{"id":7720,"date":"2006-11-01T00:00:35","date_gmt":"2006-10-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7720"},"modified":"2022-07-26T13:18:10","modified_gmt":"2022-07-26T11:18:10","slug":"wie-wollen-wir-wirtschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/11\/wie-wollen-wir-wirtschaften\/","title":{"rendered":"Wie wollen wir wirtschaften?"},"content":{"rendered":"<p>Auch in Deutschland gibt es einen gro\u00dfen Wirtschaftssektor Solidarischer \u00d6konomie, der sehr unterschiedliche Formen von Betrieben und Projekten umfasst, z.B. alte und neue Genossenschaften, selbstverwaltete Betriebe, Unternehmungen mit sozialer Zielsetzung, Wohn- und Gemeinschaftsprojekte, Tauschringe, alternative Finanzierungseinrichtungen, fairen Handel, landwirtschaftliche Direktvermarktung, Frauenprojekte, Initiativen f\u00fcr offenen Zugang zu Wissen und andere Formen wirtschaftlicher Selbsthilfe.<\/p>\n<p>Die Zeit ist reif f\u00fcr einen Kongress, der diesen Wirtschaftssektor \u00f6ffentlich darstellt und politische Fragen Solidarischer \u00d6konomie diskutiert; f\u00fcr einen Kongress, der Mut macht zu solidarischem, \u00f6konomischen Handeln, die vielf\u00e4ltigen Akteure zusammen bringt und einen Raum bietet f\u00fcr die Diskussion offener und kontroverser Fragen.<\/p>\n<p>Im globalisierten Kapitalismus werden immer mehr Lebensbereiche der Profitmaximierung unterworfen. Die Produktion von Waren und Dienstleistungen unter dem Druck von Wachstum und Effizienz zerst\u00f6rt menschliche Lebensverh\u00e4ltnisse und deren nat\u00fcrlichen Grundlagen. Finanzierungsfonds kaufen Unternehmen auf, zerschlagen sie und vernichten massenhaft Arbeitspl\u00e4tze. Wasser- oder Energieversorgung, st\u00e4dtische Wohnungsunternehmen, Verkehrsbetriebe, Krankenh\u00e4user und andere, bisher \u00f6ffentliche Strukturen der Daseinsvorsorge werden privatisiert und damit den Marktgesetzen unterworfen. Die Kluft zwischen Arm und Reich w\u00e4chst weiter an.<\/p>\n<p>Es ist an der Zeit, offensiv eine andere \u00d6konomie auszubauen, die auf sozialen, \u00f6kologischen und demokratischen Werten basiert, eine \u00d6konomie, die darauf ausgerichtet ist, sinnvolle, gesellschaftlich n\u00fctzliche und auf friedliche Zwecke gerichtete Produkte und Leistungen zu erstellen, unter menschenw\u00fcrdigen, pers\u00f6nlichkeitsf\u00f6rderlichen, basisdemokratischen und geschlechtergerechten Arbeitsbedingungen und unter Schonung der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen. Eine solche Solidarische \u00d6konomie sehen wir als Teil unserer Suche nach einer anderen Welt.<\/p>\n<p>Von der neoliberalen Umstrukturierung ist jede und jeder betroffen. Angesichts der anhaltenden Massenerwerbslosigkeit versch\u00e4rfen sich gleicherma\u00dfen Lohn- und Konkurrenzdruck, Stress und Angst f\u00fcr ArbeitnehmerInnen wie auch der Druck auf Arbeitssuchende, jede Arbeit, und sei sie noch so prek\u00e4r, anzunehmen. Projekte anderen Wirtschaftens k\u00f6nnen sich \u00f6konomischen Zw\u00e4ngen und dem sie umgebenden Wertesystem nicht entziehen. Sie k\u00f6nnen aber Orte sein, an denen bei allen \u00e4u\u00dferen Marktzw\u00e4ngen und inneren Widerspr\u00fcchen auch nach sozialen, \u00f6kologischen und demokratischen Werten gewirtschaftet wird. Sie bieten Raum f\u00fcr Selbstverwirklichung und Emanzipation im Austausch mit anderen. Und insofern eine Chance, Sein und Bewusstsein weiterzuentwickeln, hin zu mehr Solidarit\u00e4t miteinander.