{"id":7612,"date":"2006-07-01T00:00:39","date_gmt":"2006-06-30T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7612"},"modified":"2022-07-26T12:59:00","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:00","slug":"ein-bunter-salon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/07\/ein-bunter-salon\/","title":{"rendered":"Ein bunter Salon"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Hello public&#8220; stand bereits auf der Wand des Yppenplatz-Marktcaf\u00e9s An-Do in Wien, das die an.schl\u00e4ge zur Pr\u00e4sentation ihres Projekts beim Kunstfestival &#8222;SOHO in Ottakring&#8220; gew\u00e4hlt hatten. Die Graffitik\u00fcnstlerin Mandarina Brausewetter spr\u00fchte dazu den Satz &#8222;Die Stra\u00dfe ist mein Zuhause ohne Ehemann, mein Arbeitsplatz ohne Chef, mein bunter Salon\u2026&#8220; auf den Boden vor die beiden Eing\u00e4nge. Er stammt vom feministischen Kollektiv Mujeres Creando, das seit 1992 seine feministischen Statements nicht nur mithilfe von Street Art verk\u00fcndet. Neben ihren in den Stra\u00dfen von La Paz verbreiteten Graffitis sind einige der insgesamt 15 Frauen auch Theoretikerinnen und Akteurinnen bei Stra\u00dfenperformances. Dar\u00fcber hinaus sind sie mit ihren Filmen und Fernsehsendungen bereits bis ins bolivianische Fernsehen gedrungen. Aufgrund dieses feministischen Medienmixes waren die Arbeiten der bolivianischen Aktivistinnen auch wunderbar geeignet, um im Rahmen des <em>an.schl\u00e4ge<\/em>-Projektes &#8222;Feministische Strategien f\u00fcr Gegen\u00f6ffentlichkeiten&#8220; pr\u00e4sentiert zu werden. Direkt auf dem Marktplatz &#8211; als \u00f6ffentlichem Ort par excellence &#8211; sollten dabei verschiedene Mittel und Wege vorgestellt werden, wie feministische Forderungen und Inhalte medial Verbreitung finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Street Art als eines dieser Mittel und grunds\u00e4tzlich egalit\u00e4re Ausdrucksform war auch durch Brausewetters eigene Arbeiten repr\u00e4sentiert. Die Au\u00dfenfassade des An-Do \u00fcbers\u00e4te sie mit fliegenden Schweinen samt einsamer, gegen diese \u00dcbermacht nur mit einem Schmetterlingsnetz bewaffneter K\u00e4mpferin. Im Innenraum war zudem eine Bilder-Bord\u00fcre ihrer nicht nur chauvinismuskritischen Motive zu sehen.<\/p>\n<p>Mit dem Screening einiger &#8222;Acciones&#8220; der Mujeres Creando waren nicht allein Beispiele f\u00fcr politische Aktionsformen im \u00f6ffentlichen Raum gegeben, als Dokumentation dieser Aktionen stellten sie zugleich feministische Film- und Fernseharbeit aus. Diese war bei der Ausstellung zudem durch die Vorf\u00fchrung von an.schl\u00e4ge-tv-Sendungen vertreten sowie durch die Trickfilmdokumentation &#8222;Tetescha Us&#8220; von Stefanie Wuschitz. Wuschitz gelingt die Kommunikation der Anliegen pal\u00e4stinensischer M\u00e4dchen durch die Kombination mehrerer Medien: Sie bearbeitet filmisch die Zeichnungen, die von den M\u00e4dchen w\u00e4hrend eines von ihr geleiteten Comicworkshops im Beddawi Camp gemacht wurden.