{"id":768,"date":"1996-12-01T00:00:53","date_gmt":"1996-11-30T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=768"},"modified":"2022-07-26T14:26:35","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:35","slug":"zaires-tragodie-heist-mobutu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/12\/zaires-tragodie-heist-mobutu\/","title":{"rendered":"Zaires Trag\u00f6die hei\u00dft Mobutu"},"content":{"rendered":"<p>Bis vor kurzem blieb die &#8222;internationale Gemeinschaft&#8220; den Konflikten und Massakern in dieser Region gegen\u00fcber vollkommen gleichg\u00fcltig. Noch im Fr\u00fchjahr 96 gab Frankreich die Wiederaufnahme bilateraler Hilfe f\u00fcr Zaire bekannt &#8211; zu einem Zeitpunkt, zu dem jeden Tag mit aktiver Unterst\u00fctzung des Regimes in Kinshasa Menschen get\u00f6tet und Tausende vertrieben wurden. ((1))<\/p>\n<p>Zum Verst\u00e4ndnis des Krieges ist ein Blick auf die Vorgeschichte unabdingbar, und in gewisser Weise scheint sich ein Kreis zu einigen Ursachen des Krieges im Kongo in den 60er Jahren zu schlie\u00dfen. Damals wie heute spielt ein gewisser Mobutu Sese Seko eine Schl\u00fcsselrolle als Unruhestifter.<\/p>\n<h3>Koloniale Grenzziehung<\/h3>\n<p>Die Grenze zwischen Belgisch-Kongo und Ruanda wurde durch die Br\u00fcsseler Konvention vom 11.8.1910 n\u00e4her definiert. 1912 bestimmte ein Abkommen zwischen Belgien (f\u00fcr den Kongo), England (f\u00fcr Uganda) und Deutschland (f\u00fcr Ruanda) die Grenzziehung. Die BewohnerInnen dieser Regionen hatten seinerzeit nicht die geringste Ahnung von der Teilung und der Aufsplitterung in verschiedene Nationalit\u00e4ten. Keine\/r war sich bewu\u00dft, da\u00df er\/sie eine Grenze \u00fcberschritt, wenn er\/sie sich von der deutschen Kolonie zur englischen begab oder zur belgischen und umgekehrt.<\/p>\n<p>1916, im Ersten Weltkrieg, wurde das &#8222;Deutsche Ruanda&#8220; von Belgien besetzt und ergab zusammen mit dem K\u00f6nigreich Burundi ein Territorium, dessen Verwaltungshoheit Belgien mit dem Vertrag von Versailles bekam. Im Laufe der Jahre fanden viele Wanderungen statt, auch von zairischen V\u00f6lkern. ((2))<\/p>\n<p>1931 haben die belgischen Kolonialherren den damaligen ruandesischen K\u00f6nig Yuhi Musinga und seine Gefolgsleute in die Mulenge-Berge im S\u00fcd-Kivu nahe dem heutigen Bukavu\/Zaire deportiert, weil er keiner christlichen Taufe zustimmte. Nach den Mulenge-Bergen nennen sich die heutigen Banyamulenge. Hier ist die erste zwangsweise Einwanderung von ruandesischer Bev\u00f6lkerung auf das Gebiet des fr\u00fcheren Kongo-Zaire festzumachen. Die Banyamulenge waren es, die k\u00fcrzlich in Ostzaire mit dem Aufstand gegen die Mobutu-Herrschaft begannen. Indes geh\u00f6rte die Region des S\u00fcd-Kivu nie zum K\u00f6nigreich Ruanda. ((3))<\/p>\n<p>Weitere Umsiedlungen aus Ruanda in den Nord-Kivu fanden 1947 statt, als in Ruanda eine Hungersnot war. W\u00e4hrend der belgischen Kolonialzeit wurden auch viele Arbeitskr\u00e4fte in den zairischen Bergbaugebieten gebraucht. So kamen weitere ruandesische EinwandererInnen.