{"id":7768,"date":"2006-12-01T00:00:21","date_gmt":"2006-11-30T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7768"},"modified":"2022-07-26T14:24:22","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:22","slug":"gemeinsam-gewaltfrei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/12\/gemeinsam-gewaltfrei\/","title":{"rendered":"Gemeinsam gewaltfrei"},"content":{"rendered":"<p>Dieser gewaltfreie Widerstand ist jedoch ohne israelische und internationale Unterst\u00fctzung kaum durchf\u00fchrbar. Die Pr\u00e4senz von israelischen und internationalen AktivistInnen bewirkt, dass die israelische Armee und Border Police ihr gro\u00dfes Repertoire an &#8222;non-lethal-weapons&#8220;, also nicht t\u00f6dlichen Waffen, zum Einsatz bringen und nicht, wie dies in der Vergangenheit bereits geschehen ist, mit scharfer Munition in die Menge schie\u00dfen und so Demonstrationen aufl\u00f6sen. Elf Menschen sind bis dato bei Demonstrationen gegen die Mauer\/den Zaun ums Leben gekommen, Hunderte wurden verletzt.<\/p>\n<h3>Gewaltfreie Demonstrationen &#8230;<\/h3>\n<p>Die gewaltfreie Protestbewegung ist meistens dort am aktivsten, wo die Bauarbeiten zu der Barriere vonstatten gehen. Zurzeit ist das im S\u00fcden der Westbank, zwischen Bethlehem und Hebron, der Fall. Aber auch im Norden sind manche D\u00f6rfer noch aktiv gegen die schon fertig gestellten Barriereabschnitte.<\/p>\n<p>Das Dorf Budrus, lange Zeit das Symbol f\u00fcr gewaltfreien Widerstand in der Westbank, hat den aktiven Widerstand eingestellt, da die BewohnerInnen gemeinsam mit israelischen und internationalen AktivistInnen mit unerm\u00fcdlichem Engagement die Barriere bis auf die Gr\u00fcne Linie zur\u00fcckdr\u00e4ngen konnten. Ein bemerkenswerter Erfolg gewaltfreier Widerstandsmethoden.<\/p>\n<p>Bei Bil&#8217;in verh\u00e4lt sich das nicht so. Ungef\u00e4hr 60 % der landwirtschaftlichen Fl\u00e4che dieses Dorfes sind auf der anderen Seite des Zaunes, und dort, auf der &#8222;anderen Seite&#8220;, w\u00e4chst die j\u00fcdische Siedlung, werden immer neue H\u00e4user f\u00f6rmlich aus dem Boden gestampft, um &#8222;Facts on the Ground&#8220; zu schaffen, wie es viele FriedensaktivistInnen nennen. Hier wird die prim\u00e4re Intention dieses Sperrwalls augenscheinlich.<\/p>\n<p>Jeden Freitag findet eine Demonstration durch das Dorf zu der Barriere statt, jeden Freitag finden sich Dutzende AktivistInnen aus aller Welt und aus Israel ein, um das Dorf zu unterst\u00fctzen. Koordiniert wird der gewaltfreie Protest von dem &#8222;Popular Committee of Bil&#8217;in&#8220;, einem \u00fcberparteilichen Zusammenschluss von verschiedenen DorfbewohnerInnen. Es finden auch regelm\u00e4\u00dfige Treffen zwischen den DorfbewohnerInnen und den Anarchists Against the Wall statt, die, wie in so vielen Regionen der Westbank, scheinbar unerm\u00fcdlich sind in ihrem Widerstand gegen den Mauerbau. Neben den israelischen AnarchistInnen beteiligen sich z.B. auch Gush Shalom, Rabbis for Human Rights oder AktivistInnen von Ta&#8217;ayush und New Profile an den Protesten, was eine interessante, heterogene Mischung aus AnarchistInnen, HausbesetzerInnen, linken StudentInnen und FriedensaktivistInnen \u00e4lteren Semesters ergibt. ((1))<\/p>\n<p>Bil&#8217;in