{"id":7712,"date":"2006-11-01T00:00:35","date_gmt":"2006-10-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7712"},"modified":"2022-07-26T14:24:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:23","slug":"goldgraberstimmung-in-namibia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/11\/goldgraberstimmung-in-namibia\/","title":{"rendered":"Goldgr\u00e4berstimmung in Namibia"},"content":{"rendered":"<p>In Namibia, der seit 1990 unabh\u00e4ngigen ehemaligen deutschen Kolonie S\u00fcdwest-Afrika, befinden sich zahlreiche Uranlagerst\u00e4tten, von denen bisher nur die R\u00f6ssing-Mine seit 1970 abgebaut wird und auf diese Weise 7 % des Weltbedarfs gedeckt wurde.<\/p>\n<p>Seitdem der Uranpreis steigt und Minen mit einer geringeren Uranausbeute rentabel arbeiten k\u00f6nnen, wird die Oberfl\u00e4che Namibias regelrecht durchsiebt durch Probebohrungen profitgieriger internationaler Konzerne. Die Errichtung vieler weiterer Uranminen wird zur Zeit konkret vorbereitet. Schon nach der Inbetriebnahme der zweiten Uranmine wird Namibia nach Australien und Kanada zum drittgr\u00f6\u00dften Lieferanten der Welt aufsteigen. Und das ist erst der Anfang. Es herrscht Goldgr\u00e4berstimmung in Namibia.<\/p>\n<h3>R\u00f6ssing<\/h3>\n<p>Die Geschichte der ersten Uranmine kann durchaus als wechselhaft bezeichnet werden. Die etwa 65 Kilometer vom K\u00fcstenort Swakopmund liegende Mine baut im Tagebau ab und stand von Anfang an unter heftiger Kritik. Umweltsch\u00fctzerInnen monierten die gef\u00e4hrliche Staubentwicklung, verseuchtes Sickerwasser und gigantische Gesteinsbewegungen. Allein die w\u00f6chentliche F\u00f6rderung von 1,75 Millionen t, auf G\u00fcterwaggons verladen, w\u00fcrde einen Zug von der L\u00e4nge Hamburg &#8211; M\u00fcnchen f\u00fcllen ((1)).<\/p>\n<p>Die schlechte Behandlung der namibischen ArbeiterInnen und ihre mangelnde gesundheitliche Betreuung w\u00e4hrend des s\u00fcdafrikanischen Apartheidregimes sorgte f\u00fcr Kritik aus dem Lager der Befreiungsbewegungen ((2)).<\/p>\n<p>Durch den niedrigen Urangehalt der R\u00f6ssing-Mine war es schon damals \u00e4u\u00dferst schwierig, die tats\u00e4chlich gef\u00f6rderten Uranmengen nachzuvollziehen und eine Abzweigungskontrolle durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Seit 1970 beteiligte sich die deutsche Bundesregierung mit 6 Millionen DM an den Erschlie\u00dfungskosten der Mine. 30 % der bundesdeutschen Atomreaktoren wurden mit Namibia-Uran beliefert. Die deutsche &#8222;Urangesellschaft&#8220;, die zu 66 % den staatlichen Firmen Steag (Essen) und Veba (Bonn\/Berlin) geh\u00f6rte, besa\u00df gr\u00f6\u00dfere Anteile an der Mine. Der britisch-australische Konzern Rio Tinto Zinc (RTZ) ist Hauptbetreiber von R\u00f6ssing. RTZ selbst geh\u00f6rten 18 % der deutschen Skandalfirma NUKEM in Hanau.<\/p>\n<p>Das seit \u00fcber 100 Jahren bestehende Unternehmen bedient sich bei der Durchsetzung seiner Interessen vorzugsweise der Unterst\u00fctzung von Diktatoren. Franco lie\u00df streikende Bergarbeiter von Rio Tinto erschie\u00dfen, und in Chile stieg der Konzern erst ein, nachdem Allende beiseite ger\u00e4umt war ((3)).<\/p>\n<p>Pikanterweise besitzt der Iran seit 1976 ebenfalls gr\u00f6\u00dfere Anteile an der R\u00f6ssing-Mine.