<\/p>\n<p>Viele Alternativkonzepte sind existenzbedrohenden Zerrei\u00dfproben zwischen Marktmechanismen einerseits und Emanzipationsanspr\u00fcchen andererseits ausgesetzt. Dabei bleiben die politische Zielrichtung und die Bereitschaft, die Verantwortung gemeinsam zu tragen, nicht selten auf der Strecke.<\/p>\n<p>Ein Kongress zum Austausch unter und zur Vernetzung von Projekten und neuen sozialen Bewegungen kann Ideen, Mut und Kraft geben, die Entwicklung vision\u00e4rer Konzepte anzugehen und die Ideen in neue Kreise zu tragen.<\/p>\n<p>Die Entwicklung des \u201aSektors&#8216; der Solidarischen \u00d6konomie braucht die gegenseitige Unterst\u00fctzung sowohl zwischen bestehenden Unternehmungen als auch f\u00fcr Neugr\u00fcndungen. Erfahrungen aus anderen L\u00e4ndern (z.B. Brasilien und Frankreich) zeigen, wie wichtig auch politische Rahmenbedingungen sind. Wir wollen Anforderungen Solidarischer \u00d6konomie an die Politik diskutieren. Dabei kann es nur um eine Politik gehen, die wirtschaftliche Selbsthilfe nicht als soziales Feigenblatt f\u00fcr den fortgesetzten neoliberalen Umbau der Gesellschaft benutzt, sondern Solidarische \u00d6konomie als Teil einer Strategie gegen neoliberale Zumutungen begreift.<\/p>\n<p>Bisher gibt es in Deutschland kaum Verbindungen zwischen politischen Protestbewegungen gegen neoliberale Globalisierung und Sozialabbau oder Erwerbsloseninitiativen einerseits und Projekten Solidarischer \u00d6konomie andererseits.<\/p>\n<p>Nach kollektiven politischen Aktionen gehen viele AktivistInnen allein nach Hause. Armut, Prekarit\u00e4t oder Stress am Arbeitsplatz mit all ihren Folgen m\u00fcssen sie individuell bew\u00e4ltigen. Diejenigen, die im Sektor Solidarische \u00d6konomie arbeiten, werden h\u00e4ufig vom materiellen \u00dcberlebenskampf aufgefressen und ziehen sich aus politischen Zusammenh\u00e4ngen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wir laden Menschen aus den verschiedensten sozialen Bewegungen und Projekten ein, gemeinsam zu diskutieren, ob Solidarische \u00d6konomie eine wirksame politische Strategie gegen Armut und Ausgrenzung sein kann, und wie angesichts der neoliberalen Umstrukturierung der Gesellschaft eigene wirtschaftliche Strukturen aufgebaut werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Erwartet werden ca. 500 TeilnehmerInnen, die in mehr als 150 Workshops, Foren und Podiumsveranstaltungen \u00fcber \u00d6konomische Alternativen diskutieren. Am Samstag und Sonntag findet erg\u00e4nzend eine Projekte- und Betriebemesse statt.<\/p>\n<p>Im Vorfeld des Kongresses gehen 10 der internationalen ReferentInnen aus Argentinien, Brasilien, Venezuela, Sambia, Kanada, Frankreich und Polen im Rahmen der &#8222;Info-Tour Solidarische \u00d6konomie&#8220; auf Deutschlandreise, um ihre Erfahrungen in \u00fcber 25 St\u00e4dten vorzustellen und zu diskutieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch in Deutschland gibt es einen gro\u00dfen Wirtschaftssektor Solidarischer \u00d6konomie, der sehr unterschiedliche Formen von Betrieben und Projekten umfasst, z.B. alte und neue Genossenschaften, selbstverwaltete Betriebe, Unternehmungen mit sozialer Zielsetzung, Wohn- und Gemeinschaftsprojekte, Tauschringe, alternative Finanzierungseinrichtungen, fairen Handel, landwirtschaftliche Direktvermarktung, Frauenprojekte, Initiativen f\u00fcr offenen Zugang zu Wissen und andere Formen wirtschaftlicher Selbsthilfe. 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