{"id":7802,"date":"2006-12-01T00:00:48","date_gmt":"2006-11-30T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7802"},"modified":"2022-07-26T14:14:56","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:56","slug":"uber-die-frage-der-gewalt-in-der-spanischen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/12\/uber-die-frage-der-gewalt-in-der-spanischen-revolution\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Frage der Gewalt in der Spanischen Revolution"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen seiner Beteiligung an der Kolonne Durruti beschreibt Charles Ridel (1914-1977; eigentlicher Name Charles Cortvrint, weitere Pseudonyme Louis Mercier, Louis Mercier Vega; A.d.\u00dc.) in seinem Tagebuch einige Ereignisse und publiziert sie in <em>Le Libertaire<\/em> (franz\u00f6sische anarchistische Zeitung, in Paris produziert; A.d.\u00dc.). \u00dcber andere Ereignisse, die er notiert, schweigt er sich aus.<\/p>\n<p>Diese dem Vergessen anheim gegebenen Ereignisse sollten sechzehn Jahre sp\u00e4ter wieder thematisiert werden, als der Brief, den Simone Weil (1909-1943) im Jahr 1938 an Georges Bernanos (1888-1948; katholischer Schriftsteller; A.d.\u00dc.) geschrieben hat, publik wird.<\/p>\n<p>Simone Weil hatte gerade <em>Les Grands Cimeti\u00e8res sous la lune<\/em> (in dt. \u00dcbers.: <em>Die gro\u00dfen Friedh\u00f6fe unter dem Mond<\/em>, Arche-Verlag, Z\u00fcrich 1983; A.d.\u00dc.) gelesen, ein Buch, in dem der katholische Romancier die Verbrechen der nationalistischen Seite denunziert hatte.<\/p>\n<p>Charles Ridel war von der Pers\u00f6nlichkeit und dem intellektuellen Ruf von Simone Weil sehr beeindruckt gewesen, und nach dem Krieg war er mehrfach auf die Schriften der Philosophin, die inzwischen 1943 in London gestorben war, und auf deren Engagement an der Seite der Milizion\u00e4rInnen der CNT-FAI (Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo\/Federaci\u00f3n Anarquista Ib\u00e9rica; A.d.\u00dc.) zur\u00fcck gekommen.<\/p>\n<p>Schon 1947 widmet er Simone Weil einen Artikel in <em>Le Libertaire<\/em>, den er mit den Initialen seines ersten Pseudonyms, C.R., signiert, obwohl er inzwischen die Identit\u00e4t des chilenischen Staatsb\u00fcrgers Louis Mercier Vega angenommen hatte. Zwei Jahre sp\u00e4ter &#8211; er ist inzwischen Journalist beim <em>Dauphin\u00e9 Lib\u00e9r\u00e9<\/em> geworden &#8211; publiziert er in dieser Tageszeitung von Grenoble anl\u00e4sslich der Ver\u00f6ffentlichung des Buches von Simone Weil <em>La Pesanteur et la Gr\u00e2ce<\/em> (in dt. \u00dcbers.:<em> Schwerkraft und Gnade<\/em>, M\u00fcnchen 1952; A.d.\u00dc.) einen \u00fcberschw\u00e4nglich lobpreisenden Erinnerungsartikel.<\/p>\n<p>Und noch 1951 tr\u00e4gt er einen Text zu einem Schwerpunkt der Zeitschrift <em>L&#8217;\u00c2ge nouveau<\/em>, redigiert von Lucien Feuillade, bei, der sich dem Thema &#8222;Simone Weil, Anarchistin und Christin&#8220; widmet.<\/p>\n<p>Deshalb ist f\u00fcr Louis Mercier die Ver\u00f6ffentlichung des <em>Briefes von Simone Weil an Georges Bernanos<\/em> (vollst\u00e4ndig abgedruckt im neuen Buch des Verlags Graswurzelrevolution; A.d.