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend R\u00f6ssing noch vor knapp drei Jahren wegen der damals niedrigen Uranpreise und der geringen Urangehalte im Gestein vor dem Aus stand, wird nun durch die ver\u00e4nderte Situation bis zum Jahr 2020 gef\u00f6rdert. Die Betreiber verweisen selbstbewusst auf die Schaffung von insgesamt 918 Arbeitspl\u00e4tzen und auf ca. 500 Lieferanten der Mine ((4)).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend vor der Unabh\u00e4ngigkeit die Befreiungsorganisation Swapo wortreich Missst\u00e4nde bei R\u00f6ssing anprangerte, ist die Uranindustrie inzwischen zum H\u00e4tschelkind der ehemaligen Revolution\u00e4rInnen geworden.<\/p>\n<p>Der heutige Arbeitsminister sowie der Vorsitzende des namibischen Nationalrates geh\u00f6ren zu den bekanntesten ehemaligen Angestellten der Uranmine.<\/p>\n<h3>Langer Heinrich<\/h3>\n<p>&#8222;Was soll da noch anbrennen, wenn Ruhe im Land herrscht?&#8220;, fragt rhetorisch ein Spekulant-Blogger in der Debatte &#8222;Wie w\u00e4r&#8217;s denn mit nem bisschen Uran?&#8220; auf der Ariva-Homepage. Die australische Minengesellschaft Paladin Resources Ltd ((5)) hat sich bereits im Jahre 2002 die Abbaurechte beim Gebirgszug &#8222;Langer Heinrich&#8220; gesichert.<\/p>\n<p>Die offene Mine, die im Tagebau Uran f\u00f6rdern wird, liegt mitten in dem Naturschutzgebiet Naukluftpark. Earthlife Africa Namibia und die Menschenrechtsorganisation NSHR hatten gegen dieses Vorhaben protestiert, weil es das Naturschutzgebiet gef\u00e4hrdet. Um die immense Staubentwicklung beim Gesteinsbruch in Grenzen zu halten, sind 1,5 Mio. Kubikmeter Wasser allein f\u00fcr diese Mine notwendig ((6)), das in einer 83 km langen Wasserleitung mit mehreren Pumpstationen herbeigef\u00fchrt werden muss. Paladin Resources ist damit in dem trockensten Land s\u00fcdlich der Sahara der viertgr\u00f6\u00dfte Wasserverbraucher!<\/p>\n<p>Da die namibischen Umweltsch\u00fctzerInnen der im M\u00e4rz 2005 offiziellen Umweltvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung wenig Vertrauen schenkten, wurde von ihnen eine weitere in Auftrag gegeben und ver\u00f6ffentlicht. Namibias Bergbauminister Nghimtira diffamierte sie mit dem Vorwurf &#8222;Extern finanzierte Zivilgesellschaft vergiftet Atmosph\u00e4re&#8220; ((7)). Denn die Studie wurde vom \u00d6ko-Institut durchgef\u00fchrt und von der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung finanziert.<\/p>\n<p>Wie tief kann eine ehemalige Befreiungsorganisation denn noch sinken, dass sie zu solchen Methoden greift?<\/p>\n<p>Am 22. September 2006 begannen die Testl\u00e4ufe der Erzbrecher im Naturschutzgebiet. Im Dezember wird hier das erste Uran gewonnen. Die Mine soll 17 Jahre in Betrieb bleiben. Schon jetzt hat sich der Aktienwert von Paladin Recourses verneunfacht ((8)).<\/p>\n<h3>Ungest\u00fcmer Expansionsdrang im Uran-Eldorado<\/h3>\n<p>&#8222;Vielleicht bringt ja nen Regierungswechsel nochmal ein paar Cent f\u00fcr die Uran-Euphorie!!&#8220;, schw\u00e4rmte letztes Jahr ein besonders gieriger bundesdeutscher Uranspekulant auf einer Bloggerseite. In Namibia herrscht ein gro\u00dfes Gedr\u00e4nge um die letzten Fleckchen Erde, die es nach Uran zu durchw\u00fchlen gilt. Nach dem historischen Kolonialzeitalter wird jetzt die Welt von den Bergbaukonzernen ein zweites Mal aufgeteilt:<\/p>\n<h3>Trekkopje<\/h3>\n<p>Die UranMin Namibia, eine Tochter von Gulf Western Trading, erwarb das 30.000 Hektar gro\u00dfe Gel\u00e4nde in dem Gebiet Trekkopje, etwa 70 Kilometer nord-\u00f6stlich von Swakopmund. Bereits in den 70er Jahren wurde hier das Urangestein untersucht. Im Mai 2006 wurden 96 Bohrl\u00f6cher geschlagen und Proben entnommen. Das Uran liegt direkt unter der Erdoberfl\u00e4che. Die s\u00fcdafrikanische Firma Turgis Consulting f\u00fchrt zur Zeit eine Machbarkeitsstudie durch ((9)). Die \u00f6ffentlichen Informationsversammlungen zu dem Projekt sind verschoben worden.