{"id":7703,"date":"2006-11-01T00:00:21","date_gmt":"2006-10-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7703"},"modified":"2022-07-26T13:56:47","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:47","slug":"zahlungsbereitschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/11\/zahlungsbereitschaft\/","title":{"rendered":"Zahlungsbereitschaft"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Aids schadet Osteuropa mehr als Afrika&#8220;. So etwa lautete die \u00dcberschrift, unter welcher Anfang Oktober die Ergebnisse einer Studie gemeldet wurden, die u.a. vom Kieler Institut f\u00fcr Weltwirtschaft verantwortet wird.<\/p>\n<p>So weit, so schlimm. Aber die Forscher lie\u00dfen dpa auch noch melden, wie sie denn die &#8222;sozialen Kosten&#8220; ermittelt hatten, die in Osteuropa gr\u00f6\u00dfer als in Afrika sein sollten &#8211; eine nicht ganz unwichtige Frage, wenn man bedenkt, dass im subsaharischen Afrika nach den neuesten Zahlen immer noch mehr als sechzehn mal so viele Menschen mit HIV infiziert sind wie in Osteuropa einschlie\u00dflich Zentralasien.<\/p>\n<p>Man muss diese Formulierung zweimal lesen, aber so stand sie wirklich in fast jedem Provinzblatt:<\/p>\n<p>Die \u00fcberraschende Einsicht der Forscher war mit Hilfe &#8222;eines auf individuellen Zahlungsbereitschaften f\u00fcr ein AIDS-freies Leben basierenden intertemporalen Optimierungsmodells&#8220; gewonnen worden.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das?<\/p>\n<p>Die &#8222;sozialen Kosten&#8220; der Krankheit AIDS sind umso h\u00f6her, je mehr Geld der Infizierte f\u00fcr ein AIDS-freies Leben auszugeben bereit w\u00e4re?<\/p>\n<p>Das liefe ja darauf hinaus, das Leben eines reichen Menschen sei mehr &#8222;wert&#8220; als das Leben eines Armen!<\/p>\n<p>Undenkbar im 21. Jahrhundert!<\/p>\n<p>Das fundamentalste von allen ethischen Prinzipien: <em>dass kein Mensch mehr wert ist als ein anderer Mensch<\/em> &#8211; sollte doch auch in der Bildungsw\u00fcste Deutschland noch als Konsens unterstellt werden d\u00fcrfen. Oder <em>gerade<\/em> in Deutschland, das sich doch vor noch nicht 70 Jahren mit der Selektion &#8222;lebensunwerten Lebens&#8220; einen einsamen Spitzenplatz in der weltgeschichtlichen <em>hall of shame<\/em> erworben hat.<\/p>\n<p>Ich schickte eine h\u00f6fliche Email an den deutschen Koautor der Studie, Michael Stolpe, in der ich um Aufkl\u00e4rung \u00fcber die doch sicherlich von der Presseagentur oder von meiner Heimatzeitung vermurkste Formulierung bat. Das war am 6. Oktober. Bis heute (26. Oktober) erhielt ich keine Reaktion auf die Anfrage. Nun gut, Stolpe mag nach Diktat verreist sein. Schauen wir also gleich in den Wortlaut der &#8222;Studie 1297&#8220; des &#8222;Instituts f\u00fcr Weltwirtschaft&#8220; in Kiel, die im Internet frei einsehbar ist (<a href=\"http:\/\/www.uni-kiel.de\/ifw\/pub\/kap\/2006\/kap1297.pdf\">www.uni-kiel.de\/ifw\/pub\/kap\/2006\/kap1297.pdf<\/a>).<\/p>\n<p>Frei einsehbar, obwohl sie recht eigentlich verfassungsfeindlich und wom\u00f6glich auch jugendgef\u00e4hrdend, mit Sicherheit aber ein Versto\u00df gegen die guten Sitten ist. Wir befinden uns mit einem Schlag mitten in der Geisterbahn volkswirtschaftlicher Menschenverachtung. Wer bislang dachte, der Begriff &#8222;Humankapital&#8220; sei absto\u00dfend, der kannte nur die diskursive Vorh\u00f6lle.