{"id":7641,"date":"2006-10-01T00:00:01","date_gmt":"2006-09-30T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7641"},"modified":"2022-07-26T14:14:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:58","slug":"es-ist-ein-weiter-weg-nach-spanien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/es-ist-ein-weiter-weg-nach-spanien\/","title":{"rendered":"Es ist ein weiter Weg nach Spanien"},"content":{"rendered":"<p>Der Ausbruch des Spanischen B\u00fcrgerkriegs, der sich im Juli dieses Jahres zum siebzigsten Mal j\u00e4hrte, war gewiss ein solches politisches Ereignis &#8211; umso mehr, als in Spanien die Auseinandersetzung um Beurteilung und Relevanz der j\u00fcngeren Geschichte an Sch\u00e4rfe zugenommen hat. Der Blick, den die deutsche Presse auf diese Auseinandersetzung wirft, ist allerdings oft scheel\u00e4ugig.<\/p>\n<p>Die liberale Wochenzeitung <em>Die<\/em> <em>Zeit<\/em> pflegt die gute Tradition, an Jahrestagen \u00fcber Spanien dummes Zeug zu schreiben. 1996 bezog der Literaturwissenschaftler Fritz J. Raddatz von dem Hispanisten G\u00fcnther Schmigalle eine publizistische Tracht Pr\u00fcgel f\u00fcr ein Dossier zum sechzigsten Jahrestag des B\u00fcrgerkriegs, in dem es vor Verdrehungen und Fehlern nur so wimmelte.<\/p>\n<p>Heute tritt Werner A. Perger mit seinem Artikel &#8222;1936 &#8211; Spaniens Trauma&#8220; (Zeit online, 17.7.2006) in die Fu\u00dfstapfen des Meisters.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man sich ja vergn\u00fcgt zur\u00fcck lehnen, einen Kaffee einschenken und sich f\u00fcr ein paar Minuten dem Genuss erquicklichen Schwachsinns hingeben. Etwa, wenn Perger den sozialistischen Regierungspr\u00e4sidenten Felipe Gonz\u00e1lez, der 1986 laut und deutlich verk\u00fcnden lie\u00df, der B\u00fcrgerkrieg sei &#8222;kein Ereignis, dessen man sich erinnern sollte&#8220;, einen &#8222;stillen Partner des &#8218;Vergessenspakts'&#8220; nennt. Oder wenn er schreibt von dem demonstrativen Verst\u00e4ndnis der konservativen Volkspartei Spaniens, <em>Partido Popular<\/em> (PP), f\u00fcr &#8222;franquistische Randalierer, die sich zusammenrotten, sobald irgendwo auf einem \u00f6ffentlichen Platz eines der unz\u00e4hligen Franco-Denkm\u00e4ler abger\u00e4umt werden soll (was bezeichnenderweise nur in den Nachtstunden geschieht)&#8220;. Das Denkmal, das vor Pergers geistigem Auge steht &#8211; sein Hinweis auf die &#8222;Nachtstunden&#8220; verr\u00e4t es &#8211; war ein wuchtiges Reiterstandbild, das bis zum 17. M\u00e4rz 2005 die Plaza de San Juan de la Cruz in Madrid zierte. Es war das letzte seiner Art in der Hauptstadt. Als Arbeiter die Gurte befestigten, waren die &#8222;franquistischen Randalierer&#8220; ein paar Anwohnerinnen und Anwohner, die ihren Hund Gassi f\u00fchrten. &#8222;Na endlich, sie schaffen Paco weg!&#8220;, rief ein junger Mann im Vor\u00fcbergehen. Nachts hatte sich dann eine stattliche Anzahl Schaulustiger versammelt, um dem letzten Ritt des Caudillo zuzujubeln. Das Standbild wurde, recht unzeremoniell, auf einen nahen Schrottplatz gebracht.