{"id":7684,"date":"2006-10-01T00:00:23","date_gmt":"2006-09-30T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7684"},"modified":"2022-07-26T14:24:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:23","slug":"john-holloway","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/john-holloway\/","title":{"rendered":"John Holloway"},"content":{"rendered":"<p>Der in Mexiko lehrende Soziologe John Holloway ist bekannt f\u00fcr seine N\u00e4he zur Zapatistischen Bewegung. Was ihn neben diesem Umstand so sympathisch macht, ist, dass er sich ernsthaft bem\u00fcht, seine Gedanken aus den Sozialen Bewegungen heraus zu entwickeln und <em>f\u00fcr<\/em> sie aufzuschreiben.<\/p>\n<p>Holloways \u00dcberlegungen gehen von der historischen Erfahrung aus, dass die Welt nur ohne die \u00dcbernahme von Macht, jenseits national-staatlicher Formationen und Abh\u00e4ngigkeiten, in einem emanzipatorischen Sinne ver\u00e4nderbar ist und dass die Revolution &#8222;nur eine Konstruktionsleistung von unten sein kann&#8220; (S. 91).<\/p>\n<p>In der Einleitung stellt Jens Kastner wichtige Grundannahmen Holloways vor und ordnet sie theoriegeschichtlich ein. Um den &#8222;unerw\u00e4hnten Kontext der Gedanken Holloways&#8220; zu erhellen, weist er vor allem auf Parallelen zur anarchistischen Theorie hin, aber auch auf Aspekte und Protagonisten der undogmatischen Str\u00f6mung der Neuen Linken sowie der marxistischen Staatstheorie. Da die Zapatistas als der &#8222;praktische Pfeiler der Gedanken Holloways&#8220; f\u00fcr deren Verstehen wichtig sind, f\u00fchrt Kastner zudem kurz und pr\u00e4gnant in die Geschichte ihres Aufstandes ein.<\/p>\n<p>Den Vorschlag der Zapatistas beherzigend, &#8222;die ganze Konzeption dessen, was Rebellion, Revolte und Revolution bedeuten, zu \u00fcberdenken&#8220;, zielen die ausgew\u00e4hlten Artikel Holloways auf die Befreiung und Radikalisierung des Geistes. Seine Ausf\u00fchrungen lesen sich als verlockende Angebote, mit der uns ansozialisierten Sicht auf die Welt, unserem Blick auf die Macht, der oft eingeschr\u00e4nkten Dimension, wie wir Revolution begreifen&#8230; zu brechen:<\/p>\n<p>&#8222;Was wir aber wissen, ist, (&#8230;) dass die Hoffnung darin liegt, mit der Realit\u00e4t zu brechen, indem wir unsere eigene Realit\u00e4t, unsere eigene Logik, unsere eigene Sprache, unsere eigenen Farben, unsere eigne Musik, unsere eigene Zeit und unseren eigenen Raum etablieren. Dies ist der Kern des Kampfes nicht nur gegen \u201asie&#8216;, sondern auch gegen uns selbst, das ist das Kernst\u00fcck der zapatistischen Resonanz.&#8220; (S. 68)<\/p>\n<p>Wenn er auf die Zapatistas Bezug nimmt, hat Holloway nicht nur die EZLN und ihre konkrete Selbstorganisierung in Chiapas im Sinn, sondern vielmehr die von der zapatistischen Rebellion und ihrem spezifischen Politikverst\u00e4ndnis inspirierte globale Altermundista-Bewegung, f\u00fcr die die EZLN einen konstanten Referenzpunkt bildet. Er selbst f\u00fchlt sich als Teil dieser Bewegung: &#8222;Der Kampf ist nicht <em>ihr<\/em> (der Zapatistas, N.S.) Kampf, sondern es ist der Kampf von uns allen.&#8220; (106)<\/p>\n<p>Holloway h\u00e4lt konsequent an der Perspektive auf Gemeinsamkeiten in den weltweiten K\u00e4mpfen gegen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung fest und setzt auf die Einheit der Vielheit. Er schreibt in der ersten Person Plural, konstruiert und bezieht sich auf ein kollektives <em>Wir, <\/em>das neben der subjektiven Einbezogenheit der eigenen Person v.a. auch ein <em>Gef\u00fchl<\/em> der Solidarit\u00e4t und Verbundenheit mit anderen Rebellionen und des Nicht-Allein-Seins kommuniziert. In der Einleitung problematisiert Jens Kastner diese &#8222;Holloway&#8217;sche Wir-Formation&#8220; und zeigt mit ihr verbundene Schwierigkeiten und Widerspr\u00fcche auf.