{"id":7682,"date":"2006-10-01T00:00:06","date_gmt":"2006-09-30T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7682"},"modified":"2022-07-26T13:31:24","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:24","slug":"kultur-oder-politokonomie-des-terrors","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/kultur-oder-politokonomie-des-terrors\/","title":{"rendered":"Kultur oder Polit\u00f6konomie des Terrors?"},"content":{"rendered":"<p>Vier von sechs Kapiteln dieses Buches enthalten lesenswertes Material \u00fcber das aktuelle Thema des Verh\u00e4ltnisses von US-amerikanischem (und israelischem) Staatsterror und dem Gegenterror der Unterdr\u00fcckten, u.a. dem islamistischen Terror.<\/p>\n<p>Mamdani, aufgewachsen als Inder in Uganda und heute Professor an der New Yorker Columbia University, verortet in diesen vier Kapiteln polit\u00f6konomischer Analyse die Geburtsstunde des Terrors, den er als bewusste Einbeziehung &#8222;weicher&#8220; Ziele, d.h. ziviler Bev\u00f6lkerungsteile, in Strategien der Gewalt und des Krieges versteht, auf den ersten Kongo-Krieg um die Ermordung Lumumbas. Hier seien im Gerangel um einen afrikanischen Stellvertreterkrieg im Rahmen des Kalten Krieges erstmals S\u00f6ldner eingesetzt worden, die ZivilistInnen abschlachteten. Dies habe sich in den siebziger Jahren fortgesetzt, wo die USA mit rhodesischer und s\u00fcdafrikanischer Hilfe Terrorgruppen wie die RENAMO in Mozambique und UNITA in Angola aufgebaut habe.<\/p>\n<p>Nach dem Vietnamkrieg, so Mamdani, habe jedoch infolge der Antikriegsbewegung der US-Kongress einige Gesetze gegen die uneingeschr\u00e4nkte und unkontrollierte Macht der CIA (1975\/76: Tunney- und Clark-Amendment, sowie 1984 Boney-Amendment w\u00e4hrend des Contrakrieges gegen Nicaragua) verabschiedet und Mittel gek\u00fcrzt. Wenn auch diese Einschnitte von kurzer Dauer waren, haben sie doch zu einer grunds\u00e4tzlichen US-Strategie\u00e4nderung gef\u00fchrt. Kriege der CIA wurden nicht mehr offen mit Unterst\u00fctzung des US-Parlaments, sondern verdeckt am Parlament vorbei als Stellvertreter- und S\u00f6ldnerkriege gef\u00fchrt, finanziert durch den auch von der CIA gesteuerten internationalen Drogenhandel, zun\u00e4chst aus Laos, dann aus Lateinamerika (\u00fcber die Contra, finanziert durch Waffenverk\u00e4ufe an den Iran, vermittelt durch Israel). Die Kriege wurden nun &#8222;verdeckt&#8220;, sie waren &#8222;Kriege niedriger Intensit\u00e4t&#8220;. In Afghanistan organisierte und finanzierte die CIA schlie\u00dflich gegen die Okkupation durch die Sowjetunion zusammen mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI eine international zusammengesetzte muslimische Guerilla, aus der dann Al-Qaida und die Taliban hervorgingen.<\/p>\n<p>So weit, so interessant. Doch es sorgen immer wiederkehrende deplacierte Holocaust-Vergleiche f\u00fcr ein Unwohlsein beim Lesen und offenbaren Mamdanis Unkenntnis \u00fcber die europ\u00e4ische und insbesondere deutsche Geschichte. Da werden durch den Mauerbau Israels die Besetzten Gebiete fast zu &#8222;Konzentrationslagern im Stile der Nazis&#8220; (S. 266); oder es behaupteten, so Mamdani, auch die &#8222;brutalsten Diktaturen, die sich als westlich verstanden, wie etwa Nazi-Deutschland, (&#8230;) von sich, Rechtsstaatlichkeit aufrechtzuerhalten&#8220; (S. 218), weshalb die gegenw\u00e4rtige Missachtung von Rechtsstaatlichkeit und V\u00f6lkerrecht durch die USA, so Mamdani, &#8222;einzigartig&#8220; sei. Das ist Unfug, schlie\u00dflich sind die Nazis, die sich nie als westlich verstanden, aus dem V\u00f6lkerbund ausgetreten und nicht die USA aus der UN.