ist auffallend kreativ darin, seinen Widerstand zu artikulieren. So wurde einmal die Demonstration mit Postern ausgestattet, welche die Abbilder von Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela zeigten, in deren Tradition sich das Dorf mit seinem Widerstand sieht. W\u00e4hrend des Libanonkrieges wurden S\u00e4rge gebaut, die sich dann sp\u00e4ter als Steighilfen \u00fcber den Stacheldrahtzaun entpuppten, der vor dem drei Meter hohen Zaun, ausgestattet mit diverser \u00dcberwachungstechnik wie Bewegungsmeldern und Videokameras, noch zus\u00e4tzlich ausgerollt ist. Schweigem\u00e4rsche mit schwarzen Fahnen als Zeichen der Trauer \u00fcber die Opfer des Krieges fanden statt, Parolen wie &#8222;No War!&#8220; und &#8222;Soldiers go home!&#8220; wurden skandiert.<\/p>\n<h3>Gewaltfreie Aktionen, Blockaden &#8230;<\/h3>\n<p>Der Protest geht aber \u00fcber eine rein symbolische Ebene hinaus. Gewaltfreie Aktionen richten sich prim\u00e4r gegen \u00dcbergangstore der Mauer\/des Zauns, gegen den Zaun selbst und gegen Roadblocks. Roadblocks sind in der Regel gro\u00dfe, von Bulldozern aufgesch\u00fcttete Erd- und Ger\u00f6llhaufen oder massive Betonquader, u.a. an den Zufahrtsstra\u00dfen von pal\u00e4stinensischen D\u00f6rfern, was zur Folge hat, dass ein Passieren nur zu Fu\u00df m\u00f6glich ist. Meistens wird von den jeweiligen D\u00f6rfern eine Demonstration zu einem bestimmten Roadblock organisiert, mit dem anschlie\u00dfenden Ziel, diesen mit Schaufeln, Spaten, Seilen oder mit blo\u00dfen H\u00e4nden wegzur\u00e4umen, bis wieder Traktoren, Lieferwagen und Autos durchfahren k\u00f6nnen. Manchmal sprechen sich D\u00f6rfer auch untereinander ab, sodass beispielsweise f\u00fcnf Roadblocks zeitgleich wegger\u00e4umt werden. Manchmal duldet die Armee solche Aktionen, in der Regel kommt jedoch zumeist, wenn die Aktion nicht schon zuvor verhindert wurde, noch am selben Abend ein Bulldozer und sch\u00fcttet den Roadblock wieder auf.<\/p>\n<p>Wenn aus Zaun bestehende Abschnitte der Barriere oder Stacheldrahtrollen zerschnitten werden, l\u00e4uft dies nach einem \u00e4hnlichen Muster ab. Eine vorher bestimmte, mit Zangen ausgestattete Gruppe von AktivistInnen schneidet entweder im Zuge oder am Rande einer Demonstration die Z\u00e4une durch. In Gebieten, wo die Barriere noch nicht fertig gestellt ist, ketten sich AktivistInnen immer wieder an den einbetonierten Metallpfeilern oder an von der Abrodung bedrohten Olivenb\u00e4umen an. Bagger und Bulldozer, die mit der Errichtung der Barriere besch\u00e4ftigt sind, werden blockiert.<\/p>\n<p>In Bil&#8217;in wurde eine Stra\u00dfe mit einem gro\u00dfen Rohr blockiert, in dem sich einige israelische AktivistInnen angekettet hatten und kurze Zeit sp\u00e4ter brutal ger\u00e4umt wurden.<\/p>\n<p>Am Morgen des 6. Juli 2006 besetzten drei Familien aus Bil&#8217;in gemeinsam mit AktivistInnen der Anarchists Against the Wall einen noch leer stehenden Wohnblock der angrenzenden j\u00fcdischen Siedlung Matityahu East f\u00fcr einige Stunden. Sie argumentierten, dass sie ein Recht h\u00e4tten, in H\u00e4usern zu wohnen, welche illegal auf enteignetem Boden des Dorfes erbaut wurden. Zurzeit ist Matityahu East ein Fall f\u00fcr die israelischen Gerichte. Solange der Oberste Gerichtshof Israels damit besch\u00e4ftigt ist, gilt ein Baustopp f\u00fcr den gesamten Siedlungsbereich.