{"id":7622,"date":"2006-07-01T00:00:16","date_gmt":"2006-06-30T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7622"},"modified":"2022-07-26T13:31:25","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:25","slug":"try-to-remember-peace","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/07\/try-to-remember-peace\/","title":{"rendered":"Try to Remember Peace"},"content":{"rendered":"<p>Watada, der der Armee 2003 im Vorfeld des Irakkriegs beigetreten war, \u00e4u\u00dfert in einem Interview seine Beweggr\u00fcnde f\u00fcr seinen Ungehorsam, der ihm u.a. zwei Jahre Gef\u00e4ngnis einbringen kann. Er sagt, er sei noch immer Patriot und glaube an &#8222;Dienst und Pflicht&#8220;. Er sei Soldat geworden, weil er den Erkl\u00e4rungen der Regierung vertraut habe, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen und sei in die Anschl\u00e4ge vom 11. September 2001 verstrickt. Aber als Offizier, als Vorgesetzter von Soldaten in einen Krieg zu ziehen, bedeute f\u00fcr ihn, sich m\u00f6glichst umfassend \u00fcber diesen speziellen Krieg zu informieren. Dass der Oberbefehlshaber (George W. Bush) diesen Krieg auf L\u00fcgen und Betrug fundiert habe, habe das unabdingbare &#8222;Band des Vertrauens&#8220; zerst\u00f6rt, das funktionierenden Milit\u00e4rstrukturen zugrunde liege. Wenn man merke, dass man vom Vorgesetzten betrogen werde, bleibe einem keine andere Wahl, als eigene Entscheidungen zu treffen.<\/p>\n<p>Watada ist, wie man sieht, kein Pazifist, viel weniger ein Anarchist. Aber sein Schritt zur Selbstbestimmung ist nicht nur pers\u00f6nlich erfreulich, sondern auch als Intervention im Kriegsdiskurs in den USA. Ob die interviewende Zeitung, <em>left turn<\/em>, mit ihrer Einsch\u00e4tzung richtig liegt, hieraus k\u00f6nne &#8222;die gr\u00f6\u00dfte GI-Widerstandsbewegung seit dem Vietnamkrieg&#8220; erwachsen, darf man vielleicht noch mit Skepsis betrachten. Aber der Diskurs ist offenbar tats\u00e4chlich in Bewegung geraten. Ein wichtiges Symptom daf\u00fcr ist die neue CD des Altrockers Neil Young, <em>Living With War<\/em>.<\/p>\n<p>I join the multitudes<br \/>\nI raise my hand in peace<br \/>\nI never bow to the laws of the thought police<br \/>\nI take a holy vow<br \/>\nTo never kill again<br \/>\nTo never kill again<\/p>\n<p>So singt Young im Titelsong der Scheibe, deren Erwerb hier unbedingt empfohlen sei. Jedes der zehn Lieder ist gepr\u00e4gt von einer unb\u00e4ndigen Wut auf die L\u00fcgen und Verbrechen der Bush-Administration, gipfelnd in dem hymnischen Song <em>Let&#8217;s Impeach the President<\/em> (Lasst uns den Pr\u00e4sidenten absetzen). Die in wenigen Wochen produzierte Scheibe, die Anfang Mai auf den Markt kam und vorher bereits kostenlos im Internet zu downloaden war, bietet den von Neil Young bekannten anti-perfektionistischen Scheunen-Rock-Sound aus E-Gitarre, Bass (Rick Rosas) und Drums (Chad Cromwell). Unterst\u00fctzt wird Young diesmal aber von einem hundertk\u00f6pfigen Chor, der das Pathos der zornigen Botschaften sch\u00f6n unterstreicht. Auf einigen St\u00fccken ist ferner die Trompete von Tommy Bay zu h\u00f6ren, die mit ihrer symbolischen Zweifachcodierung als Milit\u00e4rinstrument und als Instrument der Schwarzen ein Element von Ambivalenz in die Musik tr\u00e4gt.<\/p>\n<h3>So wenig wie Leutnant Watada ist Neil Young ein Anarchist.<\/h3>\n<p>Unmittelbar nach dem wunderbar selbst-erm\u00e4chtigenden <em>Let&#8217;s Impeach the President<\/em> ist er bereits wieder <em>Looking for a Leader<\/em>, auf der Suche nach einem F\u00fchrer, der mit Korruption und Verw\u00fcstung aufr\u00e4umt und der ruhig &#8222;eine Frau oder ein schwarzer Mann&#8220; sein k\u00f6nne. Dar\u00fcber hinaus steckt die ganze Platte voller Anspr\u00fcche, der herrschenden Clique die diskursive Hegemonie \u00fcber traditionelle US-amerikanische Werte streitig zu machen: die Religion, die Familie, die Flagge. F\u00fcr einen H\u00f6rer in Deutschland haben die Texte dadurch etwas Exotisches, aber als gegenhegemoniale Strategie in der US-Gesellschaft ist dies vermutlich durchaus erfolgversprechend. Konsequent ist das letzte der zehn Lieder eine mit selten geh\u00f6rter Inbrunst <em>a capella<\/em> vorgetragene Version der kitschigen Hymne <em>America the Beautiful<\/em> (und hier ist schlie\u00dflich selbst beim Verfasser dieser Zeilen die kulturelle Kluft nicht mehr zu \u00fcberbr\u00fccken).<\/p>\n<p>Der Rekurs auf traditionelle Werte ist bei Young aber nicht rein strategisch; so tickt er wirklich! Er, der Kanadier, tr\u00e4umt bis heute den <em>American Dream<\/em>, ein in Europa schwer nachvollziehbares Amalgam aus individueller Freiheit und integrativen Instanzen wie eben Familie, Religion und Flagge. Young hatte sogar vor Jahren den <em>Patriot Act<\/em> bef\u00fcrwortet, mit dem die Bush-Regierung B\u00fcrgerrechte einschr\u00e4nkte. Jetzt schreit er gegen das dadurch epidemisch gewordene Abh\u00f6ren von Telefonen an: einer, der merkt, dass er sich hat verarschen lassen.<\/p>\n<p>Dies verbindet den Rock-Star Neil Young und den Leutnant Ehren Watada. Es ist zu w\u00fcnschen, dass ihr Beispiel Schule macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Watada, der der Armee 2003 im Vorfeld des Irakkriegs beigetreten war, \u00e4u\u00dfert in einem Interview seine Beweggr\u00fcnde f\u00fcr seinen Ungehorsam, der ihm u.a. zwei Jahre Gef\u00e4ngnis einbringen kann. Er sagt, er sei noch immer Patriot und glaube an &#8222;Dienst und Pflicht&#8220;. 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