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich weniger spannend als Pergers Geschichte von Horden geifernder Faschisten und Baukr\u00e4nen, die im Schutze der Dunkelheit von Dorf zu Dorf kriechen, um Statuen abzuernten. Denn auch im \u00fcbrigen Spanien finden sich heute keineswegs &#8222;unz\u00e4hlige Franco-Denkm\u00e4ler&#8220;. Man muss sie suchen. In Santander und einigen galizischen St\u00e4dten bestand bis vor kurzem noch Aussicht auf Erfolg &#8211; so man denn mit einem Franco ohne Kopf, Arm, Bein oder in einem Kost\u00fcm aus allerlei bunten Farbspritzern zufrieden gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Aber Perger dramatisiert die Situation in Spanien nicht ohne Grund. Er m\u00f6chte warnen. Warnen vor der Wiederkehr unseliger politischer Meinungsverschiedenheiten, die in einer postmodernen, neoliberal geordneten Welt doch nichts als Schaden anrichten; warnen vor der &#8222;Polarisierung der spanischen Gesellschaft&#8220;; warnen vor den ewigen &#8222;Zwei Spanien&#8220;, die er &#8211; und mit ihm leider bis heute ein Teil der akademischen Zunft hierzulande &#8211; f\u00fcr so etwas wie eine Naturgegebenheit h\u00e4lt; und warnen vor einer mit linker Verbissenheit vorangetriebenen historischen Aufkl\u00e4rung, die nicht wei\u00df, wann Schluss ist: &#8222;Im schlimmsten Falle k\u00f6nnte sich der tiefe historische Spalt der spanischen Gesellschaft zwischen einer &#8211; grob definiert &#8211; autorit\u00e4ren antiaufkl\u00e4rerischen Rechten und einer nicht minder autorit\u00e4ren anarchistischen Linken wieder \u00f6ffnen.&#8220; Lassen wir die &#8222;autorit\u00e4re anarchistische [sprich: antiautorit\u00e4re] Linke&#8220; f\u00fcr den Moment beiseite.<\/p>\n<p>Es kommt noch besser: Denn schlie\u00dflich versteigt sich Perger zu einem Satz, der zum Motto taugen k\u00f6nnte f\u00fcr die Art und Weise, wie ein liberaler Geist im 21. Jahrhundert zur\u00fcckzuschauen w\u00fcnscht auf &#8211; Gott sei Dank &#8211; Vergangenes: &#8222;[&#8230;] Wer war damals schon \u00b4unschuldig\u00b4?&#8220;<\/p>\n<p>Es zeugt von Pergers (augenscheinlich) frommer Seele, dass er, ahnungsvoll und ahnungslos, in einem tagespolitischen Sachartikel die Frage nach der Erbs\u00fcnde und der Vertreibung aus dem Paradiese aufwirft. Hat sich der Weihrauch aber einmal verzogen, fragt man sich, was derart nivellierender Unsinn deutschen Leserinnen und Lesern an Informationen \u00fcber Spanien zu vermitteln hat? Au\u00dfer vielleicht die tr\u00f6stliche Gewissheit, dass man heute endlich einig stehe wider den blutigen Irrsinn der Geschichte; in einem &#8222;geschichtsfreien Raum&#8220; sozusagen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das Schreckbild einer spanischen Gesellschaft, in der sich aufs Neue Rechte und Linke als unvers\u00f6hnliche Gegner am ge\u00f6ffneten Grabe gegen\u00fcberstehen, ma\u00dflos \u00fcbertrieben. Viele Forderungen, wie sie in Spanien vor allem die <em>Asociaci\u00f3n para la Recuperaci\u00f3n de la Memoria Hist\u00f3rica<\/em> (ARMH) [&#8218;B\u00fcndnis f\u00fcr die Wiedergewinnung der historischen Erinnerung&#8216;] stellt, sind in jeder Hinsicht sinnvoll und werden von vielen Spanierinnen und Spaniern gutgehei\u00dfen: \u00d6ffnung der anonymen Massengr\u00e4ber aus B\u00fcrgerkriegs- und Francozeit und ein menschenw\u00fcrdiges Begr\u00e4bnis der Gebeine nach den W\u00fcnschen der Angeh\u00f6rigen; ungehinderter Zugang zu bisher verschlossenen Archiven von Kirche und Milit\u00e4r, um Spuren weiterer Verschwundener aufnehmen zu k\u00f6nnen; Entsch\u00e4digung der Angeh\u00f6rigen von Opfern der Repression; R\u00fcckgabe gestohlenen Eigentums; Demontage der Herrschaftszeichen Francos und eine \u00f6ffentliche Anerkennung der II. Republik durch die Regierung (letzteres ist mittlerweile geschehen).