{"id":7639,"date":"2006-10-01T00:00:34","date_gmt":"2006-09-30T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7639"},"modified":"2022-07-26T14:24:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:23","slug":"more-of-the-same","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/more-of-the-same\/","title":{"rendered":"More of the same"},"content":{"rendered":"<p>Im Gegenteil: Die offizielle israelische Position ist zwar die, man habe gesiegt. Selbst die israelischen Medien und die israelische Bev\u00f6lkerung glauben das aber nicht so recht. Mitte September versammelten sich ungef\u00e4hr 40.000 Menschen in Tel Aviv, um eine staatliche Untersuchung der Kriegspleite zu fordern, weit mehr als jemals gegen den Krieg demonstriert hatten. Unter der Bev\u00f6lkerung und in den Medien der Israel umgebenden Staaten ist die Mehrheit ohnehin der Meinung, dass die vermeintlich starke israelische Armee sich an der Hizballah eine blutige Nase geholt hat.<\/p>\n<p>Das hat Auswirkungen: In den pal\u00e4stinensischen Gebieten wird Hizballah-F\u00fchrer Nasrallah als Held gefeiert und blickt von zahllosen Postern von den W\u00e4nden. Israelische Zeitungskommentatoren bef\u00fcrchten, dass die Identifizierung mit der Hizballah neue Selbstmordattentate in Israel provozieren k\u00f6nnte. Syriens Pr\u00e4sident Assad hat unterdessen unl\u00e4ngst in einem Fernsehinterview angedeutet, dass das Modell Hizballah nun vielleicht auf die von Israel teilweise besetzten Golanh\u00f6hen \u00fcbertragen werden k\u00f6nnte und eine &#8222;Volksbewegung zur Befreiung der Golanh\u00f6hen&#8220; nicht mehr fern liege.<\/p>\n<p>Insgesamt hat der israelische Feldzug im Libanon unter Pal\u00e4stinenserInnen und in anderen arabischen L\u00e4ndern f\u00fcr eine weitere St\u00e4rkung anti-israelischer und anti-amerikanischer Feindbilder gesorgt. Und das auch in Teilen der Gesellschaft, die nicht zum traditionellen Klientel von Hizballah, Hamas und Co. geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Im Daily Star beispielsweise, der englischsprachigen, s\u00e4kular-nationalistisch ausgerichteten Tageszeitung Beiruts, schreibt eine junge politische Aktivistin: &#8222;Wir sind dieselbe Jugend, welche die Zedernrevolution angef\u00fchrt und damit das Ende der syrischen Besatzung des Libanons im M\u00e4rz 2006 bewirkt hat. \u2026 Mit Stolz sahen wir, wie sich die arabischen Massen dem Libanon als einem m\u00f6glichen Leuchtfeuer wirklicher Demokratie im Nahen Osten zuwandten. \u2026 Vier Monate sp\u00e4ter gibt Bush Israel gr\u00fcnes Licht, nicht nur die Hizballah, sondern den ganzen Libanon zu zerst\u00f6ren. \u2026 Die USA schaffen die Voraussetzungen f\u00fcr k\u00fcnftige Katastrophen, indem sie gem\u00e4\u00dfigte, gesetzestreue und friedliche Muslime, welche vom System vernachl\u00e4ssigt und missbraucht werden, in harte, rachs\u00fcchtige Radikale verwandeln, die eine Bedrohung f\u00fcr die Welt darstellen. Noch so viel Propaganda wird daran nichts \u00e4ndern, solange die Tatsachen f\u00fcr sich sprechen.&#8220;<\/p>\n<p>Der israelische Krieg im Libanon hat jedoch nicht nur Auswirkungen im Verh\u00e4ltnis zu den arabischen Staaten und ihrer Bev\u00f6lkerung, sondern auch negative R\u00fcckwirkungen auf die eigene Gesellschaft.<\/p>\n<p>Feministische Gruppen in Israel wie New Profile oder Bat Shalom haben immer wieder auf den Zusammenhang zwischen der andauernden milit\u00e4rischen Besetzung pal\u00e4stinensischer Gebiete und dem Anstieg von Aggression innerhalb der israelischen Gesellschaft im Allgemeinen und von Gewalt gegen Frauen im Besonderen hingewiesen.<\/p>\n<p>Eine Gruppe ehemaliger Soldaten, &#8222;Breaking the Silence&#8220;, hat sich zum Ziel gesetzt, das Schweigen in der israelischen Gesellschaft dar\u00fcber, was die Soldaten bei ihrem Dienst in den besetzten pal\u00e4stinensischen Gebieten erleben, zu durchbrechen. Einer der bei Breaking the Silence aktiven fr\u00fcheren Soldaten schreibt auf der Website der Organisation: &#8222;Es f\u00e4llt schwer, den Preis zu akzeptieren, den die israelische Gesellschaft f\u00fcr jeden Soldaten zahlt, der in die pal\u00e4stinensischen St\u00e4dte geschickt wird, um dort zu dienen. Der Preis ist hoch: die Zerst\u00f6rung von Grundwerten, von menschlichen Verhaltensregeln und Normen.&#8220;<\/p>\n<p>Die israelischen Soldaten, die im Libanon eingesetzt waren, haben als T\u00e4ter und Opfer vermutlich \u00e4hnliches erlebt und getan wie die Soldaten in den besetzten pal\u00e4stinensischen Gebieten. Die daraus folgenden Traumata hinterlassen Spuren nicht nur beim Individuum, sondern auch gesamtgesellschaftlich.