{"id":7736,"date":"2006-11-01T00:00:24","date_gmt":"2006-10-31T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7736"},"modified":"2022-07-26T14:24:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:23","slug":"neues-vom-mythos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/11\/neues-vom-mythos\/","title":{"rendered":"Neues vom Mythos?"},"content":{"rendered":"<p>Er ist in vieler Hinsicht ein Mythos. Seine biografische Spur gleicht \u00fcber weite Strecken einem verwirrenden Labyrinth.<\/p>\n<p>Faszinierend ist die besondere Travensche Mischung: Abenteurertum, Identit\u00e4tsspielerei, doppelte Kulturzugeh\u00f6rigkeit, Individualanarchismus und aufkl\u00e4rerische Schriftstellerei. Traven war erst Schauspieler, Regisseur, Redakteur und Revolution\u00e4r in Deutschland, dann Schriftsteller mit Weltbestsellern in Mexiko.<\/p>\n<p>Zur Zeit der Ankunft Travens in Mexiko herrschte dort noch als Folge der Revolution (1910-1920) eine kulturelle und politische Aufbruchsstimmung. Viele politisch und sozial engagierte Menschen kamen in das Land, da sie sich vom Sieg der Mexikanischen Revolution die Entstehung einer neuen und gerechten Gesellschaft versprachen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter fanden Verfolgte des Stalinregimes und des Nationalsozialismus in Mexiko Aufnahme.<\/p>\n<p>Noch bevor dieses Land zu einem der bedeutendsten Asyll\u00e4nder f\u00fcr europ\u00e4ische ImmigrantInnen geworden war, stellte es sich f\u00fcr Traven als lebenswichtiger literarischer und pers\u00f6nlicher Bezugspunkt dar: nach seiner existenziellen Verwandlung vom deutschen Schriftsteller und Revolution\u00e4r namens Ret Marut zum mexikanischen Autor B. Traven.<\/p>\n<p>Travens &#8222;inoffizielle&#8220; literarische Sprache war Deutsch, obwohl er Zeit seines Lebens behauptete, Nordamerikaner skandinavischer Abstammung zu sein. Er gab an, im Mittleren Westen der USA geboren und aufgewachsen zu sein, und seine Muttersprache sei Englisch. Dies sprach er jedoch mit unverkennbar deutschem Akzent.<\/p>\n<p>Wer war nun dieser Mensch wirklich, der in seinen B\u00fcchern das Land Mexiko und seine Menschen, vor allem die unterdr\u00fcckte indianische Bev\u00f6lkerung, so \u00fcberzeugend lebendig werden lie\u00df?<\/p>\n<p>Traven beantwortete diese Frage stets so, dass seine wahre Identit\u00e4t im Verborgenen bleiben konnte. Jahrzehntelang hatte er sich die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche gegeben, sein Inkognito (Ret Marut, alias B. Traven, alias Berick T. Torsvan, alias Hal Croves) zu wahren und mit Mystifikationen und Fehlinformationen vielerlei Art zu untermauern: Die Biographie eines sch\u00f6pferischen Menschen &#8211; betonte er gern &#8211; sei ganz und gar unwichtig.<\/p>\n<p>Schon sein erster biografisch abgesicherter Name Ret Marut war ein Pseudonym, \u00fcber dessen Bedeutung nur spekuliert werden kann. Die biografische Forschung war emsig bem\u00fcht, B. Travens wahre Identit\u00e4t zu ermitteln und dem Versteckspiel ein Ende zu bereiten. Doch sie hat seine erfundenen Identit\u00e4ten nur zum Teil widerlegen k\u00f6nnen, zum anderen Teil aber um neue Varianten bereichert. Seit den Forschungen von Rolf Recknagel und Karl S. Guthke gilt aber als unstrittig, dass sich hinter dem Pseudonym B. Traven niemand anderes verbirgt als Ret Marut, der vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland aufgewachsen ist.