<\/p>\n<p>Eine der vielen spannenden Fragen, die Holloway in den nun erstmals in deutscher \u00dcbersetzung vorliegenden Artikeln aufwirft, ist, wie der &#8222;Urbane Zapatismus&#8220;, d.h. die antikapitalistischen, antistaatlichen K\u00e4mpfe f\u00fcr Menschlichkeit und W\u00fcrde <em>in den St\u00e4dten<\/em>, intensiviert werden kann. Die wesentlich unterschiedlichen Voraussetzungen und den Kontrast zwischen Stadt und Land im Blick, schl\u00e4gt er vor, &#8222;die Achse unseres Denkens (und unserer Organisation) vom Raum auf die Zeit [zu] verlegen&#8220; (S. 108). Es geht ihm um das Loslassen der verf\u00fchrerischen, aber auch tragischen Vision von Revolution als einer &#8222;Revolution, die f\u00fcr immer halten wird&#8220;. Wenn heute revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung vornehmlich &#8222;in den Rissen und L\u00fccken der kapitalistischen Gesellschaft&#8220; stattfindet, dann &#8211; so die Argumentation Holloways &#8211; lasse sich Revolution nicht nur in r\u00e4umlichen (<em>die Hausbesetzung ist gescheitert, weil wir ger\u00e4umt wurden, und jetzt ist das Haus weg&#8230;<\/em>), sondern eben auch in Begriffen der Zeit (<em>die Besetzung war super, wir hatten eine sch\u00f6ne Zeit, in der wir uns kennen und zusammen k\u00e4mpfen gelernt haben&#8230;<\/em>) denken. Dem Konzept von Dauerhaftigkeit stellt er die &#8222;Intensit\u00e4t jedes gelebten Moments&#8220; gegen\u00fcber. Er schl\u00e4gt vor, &#8222;mit der Homogenit\u00e4t der kapitalistischen Zeit zu brechen, mit der Uhr-Zeit zu brechen, mit der Dauerhaftigkeit, der Idee, dass das Morgen die unvermeidliche Fortsetzung des Heute ist&#8220; (S. 110).<\/p>\n<p>Die Gedanken und Vorschl\u00e4ge Holloways sind simpel. Darin liegt ihre Genialit\u00e4t. Er stellt unser westlich gepr\u00e4gtes Vorstellungssystem grunds\u00e4tzlich in Frage, seine Gedanken sind Einladung und Herausforderung, das eigene Leben und die eigenen sozialen Beziehungen radikal zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Seine Texte bieten uns Inspiration und Anerkennung f\u00fcr das allt\u00e4gliche Tun, f\u00fcr die oft ohnm\u00e4chtigen, meist unsichtbaren, manchmal verzweifelten Bem\u00fchungen, eine andere Welt, eine Welt der Menschlichkeit und W\u00fcrde denkbar zu machen und zu kreieren. Es tut gut, sich auf seine hoffnungsvolle Perspektive einzulassen, dass unsere diversen Projekte zur Verbesserung unserer sozialen Beziehungen im Konkreten und der Welt im Allgemeinen nicht etwa gescheitert sind oder sein werden, sondern auch und gerade innerhalb ihrer (uhr-)zeitlichen Begrenztheit &#8222;die Revolution&#8220; selbst bedeuten. Wie Obert\u00f6ne durchzieht das Buch die brennende Frage: wie machen wir weiter? Wie k\u00f6nnen wir den Verlockungen des Sich-Abfindens widerstehen? Holloways sprachlich wundersch\u00f6n vermittelte Gedanken regen an, intelligente Widerstandsstrategien zu entwickeln, nicht zuletzt, damit uns die Puste und die Hoffnung nicht fl\u00f6ten gehen angesichts der desastr\u00f6sen Verh\u00e4ltnisse, in denen wir leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der in Mexiko lehrende Soziologe John Holloway ist bekannt f\u00fcr seine N\u00e4he zur Zapatistischen Bewegung. Was ihn neben diesem Umstand so sympathisch macht, ist, dass er sich ernsthaft bem\u00fcht, seine Gedanken aus den Sozialen Bewegungen heraus zu entwickeln und f\u00fcr sie aufzuschreiben. Holloways \u00dcberlegungen gehen von der historischen Erfahrung aus, dass die Welt nur ohne &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/10\/john-holloway\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"John Holloway - graswurzelrevolution","description":"Der in Mexiko lehrende Soziologe John Holloway ist bekannt f\u00fcr seine N\u00e4he zur Zapatistischen Bewegung. Was ihn neben diesem Umstand so sympathisch macht, ist, d"},"footnotes":""},"categories":[454,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-7684","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-312-oktober-2006","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7684","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7684"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7684\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}