<\/p>\n<p>Stolpe und seine Koautorin, Julia Fimpel aus Budapest, machen von Anfang an klar, dass sie nichts Geringeres anstreben als eine exakte statistische Bestimmung des &#8222;Lebenswerts&#8220; von Menschen in unterschiedlichen L\u00e4ndern. Diese Aufgabe werde &#8222;immer dringlicher&#8220;, unter anderem f\u00fcr umweltpolitische Entscheidungen, Festlegungen von Geschwindigkeitsbegrenzungen, und zunehmend eben auch f\u00fcr gesundheitspolitische Ma\u00dfnahmen. W\u00e4hrend fr\u00fchere Ans\u00e4tze nur das Einkommen der Betroffenen oder einen &#8222;objektiven Gesundheitszustand&#8220; ber\u00fccksichtigt h\u00e4tten, besitze der Zahlungsbereitschafts-Ansatz den Vorzug, die subjektive Einsch\u00e4tzung der Betroffenen selbst zum Ma\u00dfstab zu machen. Wir lernen aus diesen wissenschaftlichen &#8222;Forschungsstand&#8220;-Referaten, welche Phantasie offenbar seit vielen Jahren in den Wirtschaftswissenschaften daf\u00fcr aufgewandt wird, Menschen nach ihrem unterschiedlichen &#8222;Lebenswert&#8220; zu sortieren.<\/p>\n<p>Ersparen wir uns die spitzfindigen Er\u00f6rterungen der Studie, wonach der Wert von Menschen mittleren Alters h\u00f6her ist als der von Kindern oder Greisen. Notieren wir nur beil\u00e4ufig, dass die Zahlungsbereitschaft im Falle des Todes auf Null sinkt, woraus offenbar geschlossen wird, dass sie in der N\u00e4he des Todes eben auch schon in der N\u00e4he von Null rangieren m\u00fcsse. Nichtlineare Mathematik ist f\u00fcr die AutorInnen anscheinend von einem anderen Stern; um wie viel mehr dann die Wahrnehmung des Verhaltens und F\u00fchlens wirklicher Menschen! (Selbstverst\u00e4ndlich ist f\u00fcr die Ermittlung der &#8222;Zahlungsbereitschaft&#8220; keine einzige Person befragt worden. Diese &#8222;Bereitschaft&#8220; wird von den Wissenschaftlern <em>verordnet<\/em>.) Ignorieren wir all die kalten Erw\u00e4gungen, unter welchen Bedingungen Menschen sogar daf\u00fcr zahlen w\u00fcrden, zu sterben. Lassen wir den ganzen aus diesem Ansatz resultierenden Formel-Unsinn weg, von dem die Abbildung nur eine Kostprobe liefern m\u00f6ge. Die Menschenverachtung verbr\u00e4mt sich hier nur pseudowissenschaftlich &#8211; das hat sie vor 92 Jahren, als das Kieler &#8222;Institut f\u00fcr Weltwirtschaft&#8220; gegr\u00fcndet wurde, auch schon getan, damals darwinistisch, zur Rechtfertigung der deutschen Kolonialpolitik.<\/p>\n<p>W\u00fcrdigen wir nur die Grundpr\u00e4misse unserer Formel-Virtuosen: &#8222;ein h\u00f6heres Einkommen impliziert eine h\u00f6here Zahlungsbereitschaft f\u00fcr Verbesserungen des Gesundheitszustands&#8220;. Alleine deshalb sollen die &#8222;sozialen Kosten&#8220; von AIDS in Osteuropa gr\u00f6\u00dfer sein als in Afrika, &#8222;denn das derzeitige Pro-Kopf-Einkommen in diesen L\u00e4ndern ist h\u00f6her und der erwartete Einkommenszuwachs ist ebenfalls h\u00f6her, weil die Menschen in Osteuropa mehr Humankapital akkumuliert haben&#8220;. Also ist der &#8222;Lebenswert&#8220; der Osteurop\u00e4erInnen entsprechend h\u00f6her als jener der AfrikanerInnen.<\/p>\n<p>Der Bl\u00f6dsinn dieses Ansatzes liegt nat\u00fcrlich darin, dass als &#8222;Zahlungsbereitschaft&#8220; rubriziert wird, was in Wahrheit Zahlungs<em>f\u00e4higkeit<\/em> ist. W\u00e4re ich mit HIV infiziert, w\u00e4re ich selbstverst\u00e4ndlich bereit, hundert Oktillionen US-Dollar f\u00fcr ein AIDS-freies Leben hinzubl\u00e4ttern. Nur dummerweise h\u00e4tte ich das Geld nicht. Und gerade dieses kleine Handicap soll nun rechtfertigen, dass mir von au\u00dfen erst recht nicht geholfen wird!