{"id":7678,"date":"2006-10-01T00:00:01","date_gmt":"2006-09-30T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7678"},"modified":"2022-07-26T14:14:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:58","slug":"so-viele-berichte-so-viele-fragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/so-viele-berichte-so-viele-fragen\/","title":{"rendered":"So viele Berichte. So viele Fragen"},"content":{"rendered":"<p><strong>S. M\u00fcnster: Du arbeitest seit 1972 bei der <em>Graswurzelrevolution<\/em> mit. Gerade hast Du &#8222;ja! Anarchismus&#8220; gelesen, den Band mit 24 Interviews und Gespr\u00e4chen, den Bernd Dr\u00fccke im Karin Kramer Verlag ver\u00f6ffentlicht hat. Wie steht es denn um die gelebte Utopie im 21. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Johann Bauer:<\/strong> Ich kannte vieles schon aus der <em>Graswurzelrevolution<\/em>, wo fast alles zuerst ver\u00f6ffentlicht worden ist. Trotzdem ist es etwas anderes, nun eine Sammlung mit den verschiedenen Gesichtspunkten und Lebensgeschichten und Zukunftshoffnungen zu betrachten. Ich gebe zu, dass mich immer noch begeistert, was ich auch in der GWR neu und \u00fcberraschend fand und dass ich mir manchmal kritischere Nachfragen gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Bei manchen Interviews wird f\u00fcr meinen Geschmack zuviel Reklame gemacht. Interessant finde ich eher die nachdenklichen, selbstkritischen, auch von Niederlagen und Entt\u00e4uschungen handelnden Antworten.<\/p>\n<p>Wenn also Pit Budde von &#8222;Cochise&#8220; dar\u00fcber spricht, wie ausgebrannt sie waren, oder Horst Stowasser thematisiert, wie man aus den libert\u00e4ren Milieus herausfallen, aber auch wie man solche Milieus stabilisieren kann. Nat\u00fcrlich ist das Buch so gewollt, dass es Hoffnung macht und gerade auch Neugierige ermutigen soll, die bisher nicht viel Kontakt zu libert\u00e4ren Bewegungen hatten.<\/p>\n<p><strong>Und das gelingt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube schon. Ich sehe eigentlich nicht, wie jemand, der das Buch gelesen hat, vermeiden k\u00f6nnte, zumindest die <em>Graswurzelrevolution<\/em> zu abonnieren und sich einige Internetseiten anzusehen, auf die im Buch hingewiesen wird. Das Literaturverzeichnis am Ende finde ich allerdings beliebig. Besser w\u00e4re m.E. gewesen, wenn mehr davon gezielt den einzelnen Interviews zugeordnet worden w\u00e4re, so dass Leute, die mehr Informationen zu Konzepten, der Geschichte oder einzelnen Personen suchen, darauf hingewiesen werden.<\/p>\n<p><strong>Aber noch mal zur\u00fcck: Was hat Dir besonders gefallen, was vielleicht auch gar nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Interessant fand ich besonders die etwas &#8222;altersweisen&#8220; Texte, also ganz besonders Peter Lilienthal, der mir sehr sympathisch ist und der witzig erz\u00e4hlt. Nat\u00fcrlich kannte ich seinen &#8222;Malatesta&#8220;-Film, den haben wir bei &#8222;anarchistischen Filmabenden&#8220; zeigen k\u00f6nnen, aber dass er so sehr &#8222;einer von uns&#8220; ist, war mir neu. Manchmal sind es Details der Interviews, die eigene Assoziationen aufrufen, alte Themen, Begegnungen. Wenn beispielsweise Peter Lilienthal Carlo Cafiero erw\u00e4hnt, der in der Irrenanstalt war, f\u00e4llt mir dazu ein, dass gesagt wurde, Cafiero habe sich gesorgt, mehr als den ihm zustehenden Anteil des Sonnenlichts zu beanspruchen. &#8222;Gerechtigkeit&#8220; war ein zentrales Thema des alten Anarchismus.