{"id":7666,"date":"2006-10-01T00:00:05","date_gmt":"2006-09-30T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7666"},"modified":"2022-07-26T14:14:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:58","slug":"kampf-der-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/kampf-der-erinnerungen\/","title":{"rendered":"Kampf der Erinnerungen"},"content":{"rendered":"<p>Ein solches Schicksal h\u00e4tte fast auch das lesenswerte Buch von Walther L. Bernecker und S\u00f6ren Brinkmann, <em>Kampf der Erinnerungen. Der Spanische B\u00fcrgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006<\/em> (Verlag Graswurzelrevolution 2006) ereilt, das p\u00fcnktlich zum 70. Jahrestag des Spanischen B\u00fcrgerkriegs auf dem deutschen Buchmarkt erschien. In nahezu jeder gro\u00dfen Tageszeitung, die sich zur aktuellen Kontroverse in Spanien um die Geschichte von B\u00fcrgerkrieg und Francozeit \u00e4u\u00dfern wollte, wurde ausgiebig aus diesem Werk zitiert. Erw\u00e4hnt aber wurde es &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur unter ferner liefen; irgendwo in einem traurigen Nebensatz am Ende des Artikels, in Gesellschaft anderer, nicht minder verhackst\u00fcckter Titelopfer.<\/p>\n<p>Die Arbeit von Bernecker und Brinkmann hat Besseres verdient.<\/p>\n<p><em>Kampf der Erinnerungen<\/em> ist nicht so sehr Ergebnis aktueller Forschung der Autoren in Spanien. Das Buch ist eher ein Forschungsspiegel, in dem Bernecker und Brinkmann Erkenntnisse der aktuellen spanischen und internationalen Geschichtswissenschaft zusammenf\u00fchren und einem gr\u00f6\u00dferen Publikum zug\u00e4nglich machen. Es steht damit in der guten Tradition (vor allem) Walther L. Berneckers bisheriger Ver\u00f6ffentlichungen, der sich wie kaum ein anderer Verdienste darum erworben hat, die neuere spanische Geschichte in Deutschland bekannt zu machen.<\/p>\n<p>Allerdings schleichen sich auf diese Weise auch Fehler ein, f\u00fcr die nicht Bernecker oder Brinkmann, sondern die Verfasser ihrer spanischen Quellen verantwortlich sind: etwa, wenn Bernecker unter R\u00fcckgriff auf ein Werk des spanischen Historikers Juli\u00e1n Casanova einen Satz aus der Erkl\u00e4rung des spanischen Episkopats von 1971 als Beleg daf\u00fcr heranzieht, dass die Kirche sich f\u00fcr ihre unr\u00fchmliche Rolle in B\u00fcrgerkrieg und Francozeit entschuldigt habe.<\/p>\n<p>Casanova zitiert das vieldiskutierte, nie wirklich verabschiedete Dokument unvollst\u00e4ndig<em> <\/em>und teilweise falsch, wie ein Vergleich mit Ver\u00f6ffentlichungen des katalanischen Kirchenhistorikers Hilari Raguer beweist.<\/p>\n<p>Die kritische Anteilnahme bei der Lekt\u00fcre wird durch solche Unsch\u00e4rfen nur gr\u00f6\u00dfer &#8211; sie sind in <em>Kampf der Erinnerungen<\/em> selten genug.<\/p>\n<p>Walther L. Bernecker zeichnet verantwortlich f\u00fcr den ersten Teil des Buches.<\/p>\n<p>Er umfasst die Zeit von der Ausrufung der II. Republik (1931) bis zum Tod Francos (1975) und bereitet gleichsam den Boden, die aktuelle Auseinandersetzung um die historische Erinnerung in Spanien besser zu verstehen.<\/p>\n<p>Wenn Bernecker von den ausl\u00f6senden Faktoren des B\u00fcrgerkriegs handelt, von der innenpolitischen Entwicklung in beiden Zonen, vom milit\u00e4rischen Verlauf des Kriegs oder der Beteiligung Deutschlands, Italiens und der Sowjetunion, ist nahezu jeder Satz ein Destillat &#8211; das Ergebnis jahrzehntelanger Besch\u00e4ftigung mit dem Thema. Es d\u00fcrfte schwer fallen, im deutschen Sprachraum Knapperes und Pr\u00e4ziseres zu finden.<\/p>\n<p>Erfreulich, wenn auch wenig \u00fcberraschend, ist Berneckers ausf\u00fchrliche, kritische W\u00fcrdigung der sozialen Revolution und der Rolle der Anarchistinnen und Anarchisten, die er differenziert zur Sprache bringt. Im heutigen Spanien ist die Erinnerung an die Revolution bestenfalls eine Randerscheinung. Ihre Sachwalter sind eine tief zerstrittene <em>CNT<\/em> und einige unkonventionelle Geister aus den Korridoren der Universit\u00e4ten, die sich &#8211; nicht zuletzt &#8211; um die hervorragende <em>Fundaci\u00f3n de Estudios Libertarios Anselmo Lorenzo <\/em>(\u201aStiftung f\u00fcr Libert\u00e4re Studien Anselmo Lorenzo&#8216;) scharen.<\/p>\n<p>Die Revolution hat keine Lobby, und die etablierte Fachhistorie \u00fcberl\u00e4sst sie gerne den anarchistischen Gruppen und Gr\u00fcppchen zum Spielen.<\/p>\n<p>Der Vorwurf, die revolution\u00e4ren Ereignisse der Jahre 1936 und 1937 w\u00fcrden ein weiteres Mal &#8222;verdr\u00e4ngt&#8220;, kann mit Blick auf die \u00f6ffentliche Diskussion in Spanien durchaus erhoben werden. Das Buch von Bernecker und Brinkmann trifft er nicht.