\u00dc.) in der Herbst-Ausgabe des Jahres 1954 von <em>T\u00e9moins<\/em> ((1)) eine Art Schockerlebnis. Er glaubt, dass hier seinen Kampfgef\u00e4hrten aus der Internationalen Gruppe der Kolonne Durruti eine schlechte Art von Prozess gemacht wird. Simone Weil hat Bernanos tats\u00e4chlich einige tragische Ereignisse anvertraut, denen auch Ridel mehr oder weniger direkt w\u00e4hrend seines Aufenthalts an der Aragon-Front beiwohnte, \u00fcber die er aber in seinen zeitgen\u00f6ssischen Artikeln im <em>Libertaire<\/em> nicht berichtet hatte.<\/p>\n<h3>Die Artikel von Mercier in Le Libertaire<\/h3>\n<p>Vor einer genauen Untersuchung dieser Ereignisse, sowie der einseitig, weil posthum gef\u00fchrten Polemik zwischen Simone Weil und Louis Mercier, zu deren versp\u00e4tetem Ausl\u00f6ser sie wurden, wollen wir einen Blick auf die Artikel werfen, in denen Ridel Woche f\u00fcr Woche in <em>Le Libertaire<\/em> \u00fcber den damaligen Vormarsch der Kolonne Durruti in Aragon berichtete.<\/p>\n<p>Bereits in den ersten Frontberichten ist der Ton schneidend, kriegerisch, keine Widerrede duldend, vor allem, was die revolution\u00e4re &#8222;Gerechtigkeit&#8220; anbetrifft (in dt. \u00dcbers. sind diese Frontberichte abgedruckt als Anhang von Louis Mercier Vega: <em>Reisende ohne Namen<\/em>, Edition Nautilus, Hamburg 1997, S. 141-175; A.d.\u00dc.):<\/p>\n<p>&#8222;Das Gemetzel an den Anarchosyndikalisten innerhalb der Stadt (Saragossa; A.d.\u00dc.) ist offenbar schrecklich gewesen.<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rt, warum die Parole der FAI und der CNT \u201akein Pardon&#8216; lautet. Angesichts der faschistischen Grausamkeit ist keine Gef\u00fchlsduselei mehr m\u00f6glich.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;(In Lerida sind; A.d.\u00dc.) die Kirchen, wie in anderen katalanischen St\u00e4dten, ausger\u00e4uchert worden.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die S\u00e4uberung der kontrollierten Gebiete verl\u00e4uft normal.<\/p>\n<p>Die faschistische Barbarei und Grausamkeit wird durch die revolution\u00e4re Justiz beantwortet. Pfaffen und faschistische Offiziere zahlen daf\u00fcr regelm\u00e4\u00dfig ihren Preis.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>&#8222;Allseits bekannte Faschisten, die nicht haben fliehen k\u00f6nnen, werden unerbittlich bestraft.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>&#8222;Im Dorf Pina (&#8230;). Die gro\u00dfe Kirche ist schwarz vom Rauch des Feuers, das die gesamte Einrichtung und die Kultgegenst\u00e4nde zerst\u00f6rt hat. Heute ist keine Messe, der Priester ist auf der Flucht oder erschossen.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Nach Angaben von Lucien Feuillade, einem damaligen engen Freund von Ridel, der manchmal Louis Anderson, dem Redaktionssekret\u00e4r von <em>Le Libertaire<\/em>, dabei half, die Vorlagen f\u00fcr die Druckmaschine zu fertigen, zeigte sich Anderson schockiert \u00fcber die Ungezwungenheit, mit der Ridel \u00fcber diese Ereignisse berichtete. Anderson sagte: &#8222;Man erkennt hier gut den Geisteszustand der Genossen aus der F\u00e9d\u00e9ration communiste libertaire&#8230;&#8220; Er wollte damit sagen, dass letztere dem &#8222;netschajewschen&#8220; ((5)) Geist der Bolschewiki n\u00e4her st\u00fcnden als die Anarchisten der &#8222;synthesistischen&#8220; ((6)) Richtung, die im Humanismus fu\u00dften.