<\/p>\n<p>Um Travens Identit\u00e4t wurden jahrzehntelang die bizarrsten Versionen diskutiert. Hier eine kleine Auswahl:<\/p>\n<p>War er ein Farmersohn aus dem mittleren Westen, ein Million\u00e4r mit schlechtem Gewissen, das Kind eines Theater-Impresarios aus San Francisco, wie er es als Ret Marut im M\u00fcnchner Einwohnermeldeamt angab? Ein illegitimer Sohn Kaiser Wilhelms oder der uneheliche Sohn einer Fabrikarbeiterin und eines T\u00f6pfers und Ziegelbrenners aus Schwiebus, oder ein gewisser August Bibelj\u00e9 aus Hamburg?<\/p>\n<p>Und weiter: Ein amerikanischer Theologiestudent aus Cincinnati, den die Universit\u00e4t Freiburg i.Br. wegen unsittlicher Handlungen exmatrikulierte, oder Walther Rathenaus Halbbruder?<\/p>\n<p>Oscar Wildes Neffe oder Jack London, der seinen Selbstmord nur vort\u00e4uschte, um als Autor des Totenschiffs weiterzuleben?<\/p>\n<p>Oder gar in Wahrheit ein Sohn Kaspar Hausers und ein Enkel Napoleons? Zusammen mit der letzten &#8211; allerdings falschen &#8211; Zarentochter Anastasia soll er Prinz Ernst August von Hannover gezeugt haben.<\/p>\n<p>Der Abenteurer Jack (&#8222;K\u00e4pt&#8217;n&#8220;) Bilbo und Andere behaupteten, B. Traven zu sein, auch wurde versucht, mit gef\u00e4lschten Manuskripten zu handeln usw. u.s.f.<\/p>\n<p>Neben solchen Geschichten wurde auch immer wieder die Erlebnistr\u00e4ger-Hypothese diskutiert, die besagt, dass Traven seine Geschichten nicht selber erlebt habe, sondern lediglich von Anderen &#8211; Erlebnistr\u00e4gern &#8211; abgelauscht und literarisch umgesetzt habe.<\/p>\n<p>Da keine Geburtsurkunde existiert, kann \u00fcber die Anf\u00e4nge von Travens abenteuerlichem Leben nur spekuliert werden. Im &#8222;Neuen Theater-Almanach&#8220; des Jahres 1908 wurde Ret Marut als Schauspieler und Regisseur genannt, der in den Folgejahren durch die Theaterprovinz tingelte. Er versuchte sich auch als Autor von Kurzgeschichten und Erz\u00e4hlungen in kleinen Provinzbl\u00e4ttern mit nur geringem Erfolg.<\/p>\n<p>Angesichts des Ersten Weltkrieges radikalisierte sich Marut politisch und gab seit 1917 in M\u00fcnchen die illegale, individualanarchistische und radikalpazifistische Zeitschrift &#8222;Der Ziegelbrenner&#8220; heraus. Nach dem Krieg, w\u00e4hrend der revolution\u00e4ren Zust\u00e4nde in Deutschland, geriet Marut ins Rampenlicht, als er in aktiver Position und in enger Zusammenarbeit mit den Revolution\u00e4ren Ernst Toller, Kurt Eisner, Erich M\u00fchsam und Gustav Landauer an der bayerischen R\u00e4terepublik beteiligt war.<\/p>\n<p>Am ersten Mai 1919 wurde das Gesellschaftsexperiment durch den Einsatz konterrevolution\u00e4rer Truppen im Auftrag der sozialdemokratisch gef\u00fchrten Reichsregierung gewaltsam beendet. Marut konnte im letzten Moment einem Erschie\u00dfungskommando entkommen und musste untertauchen.<\/p>\n<p>Die folgenden Jahre verbrachte er im Untergrund in Deutschland und anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, bis er schlie\u00dflich 1923 \/ 24 in London bei der Ausl\u00e4nderpolizei aktenkundig wurde. Im Februar 1924 wurde er von dort aus der Untersuchungshaft entlassen. Dann verlor sich seine europ\u00e4ische Spur.