{"id":7674,"date":"2006-10-01T00:00:16","date_gmt":"2006-09-30T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7674"},"modified":"2022-07-26T14:14:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:57","slug":"libertare-parlamentarismuskritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/libertare-parlamentarismuskritik\/","title":{"rendered":"Libert\u00e4re Parlamentarismuskritik"},"content":{"rendered":"<p>Die vielen schwarzen, f\u00fcnfzackigen Sterne auf rot leuchtendem Grund machen das Cover von &#8222;Essenz der Anarchie&#8220; zu einem Hingucker. Und wer das Vorwort des Herausgebers liest, bekommt schon nach wenigen Zeilen Appetit auf mehr.<\/p>\n<p>Der Wiener Wirtschaftsprofessor Gerhard Senft erz\u00e4hlt dort die Geschichte eines kuriosen Falls von Tierqu\u00e4lerei:<\/p>\n<p>&#8222;In der burgenl\u00e4ndischen Gemeinde Andau hatte ein Brieftaubenz\u00fcchter einigen Exemplaren seines Federviehs, derer er offenbar \u00fcberdr\u00fcssig geworden war, den Hals umgedreht, sie in einen Sack gesteckt und in einen Container entsorgt. Rund die H\u00e4lfte der Tiere \u00fcberlebte allerdings die Tortur und konnte gerettet werden. Ein Tierfreund nahm sich der V\u00f6gel an und lie\u00df sie nach entsprechender Pflege frei &#8211; worauf die Tauben prompt wieder zu ihrem urspr\u00fcnglichen Besitzer zur\u00fcckflogen.<\/p>\n<p>Ein vergleichbares Ph\u00e4nomen l\u00e4sst sich in den etablierten Demokratien immer wieder in Wahlzeiten beobachten. Eine nicht unerhebliche Zahl von W\u00e4hlern, die in den vorangegangenen Legislaturperioden durch die Aktivit\u00e4ten der von ihnen bevorzugten Parteien irritiert waren, neigt dazu, trotzdem bei ihrer urspr\u00fcnglichen Pr\u00e4ferenz zu bleiben.&#8220; (S. 6)<\/p>\n<p>Ein fabelhafter Auftakt!<\/p>\n<p>Zu kritisieren ist aber, dass Gerhard Senft in seinem Vorwort Max Stirner, den philosophischen Prediger des Egoismus, zum &#8222;Vordenker des Anarchismus&#8220; (S. 13) und den republikanischen Schriftsteller William Godwin als &#8222;den ersten Theoretiker des Anarchismus&#8220; (S. 17) adelt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben viele AnarchistInnen Theoriefragmente von diesen beiden Philosophen \u00fcbernommen, und es finden sich in den Schriften von Godwin und Stirner auch libert\u00e4re Tendenzen. Aber weder Godwin ((1)) noch Stirner haben sich je selbst als Anarchisten bezeichnet. Im Gegenteil, diese Selbstbezeichnung haben sie strikt abgelehnt. Was soll also diese in &#8222;individualanarchistischen&#8220; Kreisen \u00fcbliche Eingemeindung von Leuten, die sich nicht mehr dagegen wehren k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Auch die zentrale These des Herausgebers, &#8222;Die unterschiedlichen Richtungen innerhalb des Anarchismus kennen einen gemeinsamen Angriffspunkt: den Parlamentarismus&#8220;, ist fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>AnarchistInnen lehnen jegliche Form von Herrschaft ab, nicht nur die parlamentarische. Sie wollen weder regieren noch regiert werden, auch nicht von Mehrheiten, sondern die Entscheidungen selbstbestimmt mit anderen f\u00e4llen. Ihr Ziel ist die freie Gesellschaft. Der Parlamentarismus wird von Libert\u00e4ren nicht deshalb kritisiert, weil in ihm zuviel, sondern weil in diesem System zu wenig frei diskutiert wird.<\/p>\n<p>Der &#8222;Hauptfeind&#8220; des Anarchismus war und ist nicht der Parlamentarismus, sondern der Faschismus.