<\/p>\n<p>Auch hier gibt es gravierende Probleme mit der Wasserversorgung, die gekl\u00e4rt werden m\u00fcssen, um eine Genehmigung bei den Beh\u00f6rden zu erhalten. UranMin m\u00f6chte am liebsten schon 2008 mit dem Uranabbau beginnen.<\/p>\n<h3>Marinica<\/h3>\n<p>Der australische Konzern West Australian Metals (WME) hat im April 2005 in der N\u00e4he der bestehenden R\u00f6ssingmine vom namibischen Bergbauministerium die Genehmigung f\u00fcr eine Anteilsmehrheit am Marinica-Projekt erhalten. Es handelt sich hier um einen 17 Kilometer langen und bis zu 800 Meter breiten Mineralgesteinskanal ((10)). Wenn das Umweltministerium zugestimmt hat, wird mit der Machbarkeitsstudie begonnen.<\/p>\n<h3>Bannermann<\/h3>\n<p>Die auch im benachbarten Botswana aktive Firma Bannermann Mining Resources Namibia mit Sitz in Australien will ebenfalls im Naturschutzpark Naukluftpark bei Goanikontes eine Uranmine ausbeuten. Das betroffene Gebiet liegt an einer Haupttouristenroute durch den Park und hat deswegen f\u00fcr Unruhe unter den Touristikunternehmen gesorgt ((11)). Bereits im Mai 2005 hat Bannermann das Gebiet erworben. Das Umweltministerium hat bereits im Juli 2006 die Zulassung f\u00fcr die Machbarkeitsstudie erteilt.<\/p>\n<h3>Cape Cross, Aus, Warmbad<\/h3>\n<p>Die sich neu auf dem Markt positionierende kanadische Firma Xemplar Energy f\u00fchrt seit Anfang 2006 umfangreiche Explorationsprogramme in den Gebieten Cape Cross (385.000 Hektar, \u00fcbrigens eine Robbenkolonie), Aus (327.600 Hektar) und Warmbad (470.000 Hektar) durch, die laut Eigenwerbung bisher sehr erfolgreich waren. Rei\u00dferisch k\u00f6dert der Newcomer auf dem namibischen Uranmarkt potentielle Aktion\u00e4re mit &#8222;explosiven Potentialen&#8220;, einem &#8222;explosiven Umfeld&#8220; und will die Entwicklung &#8222;aggressiv vorantreiben&#8220; ((12)). Was der Firma nicht schwer fallen d\u00fcrfte, schreibt sie doch in ihrer Werbung: &#8222;Namibia ist der Uranindustrie extrem positiv gestimmt und bietet die besten Rahmenbedingungen f\u00fcr Uranbergbau weltweit.&#8220;<\/p>\n<p>Mit der britischen RAB Capital ist eine der gr\u00f6\u00dften Rohstofffondsgesellschaften der Welt bei Xemplar Energy eingestiegen. Ein untr\u00fcgliches Zeichen, wohin die Reise geht.<\/p>\n<h3>Valencia<\/h3>\n<p>Durch einen geschickten Schachzug ist es dem kanadischen Konzern Forsys Metals gelungen, Zugriff auf zahlreiche geologische Daten Namibias zu erhalten, die f\u00fcr den Uranabbau wichtig sind. Das Unternehmen ist eine strategische Partnerschaft mit Ongopolo, dem Rechtsnachfolger von Gold Fields Namibia, eingegangen. Ongopolo ist seit Jahrzehnten ein bedeutender Betreiber von Minen und Bergbauanlagen in Namibia. Forsys hat einen 90 %-Anteil an der Lizenz f\u00fcr das Abbaugebiet Valencia erworben, Ongopolo bleiben noch 10 %. Auf diese Weise kann der kanadische Konzern auf historische Untersuchungen der Jahre 1977 bis 1989 zur\u00fcckgreifen. Die Lagerst\u00e4tte Valencia befindet sich nur 35 Kilometer vom gro\u00dfen Vorbild R\u00f6ssing und 40 Kilometer von Langer Heinrich entfernt. \u00d6fter als monatlich werden die Ergebnisse der aktuellen Uranbohrungen im Minengebiet von Valencia auf der Forsy-Homepage euphorisch abgefeiert. Das Projekt befindet sich in der Vorstufe zur Machbarkeits- und Wirtschaftlichkeitsstudie.