<\/p>\n<p>In Ruanda arbeitete Belgien bevorzugt mit der Minderheit der Tutsi zusammen, welche im K\u00f6nigreich die herrschende Dynastie bildete. In \u00e4lterer Zeit sind keine gr\u00f6\u00dferen Konflikte zwischen Hutu und Tutsi in Ruanda bekannt. Indes vertieften die KolonialistInnen diese Strukturen, indem die Tutsi einseitig gef\u00f6rdert wurden. Die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung ging allerdings von den Hutu aus, und als abzusehen war, da\u00df diese 1960 mit der Unabh\u00e4ngigkeit die Regierung stellen w\u00fcrden, wurden die Tutsi nach K\u00e4mpfen und Massakern in das Masisi-Gebiet im Nord-Kivu (Ostzaire) umgesiedelt. Von 600 000 BewohnerInnen waren bis 1993 in der Region 450 000 ruandaphon. ((4))<\/p>\n<h3>Das Regime Mobutu<\/h3>\n<p>Zur Unabh\u00e4ngigkeit des vormals Belgisch-Kongo fanden 1960 die bisher einzigen demokratischen Wahlen in Zaire statt. Die eindeutige Mehrheit bekam die &#8222;Kongolesische Nationalbewegung&#8220; (MCN) des Patrice E. Lumumba. Lumumba war in der Lage gewesen, die sehr heterogenen V\u00f6lker des Kongobeckens, das ein Gebiet von halb Europa umfa\u00dft, zu einigen und in die Unabh\u00e4ngigkeit zu f\u00fchren. Lumumba war nicht gerade Pazifist, hatte aber in den 50er Jahren durchaus engen Kontakt zur Friedensbewegung in Belgien gepflegt und es war bekannt, da\u00df der indische Befreiungskampf von Mahatma Gandhi einen gewissen Einflu\u00df auf ihn ausge\u00fcbt hatte. Lumumba war ein gro\u00dfer Rhetoriker und Redner. Er beherrschte viele lokale Sprachen, manche sagten, er sei ein &#8222;Volkstribun&#8220; gewesen. Aber kein Zweifel besteht: das Volk stand zum gro\u00dfen Teil hinter Lumumba.<\/p>\n<p>Die Frage, welche 1960 alle Welt bewegte, war: wohin wird sich der &#8222;unabh\u00e4ngige&#8220; Kongo wenden? Es war der H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges und das Kongobecken ist reich an Bodensch\u00e4tzen (Kupfer, Gold, Kaffee&#8230;). In Katanga (S\u00fcdzaire) war das Uran gefunden worden, mit dem die USA die Hiroshima-Bombe gebaut hatte. Patrice Lumumba war den westlichen Wirtschaftskreisen ein unsicherer Kandidat. Moise Tschomb\u00e9, der starke Mann von Katanga, wurde zur Sezession animiert. Lumumba setzte sich entschieden f\u00fcr die Einheit ein. Die zu dieser Zeit gerade mal 3 000-k\u00f6pfige Armee unterstand dem jungen Oberst Mobutu, dem fr\u00fcheren Sekret\u00e4r Lumumbas.<\/p>\n<p>Lumumba entwickelte viele Kontakte nach Moskau und st\u00f6rte die Kreise westlicher Wirtschaftsinteressen. Mobutu begann mit Putschversuchen und beeindruckte damit die USA. Um die Sezession Katangas zu verhindern, flog Lumumba \u00f6fter in die Krisenregionen und w\u00e4hrend eines solchen Fluges im Januar 1961 wurde er durch ein Komplott Mobutu\/Tschomb\u00e9 auf bestialische Weise zu Tode gefoltert.<\/p>\n<p>Die Spaltung des Kongo war gelungen: Anh\u00e4nger Lumumbas begannen mit Waffen gegen die Abspaltung Katangas zu k\u00e4mpfen, die Welt hatte einen weiteren Stellvertreterkrieg produziert. Mobutu war der Gewinner und sicherte sich seine Position als sp\u00e4terer starker Mann. Ein Putsch am 24.11.1965 besiegelte seine Machtergreifung. In der Folge galt Mobutu als treuer Verb\u00fcndeter und Vasall des Westens, die USA bauten in Kinshasa ihre gr\u00f6\u00dfte afrikanische Botschaft auf. F\u00fcr den Aufbau seines Einparteienregimes und seines Geheimdienstes orientierte sich Mobutu auch an China und an Rum\u00e4niens Ceaucescu.