<\/p>\n<p>In Spanien hat sich 1936 gezeigt, dass AnarchistInnen sehr wohl zwischen parlamentarischer Demokratie und faschistischer Diktatur unterscheiden k\u00f6nnen. Und dass sie in Zeiten eines faschistischen Putschversuchs eine Republik gegen eine Diktatur verteidigen.<\/p>\n<p>Gerhard Senft hat neun, allesamt vor 1946 geschriebene Artikel aus der facettenreichen Geschichte des Anarchismus zusammengestellt. Die Auswahl reicht von relativ bekannten Texten von Louise Michel, Pjotr Kropotkin, Erich M\u00fchsam, Pierre Ramus und Rudolf Rocker bis hin zu lange schon in staubigen Archiven verborgenen Beitr\u00e4gen von Elis\u00e9e Reclus, Robert Bodansky, Raphael Friedberg und Helmut R\u00fcdiger. Jeder Artikel wird durch Kurzbiographien der entsprechenden AutorInnen eingeleitet, so dass die Leserinnen und Leser die Texte historisch einordnen k\u00f6nnen und gleichzeitig angeregt werden, sich weitere B\u00fccher zum Thema zu Gem\u00fcte zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t der Artikel ist so unterschiedlich wie die AutorInnen.<\/p>\n<p>Durchg\u00e4ngig wird aus libert\u00e4rer Perspektive unter anderem der Parlamentarismus analysiert und kritisiert.<\/p>\n<p>Ein unangenehm aufsto\u00dfender, antiquierter Volksbegriff, inklusive Verkl\u00e4rung des &#8222;Deutschtums&#8220;, findet sich in dem 1904 geschriebenen und eher schnarchigen &#8222;Parlamentarismus und Generalstreik&#8220;-Text von Raphael Friedeberg: &#8222;&#8230; das deutsche Volk ist schon seit langem eins der Kulturv\u00f6lker, das deutsche Volk hat schon vor Jahrhunderten revolution\u00e4res Bewusstsein gehabt &#8230;&#8220; (S. 85)<\/p>\n<p>Igitt, was f\u00fcr ein Schmarren!<\/p>\n<p>Angereichert mit vielen heute noch aktuellen Weisheiten sind die Texte von Rocker, M\u00fchsam, Ramus und R\u00fcdiger. Mitrei\u00dfend und wohltuend pathetisch sind die Agitationsschriften der Pariser KommunardInnen Elis\u00e9e Reclus und Louise Michel aus den 1880er Jahren.<\/p>\n<p>Reclus: &#8222;Mancher wird behaupten, dass es Sozialisten und Sozialisten gebe. Dem Anschein nach gibt es deren auch verschiedene Arten, doch das ist eigentlich nur T\u00e4uschung. In Wahrheit bestehen nur zwei entgegengesetzte Prinzipien: das der Regierung und dasjenige der Anarchie, das der Autorit\u00e4t und das der Freiheit.&#8220; (S. 71)<\/p>\n<p>Michel: &#8222;Ich sah unsere Genossen am Werk, und nach und nach kam ich zu der \u00dcberzeugung, dass selbst die Redlichsten, k\u00f6nnten sie Macht aus\u00fcben, den Schurken \u00e4hnlich w\u00fcrden, die sie einst bek\u00e4mpften. Ich sah die Unm\u00f6glichkeit, dass sich Freiheit mit einer wie auch immer gearteten Macht vereinbaren l\u00e4sst (&#8230;) So wie die Macht hart, egoistisch und grausam macht, so erniedrigt Sklaverei, und nur die Anarchie kann vollbringen, dass der Mensch frei und gl\u00fccklich lebt.&#8220; (S. 55)<\/p>\n<p>Alle Beitr\u00e4ge dieses Sammelbandes sind lesenswert, und so bietet er insgesamt eine wichtige Erg\u00e4nzung zum immer noch aktuellen Graswurzelrevolution-Sonderheft zur Kritik der Parlamentarischen Demokratie ((2)).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vielen schwarzen, f\u00fcnfzackigen Sterne auf rot leuchtendem Grund machen das Cover von &#8222;Essenz der Anarchie&#8220; zu einem Hingucker. Und wer das Vorwort des Herausgebers liest, bekommt schon nach wenigen Zeilen Appetit auf mehr. 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