{"id":7706,"date":"2006-11-01T00:00:42","date_gmt":"2006-10-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7706"},"modified":"2022-07-26T14:24:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:23","slug":"common-ground-in-new-orleans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/11\/common-ground-in-new-orleans\/","title":{"rendered":"Common Ground in New Orleans"},"content":{"rendered":"<p>In New York nahm ich an einer Veranstaltung von Betroffenen des Katrina-Desasters teil. Es war ein \u00e4lteres, wei\u00dfes, sozialistisches Paar aus der Mittelschicht. Sie berichteten, wie ein Police-Officer ihnen erz\u00e4hlte, wo die Busse zur Evakuierung standen, und sie gingen los, zusammen mit einer immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Menschenmenge von armen Afro-Americans, die bei ihrer Flucht auf \u00f6ffentliche Verkehrsmittel angewiesen seien.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich erreichten sie das Viertel, in dem die Busse bereitstanden, sie h\u00e4tten nur noch eine Stra\u00dfe \u00fcberqueren m\u00fcssen, doch das Viertel wurde von schwer bewaffneten Polizisten bewacht, und als die beiden fragten, ob das die Busse seien, befahl ein Polizist ihnen, schnellstm\u00f6glich zu verschwinden, und schoss zur Warnung \u00fcber ihre K\u00f6pfe. Sie berichteten aber auch von der Solidarit\u00e4t untereinander, der Gegenseitigen Hilfe, welche die Medienberichte \u00fcber ein unregierbares New Orleans ad absurdum f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Als der Bericht zu Ende war, sah ich viele verweinte Gesichter, und es meldeten sich einige j\u00fcngere Menschen zu Wort, die noch vor kurzem in New Orleans waren und dort an einer Hilfsorganisation teilgenommen hatten.<\/p>\n<p>Immer wieder fiel der Name &#8222;Common Ground&#8220;, und es flossen noch einige Tr\u00e4nen aus Wut, Entsetzen und Trauer \u00fcber die Regierungspolitik und deren Folgen. Ich hatte gedacht, mich mit der Problematik auszukennen, und sowieso vorgehabt, nach New Orleans zu fliegen. Nun hatte ich auch eine klare Adresse.<\/p>\n<p>Zwei Wochen sp\u00e4ter am Informationsschalter des Fughafens wurde davor gewarnt, in Midtown alleine herumzulaufen.<\/p>\n<p>Skeptisch nahm ich den Shuttle-Service und wurde auch vom Fahrer gewarnt, nicht alleine herum zu laufen. Er machte eine kleine Extratour durch Midtown, um die verheerenden Auswirkungen der Flut zu zeigen. Das Wasser stand vier Tage lang zwei Meter hoch. An den umknickten Stra\u00dfenschildern, den W\u00e4nden der verfallenden H\u00e4user zog sich eine gerade kalte Linie, die noch immer den Wasserstand anzeigte.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich erreichten wir das Hostel. Es war renoviert und super sch\u00f6n. Ein Bilderbuch-Hippie-Hostel, welches dem Beinamen New Orleans, &#8222;The Big Easy&#8220;, alle Ehre machte. Als ich mich erkundigte, ob es hier wirklich so gef\u00e4hrlich sei, reagierten die Leute vom Hostel ungehalten. Ja, es gab mal ein Gangsterhaus hier in der Stra\u00dfe, aber die sind weg, genau wie alle anderen weg sind. Es sei nun ungef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>In der sogenannten Streetcar unterhielt ich mich auf dem Weg zum French-Quarter mit jemanden, der vor zwei Jahren von New York nach New Orleans gezogen ist und nun nach der Katastrophe im Hostel wohnt und arbeitet. Ich befragte ihn \u00fcber Common Ground, und er meinte, wenn ich dar\u00fcber etwas erfahren m\u00f6chte, sollte ich dort doch mitarbeiten. Ich war skeptisch, schlie\u00dflich ging mein Flieger in ein paar Tagen, w\u00fcrde sich es da lohnen, dort mitzuarbeiten?<\/p>\n<p>Das French-Quarter wirkte auf mich ein wenig wie Amsterdam oder Sankt Pauli, nur karibischer. In allen L\u00e4den gab es T-Shirts mit der Aufschrift &#8222;Another F&#8230;-Word with four Letters: FEMA&#8220;. FEMA ist die nationale Katastrophenschutz-Organisation, die f\u00fcr ihre Arbeit nach dem 11.9. noch hoch gelobt wurde, danach aber der Homeland-Security unterstellt wurde und w\u00e4hrend des Katrina-Desasters auf ganzer Linie versagte.