<\/p>\n<p>Das Regime Mobutu bekam \u00fcppige &#8222;Entwicklungshilfe&#8220; und Kredite. Mit deutscher Hilfe lie\u00df Mobutu seine Pr\u00e4sidentengarde ausbilden. Er h\u00e4ufte f\u00fcr Zaire 6 Mrd. Schulden auf, verschob aber ein Vielfaches davon als Privatverm\u00f6gen auf die Banken Westeuropas. W\u00e4hrend in den letzten Jahren in Zaire unz\u00e4hlige Menschen an eigentlich harmlosen Krankheiten sterben mu\u00dften, weil Kinshasa wie 1960 immer noch nur 5 Krankenh\u00e4user hat und Medikamente teuer und nur auf dem illegalen Markt aufzutreiben sind, l\u00e4\u00dft sich Mobutu in Lausanne als Privatpatient pflegen. W\u00e4hrend seine Tage gez\u00e4hlt zu sein scheinen, funktionierte sein Repressionsapparat jahrelang reibungslos: Menschen verschwinden spurlos, Schl\u00e4gertrupps k\u00fcmmern sich um Oppositionelle. Das eigentliche Markenzeichen Mobutus besteht indes darin, Oppositionelle zu kaufen und in sein Regime zu integrieren.<\/p>\n<p>Weil er die Demokratisierungswelle Anfang der 90er Jahre verschleppte, wurde Mobutu bis 1994 zunehmend international ge\u00e4chtet. Da kam ihm das Massaker in Ruanda wie gerufen: Millionen Hutu- Fl\u00fcchtlinge str\u00f6mten in den Osten Zaires und die Hilfsorganisationen ben\u00f6tigten das Wohlwollen des Staatspr\u00e4sidenten, Frankreichs Mitterand leitete schlie\u00dflich die internationale Rehabilitierung Mobutus ein.<\/p>\n<h3>Die aktuelle Krise in der Kivu-Region<\/h3>\n<p>Zaire weigerte sich bis auf wenige Ausnahmen, den seit mehreren Generationen im Kivu angesiedelten Tutsi- Bev\u00f6lkerungen und den Banyamulenge die zairische Staatsangeh\u00f6rigkeit zuzuerkennen. Seit 1993 herrscht in dieser Region unter Ausschlu\u00df der Welt\u00f6ffentlichkeit Gewalt zwischen mehreren Ethnien. 1996 eskalierte die Situation durch Angriffe auf die Tutsi von den Hutu-Milizen, manchmal unter Beteiligung zairischer Soldaten. Mehrere hundert Personen wurden bereits im Fr\u00fchjahr 96 get\u00f6tet, weitere 250 000 vertrieben. Ein Bericht von &#8222;Human Rights Watch&#8220; und der &#8222;F\u00e9d\u00e9ration Internationale des droits de l&#8217;homme&#8220; f\u00fchrt zahlreiche Aussagen auf, die die Komplizenschaft sowohl politischer als auch milit\u00e4rischer zairischer Beh\u00f6rden auf allen Ebenen belegen. ((5))<\/p>\n<p>Vor allem der massive Zustrom ruandesischer Fl\u00fcchtlinge ab Juli 1994 hatte das br\u00fcchige tempor\u00e4re Gleichgewicht der Kr\u00e4fte in der Region zugunsten der Hutu zerbrochen. Fr\u00fchere Hutu-Soldaten der ruandischen Streitkr\u00e4fte und Hutu-Milizen haben sich in Ostzaire niedergelassen. Zur gleichen Zeit kehrten mehrere Tausend der 1959 geflohenen Tutsi nach dem Sieg der Tutsi-Guerilla FPR in Ruanda dorthin zur\u00fcck. Nach und nach machten sich die Hutu und einige autochtone Bev\u00f6lkerungsgruppen daran, die am Ort verbliebenen Tutsi zu verjagen und ihren Besitz zu pl\u00fcndern. In die Region wurden zairische Soldaten