<\/p>\n<p>Da fallen mir Menschen und Projekte ein, die hier fehlen. Bei aller Vielfalt ist der Anarchismus noch vielf\u00e4ltiger. Vielen wird auch der Zugang \u00fcber Pers\u00f6nliches nicht liegen. Das Buch ist die absolute Antithese zu einer Konzeption, wie sie etwa der Katechismus f\u00fcr Revolution\u00e4re im ersten Paragraphen aufstellt: &#8222;Der Revolution\u00e4r ist einer Sache geweiht. Er hat keine pers\u00f6nlichen Interessen, Gesch\u00e4fte, Gef\u00fchle, Bindungen, Besitzt\u00fcmer, er hat nicht einmal einen Namen &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Es handelt gerade von pers\u00f6nlichen Entwicklungen und Bindungen und das oft sehr sympathisch. Wann und warum wird jemand Anarchist &#8211; und was bedeutet das dann?<\/p>\n<p>Noch ein Beispiel: Das Interview mit Hanna Mittelst\u00e4dt und Lutz Schulenburg. Neben der Selbstkritik an Militantismus und hyperradikalen Abgrenzungsstilen in der Bewegung der 70er Jahre fand ich besonders wichtig, dass sie auf die schweren Fehler eingehen, die im Umgang mit den Altanarchisten gemacht wurden. Mich hat das oft gest\u00f6rt, mit welcher arroganten Selbstherrlichkeit Anfang der 70er Jahre gelegentlich die betrachtet wurden, die so viele schwere Niederlagen verkraftet hatten. Die Chance, viele Dinge zu begreifen, die nicht in den Geschichtsb\u00fcchern stehen, wurde so verspielt. Viele Menschen und deren Erfahrungen, besonders betriebliche und famili\u00e4re, sind so f\u00fcr immer verloren gegangen. Zugelassen wurden so allenfalls die eher akzeptablen Erfolgsgeschichten wie Spanien 1936, hier die ersten Wochen.<\/p>\n<p>Eine Korrektur in dieser Richtung, sich mit Alltag und Erfahrung auseinander zu setzen, wird in den Interviews h\u00e4ufig gefordert (Wolfgang Hertle, Weber-Zuchts, Osman Murat \u00dclke), nicht nur wenn es, wie im Interview mit Uwe Kurzbein, um Kommunen geht. Es mahnen doch viele die Besch\u00e4ftigung mit sozialen N\u00f6ten und \u00f6konomischen Problemen an, damit Anarchismus nicht auf ein paar Jugendjahre und studentische oder Boheme-Milieus begrenzt bleibt. Allerdings fehlt unter den Interviewten jemand, der \u00fcber l\u00e4ngere Zeit gleichzeitig einem normalen Beruf nachgeht und nebenher in anarchistischen Gruppen bleibt. Das ist der Spagat, der auf Dauer schwer auszuhalten ist, nur durch Distanz zu beiden Milieus oder zumindest einem letztlich gelingen kann.<\/p>\n<p><strong>Und was hat Dir wenig gefallen?<\/strong><\/p>\n<p>Du kannst doch von mir als bravem Parteisoldaten nicht erwarten, dass ich den Absatz des Buches behindere, in dem die <em>Graswurzelrevolution<\/em> endlich einmal erw\u00e4hnt wird (es gibt ja viele B\u00fccher und Aufs\u00e4tze, bei denen man sich \u00fcber die Virtuosit\u00e4t wundert, mit dem genau das vermieden wird!). Aber im Ernst: Ich bleibe ja jetzt noch beim 1. Teil: &#8222;Anarchismus und Kultur&#8220;. Da finde ich, dass zu gro\u00dfe N\u00e4he zu den Interviewten sch\u00e4dlich ist, das Gespr\u00e4ch in Selbstfeier oder Insiderwitze abzudriften droht. Ich kenne auch Leute, die z.B. beim Kabarett &#8222;Der Blarze Schwock&#8220; mitmachen und finde sie sehr sympathisch, aber wenn ich das Interview lese, habe ich das Gef\u00fchl: Ich kenne solche Stimmungen, das findet aber nur richtig komisch, wer dabei war, der Funke springt nicht \u00fcber, wenn man es liest. Es ist das alte Problem mit Situationskomik: Wenn dar\u00fcber erz\u00e4hlt wird, ist es nicht mehr ganz so komisch.