irokesen \u00fcber eine friedliche Konfliktl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Die Provinz ernannte Ontarios fr\u00fcheren Premier David Peterson zu ihrem Verhandlungsf\u00fchrer.<\/p>\n<p>Noch 1990 hatte die Bundesregierung die Armee eingesetzt, um eine ganz \u00e4hnliche Landbesetzung durch eine handvoll bewaffneter Mohawk bei Oka zu beenden.<\/p>\n<p>Anfang Mai riefen die Clan-M\u00fctter die Vereinten Nationen durch ihre Gesandte Doreen Silversmith um Hilfe an. Sie erbaten internationale BeobachterInnen.<\/p>\n<p>Bislang verbannen die Clan-Mutter alle Schusswaffen von den Barrikaden. Ob der Konflikt diesmal friedlich beigelegt wird, ist dennoch ungewiss. F\u00fcr den Fall polizeilicher oder milit\u00e4rischer \u00dcbergriffe, so die BesetzerInnen, m\u00fcsse sich Kanada auf umfangreiche Blockadeaktionen und massiven Widerstand im ganzen Land gefasst machen. Am 8. Juni haben sich 100 Indianerf\u00fchrer allein aus Ontario auf einer Pressekonferenz im Besetzercamp mit den Irokesen solidarisch erkl\u00e4rt. Die Regierung m\u00fcsse mit weiteren Besetzungsaktionen rechnen, falls die vielen indianischen Landforderungen nicht erf\u00fcllt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>John Beaucage, ein Sprecher f\u00fcr 43 indianische First Nations, erkl\u00e4rte unmissverst\u00e4ndlich: &#8222;Wir werden uns gegenseitig unterst\u00fctzen und uns gegenseitig zur Hilfe kommen.&#8220; H\u00e4uptling Wilfried King von der Gull Bay First Nation erg\u00e4nzte: &#8222;Ihr Kampf ist unser Kampf, und unser Kampf ist ihr Kampf&#8220;.<\/p>\n<p>Die Assembly of Manitoba Chiefs hat am 14. Juni bereits eine Resolution ver\u00f6ffentlicht, in der eine 24-st\u00fcndige Blockade verschiedener Eisenbahnlinien f\u00fcr Ende Juni angek\u00fcndigt wird. Damit ist die Forderung verbunden, dass Kanadas Regierung endlich einen vern\u00fcnftigen Zeitplan f\u00fcr die Begleichung der zahlreichen indianischen Landr\u00fcckgabeforderungen vorschlagen soll. Sieben indianische Gemeinschaften haben bereits Blockadeaktionen angek\u00fcndigt. Die Proteste k\u00f6nnten zeigen, wie verwundbar Kanadas \u00d6konomie im Falle eines Indianeraufstands im nationalen Ma\u00dfstab w\u00e4re.<\/p>\n<p>Einen ersten symbolischen Erfolg haben die irokesischen LandbesetzerInnen schon jetzt errungen.<\/p>\n<p>In einem Brief an Kanadas Minister f\u00fcr Indianerangelegenheiten Jim Prentice vom 16. April verzichtete der regierungsfreundliche &#8222;Six Nations of the Grand River Elected Council&#8220; zugunsten des bislang im &#8222;Untergrund&#8220; agierenden traditionellen H\u00e4uptlingsrates der Clan-M\u00fctter auf seine Verhandlungsf\u00fchrerschaft.<\/p>\n<p>Obwohl die egalit\u00e4re Konsensdemokratie des &#8222;Haudenosaunee Six Nations Confederacy Council&#8220; seit Benjamin Franklin, Marx\/Engels, den US-Suffragetten und bis hinein in die heutige postkoloniale Theorie Iris Marion Youngs als vorbildlich gilt, war die traditionelle Regierung bereits im Jahr 1924 durch Kanadas Bundespolizei (RCMP) gest\u00fcrzt worden. Kurz nachdem ein Sprecher der Irokesen namens Deskaheh in Genf f\u00fcr die Souver\u00e4nit\u00e4t der Irokesen geworben hatte.<\/p>\n<p>Bis heute verteilt der &#8222;Elected Council&#8220; nach den Bestimmungen des kolonialzeitlichen Indianergesetzes die Geld\u00fcberweisungen Kanadas an die Reservationsbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Der 1876 erlassene Indian Act stellt keine Anerkennung eines genuinen Rechts auf indianische Selbstregierung dar, sondern die konstitutive Rechtsgrundlage f\u00fcr die Aus\u00fcbung einer \u00e4u\u00dferst beschr\u00e4nkten Selbstverwaltung. &#8222;Die gew\u00e4hlten H\u00e4uptlinge und Ratsmitglieder k\u00f6nnen ihres Amtes vom Minister of Indian Affairs [&#8230;] selbst bei geringer strafrechtlicher Verurteilung enthoben werden, wenn nach Auffassung des Ministers hierdurch die Untauglichkeit des Amtsinhabers erwiesen ist.&#8220;<strong> <\/strong>((1))<\/p>\n<p>Die St\u00e4mme haben nur ein stark eingeschr\u00e4nktes Recht, Satzungen und Verordnungen zu erlassen. &#8222;Gegen das Inkrafttreten der indianischen Satzungen steht dem Minister of Indian Affairs ein Einspruchsrecht zu, welches innerhalb von 40 Tagen nach Zugang der Gesetzesvorlage ohne n\u00e4here Begr\u00fcndung ausge\u00fcbt werden kann.&#8220;<strong> <\/strong>((2))<\/p>\n<p>Finanziell h\u00e4ngen die St\u00e4mme am staatlichen Tropf. &#8222;Den St\u00e4mmen selbst steht weder eine selbst\u00e4ndige Erschlie\u00dfung von Einnahmen noch die selbst\u00e4ndige Entscheidung \u00fcber die Verwaltung der Finanzmittel zu.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Bei alldem muss es nicht verwundern, dass der legal gew\u00e4hlte Stammesrat von der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung eher geduldet als unterst\u00fctzt wird. Die moralische Autorit\u00e4t f\u00e4llt seit Jahrzehnten dem abgesetzten Konf\u00f6derationsrat zu.<\/p>\n<p>Das geschlechtsegalit\u00e4re Zusammenspiel von Clan-M\u00fcttern und Konf\u00f6derationsh\u00e4uptlingen bildete einst das Ger\u00fcst einer egalit\u00e4ren Konsensdemokratie. Heute gelten die Traditionalisten vielen zwar nicht als das legale, wohl aber das legitime Sprachrohr der Irokesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wurzeln des Konflikts reichen tief in die amerikanische Kolonialgeschichte zur\u00fcck. Die Konf\u00f6deration der Irokesen vereinte im 18. Jahrhunderts die sechs Nationen der Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga, Seneca und Tuscarora. Gemeinsam waren sie im &#8222;French and Indian War&#8220; (1754-1763) Englands Alliierte. Im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg der USA rissen auch die Bande der Irokesen. 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