<\/p>\n<p>Davon abgesehen, so bemerkt Feuillade heute, waren das die Worte einer Person, die nie jemanden get\u00f6tet hat, die aber auch nicht (in den Milizen; A.d.\u00dc.) gek\u00e4mpft hat und damit auch nicht das Risiko einging, mit solchen Situationen konfrontiert zu werden (im Gegensatz zu Simone Weil).<\/p>\n<h3>Simone Weil bei der Internationalen Gruppe der Kolonne Durruti<\/h3>\n<p>An dieser Stelle m\u00fcssen wir detailliert auf den kurzen Aufenthalt von Simone Weil in der Internationalen Gruppe der Kolonne Durruti zur\u00fcck kommen. Zu dieser &#8222;Mikro-Geschichte&#8220; gibt es drei Berichte von Augenzeugen &#8211; die damals direkt w\u00e4hrend des Kampfgeschehens aufgeschriebenen Notizen von Simone Weil und Charles Ridel, sowie die m\u00fcndlichen Aussagen von Charles Carpentier, die f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter aufgezeichnet wurden.<\/p>\n<p>Diese Materialien erlauben es, quasi Stunde f\u00fcr Stunde zu rekonstruieren.<\/p>\n<p>Wenn wir die Notizen von Simone und Ridel vergleichen, sehen wir, wie kleine, aber aufschlussreiche Details (wie zum Beispiel \u00fcber die Bauern, ob nun &#8222;verb\u00fcndet&#8220; oder nicht) verschieden dargestellt werden, je nach den unterschiedlichen Sensibilit\u00e4ten des einen oder der anderen. Ridel zeigt sich eher empf\u00e4nglich f\u00fcr jene Tatsachen, welche in Richtung der Sache tendieren, f\u00fcr die er k\u00e4mpft. Er will nur das sehen, was in sein revolution\u00e4res Schema passt. Simone Weil dagegen steht mit ganzem Herzen auf der Seite der Schwachen, der Unterdr\u00fcckten:<\/p>\n<p>&#8222;Seit meiner Kindheit galten meine Sympathien den Organisationen, die sich auf die verachteten Glieder der gesellschaftlichen Hierarchie beziehen, bis mir bewusst wurde, da\u00df das Wesen dieser Organisationen Anla\u00df gibt, ihnen jede Sympathie zu entziehen. Zuletzt hatte mir die spanische <em>CNT<\/em> noch etwas Vertrauen eingefl\u00f6\u00dft. Ich war vor dem B\u00fcrgerkrieg durch Spanien gereist &#8211; ziemlich wenig eigentlich, aber doch genug, um f\u00fcr dieses Volk die Liebe zu empfinden, die man ihm einfach entgegenbringen mu\u00df; ich hatte in der anarchistischen Bewegung den nat\u00fcrlichsten Ausdruck seiner St\u00e4rken und seiner Schw\u00e4chen, seiner legitimsten und illegitimsten Bestrebungen gesehen. CNT und <em>FAI <\/em>waren eine erstaunliche Mischung; sie standen jedermann offen und so trafen sich dort Sittenlosigkeit, Zynismus, Fanatismus und Grausamkeit, zugleich aber auch Liebe, der Geist der Br\u00fcderlichkeit und insbesondere die Forderung nach Ehre, die bei gedem\u00fctigten Menschen so sch\u00f6n ist. Die von einem Ideal Geleiteten schienen mir zahlreicher zu sein als diejenigen, die von der Gier nach Gewalt und Chaos getrieben waren.