{"id":7672,"date":"2006-10-01T00:00:45","date_gmt":"2006-09-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7672"},"modified":"2022-07-26T14:14:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:57","slug":"die-situationistische-internationale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/die-situationistische-internationale\/","title":{"rendered":"Die Situationistische Internationale"},"content":{"rendered":"<p>Was war eigentlich die Situationistische Internationale (SI)?<\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten eine K\u00fcnstlerInnenavantgarde, die irgendwie Kunst und Revolution zusammenr\u00fchren wollte und an der h\u00f6chstens noch ihre Kunst von Interesse ist. F\u00fcr manche ein lustiger Haufen, der die Bewegung im franz\u00f6sischen Mai 1968 mit radikalen Spr\u00fcchen wie &#8222;Arbeitet nie&#8220;, &#8222;Verbieten ist verboten&#8220; und &#8222;Unter dem Pflaster &#8211; der Strand&#8220; versorgte. F\u00fcr eher wenige eine Gruppe, die eine umfassende Gesellschaftskritik und die bis heute h\u00f6chstentwickelte proletarische Revolutionstheorie vorlegte.<\/p>\n<p>Zu diesen wenigen geh\u00f6ren Biene Baumeister, Zwi und Negator, die der Vereinnahmung der SI als innovative K\u00fcnstlerInnentruppe zu Recht etwas entgegensetzen und mit ihrem Buch &#8222;Situationistische Revolutionstheorie&#8220; das gesellschaftskritisch-revolution\u00e4re Gedankengut der SI aus der Versch\u00fcttung herausholen wollen.<\/p>\n<p>Der Buchtitel kann dabei leicht irref\u00fchren, denn die SI hatte nie einen fertigen Masterplan f\u00fcr die Revolution. Ihr Leitmotto war vielmehr &#8222;Die Revolution aufs neue zu erfinden &#8211; das ist alles&#8220;, und zwar nicht am einsamen Schreibtisch, sondern im gesellschaftlichen Handgemenge. Ihren Beitrag sah sie dabei in der Konstruktion von Situationen zur revolution\u00e4ren Erhebung, daher das S in ihrem Namen. Mit dem I war es nicht so weit her, denn die SI blieb eine sehr westeuropa-lastige Organisation, der w\u00e4hrend ihres Bestehens 1957-1972 kaum mehr als 70 Personen angeh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Die AutorInnen konzentrieren sich bei der Darstellung der heterogenen SI auf die Linie um Guy Debord, dem bis heute bekanntesten SI-Mitglied. Debord lieferte &#8211; ankn\u00fcpfend an Marx, Lukacs, Freud und Benjamin &#8211; mit der &#8222;Gesellschaft des Spektakels&#8220; eine aktuelle Kritik des modernen Kapitalismus. Demnach bef\u00e4nden sich die modernen Gesellschaften seit den 1920ern im Zustand des Spektakels, der sich dadurch auszeichne, dass &#8222;neben der entfremdeten Produktion der entfremdete Konsum zu einer zus\u00e4tzlichen Pflicht f\u00fcr die Massen&#8220; geworden sei. An die Stelle von aktiver Lebensgestaltung trete passiver Konsum von blo\u00dfen Bildern des Lebens und vorgefertigten Lebensstilen. Jegliche Bed\u00fcrfnisse w\u00fcrden mehr und mehr vom Spektakel vorgegeben und seien somit am Ende nur noch Pseudobed\u00fcrfnisse.