<\/p>\n<p>Daneben hatte der Krieg im Libanon auch handfestere Auswirkungen. Wirtschaftlich sind die Sch\u00e4den nicht nur auf libanesischer, sondern auch auf israelischer Seite gro\u00df. Nach Sch\u00e4tzungen der britischen Zeitung Guardian hat der Krieg Israel 1,6 Milliarden Dollar gekostet. Dieses Geld fehlt f\u00fcr soziale Aufgaben. Gem\u00e4\u00df dem j\u00fcngsten israelischen Armutsbericht lebt ein Viertel der Bev\u00f6lkerung unter der Armutsgrenze, die Kluft zwischen Arm und Reich wird seit Jahren immer gr\u00f6\u00dfer. Es waren vor allem die im Norden oder im Grenzgebiet lebenden Armen Israels und einige israelische AraberInnen, die direkt Opfer der Hizballah-Raketen wurden, weil sie zu arm waren, um sich Bunker oder andere Schutzr\u00e4ume leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einer der Slogans, mit denen im August ungef\u00e4hr 3.000 Menschen in Tel Aviv gegen den Libanonkrieg demonstrierten, lautete: &#8222;Geld f\u00fcr die Benachteiligten, nicht f\u00fcr Krieg&#8220;.<\/p>\n<p>Solche Stimmen gegen den Krieg repr\u00e4sentierten eine kleine Minderheit in Israel, wo die Zustimmung zum Krieg laut Meinungsumfragen zeitweise bei \u00fcber 90 % lag. Aber diese Stimmen waren deutlich zu h\u00f6ren. Eine Vielzahl von Mahnwachen und Demonstrationen fand \u00fcberall in Israel statt. Trotz der teilweise herrschenden Kriegsbedingungen nahmen daran nicht nur pal\u00e4stinensische, sondern auch viele j\u00fcdische Israelis teil.<\/p>\n<p>Eine der Frauen in Schwarz, die in Haifa w\u00f6chentlich eine Mahnwache gegen die Besatzung abhalten, die nun auch zu einer Mahnwache gegen den Libanonkrieg wurde, berichtet: &#8222;An einem Freitag fingen die Alarmsirenen an zu heulen, als wir mitten in der Mahnwache waren. Wir haben den Schutzraum aufgesucht, und als die Entwarnung kam, haben wir die Mahnwache fortgesetzt.&#8220;<\/p>\n<p>Eine schwer bezifferbare Zahl von Soldaten und Reservisten haben die Teilnahme am Krieg verweigert. Die Organisationen New Profile und Yesh Gvul, die Verweigerer politisch und juristisch unterst\u00fctzen, sch\u00e4tzen, dass es mehrere hundert, m\u00f6glicherweise sogar mehrere tausend Verweigerer gibt. Die genaue Zahl ist deswegen so schwer zu sch\u00e4tzen, weil viele, die nicht am Krieg teilnehmen wollen, den Weg des kleinsten Widerstands gehen und sich z.B. krank melden oder f\u00fcr eine Zeit ins Ausland verschwinden.<\/p>\n<p>Nur eine kleine Zahl von Verweigerern sitzt inzwischen im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis. Andere Soldaten haben den Befehl verweigert, die libanesische Zivilbev\u00f6lkerung zu bombardieren. Yonathan Shapira, der zu einer Gruppe von Piloten geh\u00f6rt, die seit 2003 den Kriegsdienst in den besetzten pal\u00e4stinensischen Gebieten verweigern, berichtet in einem Interview: &#8222;Ich habe mit einem von diesen Soldaten gesprochen. Er hat mir insbesondere von einem Fall erz\u00e4hlt. Er bekam ein Ziel gesagt &#8211; ein Haus auf einem H\u00fcgel &#8211; und er wollte das Haus einfach nicht beschie\u00dfen. Sp\u00e4ter sagten ihm die Kommandeure, das sei okay.&#8220;<\/p>\n<p>Nicht nur die Aktivit\u00e4ten und Positionen der israelischen Friedensbewegung lagen au\u00dferhalb des Lichtkegels des medialen Interesses am Kriege im Nahen Osten, im Rahmen der internationalen Kriegsschau geriet auch in die \u00f6ffentliche Vergessenheit, dass die israelischen Milit\u00e4raktivit\u00e4ten in Gaza munter weiter gingen. Ergebnis: mehr als 200 tote und mehr als 1.000 verwundete Pal\u00e4stinenserInnen allein f\u00fcr den Zeitraum des Libanonkriegs. Die wirtschaftliche Lage in Gaza ist mittlerweile durch Abriegelung, Zerst\u00f6rung von Infrastruktur und Hamas-Boykott so dramatisch, dass Menschen aus Medikamentenmangel an heilbaren Krankheiten sterben und ihr Essen im M\u00fcll suchen.<\/p>\n<p>Israel baut immer noch an einer gro\u00dfen Mauer, um sich vor den pal\u00e4stinensischen BewohnerInnen der Westbank zu &#8222;sch\u00fctzen&#8220;. Gegen die Raketen der Hizballah aus dem Norden und die Qassam-Raketen der bewaffneten islamistischen Gruppierung aus Gaza helfen Mauern wenig. F\u00fcr Israel ist die einzige Alternative zur baldigen \u00dcberdachung des Landes mit raketensicherem Glas damit anzufangen, auf diejenigen mutigen und klugen Stimmen in der eigenen Mitte zu h\u00f6ren, die darauf aufmerksam machen, dass der Weg zum Frieden nicht Krieg hei\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gegenteil: Die offizielle israelische Position ist zwar die, man habe gesiegt. Selbst die israelischen Medien und die israelische Bev\u00f6lkerung glauben das aber nicht so recht. Mitte September versammelten sich ungef\u00e4hr 40.000 Menschen in Tel Aviv, um eine staatliche Untersuchung der Kriegspleite zu fordern, weit mehr als jemals gegen den Krieg demonstriert hatten. 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