{"id":7616,"date":"2006-07-01T00:00:15","date_gmt":"2006-06-30T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7616"},"modified":"2022-07-26T14:14:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:59","slug":"das-gedachtnis-der-besiegten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/07\/das-gedachtnis-der-besiegten\/","title":{"rendered":"Das Ged\u00e4chtnis der Besiegten"},"content":{"rendered":"<h3>Durruti in Bujaraloz<\/h3>\n<p>Einige Tage sp\u00e4ter, nach einer beschwerlichen Reise, trafen Fred, Cottin und Germinal bei Durruti in Bujalaroz ein, in der N\u00e4he von Saragossa.<\/p>\n<p>Obwohl die Wechself\u00e4lle seines Lebens ihn gelehrt hatten, sich \u00fcber nichts mehr zu wundern, nahm er dennoch mit Staunen zur Kenntnis, wie sich sein Freund Durruti, der Fl\u00fcchtling und Emigrant, wie durch Ber\u00fchrung mit dem Zauberstab in den milit\u00e4rischen F\u00fchrer einer zehntausend Mann umfassenden Kolonne verwandelt hatte.<\/p>\n<p>Er empfing die Franzosen in einer H\u00fctte, die ihm als Kommandostand diente. In seinem braunen Overall, ein K\u00e4ppi mit Bommel auf dem Kopf, einen Revolver am G\u00fcrtel, \u00e4hnelte er nur noch entfernt dem Durruti, mit dem Fred seinerzeit den bedauerlichen M\u00fchsam besucht hatte. Das L\u00e4cheln war gleich geblieben, aber die Gesichtsz\u00fcge hatten sich verh\u00e4rtet.<\/p>\n<p>Er begr\u00fc\u00dfte Fred und seine Freunde herzlich, geradezu \u00fcberschw\u00e4nglich, und wollte ihnen sofort seine milit\u00e4rischen Einrichtungen zeigen.<\/p>\n<p>Mit der Exaktheit der Gesten, der Sorgfalt der Anlagen, der im Vorbeigehen an beflissene Milizion\u00e4re erteilten Befehle weckte Durruti unangenehme Erinnerungen an Trotzki, wenngleich ohne die Arroganz des &#8222;Feldmarschalls&#8220; und ohne das \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl, das b\u00fcrgerliche Intellektuelle in keiner Situation verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Er blieb ein Mann aus dem Volk, sehr schlicht und bescheiden.<\/p>\n<p>Allein seine Vergangenheit und seine Tatkraft verschafften ihm diese Autorit\u00e4t \u00fcber die von ihm gef\u00fchrte Truppe.<\/p>\n<ul>\n<li>Dich als General zu erleben, versetzt mir einen Schlag, sagte Fred. Trotzki hat angefangen wie du, und er hat Gefallen gefunden an der Macht.<\/li>\n<li>Ich lehne sie ab. Ich bin kein General. Die Genossen haben mich zum F\u00fchrer ihrer Kolonne bestimmt. Sobald wir die Faschisten besiegt haben, werden wir nach Hause gehen. Wir sind keine Soldaten, sondern freiwillige Milizion\u00e4re. \u00dcberall, wo wir hinkommen, besteht unsere erste Aufgabe darin, das Land an die Bauern zu verteilen. Wir versorgen die Bev\u00f6lkerung mit Nahrung und Kleidung. Schau dich um in der Gegend, geh in die Orte, du wirst sehen, dass sich die Durruti-Kolonne \u00fcberall in die Dorfgemeinschaften integriert. Nein, Fred, ich habe unserem alten Antimilitarismus nicht entsagt. Wir k\u00e4mpfen gegen die aufst\u00e4ndischen Gener\u00e4le. Wir k\u00e4mpfen gegen den Militarismus, der die Republik verr\u00e4t.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Fred glaubte, die Stimme Igors wieder zu h\u00f6ren, damals, 1919 in Moskau: &#8222;Wir m\u00fcssen lernen, gegen unsere Feinde Krieg zu f\u00fchren. Haben wir sie erst besiegt, bereiten wir dem Krieg f\u00fcr alle Zeiten ein Ende und l\u00f6sen alle Armeen auf.&#8220; O weh! O weh!