<\/p>\n<p>Das French-Quarter war nett, wenn auch ziemlich leer. Von hier war es nicht mehr weit bis zum Bluehouse, welches mein Anlaufpunkt f\u00fcr Common Ground bildete. Allerdings wurde ich gewarnt &#8211; schon wieder -, dass ich in der Gegend, in der sich das Bluehouse befindet, im &#8222;Lower 9th Ward&#8220;, nicht alleine herumspazieren sollte.<\/p>\n<p>Ich nahm einen Bus, stieg an der Stelle, die mein Stadtplan f\u00fcr richtig befand, hinter der gro\u00dfen Br\u00fccke aus und fragte noch jemanden nach dem Haus. Er kannte das Haus, wusste gleich, dass ich zu Common Ground wollte, und war mir gegen\u00fcber freundlich. Es war trostlos, alle H\u00e4user waren zerst\u00f6rt. Vereinzelt gab es Schilder und Graffities: &#8222;No Bulldozing! We come back!&#8220; An einigen H\u00e4user wurde gearbeitet. Ich irrte herum und fand die richtige Stra\u00dfe nicht, lief schlie\u00dflich den Damm entlang, von dem ich nachher h\u00f6rte, dass dies die Stelle war, wo er zuerst gebrochen ist. Nachdem ich drei Stunden durch das zerst\u00f6rte Viertel lief, begriff ich allm\u00e4hlich das Ausma\u00df der Zerst\u00f6rung. Von ehemals 20.000 EinwohnerInnen waren nach einem Jahr nur etwa 1.000 zur\u00fcckgekehrt. Irgendwann sah ich zwischen den Tr\u00fcmmern Kinderspielzeug, Stofftiere und begann hemmungslos zu weinen, war ja keiner da, vor dem ich mich sch\u00e4men m\u00fcsste. Gleichzeitig fasste ich den Entschluss, etwas tun zu wollen, bei Common Grounds als Volunteer, als Freiwilliger zu arbeiten, wenn sich dies einrichten lie\u00df.<\/p>\n<p>Beim Bluehouse, einer Einrichtung von Common Ground, war ich falsch und bekam die Adresse von St. Marys, einer ehemaligen Schule, die Common Ground sich als Quartier eingerichtet hatte. Die Leute dort waren sehr nett, jung und freakig, wie auf einem anarchistischem Sommercamp. Ja, klar k\u00f6nnte ich mitarbeiten, auch wenn es nur f\u00fcr eine Woche sei. Ich wurde gefragt, was ich gerne machen w\u00fcrde, ob ich Allergien h\u00e4tte, bekam einige Brosch\u00fcren und sollte am n\u00e4chsten Morgen da sein, da w\u00fcrde es eine Einf\u00fchrung f\u00fcr Neue geben.<\/p>\n<p>Insgesamt waren 250 Leute in St. Marys, untergebracht in verschiedenen Schlafr\u00e4umen in Mehretagenbetten. Es gab auch Frauenschlafr\u00e4ume, \u00fcberhaupt wurde das Thema Gender bei der Einf\u00fchrung mehrmals angesprochen, eine kurze Einf\u00fchrung, was unter einem sexuellen \u00dcbergriff zu verstehen sei, dass dieser nicht geduldet werde und Hinweise auf das Anti-Sexismus-Plenum, welches ebenso wie das Anti-Rassismus-Plenum w\u00f6chentlich stattfinde. Bei der Einf\u00fchrung ging es auch um die Geschichte der Stadt, um den Rassismus, die erfolgreichen K\u00e4mpfe der Black Panther in den 1970er Jahren. Auch Malik Rahim, der Mitbegr\u00fcnder von Common Ground, war Black Panther. Er war es, der unmittelbar nach der Flut Decken und Lebensmittel organisierte, die erste Freie Klinik aufbaute, Graswurzelarbeit im besten Sinne leistete.<\/p>\n<p>Seitdem ist Common Ground kontinuierlich gewachsen, trotz der Behinderungen durch Polizei und National Guard, die laufend Mitglieder von Common Ground wegen Bagatellen verhaften. Auch hier wurden wir wieder gewarnt, doch diesmal nicht so sehr wegen der Gangster, sondern wegen der Polizeikontrollen.<\/p>\n<p>Common Ground ist ein politisches Projekt. Oberstes Ziel ist die R\u00fcckkehr der noch immer 250.000 &#8222;Residents&#8220; in die ehemals 460.000-EinwohnerInnen-Stadt. Allerdings will Common Grounds ein anderes New Orleans, ein antirassistisches, ein \u00f6kologisches New Orleans.<\/p>\n<p>So gibt es auch drau\u00dfen in den Wetlands viele \u00d6koprojekte, die unter anderem die wegen der Klimakatastrophe st\u00e4rker werdenden Hurrikans abbremsen sollen. Um die R\u00fcckkehr der Residents zu erreichen, ist neben der Hilfe bei Verwaltungsfragen, der Hilfe zur Selbsthilfe beim Wiederaufbau der H\u00e4user (&#8222;Solidarity not Charity!