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Simone Weil beteiligt sich an den Ereignissen zudem mit all ihren Zweifeln, ihrer genauen Beobachtungsgabe, ihrer Vorurteilslosigkeit und ihren ethischen Ma\u00dfst\u00e4ben. Sie wurde in dieser Hinsicht zurecht mit George Orwell verglichen. Wie er ist auch sie \u00e4u\u00dferst sensibel f\u00fcr die st\u00f6renden Kleinigkeiten, die verstohlenen Dinge, die gleichwohl voller schwerwiegender Andeutungen sind.<\/p>\n<h3>Das Abenteuer am anderen Ufer des Ebro<\/h3>\n<p>Am Morgen des Montags, den 17. August 1936, versammelt Louis Berthomieux, der Delegierte der Internationalen Gruppe der Kolonne Durruti, seine M\u00e4nner (und Frauen) in Pina del Ebro: Er schl\u00e4gt vor, den Ebro zu \u00fcberqueren, um die Kadaver der Franquisten zu verbrennen, welche die Luft verpesten. Bei der Gelegenheit k\u00f6nne man Feindaufkl\u00e4rung betreiben.<\/p>\n<p>Die Nationalisten haben sich bis zum Bahnhof von Pina zur\u00fcckgezogen, der auf dem anderen Ufer des Ebro liegt. Zwischen dem Bahnhof und dem Ebro erstreckt sich ein Niemandsland aus Feldern und S\u00fcmpfen, die von zwei toten Flussarmen durchschnitten werden. Nach einer viertelst\u00fcndigen Diskussion steigen 15 Menschen in die einzig verf\u00fcgbare Barke. Simone Weil will sich beteiligen, Berthomieux ist dagegen. Simone protestiert. Berthomieux ist ver\u00e4rgert \u00fcber soviel Dickk\u00f6pfigkeit und ruft aus: &#8222;Oh Gott, befrei uns von den M\u00e4uschen!&#8220;<\/p>\n<p>Die Diskussion droht auszuarten, schlie\u00dflich l\u00e4sst er sie als Beteiligte der kleinen Expedition zu.<\/p>\n<p>In der Tat erscheint sie auf den ersten Blick ein wenig r\u00fchrend und l\u00e4cherlich, diese kurzsichtige und tollpatschige Intellektuelle, die um jeden Preis zusammen mit einigen Hartgesottenen in der ersten Reihe einer Guerillaoperation stehen will. Gleichwohl gibt sie in ihren Tagebuchnotizen ein Beispiel von selten anzutreffender Scharfsinnigkeit:<\/p>\n<p>&#8222;Louis Berthomieux (Delegierter): \u201aWir \u00fcberqueren den Flu\u00df.&#8216; Es geht darum, drei feindliche Leichen zu verbrennen. \u00dcberquerung in einer Barke (nach viertelst\u00fcndiger Diskussion&#8230;). Wir suchen. &#8211; Eine Leiche, blau gekleidet, zerfressen, f\u00fcrchterlich. Wir verbrennen sie. Die andern suchen weiter. Wir ruhen uns aus. Rede von einem Handstreich. Lassen das Gros der Truppe \u00fcber den Flu\u00df zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dann Entscheidung (?), den Handstreich auf den n\u00e4chsten Tag zu verschieben. Zum Flu\u00df zur\u00fcck, ohne gro\u00df auf Deckung zu achten. Wir sehen ein Haus. Pascual (vom Kriegskomitee): \u201aWir gehen Melonen suchen.&#8216; (Sehr ernsthaft!) Durch Gestr\u00fcpp. Hitze, etwas Beklemmung. Ich finde das Ganze idiotisch. Pl\u00f6tzlich begreife ich: wir sind im Einsatz (auf das Haus zu). Jetzt bin ich sehr aufgeregt (der Nutzen des Unternehmens ist mir unbekannt, und ich wei\u00df, das wir f\u00fcsiliert werden, wenn man uns schnappt). Wir teilen uns in zwei Gruppen auf. Der Delegierte, Ridel und drei Deutsche schieben sich auf dem Bauch bis an das Haus heran. Wir in den Gr\u00e4ben (nach dem Coup schreit uns der Delegierte an: wir h\u00e4tten bis zu dem Haus vordringen sollen). Warten. Man h\u00f6rt sprechen&#8230; Entnervende Anspannung. Wir sehen die Kameraden zur\u00fcckkommen, ohne sich zu decken; wir gehen auf sie zu, \u00fcberqueren dann ruhig den Flu\u00df. Das linkische Man\u00f6ver h\u00e4tte sie das Leben kosten k\u00f6nnen. Pascual ist der Verantwortliche (Carpentier, Giral bei uns).