<\/p>\n<p>Mit seinen beiden Begleitern streifte Fred kreuz und quer durch das von Durrutis Einheit besetzte Gebiet. Auf den h\u00f6chsten Geb\u00e4uden wehten schwarzrote Fahnen, Sammelpunkte f\u00fcr die Landarbeiter und Sch\u00e4fer, alle jene <em>braceros<\/em>, die aus den von Franquisten eroberten Gebieten kamen, staubbedeckt, dunkelh\u00e4utig wie Mauren, mit S\u00e4cken und Schl\u00e4uchen beladene Maultiere vor sich her treibend. Sie hatten lange Strecken zur\u00fcckgelegt, Bergp\u00e4sse \u00fcberquert, sich nachts durch die feindlichen Linien geschlichen. Ersch\u00f6pft, die F\u00fc\u00dfe wund gelaufen in ihren Bastsandalen, schwenkten sie ihre Wanderst\u00f6cke oder Jagdflinten, sobald sie die Milizion\u00e4re erkannten, und riefen: &#8222;<em>Salud<\/em>! <em>Salud<\/em>!&#8220;<\/p>\n<p>Niemand sagte mehr: &#8222;<em>Buenos dias.<\/em>&#8220; Dieser br\u00fcderliche Gru\u00df wurde zum Kennwort der Republik. Jeder duzte den anderen, man sprach sich mit Genosse an. Es schien, als sei pl\u00f6tzlich ein auf der iberischen Halbinsel lastender Bleideckel abgehoben worden.<\/p>\n<p>Alle diese Bauern und Arbeiter, die sich spontan erhoben hatten, um ihre legale Regierung zu verteidigen, f\u00fchlten sich von einer Jahrhunderte w\u00e4hrenden Knechtschaft befreit.<\/p>\n<p>Sie sa\u00dfen im Kreis um die zu Pyramiden zusammengestellten Gewehre und sangen alte Volkslieder, vermischt mit revolution\u00e4ren Refrains, die sie stammelnd lernten. Diese Ansammlung von Bauern und Arbeitern, die gekommen waren, um sich einer perfekt ausger\u00fcsteten Berufsarmee zu stellen, hatte etwas R\u00fchrendes und L\u00e4cherliches zugleich. Einmal mehr sah Fred die Utopie vor sich, die mit blo\u00dfen H\u00e4nden versuchte, den Ansturm der Ungeheuer aufzuhalten.<\/p>\n<p>Wie seine Milizion\u00e4re ging Durruti in Espadrillen, trank nur Wasser und schlief auf Stroh. Er liebte es, Gerechtigkeit walten zu lassen, wie die Weisen fr\u00fcherer Zeiten. Eine in seine Kolonne aufgenommene Bauernbande, die sich br\u00fcstete, den Kaziken ihres Dorfes get\u00f6tet zu haben, der zugleich Besitzer des Landes war, unterzog er einem strengen Verh\u00f6r, um herauszufinden, ob dieser sie misshandelt habe. &#8222;Nein&#8220;, antworteten sie spontan, &#8222;nein, er hat uns nicht geschlagen, aber er hat nie mit uns geredet.&#8220;<\/p>\n<p>Geredet? Das war es also, was sie verlangten, das Recht zu reden.<\/p>\n<h3>Das revolution\u00e4re Barcelona<\/h3>\n<p>Germinal und Cottin blieben bei Durruti, w\u00e4hrend Fred allein nach Barcelona zur\u00fcckkehrte, wo eine hektische Betriebsamkeit herrschte. Verglichen mit der gutm\u00fctigen, geradezu treuherzigen Atmosph\u00e4re der Durruti-Kolonne schien die Hauptstadt Kataloniens am Rande einer Panik zu stehen. Alle Kirchen, mit Ausnahme der Kathedrale, waren niedergebrannt, und der traurige Anblick ihrer verkohlten Tr\u00fcmmer pr\u00e4gte das Stadtbild. Schwarzrot bemalte Fahrzeuge fuhren mit rasender Geschwindigkeit und lautem Gehupe durch die Stra\u00dfen. Die meisten waren mit hastig aufgepinselten Riesenbuchstaben geschm\u00fcckt: U.H.P., das hie\u00df, <em>Uniaos Hermanos Proletarios<\/em> (Vereinigt euch, proletarische Br\u00fcder). In der nach Lenin benannten Kaserne schrieben sich blutjunge Kerle in die P.O.U.M.