<\/p>\n<p>In allen Interviews, auch mit Leuten, die ich gut kenne (wie nat\u00fcrlich die aus dem Graswurzel-Spektrum) oder die seit langen Jahren &#8222;dabei sind&#8220;, habe ich noch etwas Neues erfahren (Klaus der Geiger, Karin und Bernd Kramer, Marianne Enckell). Manchmal h\u00e4tte ich mir weniger Werbung f\u00fcr das jeweils neueste Projekt, das gerade erschienene Buch usw. gew\u00fcnscht (sogar die Kontoverbindung h\u00e4tte ich u.U. auf anderem Wege erfahren k\u00f6nnen) und daf\u00fcr mehr \u00fcber die Antriebe und Erfahrungen, die weniger offensichtlich sind.<\/p>\n<p>Besonders wenn Interviews per E-Mail gef\u00fchrt werden, haben die Leute ja ausreichend Zeit, sich ihre Antworten zu \u00fcberlegen (und offensichtlich haben viele das getan). Wenn jemand dann \u00fcberrascht tut, finde ich das ebenso unpassend wie Public Relations.<\/p>\n<p><strong>Es ist immer die Frage, wozu Leute bereit sind, worauf sie sich einlassen wollen.<\/strong><\/p>\n<p>Klar, verstehe ich. Ich wollte nur ein leises Unbehagen ausdr\u00fccken oder auch eine Skepsis gegen\u00fcber einer Erinnerungspolitik, die ausgrenzt oder Probleme vergisst. Vielleicht ist das ein \u00fcberzogener Anspruch, ist mir selbst nicht recht geheuer.<\/p>\n<p>Menschliche Erinnerung ist selektiv, und was uns wichtig erscheint, ist etwa von den letzten unmittelbaren Eindr\u00fccken abh\u00e4ngig. Dazu kommt etwas anderes: Die Interviewten sind meist Gr\u00fcnder von irgendetwas und werden dazu befragt; dadurch kommt manchmal ein Eindruck zustande, dass man frei nach Brecht fragen m\u00f6chte &#8222;Hatte er nicht wenigstens eine selbstverwaltete Kochgruppe dabei?&#8220;<\/p>\n<p>Das Buch ist vielf\u00e4ltig und keineswegs nur f\u00fcr &#8222;Einsteiger&#8220; interessant. Jochen Knoblauch hat in seiner Besprechung in der Monatszeitung <em>Contraste<\/em> (September 2006, Nr. 264) ((1)) den Aspekt herausgestellt, dass Alter ein Thema ist, das in einigen Gespr\u00e4chen angesprochen wird und dass hier Hoffnung entsteht, auch in der Bewegung in W\u00fcrde zu altern. Ein wichtiges Thema, &#8222;\u00dcber das Altern der Revolution&#8220;. Au\u00dferhalb der Interviews steht ein sehr sch\u00f6ner und ber\u00fchrender Text von Marie-Christine Mikhailo zum Altwerden in der anarchistischen Bewegung, und wir lernen auch Bernd Dr\u00fccke gut kennen, wenn wir seinen Nachruf auf sie lesen. Vielleicht sollte ich das auch sagen: Ich beneide ihn um den Optimismus, der in vielen der Gespr\u00e4che ausgedr\u00fcckt wird, ganz besonders in dem Interview, das Lea Hagedorn mit ihm gemacht hat, um seine Tatkraft und die starke Bereitschaft zu verbindender konstruktiver Arbeit.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt f\u00fcr mich auch: Humor. Wenn ich alles noch so ernst nehmen w\u00fcrde wie zwischen 1970 und 1980, w\u00e4re ich l\u00e4ngst nicht mehr dabei.<\/p>\n<p><strong>Gibt es in den Interviews Aussagen, zu denen Du sagen w\u00fcrdest: Ich bin ganz und gar anderer Ansicht?