<\/p>\n<p>Bisweilen rutscht Mamdani in traditionelle antiimperialistische Muster. Nach Ende des Kalten Krieges und dem Niedergang der Sowjetunion konzentrieren sich die Strategien des US-Staatsterrors, weltweit inszeniert durch die CIA, nach Mamdani denn auch nur noch gegen den neuen Hauptfeind, den renitenten &#8222;militanten Nationalismus&#8220; in der &#8222;Dritten Welt&#8220;, der wenigstens \u00f6rtlich noch f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige (staatliche) Souver\u00e4nit\u00e4t sorge. Das mag sein, doch was folgt daraus? War schon die Sowjetunion aufgrund ihrer militaristischen, autorit\u00e4ren Struktur f\u00fcr Libert\u00e4re und Gewaltfreie kaum verteidigenswert, so ist es dieser militante Nationalismus, besonders in Afrika und im Nahen Osten oft diktatorischer Provenienz und jeder sozialen Zielsetzung entkleidet, noch weniger.<\/p>\n<p>Das erste Drittel des Buches behandelt den Kulturdiskurs zum Terrorismus. Das w\u00e4re spannend und aktuell, doch Mamdani verweigert sich. Er meint, in kulturellen Kategorien solle gar nicht erst diskutiert werden, da lande man\/frau nur bei Huntington oder Bernard Lewis und dessen Gut- und B\u00f6se-Diskurs, der die Bush-Rhetorik pr\u00e4ge. Also wendet sich Mamdani polit\u00f6konomischen Erkl\u00e4rungsmustern zu. Ich sehe darin ein Abwerten des Kulturdiskurses, der auch subversiv gef\u00fchrt werden kann. Mamdanis Ausweichen auf \u00f6konomische Analysen erscheint mir als ein marxistisches Relikt von der Dominanz der Basis \u00fcber den &#8211; irrelevanten &#8211; kulturellen \u00dcberbau.<\/p>\n<p>In diesem ersten Drittel macht Mamdani einige interessante Unterscheidungen. Z.B. meint er, nicht jede religi\u00f6s begr\u00fcndete soziale Bewegung sei von vorneherein fundamentalistisch, und f\u00fchrt die B\u00fcrgerrechtsbewegung in den USA der sechziger Jahre an. So m\u00fcsse auch im Islam zwischen zwei Bewegungen unterschieden werden, einem auf die Eroberung der staatlichen Macht orientierten politischen Islam (der zum Terror tendiere) und einer auf die Gesellschaft orientierten islamischen Bewegung (die auf Gesellschaftsreform orientiere). Weiter unterscheidet Mamdani zwischen einem islamischen S\u00e4kularismus und dem religi\u00f6sen Islam an der Macht, um so dem westlichen Vorurteil, der Islam sei zu s\u00e4kularen Konzeptionen unf\u00e4hig, entgegenzutreten.<\/p>\n<p>Das Problem sind m.E. dann aber die Beispiele, die Mamdani f\u00fcr diese Unterscheidungen anf\u00fchrt. Er erw\u00e4hnt leider keine Beispiele staatsferner, gewaltkritischer sozialer Bewegungen im Islam. Stattdessen bleibt er dem politischen Establishment verhaftet und meint, es mache &#8222;wenig Sinn, jede Spielart des politischen Islams mit politischem Terrorismus zu identifizieren. Von den vier islamistischen Intellektuellen, \u00fcber die hier berichtet wurde &#8211; Muhammad Iqbal, Mohammed Ali Jinnah, Abdul A&#8217;la Mawdudi und Sayyid Qutb -, bef\u00fcrwortete nur Mawdudi uneingeschr\u00e4nkt die Errichtung eines ideologisch gepr\u00e4gten islamischen Staates.