entsandt. Aber ohne Bezahlung und Versorgung haben sie sich dem starken Lager, dem der Hutu, angeschlossen. Im Sommer versuchten die zairischen Beh\u00f6rden, die &#8222;urspr\u00fcnglichen&#8220; Bev\u00f6lkerungen gegen die sich als &#8222;Banyamulenge&#8220; bezeichnende ruandaphone Gemeinschaft aufzuwiegeln, indem man die alten MigrantInnen mit den jetzigen ruandesischen und burundischen Fl\u00fcchtlingen gleichsetzte, deren Anwesenheit f\u00fcr die ganze Region eine enorme Last darstellt.<\/p>\n<p>Seit September 96 steht der Kivu in Flammen, jede Verst\u00e4ndigungsm\u00f6glichkeit scheint unm\u00f6glich. Kurz vorher war der sog. &#8222;Vangu-Bericht&#8220; bekannt geworden, benannt nach dem Vorsitzenden einer von Mobutisten beherrschten Kommission in Kinshasa. Die Kommission sollte eigentlich \u00fcber die Probleme der Fl\u00fcchtlinge im Kivu berichten und die Frage der Staatsangeh\u00f6rigkeit der ruandaphonen Bev\u00f6lkerung ein f\u00fcr allemal regeln. Doch die Schlu\u00dffolgerungen des Berichts lauteten ganz anders: die Tutsi h\u00e4tten ein B\u00fcndnis Burundi-Ruanda geschlossen und wollten ein Tutsireich bilden, das Ruanda, Burundi, Teile Ugandas, sowie Nord- und S\u00fcdkivu umfa\u00dft. Die Empfehlung ist eindeutig: R\u00fcckf\u00fchrung aller ruandesischer Fl\u00fcchtlinge und EinwanderInnen. Gleichzeitig sorgten die Politiker in den Kivu-Regionen daf\u00fcr, da\u00df die Banyamulenge-Bev\u00f6lkerungen in die Definition der ruandischen und burundischen Fl\u00fcchtlinge eingeschlossen wurden. Dadurch wurden die latent vorhandenen Spannungen weiter gesch\u00fcrt.<\/p>\n<p>In der Folge nahm die Repression insbesondere f\u00fcr die Banyamulenge zu. Als dann noch ihre Anf\u00fchrer verhaftet wurden, folgte die Eskalation: heftige K\u00e4mpfe zwischen zairischen Soldaten und den Banyamulenge. Die weitere Geschichte ist bekannt, die Zeitungen sind voll davon: die zairische &#8222;Lumpenarmee&#8220; mu\u00dfte fliehen, zog die eigene Bev\u00f6lkerung auspl\u00fcndernd durch den Kivu, bis sie auch von dort vertrieben wurde. Dann kamen der Angriff von Banyamulenge und Tutsi-Einheiten aus Ruanda auf die Hutu-Fl\u00fcchtlinge, worunter sich die Hutu- Milizen mischten. Dies f\u00fchrte zur Jagd auf Tutsi in Zaires Hauptstadt Kinshasa, in Ostzaire zur Hungerkatastrophe, weltweit zur Diskussion um eine westlich dominierte Eingreiftruppe. Doch noch bevor diese auf den Weg geschickt werden konnte, um noch etwas von dem zu retten, was mit der jahrelangen Unterst\u00fctzung Mobutus angerichtet worden war, wandten sich die bedrohten Hutu-Fl\u00fcchtlinge zur\u00fcck nach Ruanda, von wo aus sie 1994 geflohen waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis vor kurzem blieb die &#8222;internationale Gemeinschaft&#8220; den Konflikten und Massakern in dieser Region gegen\u00fcber vollkommen gleichg\u00fcltig. Noch im Fr\u00fchjahr 96 gab Frankreich die Wiederaufnahme bilateraler Hilfe f\u00fcr Zaire bekannt &#8211; zu einem Zeitpunkt, zu dem jeden Tag mit aktiver Unterst\u00fctzung des Regimes in Kinshasa Menschen get\u00f6tet und Tausende vertrieben wurden. 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