<\/strong><\/p>\n<p>Einige. Es ist nat\u00fcrlich so, dass Bewegungen und Projekte, an denen man selbst beteiligt war, wo also genaue eigene Erinnerungen existieren, am ehesten solche Gegens\u00e4tze aufbrechen lassen. Das wird allen so gehen. Am st\u00e4rksten war mein Widerwille gegen\u00fcber dem Interview mit Ilse Schwipper, weil sie Anarcha-Feminismus propagiert (was wir schon Mitte der 70er taten und was unver\u00e4ndert richtig ist und viel h\u00e4ufiger und genauer und mit geschichtlichem Hintergrund geschehen sollte), aber nicht sehen will, dass bewaffneter Kampf f\u00fcr etwas ganz anderes steht und dass emanzipatorische Ziele Mittel ausschlie\u00dfen, die zu einer notwendigen Brutalisierung f\u00fchren und Sexismen eher verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Ich bin aber, im Unterschied zu manchen Tendenzen in einigen Interviews, sehr daf\u00fcr, an &#8222;Revolution&#8220; festzuhalten. Anders kann mit der Herrschaft nicht gebrochen werden, es gibt zu viele Kooptationsprozesse und b\u00fcrokratische Hindernisse, in denen Befreiung aufl\u00e4uft. Man darf sich nur unter &#8222;Revolution&#8220; nicht Guillotine und Barrikade vorstellen, keinen Wohlfahrtsausschuss und keine Diktatur, keine Tscheka und keinen Gulag. So etwas muss aktiv bek\u00e4mpft werden, weil es zu noch schlimmeren Strukturen als den vorgefundenen f\u00fchrt. Aber Massenbewegungen, die einen radikalen Bruch machen und die Emanzipationserfahrungen verallgemeinern, bleiben unsere gro\u00dfe Hoffnung. Es gibt gute Gr\u00fcnde und historische Erfahrungen daf\u00fcr, &#8222;Revolution&#8220; und &#8222;Gewalt&#8220; nicht zu identifizieren. Indem das Buch sehr gro\u00dfen Wert auf Kultur, Emanzipation, antimilitaristische und gewaltlose Bewegungen legt, arbeitet es gegen die Auffassung, mit Gewalt seien schnelle Erfolge m\u00f6glich oder sie sei die einzig effektive Abwehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S. M\u00fcnster: Du arbeitest seit 1972 bei der Graswurzelrevolution mit. Gerade hast Du &#8222;ja! Anarchismus&#8220; gelesen, den Band mit 24 Interviews und Gespr\u00e4chen, den Bernd Dr\u00fccke im Karin Kramer Verlag ver\u00f6ffentlicht hat. Wie steht es denn um die gelebte Utopie im 21. Jahrhundert? Johann Bauer: Ich kannte vieles schon aus der Graswurzelrevolution, wo fast alles &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/so-viele-berichte-so-viele-fragen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"So viele Berichte. So viele Fragen - graswurzelrevolution","description":"S. M\u00fcnster: Du arbeitest seit 1972 bei der Graswurzelrevolution mit. Gerade hast Du \"ja! Anarchismus\" gelesen, den Band mit 24 Interviews und Gespr\u00e4chen, den Be"},"footnotes":""},"categories":[454,44,59,1042],"tags":[],"class_list":["post-7678","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-312-oktober-2006","category-bucher","category-graswurzelrevolution","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7678","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7678"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7678\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7678"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7678"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7678"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}