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich heuerte er, wie sein Alter Ego &#8222;Gales&#8220; in seinem Roman &#8222;Das Totenschiff&#8220;, als Kohlenschipper an, bis er endlich Ende Juni 1924 per Schiff in Mexiko landete.<\/p>\n<p>In seiner neuen Heimat machte sich Ret Marut daran, zuk\u00fcnftig unter dem Pseudonym B. Traven Romane und Kurzgeschichten zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Unter diesem Namen erschien im Fr\u00fchjahr 1925 im sozialdemokratischen &#8222;Vorw\u00e4rts&#8220; eine Erz\u00e4hlung, und vom 21. Juni bis 16. Juli 1925 wurde dort sein Roman &#8222;Die Baumwollpfl\u00fccker&#8220; in 22 Fortsetzungen erstmals ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Traven f\u00fchrte in Mexiko noch jahrelang ein einfaches und materiell eingeschr\u00e4nktes Leben, noch dazu unter der psychischen Belastung seiner teils erzwungenen Anonymit\u00e4t. Mehrere Reisen in den s\u00fcdlichen und damals noch wenig erschlossenen mexikanischen Bundesstaat Chiapas verschlangen seine Autorenhonorare aus Deutschland. Angesto\u00dfen durch seinen Anfangserfolg &#8222;Die Baumwollpfl\u00fccker&#8220;, sollte sich bis 1930 diese Situation jedoch radikal ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Innerhalb von vier Jahren erschienen weitere vier Romane, ein Band mit Erz\u00e4hlungen und ein Reisebericht beim gewerkschaftseigenen Verlag der &#8222;B\u00fcchergilde Gutenberg&#8220;: &#8222;Das Totenschiff&#8220; (1926); es schlossen sich an &#8222;Der Schatz der Sierra Madre&#8220; (1927), &#8222;Der Busch&#8220; (1928) und &#8222;Die wei\u00dfe Rose&#8220; (1928), &#8222;Das Land des Fr\u00fchlings&#8220; (1928) sowie &#8222;Die Br\u00fccke im Dschungel&#8220; (1929).<\/p>\n<p>Travens Erfolg blieb nicht nur auf den deutschen Markt beschr\u00e4nkt, und bis Ende der 1920er Jahre erfolgten zahlreiche \u00dcbersetzungen in andere Sprachen.<\/p>\n<p>Die begeisterte LeserInnenschaft scheint durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren vom Autor und seinem Werk fasziniert worden zu sein: von der Aura des Geheimnisvollen, die den Autor schon zu dieser Zeit umgab, das (mit Ausnahme des &#8222;Totenschiffs&#8220;) allen Werken gemeinsame mexikanische Milieu, das einem verbreiteten Fernweh entgegen gekommen war, sowie das Interesse einer bildungsorientierten Arbeiterschaft an sozialkritischer, aber zugleich unterhaltsamer Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Anfang der 1930er Jahre konzentrierte sich Traven schlie\u00dflich auf eine Aufgabe, die er bis Ende des Jahrzehnts nicht aus den Augen lassen sollte:<\/p>\n<p>Als Folge mehrerer Erkundungsreisen in den damals noch unerschlossenen mexikanischen Bundesstaat Chiapas entstand sein Hauptwerk, der sechsb\u00e4ndige &#8222;Mahagoni- oder Caobazyklus&#8220;: &#8222;Der Karren&#8220; (1931), &#8222;Regierung&#8220; (1931), &#8222;Der Marsch ins Reich der Caoba&#8220; (1933), &#8222;Trozas&#8220; (1936), &#8222;Die Rebellion der Gehenkten&#8220; (1936) und &#8222;Ein General kommt aus dem Dschungel&#8220; (1940).