<\/p>\n<p>Blockaden finden aber auch in Israel statt. Am 8. August 2006 zum Beispiel blockierten zahlreiche israelische AktivistInnen anl\u00e4sslich des Libanonkrieges die &#8222;Ramat David Israeli Airforces Base&#8220; nahe Haifa. Auf Transparenten waren Forderungen wie &#8222;stop killing of civilians&#8220; und &#8222;stop the war crimes&#8220; zu lesen. In einer Presseerkl\u00e4rung der Gruppe hei\u00dft es: &#8222;The international law requires of every human being the duty of resistance to war crimes using every possible means. At this moment, when the rockets are falling, the war crimes are committed, the victims buried, it is time to fight to stop the war (&#8230;) We repeat and we say what is known for everyone; there is no military solution. We are calling on the Israeli government and its people to wake up and behave in a moral way (&#8230;) We must stop the war machine and the destruction.&#8220; <a href=\"#u2\"> (2)<\/a><\/p>\n<p>Im Zuge der R\u00e4umung wurden zw\u00f6lf AktivistInnen verhaftet.<\/p>\n<p>Auch das spektakul\u00e4re und, wie sich leider gezeigt hat, \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrliche Durchbrechen von \u00dcbergangstoren der Barriere, das vor allem von den Anarchists Against the Wall des \u00d6fteren praktiziert wird, und im Zuge dessen ein Anarchist in Mas&#8217;ha beinahe von einem Scharfsch\u00fctzen der IDF get\u00f6tet wurde, ist Teil einer ganzen Reihe von gewaltfreien Aktionen im besetzten Westjordanland, die hier teilweise angef\u00fchrt und kurz skizziert wurden.<\/p>\n<h3>&#8230; und die Konsequenzen<\/h3>\n<p>Wie verhalten sich Armee und Border Police nun in Bezug auf gewaltfreie Demonstrationen, gewaltfreie Aktionen und Blockaden in der Westbank? Die IDF hat eine Reihe von nicht-t\u00f6dlichen Waffen, die sie regelm\u00e4\u00dfig gegen AktivistInnen einsetzt.<\/p>\n<p>Die am h\u00e4ufigsten zur Anwendung kommende Waffe ist die so genannte &#8222;Sound-Grenade&#8220;.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich um einen orangefarbigen Plastikkanister, welcher mit einem lauten Knall explodiert und dabei eine Druckwelle erzeugt. &#8222;Sound Grenades&#8220; k\u00f6nnen, wenn sie nahe am K\u00f6rper explodieren, schwere Brandverletzungen verursachen und zu Sch\u00e4den im Geh\u00f6rbereich f\u00fchren. Diese Waffe hat prim\u00e4r den Zweck, dass sie, direkt in eine Demonstration geworfen, einen kompakten Block von Menschen aufl\u00f6st und die AktivistInnen in der Regel zur\u00fcckdr\u00e4ngt und zerstreut. Wenn dies gelungen ist, kommen meistens Waffen wie Tr\u00e4nengas und Hartgummigeschosse zum Einsatz.<\/p>\n<p>Beim Tr\u00e4nengas gibt es unterschiedlichste Formen, die Aggressivit\u00e4t des Gases betreffend, aber auch in Aussehen und Reichweite.<\/p>\n<p>Manche Tr\u00e4nengaskanister werden aus Vorrichtungen an den Gewehren der SoldatInnen weggeschossen, manche werden, wie die &#8222;Sound-Grenades&#8220;, mit der Hand geworfen. Oft kommt es vor, dass die Tr\u00e4nengaskanister nicht in einem hohen Bogen auf die Demonstration gefeuert, sondern direkt in Kopfh\u00f6he abgeschossen werden, was den Einsatz von Tr\u00e4nengas doppelt gef\u00e4hrlich macht.