<\/p>\n<p>Berneckers Hauptaugenmerk liegt auf dem Problem der historischen Erinnerung an Republik und B\u00fcrgerkrieg bis 1975: der Erinnerungspolitik des Franco-Staates. Der Rolle und Funktion zentraler &#8222;Erinnerungsorte&#8220; (Pierre Nora) des Franquismus, etwa dem <em>Alc\u00e1zar<\/em> von Toledo oder dem &#8222;Tal der Gefallenen&#8220; bei Madrid, widmet er ein ganzes Kapitel. Gelegentlich eingef\u00fcgte Fotographien und Illustrationen lassen das Gesagte plastisch werden. Bernecker behandelt die Allgegenwart Francos im \u00f6ffentlichen Raum, seine Verherrlichung in Literatur, Film und bildender Kunst, den Einfluss der Medien und den herrschaftslegitimierenden Diskurs der Geschichtswissenschaften. All dies geschieht knapp, klar, fundiert und war in dieser Pr\u00e4gnanz auf Deutsch bisher noch nicht zu lesen.<\/p>\n<p>Vor einer kniffligeren Aufgabe stand Berneckers Kollege S\u00f6ren Brinkmann: Er behandelt im zweiten Teil des Buches die turbulenten Jahre der <em>transici\u00f3n<\/em> (1975-1980), des keineswegs gewaltlosen \u00dcbergangs von der Diktatur zur parlamentarischen Demokratie, und den ihr folgenden \u00f6ffentlichen Umgang bzw. <em>Nicht<\/em>-Umgang mit der j\u00fcngsten Vergangenheit des Landes. Es spricht f\u00fcr Brinkmanns intellektuellen Mut, dass er sich an ein Thema wagt, zu dem in Spanien gegenw\u00e4rtig praktisch jeder g\u00e4ngige Konsens in Forschung und \u00f6ffentlicher Meinung aufgek\u00fcndigt wird &#8211; und die Diskussion dauert an. Es ist deshalb etwas entt\u00e4uschend, dass Brinkmann das &#8222;Versprechen&#8220; des Untertitels, den &#8222;Kampf der Erinnerungen&#8220; bis ins Jahr 2006 nachzuvollziehen, nicht einl\u00f6sen kann. Gerade einmal vier Seiten widmet er den aktuellen, spektakul\u00e4ren Ereignissen in Spanien, rund um ge\u00f6ffnete Massengr\u00e4ber, rechtsextreme Bestsellerautoren und politisches Gezerre zwischen <em>Partido Popular<\/em>, B\u00fcrgerinitiativen und regierenden Sozialisten.<\/p>\n<p>Noch \u00e4rgerlicher sind einige sachliche Fehler, die dem sonst so gr\u00fcndlichen Brinkmann auf den letzten Seiten unterlaufen und die der Hispanist Walter Haubrich in einer Rezension f\u00fcr die FAZ seinem jungen Kollegen bereits um die Ohren geschlagen hat. Nun sollte es einem professionellen Hispanisten tats\u00e4chlich nicht passieren, spanische Regionen zu verwechseln, und zu einigen politischen Ereignissen der j\u00fcngsten Zeit &#8211; etwa der Gro\u00dfdemonstration von Salamanca im vergangenen Jahr &#8211; scheint Brinkmann nicht ausreichend informiert zu sein. Die wissenschaftliche Qualit\u00e4t seiner sonstigen Ausf\u00fchrungen schm\u00e4lert dies aber keineswegs. Und gerade dort, wo Brinkmann durchaus diskussionsbed\u00fcrftige Ansichten zur spanischen Erinnerungspolitik vertritt, ist sein Text anregend und voller interessanter Fakten.<\/p>\n<p>Es ehrt den Verlag Graswurzelrevolution, dass er mit der Ver\u00f6ffentlichung von <em>Kampf der Erinnerungen<\/em> wissenschaftlicher Qualit\u00e4t den Vorrang vor politischer Gesinnungsfestigkeit einger\u00e4umt hat. Denn weder Bernecker noch Brinkmann lassen Zweifel daran, dass f\u00fcr sie die repr\u00e4sentative Demokratie ein anzustrebendes und zu erhaltendes System gesellschaftlichen Miteinanders ist. Ein solches (indirektes) Bekenntnis zum <em>Status Quo<\/em> hat in Deutschland sicher einen anderen Klang als in Spanien, wo die Diskussion um die Verfassung von 1978 durch die erweiterten Autonomierechte der Regionen wieder einmal voll entbrannt ist. Ob man deshalb aber gleich ein Wutgeheul anstimmen muss, wie es in der libert\u00e4ren Presse hier und da zu h\u00f6ren war, darf bezweifelt werden. Thema des Buches ist solcherlei politisches Flaggenschwenken ohnehin nicht.<\/p>\n<p><em>Kampf der Erinnerungen<\/em> verdient einen Stammplatz im B\u00fccherschrank aller Spanien-interessierten Leserinnen und Leser &#8211; m\u00f6glichst weit vorne und auf Augenh\u00f6he, damit man leicht nachbl\u00e4ttern kann. Sowohl als Einf\u00fchrung in die Materie als auch als Kompendium und Grundlage wissenschaftlicher Diskussion ist dieses Buch gelungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein solches Schicksal h\u00e4tte fast auch das lesenswerte Buch von Walther L. Bernecker und S\u00f6ren Brinkmann, Kampf der Erinnerungen. Der Spanische B\u00fcrgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006 (Verlag Graswurzelrevolution 2006) ereilt, das p\u00fcnktlich zum 70. Jahrestag des Spanischen B\u00fcrgerkriegs auf dem deutschen Buchmarkt erschien. 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