<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die indianische Urbev\u00f6lkerung schildern diese Romane episch breit den Vorabend und die Anf\u00e4nge der Mexikanischen Revolution, die Ausbeutung und schlie\u00dflich den Befreiungskampf der indianischen Arbeiter in den &#8222;Monter\u00edas&#8220; (Holzf\u00e4llerlagern), im abgelegenen und feuchthei\u00dfen Dschungel des S\u00fcdens.<\/p>\n<p>Die beiden ersten Teile des &#8222;Mahagoni-Zyklus&#8220; waren die letzten B\u00fccher Travens, die in Deutschland erscheinen konnten, denn am zweiten Mai 1933 wurde die &#8222;B\u00fcchergilde Gutenberg&#8220; von den Nationalsozialisten \u00fcbernommen. Traven entzog daraufhin der Berliner &#8222;Gilde&#8220; alle Rechte an seinen Werken und \u00fcbertrug sie auf die &#8222;Exil-B\u00fcchergilde&#8220; in Z\u00fcrich, wo die weiteren B\u00e4nde des Caoba-Zyklus erscheinen sollten. Nach Kriegsende erschien sein Werk in den deutschsprachigen L\u00e4ndern nun aber wieder in vielen Verlagen und erlebte in den 1950er und 1960er Jahren ein gro\u00dfes Comeback mit bisher nie da gewesenen Auflagen, gerade in der BRD (Taschenbuchausgaben im &#8222;Rowohlt-Verlag&#8220;) und der DDR (&#8222;Verlag Volk und Welt&#8220;).<\/p>\n<p>Im Jahr 1958 war &#8222;Aslan Norval&#8220;, Travens erster Roman seit 1940, erschienen. Er wurde wegen &#8222;mangelnder literarischer Qualit\u00e4t&#8220; in der \u00d6ffentlichkeit kritisiert oder gar nicht erst als Produkt Travens akzeptiert und als F\u00e4lschung angesehen. Geschm\u00e4ht wurde das Werk vor allem wegen angeblicher &#8222;pornographischer Natur&#8220; und &#8222;Trivialit\u00e4t&#8220;. Einmal mehr war er wegen seiner Geheimniskr\u00e4merei den Anfeindungen schutzlos ausgeliefert, da er pers\u00f6nlich nicht \u00f6ffentlich als B. Traven Stellung beziehen konnte.<\/p>\n<p>Neben eigener Ruhmes- und Nachlassverwaltung ist an Travens letztem Wohnsitz in Mexiko-Stadt, abgesehen von &#8222;Aslan Norval&#8220;, literarisch nicht mehr allzu viel passiert. Neu erschienen sind \u00dcbersetzungen von Geschichten ins Englische, die aber auf Deutsch schon l\u00e4ngst vorlagen.<\/p>\n<p>Doch sein Weltruhm war inzwischen eine feste Gr\u00f6\u00dfe und machte dem scheuen, alten Mann zu schaffen, der immer f\u00fcr eine Mediensensation gut war. Als weltbekannter Autor mit Millionenauflagen wurde er regelrecht von Journalisten belagert, die sein Geheimnis l\u00fcften wollten: angefangen 1948 in Acapulco, als Luis Spotas Reportage ein weltweites Echo hervorrief. H\u00f6hepunkt der Hatz auf ihn waren die 1960er Jahre, als z.B. der Reporter des &#8222;Stern&#8220; Gerd Heidemann (sp\u00e4ter &#8222;Entdecker&#8220; der gef\u00e4lschten Hitlertageb\u00fccher) den scheuen Autor, der seine deutschen biografischen Spuren immer noch \u00f6ffentlich leugnete, in Panik versetzte.<\/p>\n<p>Traven war erst sp\u00e4t in Mexiko sesshaft geworden und zwar erst, nachdem er 1957 die Ehe mit Rosa Elena Luj\u00e1n eingegangen war, einer Mexikanerin aus der Oberschicht. Traven, der die finanzielle Verwertung seiner Arbeiten vernachl\u00e4ssigte, \u00fcbertrug diese Angelegenheiten der Literaturagentur seiner Frau, die fortan f\u00fcr die Wahrnehmung seiner Interessen zust\u00e4ndig war. Nicht zuletzt dank ihrer Bem\u00fchungen und dank der Verfilmungen einiger seiner Romane (1948 &#8222;Der Schatz der Sierra Madre&#8220;, 1954 &#8222;Die Rebellion der Gehenkten&#8220;, 1959 &#8222;Das Totenschiff&#8220;) war Traven wohlhabend geworden.