&#8220; ((8))<\/p>\n<h3>Basisdemokratie im Angesicht des Gefechts?<\/h3>\n<p>Es gibt dann eine Passage in den Notizen von Simone Weil, die \u00e4u\u00dferst aufschlussreich ist, sowohl was die Beziehungen innerhalb der Gruppe freiwilliger K\u00e4mpfer betrifft, als auch die Psychologie von Ridel (es ist der einzige Blick von au\u00dfen, den wir in diesen Momenten \u00fcber ihn besitzen, von Carpentier abgesehen, dessen Erinnerungen allgemein schroffer sind). Bevor wir uns dieser Passage zuwenden, sehen wir zun\u00e4chst auf die Tagebuchaufzeichnungen von Ridel, die vom selben Tag stammen:<\/p>\n<p>&#8222;Dienstag, 18. August. Der ganze Tag vergeht mit Vorbereitungen aller Art. Es m\u00fcssen Transport, Ausr\u00fcstung und Verpflegung der internationalen Gruppe bedacht werden, d.h. von ungef\u00e4hr 23 Mann (darunter eine Frau, Simone Weil, die sich uns gerade angeschlossen hat). Wir werden heute nacht mithilfe eines Kahns ans andere Ufer \u00fcbersetzen&#8220; (in dt. \u00dcbers.: <em>Reisende ohne Namen<\/em>, 1997, S. 152; A.d.\u00dc.).<\/p>\n<p>Nach diesem trockenen, auf die Fakten konzentrierten Bericht betrachten wir die Notizen von Simone Weil:<\/p>\n<p>&#8222;Ein Haufen Pl\u00e4ne in Bezug auf die andere Seite des Flusses. Gegen Mittag entscheidet man, um Mitternacht \u00fcberzusetzen &#8211; wir, die \u201aGruppe&#8216; -, um dort einige Tage auszuhalten, bis die Kolonne Sastage eintrifft. (&#8230;) Freiwillige selbstverst\u00e4ndlich. Am Vorabend hat uns Berthomieux zusammengerufen, nach unserer Meinung gefragt. Absolute Stille. Er insistiert: wir sollten sagen, was wir denken. Wieder Stille. Dann Ridel: \u201aNa also, alle einverstanden.&#8216; Das ist alles.&#8220; (in dt. \u00dcbers.: <em>Mamas Pfirsiche<\/em>, siehe Anm. 8, 1978, S. 93f., unvollst\u00e4ndig; A.d.\u00dc.)<\/p>\n<p>Niemand protestiert, aber es ist zu sp\u00fcren, dass einige Angst haben oder sich \u00fcber den Sinn dieser Operation nicht sicher sind. Aber sie sagen nichts, aus Angst, sich vor den anderen eine Bl\u00f6\u00dfe zu geben. Wir erraten ein Z\u00f6gern, weil es sich hier nicht um ausgebildete Soldaten handelt, die es gewohnt sind, ohne Diskussion ihren Chefs zu folgen. Und mit ganzer Unschuldsmiene \u00fcbernimmt Ridel die Verantwortung, f\u00fcr alle Anwesenden zu antworten, in einer Situation, in der es um Leben und Tod geht. Und die anderen schlie\u00dfen sich notgedrungen seiner Meinung an, ein bisschen gezwungen durch den moralischen Gruppendruck. Simone Weil ist die einzige Frau, die anwesend ist, und sie nimmt das alles sehr gut wahr.<\/p>\n<h3>Revolution\u00e4re oder reale Bauernfamilie?