<\/p>\n<p>Was also tun? F\u00fcr die SI lag der Schl\u00fcssel im Aufsp\u00fcren des unbewussten, systematisch verdr\u00e4ngten revolution\u00e4ren Begehrens und der &#8222;radikalen Bed\u00fcrfnisse&#8220;. Dieses Aufsp\u00fcren versuchte sie durch spezielle Techniken zu unterst\u00fctzen: Zu den Bekanntesten z\u00e4hlen das Detournement (Zweckentfremdung kultureller Gegenst\u00e4nde, z.B. Einsetzen neuer Dialoge in altbekannten Comics) und das D\u00e9rive (kollektives Umherschweifen im st\u00e4dtischen Raum zur Erkundung subversiver Nutzungsm\u00f6glichkeiten im Bestehenden). Ein gro\u00dfes Verdienst der SI war das Starkmachen des Individuums und die Betonung des Bewusstseins zu einer Zeit, als weite Teile der marxistischen Linken an hierarchische und \u00f6konomistische Planungsutopien glaubten. Entsprechend stand f\u00fcr die SI fest, dass eine Revolution nicht von oben herbeiorganisiert werden kann, sondern durch Selbstorganisation des Proletariats von unten entstehen muss.<\/p>\n<p>Damit verbunden war die \u00dcberzeugung, dass jegliche Art von Repr\u00e4sentation keine Befreiung bringen kann und Staat, Parteien und Parlamente auf die M\u00fcllhalde der Geschichte geh\u00f6ren. Folgerichtig hatte sie f\u00fcr alle Staatssozialismen von Lenin bis Mao nicht mehr als bei\u00dfenden Spott \u00fcbrig und hegte gro\u00dfe Sympathien f\u00fcr den Anarchismus.<\/p>\n<p>Allerdings sparte sie auch dort nicht mit Kritik, angefangen bei Bakunins &#8222;unsichtbaren Piloten&#8220; bis hin zum &#8211; ihrer Meinung nach oft leeren und abstrakten &#8211; anarchistischen Freiheitsbegriff. Letztlich kann die SI am ehesten in der N\u00e4he eines antiautorit\u00e4ren R\u00e4tekommunismus angesiedelt werden.<\/p>\n<p>Die Aufarbeitung vergangener K\u00e4mpfe und Niederlagen war &#8211; gerade angesichts der wirksamen Verdr\u00e4ngung des historischen Bewusstseins durch das Spektakel &#8211; eine wichtige Aktivit\u00e4t f\u00fcr die SI: Man konnte aus ihr lernen und eventuell abgeschnittene F\u00e4den wiederaufnehmen.<\/p>\n<p>Insbesondere die Einsichten aus dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg haben die SI gepr\u00e4gt, und Debord war der Ansicht, der Anarchismus habe 1936 &#8222;den fortgeschrittensten Entwurf einer proletarischen Gewalt geleitet, den es jemals gegeben hat&#8220;. Besondere Aufmerksamkeit hat die SI der Vereinnahmung (Rekuperation) von einstmals revolution\u00e4ren Ans\u00e4tzen zur Modernisierung des Spektakels geschenkt. Dieser Gefahr sind revolution\u00e4re Bewegungen stets ausgesetzt, ein besonders pr\u00e4gnantes Beispiel ist die Integration vieler 68er-Forderungen in einen modernisierten Kapitalismus, wie etwa die R\u00e4te-Idee nach 1968 zu mehr Mitbestimmung in den Betrieben und Komitees aller Art f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Der vorliegende Doppelband bietet eine brauchbare Einf\u00fchrung in die politische Theorie und Praxis der SI. Dabei bekommt man nicht unbedingt easy listening serviert, sondern muss stellenweise einige theoretische Anstrengungen in Kauf nehmen. Und am Ende sollte man nicht entt\u00e4uscht sein, wenn man eher eine historische Rekonstruktion verdaut als praktische Handlungsempfehlungen f\u00fcr hier und heute in der Hand hat. Aber passiver Konsum fertiger L\u00f6sungen ist ja eh schei\u00dfe. Jedenfalls haben die AutorInnen Lust gemacht, sich den abgeschnittenen Faden der SI mal genauer anzugucken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was war eigentlich die Situationistische Internationale (SI)? F\u00fcr die meisten eine K\u00fcnstlerInnenavantgarde, die irgendwie Kunst und Revolution zusammenr\u00fchren wollte und an der h\u00f6chstens noch ihre Kunst von Interesse ist. 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