<\/p>\n<p>Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in einer Atmosph\u00e4re privaten Gl\u00fccks im Kreise seiner angeheirateten Familie, mit Stieft\u00f6chtern, Enkelkindern und Haustieren.<\/p>\n<p>Zwar verkehrte er in den &#8222;ersten Kreisen&#8220;, aber pers\u00f6nlich f\u00fchrte er weiterhin ein einfaches Leben, so, wie er es sich immer gew\u00fcnscht hatte. Getreu seiner Pr\u00e4misse, &#8222;das Werk sei wichtig, nicht die Person&#8220;, lebte er in erster Linie f\u00fcr seine Arbeit. Stundenlang zog sich der &#8222;Skipper&#8220; in sein Arbeitszimmer, auf die &#8222;Bridge&#8220; &#8211; weil im zweiten Stock liegend &#8211; zur\u00fcck (in der Familie wurde aus Respekt f\u00fcr Traven die englische Seemannssprache gepflegt).<\/p>\n<p>Das Haus hatte einen Hintereingang, den er stets benutzte, und so scheu, wie er in der \u00d6ffentlichkeit war, so gesellig wirkte er in vertrauter Runde. Er unterhielt sich in mehreren Sprachen, auch Deutsch, wenn auch selten. Zu Hause bevorzugte er Englisch, allerdings mit deutschem Akzent &#8211; wie mehrfach berichtet wurde.<\/p>\n<p>F\u00fcr seine Freunde und seine Familie galt er &#8211; wenn auch schwerh\u00f6rig &#8211; als ein guter Zuh\u00f6rer und pflegte scherzhaften Umgang. Geduldig und partnerschaftlich h\u00f6rte er sich die Probleme seiner heranwachsenden Stieft\u00f6chter an und gab so manchen Rat auch zu so heiklen Themen wie Sexualit\u00e4t. Geistig blieb er bis ins hohe Alter hell wach, wenn er auch manchmal im Gespr\u00e4ch in sich selbst versunken schien. Sobald ihn ein Thema interessierte, bezog er klar und leidenschaftlich Position.<\/p>\n<p>Traven verkehrte mit bekannten Vertretern des kulturellen Lebens Mexikos, die bei ihm ein- und ausgingen und sein Geheimnis kannten und wahrten. Die besten Freunde stammten aus der Welt der Kunst und des Films, wie der Kameramann und Regisseur Gabriel Figueroa und die Maler Diego Rivera und David Alvaro Siqueiros. Mit den beiden Letzteren, die Kommunisten waren, hatte der Anarchist Traven zwar eine gewisse gemeinsame linke politische Basis, aber noch genug Distanz, um sie in lebhafte Diskussionen zu verwickeln.<\/p>\n<p>Von Freunden wird Traven als g\u00fctiger und bescheidener Mensch beschrieben, der gro\u00dfen Anteil an den Problemen der Jugend und der IndianerInnen nahm:<em> <\/em>Er unterst\u00fctzte mehrere Indianerfamilien. Jahrelang kam er f\u00fcr die Restaurierung einer Tempelruine in Chiapas auf. Oft bezahlte er die \u00c4rzte, die im Dschungel Kranke besuchen und heilen mussten. Manchmal erschien er beladen wie der Weihnachtsmann mit Geschenken f\u00fcr die Kinder der Indianer.<\/p>\n<p>Als Traven am 26. M\u00e4rz 1969 zu Hause starb, war sein Name f\u00fcr Intellektuelle und ArbeiterInnen ein Begriff. Seine Asche wurde auf seinem Wunsch hin von einem Flugzeug \u00fcber den Regenw\u00e4ldern von Chiapas verstreut.