<\/h3>\n<p>In dieser Nacht \u00fcberquert die Gruppe zwischen zwei und vier Uhr morgens erneut den Ebro. Berthomieux hat die H\u00fctte eines Kohlenh\u00e4ndlers am anderen Ufer ausfindig gemacht. Er l\u00e4sst alles Material dahin schleppen und teilt Simone Weil als Wachposten ein.<\/p>\n<p>Als die Sonne aufgeht, dringt ein Teil der Gruppe bis zu dem Bauernhaus vor, das beim letzten Erkundungsgang ausgemacht wurde. Die Milizion\u00e4re entdecken dort eine Bauernfamilie, \u00e4ngstlich und misstrauisch, sowie einen Jungen von siebzehn Jahren, Hofknecht und Mitglied der CNT. Der informiert die M\u00e4nner, dass sie w\u00e4hrend ihres letzten Erkundungsgangs vom Feind beobachtet worden seien. Der kommandierende Leutnant habe seine Wachposten zur\u00fcckgezogen, um die Gruppe an Land gehen zu lassen, und hege wohl die Hoffnung, ihr eine Falle zu stellen.<\/p>\n<p>Mit dieser Information kommt die Patrouille zur H\u00fctte zur\u00fcck. Man nimmt Kontakt mit dem Kriegskomitee in Pina auf und bekommt von dort Anweisung, zum Bauernhaus zur\u00fcckzukehren und dessen BewohnerInnen zu evakuieren.<\/p>\n<p>Simone Weil erz\u00e4hlt die Fortsetzung so:<\/p>\n<p>&#8222;Berthomieux, w\u00fctend (es ist gef\u00e4hrlich, noch einmal zu dem Haus zu gehen), versammelt die Expeditionsteilnehmer. Sagt zu mir: \u201aVerschwinde in die K\u00fcche!&#8216; Ich wage nicht zu protestieren. Dazu kommt, dass mir diese Expedition nicht recht zusagt&#8230; Angstvoll sehe ich zu, wie sie abmarschieren&#8230; (im Grunde bin ich fast genauso gef\u00e4hrdet wie sie). Wir nehmen unsere Gewehre. Wir warten. Kurz darauf schl\u00e4gt der Deutsche vor, zum kleinen Sch\u00fctzengraben zu gehen, der unter dem Baum verlaufe, den Ridel und Carpentier besetzt hielten (die aber sind bei der Expedition). Wir verstecken uns dort, im Schatten, mit den Gewehren (unbewaffnet). Wir warten. Von Zeit zu Zeit l\u00e4\u00dft der Deutsche einen Seufzer entfahren. Er hat offensichtlich Angst. Ich nicht. Aber wie alles um mich herum doch so intensiv existiert! Ein Krieg ohne Gefangene. Wenn wir geschnappt werden, werden wir erschossen. Die Kameraden kommen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ein Bauer, sein Sohn und der Junge&#8230; Fontana hebt die Faust, w\u00e4hrend er die Jungen ansieht. Der Sohn antwortet offensichtlich widerwillig. Grausame Spannung&#8230; Der Bauer kehrt noch einmal um, seine Familie zu holen. Wir zur\u00fcck auf unsere Posten. Luftaufkl\u00e4rung. Sich hinwerfen. Louis br\u00fcllt \u00fcber die Unvorsichtigkeit. Ich lege mich auf den R\u00fccken, ich betrachte die Bl\u00e4tter, den blauen Himmel. Sehr sch\u00f6ner Tag. Wenn sie mich erwischen, werden sie mich t\u00f6ten&#8230; Aber das ist verdient. Die Unsrigen haben genug Blut vergossen. Moralisch gesehen bin ich Komplizin.<\/p>\n<p>Vollst\u00e4ndige Ruhe. Wir sammeln uns &#8211; es f\u00e4ngt wieder an. Ich werfe mich auf den Boden. In der H\u00fctte. Bombardierung. Ich gehe raus zum Maschinengewehr. Louis sagt: \u201aKeine Angst (!)