-Miliz ein. Rote Fahnen der Anh\u00e4nger Andreu Nins, schwarze Fahnen der Anh\u00e4nger Buenaventura Durrutis, alle diese Stoffe, diese Symbole wiegten sich in der vom Meer her\u00fcberwehenden Brise. Aus Lautsprechern dr\u00f6hnten die Strophen der <em>Internationale<\/em> und von <em>Hijos del pueblo<\/em> (S\u00f6hne des Volkes). Gro\u00dfe Portr\u00e4ts von Bakunin, Lenin und Jaur\u00e8s traten an die Stelle der verschwundenen religi\u00f6sen Bildwerke. Die Stadt, diese von b\u00fcrgerlichem Wohlstand strotzende Mittelmeerstadt, hatte sich mit einem Schlag proletarisiert. Auf den Stra\u00dfen waren nur noch im Blaumann herumlaufende Milizion\u00e4re und Zivilisten zu sehen. Kein Hut. Nur K\u00e4ppis und Baskenm\u00fctzen. Auf den <em>Ramblas<\/em> trug jeder dritte Mann ein Gewehr \u00fcber der Schulter: er und der &#8222;Genosse Gewehr&#8220;, ein unzertrennliches Paar. Patrouillen \u00fcberwachten die Vororte. Am Eingang der Hotels, der Gesch\u00e4fte, der Verwaltungsgeb\u00e4ude waren, aus nicht klar erfindlichen Gr\u00fcnden, Wachtposten aufgestellt. Selbst junge Frauen tauschten ihre traditionellen schwarzen Kleider gegen Overalls ein. Barh\u00e4uptig, mit Blumen im Haar, ein Gewehr am Riemen, lie\u00dfen sie sich f\u00fcr die Milizen von Nin oder Durruti anwerben. Je mehr die Kasernen sich f\u00fcllten, umso leerer wurden im Gegenzug die Gesch\u00e4fte. Es fehlte an Fleisch, Milch, Zucker, Kohle, Benzin. Vor den B\u00e4ckereien bildeten sich Schlangen. Warum, fragte Fred sich traurig, muss die Revolution immer zun\u00e4chst eine Mangelsituation herbeif\u00fchren? Das Barcelona von 1936 erinnerte ihn bereits an das Moskau von 1919.<\/p>\n<p>Er fuhr in einem fast leeren Zug nach Frankreich zur\u00fcck. Auf dem Gegengleis in Richtung S\u00fcden rollten mit Milizion\u00e4ren gef\u00fcllte Waggons langsam vorbei. Durruti hatte Fred beauftragt, die Regierung L\u00e9on Blum zu \u00fcberzeugen, ihm Waffen zu liefern. Im Augenblick sorgte allein Mexiko f\u00fcr die Grundausstattung der Volksstreitkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>W\u00fcrde es ihnen gelingen, den Vormarsch der verb\u00fcndeten Gener\u00e4le zu stoppen? Alles begann wieder wie in Russland nach dem Oktober. Die traditionelle Armee rebellierte. Es musste eine Volksarmee aufgebaut werden, um die Revolution zu verteidigen, die ohne diesen Kraftakt hinweggefegt w\u00fcrde. Diese Volksarmee musste viele Opfer auf sich nehmen, Disziplin und Selbstverleugnung an den Tag legen, um den Berufssoldaten standzuhalten. Schlimmer noch, sie musste zu den gleichen milit\u00e4rischen Methoden greifen, die gleichen Strategien anwenden. Fred vertraute weiter auf Durruti. Aber Durruti war nicht der Einzige. Der erste siegreiche Aufstand in Barcelona hatte die Aktivisten von C.N.T., F.A.I. und P.O.U.M. spontan zusammengef\u00fchrt. Inzwischen baute die von den Libert\u00e4ren gerettete republikanische Regierung &#8222;legale&#8220; Regimenter auf. Missmutig beobachtete Fred auf den Stra\u00dfen Barcelonas die Offiziere der neuen republikanischen Armee, junge Leute in eleganten Kakiuniformen, die vor den Caf\u00e9terrassen herumstolzierten.