<\/p>\n<h3>Strahlende Zukunft<\/h3>\n<p>Der gro\u00dfe Andrang auf die potentiellen Uranminen-Gebiete f\u00fchrt zu Problemen bei der Bearbeitung der Vergabe von Abbaulizenzen im Ministerium f\u00fcr Bergbau und Energie. Immer mehr Ministeriumsmitarbeiter, insbesondere diejenigen, die f\u00fcr ihre Ausbildung \u00f6ffentliche Stipendien erhalten haben, wandern als Geologie\/Uran-Spezialisten in den lukrativen Privatsektor ab.<\/p>\n<p>Inzwischen geben sich auch russische und chinesische Wirtschaftsdelegationen in Namibia die Klinke in die Hand, um sich einen Teil der Uranausbeute f\u00fcr die einheimische Nuklearindustrie zu sichern. R\u00f6ssing liefert bereits f\u00fcr chinesische Atomkraftwerke und kn\u00fcpft damit an alte &#8222;antikolonialistische&#8220; Freundschaften zu Zeiten des Befreiungskampfes an. Dies f\u00fchrt zu \u00c4ngsten bei den Nachfahren der deutschen Kolonialherren. Die Uranindustrie wird aber vom Grundsatz her nicht kritisch hinterfragt. Russland bietet als Tausch f\u00fcr das begehrte Uran den Bau eines neuen Atomkraftwerkes in Namibia an.<\/p>\n<p>Seit dem St\u00f6rfall und den Schlampereien im s\u00fcdafrikanischen Atomkraftwerk Koeberg im Herbst 2005 kommt es immer wieder zu Stromlieferungsproblemen nach Namibia und folglich zu Stromabschaltungen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich steht Stromsparen hoch im Kurs, und einige Menschen denken sogar laut \u00fcber Alternativenergie nach. Die erste Windkraftanlage wurde inzwischen fertiggestellt. Vielleicht liefert sie ja bald den Strom f\u00fcr eine Pumpanlage, die Wasser zu den Uranminen leitet?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Namibia, der seit 1990 unabh\u00e4ngigen ehemaligen deutschen Kolonie S\u00fcdwest-Afrika, befinden sich zahlreiche Uranlagerst\u00e4tten, von denen bisher nur die R\u00f6ssing-Mine seit 1970 abgebaut wird und auf diese Weise 7 % des Weltbedarfs gedeckt wurde. Seitdem der Uranpreis steigt und Minen mit einer geringeren Uranausbeute rentabel arbeiten k\u00f6nnen, wird die Oberfl\u00e4che Namibias regelrecht durchsiebt durch Probebohrungen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/11\/goldgraberstimmung-in-namibia\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Goldgr\u00e4berstimmung in Namibia - graswurzelrevolution","description":"In Namibia, der seit 1990 unabh\u00e4ngigen ehemaligen deutschen Kolonie S\u00fcdwest-Afrika, befinden sich zahlreiche Uranlagerst\u00e4tten, von denen bisher nur die R\u00f6ssing-"},"footnotes":""},"categories":[459,1039],"tags":[],"class_list":["post-7712","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-313-november-2006","category-quergestellt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7712","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7712"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7712\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7712"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7712"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7712"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}