&#8220;) ebenso die Schaffung von Gemeinschaft wichtig. Common Ground realisiert t\u00e4glich Nachbarschaftsk\u00fcchen.<\/p>\n<p>Wir wurden in Kleingruppen eingeteilt, und unsere erste Aufgabe bestand im Putzen der Gemeinschaftsr\u00e4ume. Ich konnte mir dadurch einen \u00dcberblick verschaffen und auch die strengen Hygiene-Richtlinien kennen lernen. Obwohl die Seuchengefahr weitgehend gebannt ist und das Leitungswasser inzwischen zum Z\u00e4hneputzen benutzt werden darf, sind die H\u00e4user, in denen tagelang das vergiftete Wasser stand, mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Da ich meine Arbeit am &#8222;Independance Day&#8220; begann, war der Nachmittag frei. Ich ging mit anderen zu der Demo nach St. Bernard.<\/p>\n<p>St. Bernard ist eine Siedlung, in der ehemals 3.000 Menschen gewohnt haben. Nun ist sie eingez\u00e4unt und soll abgerissen werden. Vor dem Zaun zelten seit Monaten ehemalige BewohnerInnen, die den Erhalt und ein R\u00fcckkehrrecht einfordern.<\/p>\n<p>Es geht das Ger\u00fccht um, dass das Areal von den ehemaligen BewohnerInnen gest\u00fcrmt wird. Doch es blieb bei einer lautstarken Demo, unter anderem, weil ein Bus mit ehemaligen BewohnerInnen nicht ankam. Siedlungen wie diese gibt es viele. Die Wohnbau-Gesellschaften wollen Gesch\u00e4fte machen mit &#8222;Mixed Income Areas&#8220;. Es ist klar, dass die &#8222;Residents&#8220; sich dies nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen bin ich in einem dieser H\u00e4user. Geweckt wurde um halb sechs. Um sechs gab es Essen, um sieben Uhr Einsatzbesprechung, drau\u00dfen auf der Treppe vor der Schule. Wir holten aus dem Materiallager unsere Sachen: Atemmaske, Einweg-Overall, Handschuhe, Gummistiefel, Schutzbrille und Stemmeisen, Schaufeln, Schubkarren, H\u00e4mmer&#8230;<\/p>\n<p>Mit dem Pickup ging&#8217;s los, hinten auf der Ladefl\u00e4che. Die Leute sind cool und freundlich. Die Arbeit ist verdammt hart. Es ist hei\u00df und feucht. Das Haus ist bereits entr\u00fcmpelt, wir m\u00fcssen die Innenverkleidung rausrei\u00dfen, die Fu\u00dfb\u00f6den, Decken- und Wandverkleidungen. Wenn das Haus entkernt ist, sind die BewohnerInnen dran. Common Ground hat keine Ressourcen, H\u00e4user vollst\u00e4ndig zu sanieren.<\/p>\n<p>Am zweiten Tag mache ich bereits schlapp. Eine leichte Allergie, meine Nase l\u00e4uft ununterbrochen und dann das Klima. Ich sch\u00fctte einen Becher Schwei\u00df aus meinen Gummistiefeln aus&#8230;<\/p>\n<p>Am Samstag arbeitete ich in der Martin Luther King-Schule, das Erdgeschoss war \u00fcberflutet, aber die Klassenzimmer in der oberen Etage waren einwandfrei, die Zimmer waren so, wie sie verlassen wurden. Unterrichtsb\u00fccher auf den Tischen, \u00fcberall voll funktionsf\u00e4hige Computer (von wegen Pl\u00fcnderungen!).<\/p>\n<p>Eine Schule f\u00fcr Kinder aus der schwarzen Community, die nicht zuf\u00e4llig Martin-Luther-King-Schule hei\u00dft.<\/p>\n<p>Als das erstemal Leute von Common Ground reingingen, um die Schule zu sanieren, wollte die Polizei sie verhaften. Die Repr\u00e4sentanten der Stadt denken gar nicht daran, die Schule wieder zu er\u00f6ffnen, obwohl die Klassen der anderen Schulen \u00fcberf\u00fcllt sind und einige Kinder seit einem Jahr nicht zur Schule gegangen sind.<\/p>\n<p>Das Letzte, was ich von New Orleans h\u00f6rte, war die Erfolgsmeldung, dass der Superdom saniert wurde, wof\u00fcr mehrere Millionen Dollar zur Verf\u00fcgung gestellt wurden. Die Herrschenden wollen ein anderes New Orleans &#8211; Common Ground auch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In New York nahm ich an einer Veranstaltung von Betroffenen des Katrina-Desasters teil. Es war ein \u00e4lteres, wei\u00dfes, sozialistisches Paar aus der Mittelschicht. 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