&#8220; (S. 68) Das ist falsch.<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df seiner Einteilung z\u00e4hlt Mamdani den pakistanischen Staatsgr\u00fcnder Jinnah zur s\u00e4kularen, reformorientierten, auf die Gesellschaft bezogenen Str\u00f6mung. Doch Jinnah organisierte vor der Unabh\u00e4ngigkeit jene ber\u00fcchtigten &#8222;Direct Action Days&#8220; gegen die Hindus, um von den Briten Pakistan zugesprochen zu bekommen. Das waren direkt terroristische Gewaltkampagnen der <em>Muslim League<\/em> gegen die hinduistische Zivilbev\u00f6lkerung. Mamdani erw\u00e4hnt sie mit keinem Wort. Jinnahs militanter Nationalismus war s\u00e4kular, doch er basierte auf islamischer Religionszugeh\u00f6rigkeit. Vor diesem Hintergrund trat dann sp\u00e4ter Diktator Zia ul-Haq als islamistischer Potentat Pakistans auf. F\u00fcr Mamdani aber ist Zias Islamisierung ausschlie\u00dflich das Werk der CIA, die den afghanischen Dschihad inszeniert und dadurch Zias Diktatur &#8222;entscheidend&#8220; (S. 267) islamisiert habe. Das \u00fcberbewertet die Wirkung von Geheimdienststrategien und schafft eine ideologische Distanz zwischen militantem Nationalismus und islamischem Nationalismus, die nicht der Realit\u00e4t entspricht.<\/p>\n<p>Wie mit Jinnah, so mit Fanon (S. 16ff.): Ursprung des Terrorismus sind f\u00fcr Mamdani die Kolonialm\u00e4chte. Die militant-nationalistische Str\u00f6mung der Gegengewalt <em>muss<\/em> das \u00fcbernehmen, sie hat keine Wahl. Fanon ist deshalb f\u00fcr Mamdani zugleich <em>Beschreiber, Mahner <\/em>und <em>Legitimierender<\/em> von terroristischer Gegengewalt, die nur deshalb Terror ist, weil sie dem Kolonialherrn abgeschaut, von ihm erlernt ist. Wie Fanons &#8222;Eingeborene&#8220; gegen\u00fcber dem Siedler oder Kolonialherrn, hat auch der heutige Unterdr\u00fcckte gegen\u00fcber den Stellvertreterkriegen der CIA nach Mamdani <em>keine andere Wahl,<\/em> als Gegenterror auszu\u00fcben, weil er sie von ihr erlernt hat, sie ihm zur zweiten Haut geworden ist und er sie nun gegen seine Lehrer wendet. Genau darin besteht m.E. Mamdanis Mystifikation: Er beschreibt die Verbindung zwischen CIA-Terrorstrategien und Gegenterror als viel zu eng. Schon die algerische Befreiungsbewegung hat ihre Strategie, in Algier die franz\u00f6sische Zivilbev\u00f6lkerung anzugreifen, bewusst und eigenst\u00e4ndig gew\u00e4hlt. Daf\u00fcr gab es keine absolute Notwendigkeit, keinen Automatismus. Wie bei der FLN, so bei den pal\u00e4stinensischen Selbstmordattentaten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vier von sechs Kapiteln dieses Buches enthalten lesenswertes Material \u00fcber das aktuelle Thema des Verh\u00e4ltnisses von US-amerikanischem (und israelischem) Staatsterror und dem Gegenterror der Unterdr\u00fcckten, u.a. dem islamistischen Terror. 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