&#8216; Sagt, ich soll in die K\u00fcche gehen, mit dem Deutschen, die Gewehre \u00fcber der Schulter. Warten. Endlich kommt die Familie des Bauern (drei M\u00e4dchen, ein Junge von acht), alle ver\u00e4ngstigt (ziemliche Bombardierung). F\u00fcrchten sich auch vor uns, erst langsam etwas zutraulicher. Machen sich Sorgen um das Vieh, das sie auf dem Hof zur\u00fcckgelassen haben (sp\u00e4ter wird man es ihnen nach Pina nachbringen). Ganz offensichtlich nicht mit uns sympathisierend&#8220; (in dt. \u00dcbers.: <em>Mamas Pfirsiche<\/em>, siehe Anm. 8, 1978, S. 94, unvollst\u00e4ndig; A.d.\u00dc.).<\/p>\n<p>In <em>Le Libertaire<\/em> erz\u00e4hlt Ridel von dieser Evakuierung der BewohnerInnen des Bauernhofs Durio und spricht dabei von &#8222;Sympathisanten unserer Sache&#8220;, vermischt dabei aber den Hofknecht, der tats\u00e4chlich Mitglied der CNT ist, und die Familie, die ihn angestellt hat. F\u00fcr die LeserInnen des <em>Libertaire<\/em> ist es besser, wenn alle Bauern eindeutig auf Seiten der sozialen Revolution stehen.<\/p>\n<h3>Eine Geschichte, die betroffen macht<\/h3>\n<p>Nachdem die Bauernfamilie \u00fcber den Fluss gebracht worden ist und Wachen eingeteilt worden sind, zieht sich das Gros der Gruppe ans Ufer des Ebro zur\u00fcck, um ihre erste Nacht auf feindlichem Gebiet zu verbringen.<\/p>\n<p>Seit dem Morgengrauen des Donnerstag, 20. August 1936, befinden sich Berthomieux und Ridel zusammen mit ein paar Mann auf Patrouille entlang des Flusses in Richtung Quinto.<\/p>\n<p>Der Rest der Internationalen Gruppe, darunter Carpentier, bet\u00e4tigt sich bei der Instandsetzung des Camps. Simone Weil wird zur K\u00f6chin ernannt und hilft dem deutschen Koch. Hier passiert nun der Unfall, der Simone Weil kampfunf\u00e4hig macht. Simone \u00fcbersieht einen gro\u00dfen Topf (voll hei\u00dfen \u00d6ls; A.d.\u00dc.), der auf dem Erdboden \u00fcber der Feuerstelle steht, und verbrennt sich auf schmerzhafte Weise den Fu\u00df und ihr linkes Bein. Carpentier bittet Martinez darum, Simone Weil zum Lazarett nach Pina zu bringen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen erlebt die von Berthomieux und Ridel gef\u00fchrte Patrouille eine unerwartete Begegnung in der N\u00e4he des Dorfes Quinto. Ridel erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p>&#8222;Wir sto\u00dfen auf einen Bauern. Der Delegierte (Berthomieux; A.d.\u00dc.) l\u00e4\u00dft sich einige Informationen geben. Aber was sollen wir mit diesem Mann tun, der unsere Anwesenheit verraten und damit unseren Plan vereiteln k\u00f6nnte? Wir beschlie\u00dfen, ihn mitzunehmen, mit dem Versprechen, ihn gut zu behandeln. Er scheint davon nicht viel zu halten und kommt nur mit uns, weil unsere Gewehre gewichtige Argumente sind.&#8220; (in dt. \u00dcbers.: <em>Reisende ohne Namen<\/em>, 1997, S. 154; A.d.\u00dc.)<\/p>\n<p>&#8222;Samstag, 22. August. Beim Aufstehen erfahren wir, da\u00df der nach Pina \u00fcberstellte Bauer von Freiwilligen aus Quinto erkannt worden ist. Es war ein aktiver Faschist, ein bekannter Ausbeuter, verantwortlich f\u00fcr den Mord an einem linken Aktivisten w\u00e4hrend der letzten Wahlen. Er ist heute Nacht in Bujaraloz erschossen worden.