<\/p>\n<p>Und mit der Pr\u00e4sentation des <em>an.schl\u00e4ge<\/em>-Heftes wurde feministische \u00d6ffentlichkeitsarbeit im Printmedienbereich gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Hatte das Projekt die Doppelfunktion, die M\u00f6glichkeit der Erzeugung feministischer Gegen\u00f6ffentlichkeiten einerseits auszustellen, dadurch diese \u00d6ffentlichkeit aber anderseits auch selbst zu schaffen, fragten zwei Diskussionsveranstaltungen zun\u00e4chst nach den Bedingungen dieser M\u00f6glichkeit. Eine dieser Bedingungen scheint f\u00fcr s\u00e4mtliche Medien zu sein, dass ihre feministische Aneignung immer auch die Ver\u00e4nderung der Medien, ihrer Konventionen und Traditionen selbst bedeuten muss. So wusste Elisabeth Fritz, Kuratorin der Ausstellung &#8222;Street Art. Die lesbare Stadt&#8220;, nicht nur von geschlechtsspezifischen Differenzen von Toilettengraffitis zu berichten, sondern auch von gelungenen feministischen Interventionen, die ihre neuen Bildpolitiken gerade gegen tradierte Codes im Stadtbild richteten. Der Bruch mit bestimmten medialen Traditionen muss dabei selbst vor scheinbar unverabschiedbaren Qualit\u00e4tskriterien nicht haltmachen, wie Gabi Horak, langj\u00e4hrige Redakteurin der an.schl\u00e4ge, anmerkte. Feministische Zeitungsarbeit hat dem Objektivit\u00e4tsschein von Male- und Mainstreammedien stets den Wert feministischer Parteilichkeit und Kritik entgegengesetzt.<\/p>\n<p>Rubia Salgado von der Linzer Migrantinnen-Organisation MAIZ verglich in ihrem Vortrag diese ver\u00e4ndernde Aneignung bestehender Medien und Strategien mit der Anthropophagie, der Menschenfresserei, die MigrantInnen beispielsweise mit dem Slogan &#8222;Austria we love you. Wir werden dich nie verlassen&#8220; angewandt haben. Angeeignet entlarvt dieser Slogan rassistischen Patriotismus, ist zugleich aber auch mediale Selbsterm\u00e4chtigung.<\/p>\n<p>Gegen\u00f6ffentlichkeit schaffen bedeutet au\u00dfer medialer Sichtbarmachung marginalisierter Positionen jedoch auch die Besetzung des konkreten \u00f6ffentlichen Raums. Auch diese Arbeit leistet MAIZ seit einigen Jahren durch &#8222;karthographische Eingriffe&#8220;, eine emanzipatorische Stadtneuplanung, deren Entw\u00fcrfe exponiert in einer Linzer Schaufenstergalerie und in anderen St\u00e4dten zu sehen waren.<\/p>\n<p>Die Malerin und Performancek\u00fcnstlerin Cynthia Schwertsik pr\u00e4sentierte auf dem Podium ein ganz \u00e4hnliches Projekt. In &#8222;Last Name&#8220; erg\u00e4nzt sie das durch m\u00e4nnliche Stra\u00dfennamen und Denkm\u00e4ler f\u00fcr M\u00e4nner gepr\u00e4gte Stadtbild durch die fiktiven Biographien von Frauen, die gew\u00f6hnlich hinter ihre Boutiquen und Friseursalons zierenden Vornamen verborgen bleiben.<\/p>\n<p>Verbindendes Res\u00fcmee dieser unterschiedlichen Positionen ist wohl, dass der Feminismus f\u00fcr seine Zwecke sehr erfolgreich Medienmasse, wenn auch nicht die Massenmedien erobert hat. Aber das ist laut Helga Schwarzwald von Orange 94.0 auch nicht weiter bedauerlich. Denn, wie sie mit Rekurs auf Hannah Arendt bemerkte, k\u00e4me es schlie\u00dflich auch hier auf die spezifische Qualit\u00e4t von \u00d6ffentlichkeit und nicht auf Quantit\u00e4t an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Hello public&#8220; stand bereits auf der Wand des Yppenplatz-Marktcaf\u00e9s An-Do in Wien, das die an.schl\u00e4ge zur Pr\u00e4sentation ihres Projekts beim Kunstfestival &#8222;SOHO in Ottakring&#8220; gew\u00e4hlt hatten. 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