<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich des Besuchs von Papst Benedikt XVI. in Valencia forderte die ARMH au\u00dferdem erneut eine \u00f6ffentliche Entschuldigung der Kirche f\u00fcr deren wenig ruhmreiche Beteiligung an Kriegsgewalt und Unterdr\u00fcckung. Im Bildungssektor dr\u00e4ngt sie auf einen kritischeren Umgang mit der j\u00fcngeren Geschichte.<\/p>\n<p>Keine dieser Forderungen stellt den politischen Status Quo, das b\u00fcrgerlich-parlamentarische System der spanischen Demokratie (nach der Verfassung von 1978), in Frage.<\/p>\n<p>Parteigebundene Initiativen wie der kommunistische <em>Foro por la Memoria<\/em> [&#8218;Forum f\u00fcr die Erinnerung&#8216;] rufen zwar gelegentlich nach einer &#8222;III. Republik&#8220;, ernst nimmt sie aber niemand. Als am 14. April 2006, zum 75. Jahrestag der Ausrufung der II. Republik, der Vorsitzende des parlamentarischen Linksb\u00fcndnisses <em>Izquierda Unida<\/em> (IU), Gaspar Llamazares, auf einer \u00f6ffentlichen Kundgebung ebenfalls die &#8222;III. Republik&#8220; herbeisehnte, damit Spanien &#8222;in Sachen sozialer Gerechtigkeit und Demokratie&#8220; vorankomme, h\u00f6rten ihm gerade einmal ein paar hundert Menschen zu. Zum Vergleich: An der Demonstration gegen die Legalisierung der Homo-Ehe, die fast auf den Tag genau zwei Monate sp\u00e4ter stattfand, nahmen in Madrid nach Regierungsangaben 166.000 Menschen teil. Die Veranstalter wollten sogar 1.500.000 gez\u00e4hlt haben.<\/p>\n<p>Spanien ist heute wahrlich weit entfernt von einem &#8222;revolution\u00e4ren Linksschwenk&#8220;. Und das Prestige, das K\u00f6nig Juan Carlos selbst bei Vertreterinnen und Vertretern der politischen Linken besitzt, d\u00fcrfte auch die repr\u00e4sentative Monarchie in Spanien noch ein Weilchen stabil halten.<\/p>\n<p>Damit ist alles Gerede von einer &#8222;polarisierten Gesellschaft&#8220; hinf\u00e4llig. Denn tats\u00e4chlich &#8222;polarisiert&#8220; in Spanien, wenn es um die Erinnerung geht, in erster Linie <em>Partido Popular<\/em> (PP). Die franquistische Reserve wird mobilisiert, um den sozialistischen Regierungspr\u00e4sidenten Jos\u00e9 Luis Rodr\u00edguez Zapatero vom Thron zu st\u00fcrzen. Der Vorwand ist beliebig.<\/p>\n<p>Als sich am 11. Juni 2005 ca. 30.000 Menschen (nicht 80.000, wie <em>El Adelanto de Salamanca<\/em> einen Tag sp\u00e4ter wissen wollte) auf der wundersch\u00f6nen Plaza Mayor von Salamanca versammelten, ging es eigentlich um den Protest gegen die R\u00fcckgabe katalanischer Best\u00e4nde des<em> Archivo General de la Guerra Civil<\/em> an die <em>Generalitat<\/em> von Barcelona. Nur: Man w\u00e4re durch die Lekt\u00fcre der Spruchb\u00e4nder nie darauf gekommen! <em>&#8222;Zapatero vende Patrias&#8220;<\/em> [&#8218;Zapatero verkauft Vaterl\u00e4nder&#8216;] stand da zu lesen; oder <em>&#8222;Zapatero anti-espa\u00f1ol&#8220;<\/em> [&#8218;Zapatero Anti-Spanier&#8216;]; <em>Falange<\/em>, die legale faschistische Partei Spaniens, hatte ein wallendes Bettlaken mit dem Spruch bemalt: <em>&#8222;Zapatero: Espa\u00f1a ni se vende ni se regala&#8220;<\/em> [&#8218;Zapatero! Spanien wird nicht verkauft und nicht verschenkt!&#8216;]; auf einem einsamen Pappdeckel schaukelte: <em>&#8222;Zapatero es un mas\u00f3n&#8220;<\/em> [&#8218;Zapatero ist ein Freimaurer&#8216;] vor\u00fcber; und immer wieder der Slogan, der das inoffizielle Motto der Veranstaltung h\u00e4tte sein k\u00f6nnen: <em>&#8222;Un archivo &#8211; una naci\u00f3n&#8220;<\/em> [&#8218;Ein Archiv &#8211; eine Nation&#8216;]. Als ein kleiner Junge an der Hand eines \u00e4lteren Herren, augenscheinlich seines Gro\u00dfvaters, fragte, wogegen man demonstriere, antwortete dieser voller Verachtung: &#8222;Gegen die Katalanen!