&#8220;<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag desselben Tages versuchen rund drei\u00dfig Falangisten, die Internationale Gruppe vom linken Ufer des Ebro zu vertreiben. Die Gruppe schl\u00e4gt den Angriff der Falangisten zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&#8222;Wir finden zwei von ihren Toten auf dem Gel\u00e4nde und bringen einen jungen Gefangenen ein. (&#8230;) Der Gefangene &#8211; ein 16j\u00e4hriger &#8211; tr\u00e4gt ein Heft bei sich, worin ihm bescheinigt wird, ein guter Katholik zu sein.&#8220; (in dt. \u00dcbers.: <em>Reisende ohne Namen<\/em>, 1997, S. 156; A.d.\u00dc.)<\/p>\n<p>So schreibt Ridel im <em>Libertaire<\/em>. Die Fortsetzung h\u00f6ren wir, erz\u00e4hlt ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter, von Carpentier:<\/p>\n<p>&#8222;Den Gefangenen haben wir mit der Barke auf die andere Seite des Ebro gebracht. Nachdem der Junge den Spaniern \u00fcbergeben worden war, endete sein Leben damit, erschossen zu werden. Ja klar, wir alle waren betroffen von dieser Geschichte&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Aber Ridel erw\u00e4hnt in seinem Bericht nicht, was dem jungen Gefangenen widerfahren war, w\u00e4hrend er ohne Gef\u00fchlsduselei die Exekution des Bauern erw\u00e4hnt, den er und seine Kameraden zwangen, ihnen zu folgen, und der als &#8222;Faschist&#8220; und M\u00f6rder erkannt worden war.<\/p>\n<p>Zur Entlastung von Ridel m\u00fcssen wir anmerken, dass die letzten Zeilen der Ausz\u00fcge aus seinem <em>Notizheft<\/em>, die im <em>Libertaire<\/em> vom 18. September 1936 publiziert wurden, auf Sonntag, den 23. August datiert sind, also 24 Stunden nach Gefangennahme des jungen Falangisten. Zu der Zeit wussten die Mitglieder der Internationalen Gruppe wahrscheinlich nichts vom Schicksal, das f\u00fcr den jungen Falangisten reserviert war. Und Ridel nimmt seine Berichte im <em>Libertaire<\/em> erst wieder drei Wochen nach der fehlgeschlagenen Operation Br\u00fcckenkopf bei Pina del Ebro auf.<\/p>\n<p><em>(Fortsetzung in der n\u00e4chsten GWR)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen seiner Beteiligung an der Kolonne Durruti beschreibt Charles Ridel (1914-1977; eigentlicher Name Charles Cortvrint, weitere Pseudonyme Louis Mercier, Louis Mercier Vega; A.d.\u00dc.) in seinem Tagebuch einige Ereignisse und publiziert sie in Le Libertaire (franz\u00f6sische anarchistische Zeitung, in Paris produziert; A.d.\u00dc.). \u00dcber andere Ereignisse, die er notiert, schweigt er sich aus. Diese dem Vergessen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/12\/uber-die-frage-der-gewalt-in-der-spanischen-revolution\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u00dcber die Frage der Gewalt in der Spanischen Revolution - graswurzelrevolution","description":"Im Rahmen seiner Beteiligung an der Kolonne Durruti beschreibt Charles Ridel (1914-1977; eigentlicher Name Charles Cortvrint, weitere Pseudonyme Louis Mercier,"},"footnotes":""},"categories":[463,1030,1042],"tags":[],"class_list":["post-7802","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-314-dezember-2006","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7802","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7802"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7802\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}