<\/p>\n<p>&#8222;Hartgummigeschoss&#8220; ist eigentlich ein nicht zutreffender Begriff, wenn von den Kugeln die Rede ist, welche die IDF in den besetzten Gebieten einsetzt. Diese als Hartgummigeschosse bezeichneten Kugeln sind gr\u00f6\u00dftenteils murmelgro\u00dfe Metallkugeln, umh\u00fcllt von einem ca. 1 mm dicken Hartplastikmantel. Diese Kugeln k\u00f6nnen im Kopfbereich t\u00f6dlich sein.<\/p>\n<p>Am 11. August 2006 wurde der aus Deutschland stammende israelische Aktivist und Rechtsanwalt Lymor Goldstein bei der w\u00f6chentlichen Demonstration in Bil&#8217;in von drei Kugeln, abgefeuert von der israelischen Border Police aus einer illegal nahen Distanz, im Kopf- und Nackenbereich getroffen und beinahe get\u00f6tet. Eine Kugel drang in seinen Sch\u00e4del, oberhalb des rechten Ohres, ein und musste operativ entfernt werden. Die israelische Armee zeigte wenig Ambitionen, den schwer verletzten Goldstein auf schnellstem Wege in einen Ambulanzwagen und anschlie\u00dfend in ein Krankenhaus zu bringen. \u00dcber zwei Stunden vergingen, bis der Aktivist endlich in das Tel Hashomer Hospital in Tel Aviv eingeliefert wurde. Es ist zu bef\u00fcrchten, dass er bleibende Sch\u00e4den davontragen wird.<\/p>\n<p>Gewaltfreie Aktionen und Demonstrationen werden immer wieder auch mit Wasserwerfern und Schlagst\u00f6cken attackiert.<\/p>\n<p>Gezielte Verhaftungen von AktivistInnen, oft mit anschlie\u00dfendem Gerichtsverfahren, egal ob es nun z.B. Mitglieder der Dorfkomitees, israelische oder internationale AktivistInnen sind, dienen der Einsch\u00fcchterung der Protestbewegung. ((3))<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Trotz all der Bem\u00fchungen scheint es so, als ob sich die Barriere ihren Weg durch das besetzte Westjordanland bahnen wird, zwar mit Verz\u00f6gerungen, aber doch. In vielen Regionen sind die Ambitionen zum Protest bereits v\u00f6lliger Resignation gewichen, speziell dort, wo die Barriere schon Realit\u00e4t geworden ist und die Menschen vor Ort sp\u00fcren, wie katastrophal sich diese, in Kombination mit der andauernden israelischen Besatzung, auf ihr Leben auswirkt. Die Hoffnung, dass Israel das Urteil des IGH (Internationaler Gerichtshof) vom 9. Juli 2004 ernst nimmt und umsetzt, sprich: sofortiger Baustopp, Abriss aller bereits gebauten Abschnitte und Reparation f\u00fcr entstandene Sch\u00e4den, wird vermutlich ebenfalls entt\u00e4uscht werden.<\/p>\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass die gewaltfreie Widerstandsbewegung, angesichts der heftigen und permanenten Repression, nicht das Handtuch wirft und Ern\u00fcchterung und Resignation stattdessen Einzug halten.<\/p>\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass, solange es notwendig ist, Israelis, Pal\u00e4stinenserInnen und internationale AktivistInnen weiterhin gegen Unterdr\u00fcckung und f\u00fcr Menschenrechte k\u00e4mpfen &#8230; gemeinsam!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser gewaltfreie Widerstand ist jedoch ohne israelische und internationale Unterst\u00fctzung kaum durchf\u00fchrbar. 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