&#8220;<\/p>\n<p>Salamancas B\u00fcrgermeister Juli\u00e1n Lanzarote (PP) hatte f\u00fcr die Veranstaltung gro\u00dfz\u00fcgig den Stadts\u00e4ckel gepl\u00fcndert und einfach an alles gedacht. Eigens gemietete Busse sammelten die Anrainer aus umliegenden D\u00f6rfern zusammen. Aus zahllosen Lautsprechern schallte K\u00e4mpferisches in jeden Winkel der Stadt. Und das Wetter war auch noch gut.<\/p>\n<p>Die Demonstration von Salamanca war ein Geisterballett, ein letztes Schaulaufen der nationalistischen Rechten, die Franco so lange gest\u00fctzt hatte. Die &#8222;nationale Notlage&#8220;, die <em>Partido Popular<\/em> aus parteitaktischen Gr\u00fcnden bei jeder Gelegenheit herbeizetert, ist in Wahrheit nur zum Lachen. Und angesichts des hohen Altersdurchschnitts der Teilnehmerinnen und Teilnehmer d\u00fcrften sich Mariano Rajoy und seine Parteioberen ohnehin bald nach fitterem Fu\u00dfvolk umschauen m\u00fcssen. Sie sind bereits kr\u00e4ftig dabei.<\/p>\n<p>Es st\u00fcnde Presseleuten, die in einem Land ihr Geld verdienen, das sich nicht eben mit Ruhm bedeckt hat bei der Aufarbeitung <em>seiner<\/em> Vergangenheit, besser zu Gesicht, mit etwas mehr Sorgfalt und Respekt von den aktuellen Ereignissen in Spanien zu schreiben. Die Sch\u00e4rfe, mit der die Auseinandersetzung dort gef\u00fchrt wird, zeugt nicht zuletzt von der Ernsthaftigkeit und Offenheit, mit der man zu Werke geht. Die Arbeit von B\u00fcrgerinitiativen wie der ARMH hat das Gesicht Spaniens ver\u00e4ndert. Wie weit diese Ver\u00e4nderung noch gehen wird, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p>Gegen die elit\u00e4re, gro\u00dfst\u00e4dtisch-akademische Rede von der Angleichung der Gegens\u00e4tze oder gar vom &#8222;Ende der Geschichte&#8220; steht ihre konkrete Arbeit im Kleinen, in den versprengten D\u00f6rfern der Provinz, wo zum Teil noch heute die Angst umgeht: &#8222;Ich glaube, dass es eine Katharsis bewirkt&#8220;, sagt der Gr\u00fcnder der ARMH, Emilio Silva Barrera (Jg. 1968), \u00fcber die Arbeit auf dem Land: &#8222;Oder eine kleine Kulturrevolution, wenn Sie so wollen. Denn ein Dorf, das die \u00d6ffnung eines Massengrabs aus der Zeit des B\u00fcrgerkriegs erlebt hat, ist in der n\u00e4chsten Woche nicht mehr das gleiche Dorf. Unter anderem deshalb, weil die Familien der Erschossenen wieder so etwas wie Vertrauen zum \u00f6ffentlichen Leben fassen. [&#8230;] Wenn Leute in den D\u00f6rfern sehen, wie ein Guardia Civil [ber\u00fcchtigte militarisierte Polizei Spaniens] sich um ein Massengrab mit &#8218;Roten&#8216; aus dem Kriege k\u00fcmmert, dann merken sie: Es hat sich etwas ver\u00e4ndert.&#8220;<\/p>\n<p>Aber es gibt wirklich keinen Grund, warum Werner A. Perger das wissen sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ausbruch des Spanischen B\u00fcrgerkriegs, der sich im Juli dieses Jahres zum siebzigsten Mal j\u00e4hrte, war gewiss ein solches politisches Ereignis &#8211; umso mehr, als in Spanien die Auseinandersetzung um Beurteilung und Relevanz der j\u00fcngeren Geschichte an Sch\u00e4rfe zugenommen hat. Der Blick, den die deutsche Presse auf diese Auseinandersetzung wirft, ist allerdings oft scheel\u00e4ugig. 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