<\/p>\n<p>Fred war schlecht gelaunt. Er w\u00e4re lieber bei Durruti geblieben. Aber Durruti verlangte seine Unterst\u00fctzung in Paris. (&#8230;)<\/p>\n<h3>Solidaritarische Hilfe aus Frankreich<\/h3>\n<p>Fred erstattete den libert\u00e4ren Genossen in Frankreich Bericht \u00fcber seine Beobachtungen in Katalonien. Die in Russland ausgerottete, in Deutschland und Italien dezimierte anarchistische Bewegung erlebte in Spanien ihre Auferstehung, st\u00e4rker, umfassender, lebendiger denn je. Fred dr\u00e4ngte seine Kameraden, Durruti vorbehaltlos zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>S\u00e9bastien Faure und Louis Lecoin sagten ihm sofort ihre Hilfe zu. S\u00e9bastien Faure, der auf die achtzig zuging, vertrat die absolute anarchistische Orthodoxie. Als Popularisator der kropotkinschen Lehre ein allseitig geachteter Theoretiker war er im Laufe seines langen Lebens seinen \u00dcberzeugungen niemals untreu geworden. Aufgrund seines Alters und seines unbeirrbaren Pazifismus schlug er eine Br\u00fccke zwischen den anarchistischen Wegbereitern des neunzehnten Jahrhunderts und eher agitatorisch veranlagten Aktivisten wie Lecoin. Fred f\u00fchlte sich beiden nahe. Auf den Versammlungen jedoch war man von Einigkeit weit entfernt. Die Angst, erneut auf die Abwege der <em>Heiligen Union<\/em> zu geraten, die einen so integren Mann wie Jean Grave ins Verderben gest\u00fcrzt hatte, veranlasste viele Libert\u00e4re, jedem Krieg mit Argwohn zu begegnen, selbst einem solchen B\u00fcrgerkrieg wie dem spanischen. Die einzige Antwort auf einen Milit\u00e4rputsch, so ihre These, sei der Generalstreik, der bedingungslose Streik, die absolute Gewaltlosigkeit. Die Hoffnung, einen ungerechten in einen gerechten Krieg verwandeln zu k\u00f6nnen, sei illusorisch. Wir verurteilen alle Kriege, egal, ob sie dem Angriff oder der Verteidigung dienen. Erheben wir uns vor der Mobilmachung gegen den Krieg, danach ist es zu sp\u00e4t. Die uniformierten Milizion\u00e4re waren ihnen ein Grauen. Dass Durruti ein K\u00e4ppi trug, erschien ihnen bereits als Verrat. Ihr werdet es erleben, meinten sie, er endet wie Trotzki. Auch Trotzki war einst Pazifist. Aber an dem Tag, als er sich eine Offiziersm\u00fctze aufsetzte, war der Fall erledigt. Die Kappe macht den M\u00f6nch.<\/p>\n<p>Der spanische B\u00fcrgerkrieg w\u00e4re zu Ende gegangen, ohne dass die franz\u00f6sischen Anarchisten sich auf eine Beteiligung (oder Nicht-Beteiligung) h\u00e4tten einigen k\u00f6nnen, wenn nicht S\u00e9bastien Faure, Lecoin und Fred Barth\u00e9lemy aus eigener Initiative ein Komitee Freies Spanien gegr\u00fcndet h\u00e4tten. Sie stimmten darin \u00fcberein, dass der B\u00fcrgerkrieg das f\u00fcr Antimilitaristen heikelste und schwierigste Problem aufwerfe, das keiner der gro\u00dfen Theoretiker des 19. Jahrhunderts gel\u00f6st habe, dass sie aber unm\u00f6glich zusehen k\u00f6nnten, wie Franco und die anderen aufst\u00e4ndischen Gener\u00e4le Spaniens Freiheit ausl\u00f6schten. Statt einer direkten Intervention der franz\u00f6sischen Regierung, wie von den Kommunisten gefordert, bef\u00fcrworteten S\u00e9bastien Faure, Lecoin und Barth\u00e9lemy eine Hilfe von Volk zu Volk. Der Theorie lie\u00dfen sie sogleich die Praxis folgen und bildeten eine aus hundert Freiwilligen bestehende Brigade, der sie, trotz aller Proteste des Betroffenen, der jeden Personenkult verabscheute, den Namen S\u00e9bastien Faure gaben. Allerdings war S\u00e9bastien Faure zu dieser Zeit der einzige franz\u00f6sische Anarchist, der \u00fcber internationales Ansehen verf\u00fcgte.<\/p>\n<p>Louis Lecoin und Fred Barth\u00e9lemy teilten sich die Aufgabe.