<\/p>\n<p>Der Leipziger Travenforscher Rolf Recknagel hatte in akribischer und detektivischer Kleinarbeit 1965 die personelle Identit\u00e4t zwischen B. Traven und Ret Marut nachgewiesen, die Erich M\u00fchsam schon in den 1920er Jahren vermutet hatte. Traven erm\u00e4chtigte seine Witwe Rosa Elena Luj\u00e1n in seinem Testament, die Identit\u00e4t von Ret Marut und B. Traven endlich \u00f6ffentlich zu best\u00e4tigen, nachdem er sie Zeit seines Lebens abgeleugnet hatte.<\/p>\n<h3>Aber wer der Mensch vor Ret Marut gewesen ist, bleibt auch weiterhin v\u00f6llig unklar.<\/h3>\n<p>Manche behaupten, dass B. Travens Werk inzwischen zu den Relikten aus der Rumpelkammer altmodischer Revolutionsromantik geh\u00f6rt. Dieser Meinung bin ich nicht, denn Traven ist in vielerlei Hinsicht noch aktuell und lesenswert. Spannend besonders wegen zwei Tendenzen, die sich aus seiner Biografie ableiten: das radikale Pathos des europ\u00e4ischen Revolution\u00e4rs und die Faszination des Weitgereisten an der Fremde, dem Geheimnis, der Exotik und dem Abenteuer.<\/p>\n<p>Eine Faszination, die in einer bissigen, bisweilen am\u00fcsanten, aber auch befreienden Ironie daherkommt. Aber dies ist noch lange nicht alles. Traven wird &#8211; auch in Mexiko &#8211; immer noch gelesen. Seine Werke geh\u00f6ren dort zum Fundus nationaler Revolutions- und Indianerromane.<\/p>\n<p>\u00dcber achtzig Jahre nach dem Ende der Mexikanischen Revolution gilt Mexiko als &#8222;Schwellenland&#8220;, das sich auf einem spannenden und schwierigen Weg in die Moderne befindet. Zwar hat ein punktueller sozialer und politischer Fortschritt stattgefunden, aber viele Probleme, die Ausl\u00f6ser der Revolution waren &#8211; vor allem die sozialen Konflikte um Land und die Freiheitsbestrebungen der indianischen V\u00f6lker -, bleiben weiterhin ungel\u00f6st.<\/p>\n<p>Traven deutete die Mexikanische Revolution in erster Linie als Aufstand der seit Jahrhunderten kolonisierten IndianerInnen. Seine Version des &#8222;Zusammenpralls der Kulturen&#8220; erw\u00e4chst aus dem Gegensatz zwischen dem gemeinschaftlichen Lebensstil der Ind\u00edgenas und der auf pers\u00f6nlichen materiellen Vorteil bedachten Haltung der Europ\u00e4erInnen und US-AmerikanerInnen. Jedoch weist sein Werk damit weit \u00fcber jeden nationalen Rahmen hinaus und stellt den Zusammenhang der globalen Beziehungen zwischen S\u00fcd und Nord, arm und reich, &#8222;Entwicklungs&#8220;- und Industriel\u00e4ndern her.<\/p>\n<p>Sein eigentliches Anliegen sprengt nicht nur jede nationale und zeitliche Bezogenheit, sondern liegt in der fundamentalen Kritik an pers\u00f6nlichen, sozialen und politischen Machtstrukturen.<\/p>\n<p>Das ist Travens kritischer und weiterhin aktueller Beitrag angesichts der fortdauernden Trag\u00f6die der &#8222;Dritten Welt&#8220; und der ungel\u00f6sten sozialen Frage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist in vieler Hinsicht ein Mythos. Seine biografische Spur gleicht \u00fcber weite Strecken einem verwirrenden Labyrinth. Faszinierend ist die besondere Travensche Mischung: Abenteurertum, Identit\u00e4tsspielerei, doppelte Kulturzugeh\u00f6rigkeit, Individualanarchismus und aufkl\u00e4rerische Schriftstellerei. 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