<\/p>\n<p>Denn diese Selektionsphantasien wollen nicht im Elfenbeinturm bleiben. Sie wollen praktisch werden. So empfiehlt man der Europ\u00e4ischen Union: &#8222;In die L\u00e4nder mit den gr\u00f6\u00dften Wohlfahrtsverlusten sollte nat\u00fcrlich mit Priorit\u00e4t investiert werden.&#8220; Geholfen werden sollte also zuv\u00f6rderst jenen L\u00e4ndern, wo das Pro-Kopf-Einkommen am h\u00f6chsten ist. Nun sagt man ja, der <em>Teufel<\/em> schei\u00dfe immer auf den gr\u00f6\u00dften Haufen. Ob dieses Sprichwort unsere Forscher in ihrem heimlichen Anspruch, <em>Gott<\/em> zu spielen, beirren kann?<\/p>\n<p>Und es ist nur gut, dass Makro-\u00d6konomen und Mikro-\u00d6konomen einander nicht m\u00f6gen! Fallen die Lebenswert-Gleichungen erst in die H\u00e4nde der letzteren, dann k\u00f6nnten diese das Verfahren unserer Formelk\u00fcnstler mit demselben Recht auf <em>Individuen<\/em> anwenden und w\u00fcrden zu dem Ergebnis gelangen, dass der wirtschaftliche Schaden einer AIDS-Erkrankung von, sagen wir: Graf Koks von der, sagen wir: Deutschen Bank, inzwischen vierhundertmal so gro\u00df ist wie bei derselben Krankheit, wenn sie Erika Mustermann betrifft. (Man m\u00fcsste dann vielleicht den klammheimlichen Gedanken beiseite schieben, dass manchmal besonders &#8222;zahlungsbereite&#8220; Individuen einen betr\u00e4chtlichen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten, <em>solange sie am Leben sind<\/em>.)<\/p>\n<p>Aber vorerst wird das Selektionsverfahren ja auf L\u00e4nder und ganze globale Regionen angewandt; das macht dieses Verfahren, obwohl es echt neoliberal bleibt, objektiv rassistisch. Die AutorInnen schwadronieren ja gerade locker dar\u00fcber, welche Menschen man denn nun lieber sterben lassen soll als andere! Und &#8211; abrakadabra! &#8211; es sind die Afrikaner. Wenn sich solcher Rassismus hinter esoterischen mathematischen Formeln versteckt, ist dies nur ein weiterer Beweis daf\u00fcr, dass auch und gerade sich &#8222;objektiv&#8220; gebende Wissenschaften anf\u00e4llig f\u00fcr ideologische Verirrungen, ja: f\u00fcr kriminelle Gesinnung sind.<\/p>\n<p>&#8222;Wegen der \u00fcberregionalen Bedeutung&#8220;, schreibt Wikipedia, wird das Institut f\u00fcr Weltwirtschaft in Kiel &#8222;vom Bund, der Gemeinschaft der L\u00e4nder und dem Land Schleswig-Holstein finanziert&#8220;. Hiermit bekunde ich als Steuerzahler, dass meine Zahlungsbereitschaft f\u00fcr ein Institut, das solche Studien wie die beschriebene nicht stoppt, sondern noch \u00fcber dpa gro\u00df aufbl\u00e4st, ersch\u00f6pft ist. &#8222;MWP = 0&#8220;, meine Herrschaften!<\/p>\n<figure id=\"attachment_7704\" aria-describedby=\"caption-attachment-7704\" style=\"width: 337px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7704\" title=\"&quot;Grenzzahlungsbereitschaft&quot;\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/mwp.gif\" alt=\"\" width=\"337\" height=\"61\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/mwp.gif 337w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/mwp-300x54.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 337px) 100vw, 337px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7704\" class=\"wp-caption-text\">&quot;Grenzzahlungsbereitschaft&quot;: Hinter solchen Formeln verschanzt sich der zeitgen\u00f6ssische Rassismus der Mitte. <\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Aids schadet Osteuropa mehr als Afrika&#8220;. 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