<\/p>\n<p>Beide k\u00fcmmerten sich um Spendengelder zum Ankauf von Waffen und Lebensmitteln bzw. zur Anmietung von Transportfahrzeugen und versuchten, M\u00e4nner, die nicht auf ein derartiges Opfer vorbereitet waren, davon zu \u00fcberzeugen, in den Kampf zu ziehen. Zu einer ihrer Versammlungen, ins V\u00e9lodrome d&#8217;Hiver, kamen zehntausend Menschen. Nach der Veranstaltung zog die hinausstr\u00f6mende Menge mit &#8222;Waffen und Flugzeuge f\u00fcr Spanien!&#8220;-Rufen durch die Pariser Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Wochen entfachten sie eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Begeisterung. Seit den Demonstrationen f\u00fcr Sacco und Vanzetti hatte Paris nichts Vergleichbares, keine derartige Uneigenn\u00fctzigkeit erlebt. Mit Munition, Kleidung und Lebensmitteln beladene Lastwagen rollten Richtung Pyren\u00e4en. Germinal und Cottin, die sich der Hundertschaft S\u00e9bastien Faure anschlossen, schrieben aus Spanien, dass alles gut verlaufe, dass die Unterst\u00fctzung durch ausl\u00e4ndische Freiwillige den Milizion\u00e4ren Mut mache, dass es aber an Waffen fehle. Lecoin und Fred vollbrachten das Wunder, jeden Tag einen Laster zur spanischen Grenze abzuschicken. Aber diese Nachschublieferungen, Ergebnis von so viel Opferbereitschaft und Hingabe, stellten, an ihrem Ziel angelangt, verglichen mit dem Ausma\u00df des Ben\u00f6tigten, nur einen Tropfen auf dem hei\u00dfen Stein dar.<\/p>\n<h3>Anarchisten in der Regierung?<\/h3>\n<p>Ende September sorgte eine unerwartete Nachricht f\u00fcr zus\u00e4tzlichen Zwist unter den franz\u00f6sischen Anarchisten.<\/p>\n<p>F\u00fcnf katalonische Anarchosyndikalisten hatten sich bereit gefunden, der Koalitionsregierung Largo Caballeros beizutreten.<\/p>\n<p>Sofort schrieb Fred Barth\u00e9lemy einen \u00e4u\u00dferst heftigen Artikel im <em>Libertaire<\/em>, den er mit &#8222;Der verh\u00e4ngnisvolle Abweg&#8220; betitelte. Beim heutigen Wiederlesen ist immer noch Freds Beklemmung zu sp\u00fcren, die ihm die Kehle zuschn\u00fcrte, die Erregung und Verzweiflung, die sich im Stakkato seiner Zeilen niederschl\u00e4gt:<\/p>\n<p>&#8222;So beugt sich die m\u00e4chtigste libert\u00e4re Organisation der Welt der b\u00fcrgerlichen Macht. Sie, die stets die \u00dcberlegenheit der direkten Aktion betonte, schickt f\u00fcnf Minister in eine Regierung, die fortan die Anarchisten an der Leine f\u00fchrt. Wie 1919 in Russland rechtfertigen sie sich damit, dass der drohende Sieg reaktion\u00e4rer Kr\u00e4fte ihre Mitarbeit erfordere. Was in Moskau passierte, ist offenbar nicht lehrreich genug. Es ist stets die gleiche Kapitulation. Entweder unsere spanischen Genossen verleugnen nach und nach ihre Prinzipien oder sie werden liquidiert. Wie kann man das Proletariat vor den Verlockungen der Macht warnen und sich selbst h\u00f6flichst vor ihr verbeugen, sobald sie den Anschein einer Ver\u00e4nderung bietet? Unsere f\u00fcnf Genossen in der Regierung der <em>Frente popular<\/em> sind ein schlechter Scherz. Leider wird erst die Zukunft zeigen, dass es sich um einen fatalen Irrtum handelt. Ein Minister ist immer eine komische Figur. Aber diese f\u00fcnf werden am Ende als die Idioten dastehen.&#8220;<\/p>\n<p>Von diesem Moment an kannte Fred nur noch ein Ziel: nach Katalonien aufbrechen, sich Germinal und Cottin in der Durruti-Kolonne anschlie\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durruti in Bujaraloz Einige Tage sp\u00e4ter, nach einer beschwerlichen Reise, trafen Fred, Cottin und Germinal bei Durruti in Bujalaroz ein, in der N\u00e4he von Saragossa. 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