{"id":7809,"date":"2006-12-01T00:00:53","date_gmt":"2006-11-30T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7809"},"modified":"2022-07-26T13:56:47","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:47","slug":"die-hoffnung-nie-aufgegeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/12\/die-hoffnung-nie-aufgegeben\/","title":{"rendered":"Die Hoffnung nie aufgegeben"},"content":{"rendered":"<p>Anders war es daheim: Der Hausmeister hatte einen Ha\u00df auf J\u00fcdinnen und Juden. Mit 13 Jahren feierte Peter Gingold Bar Mitzwah. Zum Feiern kamen viele G\u00e4ste aus der Gemeinde zu ihnen nach Hause. Oben in der Wohnung angekommen, standen sie mit beschmierten Handschuhen da. Der Hausmeister hatte den Handlauf mit Senf eingestrichen.<\/p>\n<h3>W\u00e4hrend der Weltwirtschaftskrise war die Arbeitslosigkeit sehr hoch<\/h3>\n<p>Nachdem Peter Gingold das letzte Schuljahr in der j\u00fcdischen Volksschule in Frankfurt besucht hatte, begann er 1930 nach langer Suche in der Musikgro\u00dfhandlung Rothschild &amp; Co. eine kaufm\u00e4nnische Lehre. Von der Krise war auch die kleine Schneiderei des Vaters betroffen. Die Kundschaft war selbst gebeutelt und blieb weg. Deswegen mu\u00dfte Peter sein Lehrgeld von 30 Mark zu Hause abliefern. Er hatte f\u00fcnf Geschwister. Seine Eltern hatten keine Schule besucht, konnten zwar lesen, aber nicht schreiben. Politisch bekam er von zu Hause wenig mit.<\/p>\n<p>Da\u00df die Nazis die J\u00fcdinnen und Juden schlechthin f\u00fcr die zusammenbrechenden Aktienm\u00e4rkte, die Weltwirtschaftskrise und die Massenarbeitslosigkeit verantwortlich machten, war der Anfang seines politischen Lebens. Bald nach Beginn der Lehre trat Peter Gingold der Gewerkschaftsjugend des <em>Zentralverbands Deutscher Angestellter<\/em> (ZDA) bei und fing an, eifrig zu lesen. Zur Lekt\u00fcre z\u00e4hlten neben literarischen und historischen B\u00e4ndchen auch marxistische Schulungshefte. Ein Jahr sp\u00e4ter schlo\u00df er sich mit 15 Jahren dem <em>Kommunistischen Jugendverband<\/em> (KJV) an.<\/p>\n<p>In der Arbeiterbewegung fand sich, was er suchte: Auseinandersetzung mit der Lage der Arbeiterklasse und Argumente gegen den Faschismus der Nazis. Heimlich legten sie Flugbl\u00e4tter aus und verbreiteten Streuzettel, entfernten Hakenkreuze und klebten Plakate mit der Aufschrift &#8222;Wer Hitler w\u00e4hlt, w\u00e4hlt den Krieg!&#8220; oder pr\u00fcgelten sich mit der Nazijugend. Mit zunehmendem politischem Engagement wandte er sich von der Religion ab.<\/p>\n<h3>Im Visier der Nazis<\/h3>\n<p>Nach dem 30. Januar 1933 kam es bald zu Verhaftungswellen. Davon betroffen waren Tausende, vor allem kommunistische, sozialdemokratische, anarchistische und in Gewerkschaften aktive M\u00e4nner und Frauen. Die Kommunistische Jugend organisierte sich sukzessive illegal.<\/p>\n<p>Die antisemitische Hetze wurde in der Kommunistischen Arbeiterjugend als Ablenkung gedeutet. Man glaubte, die Nazis propagierten &#8222;Rassenha\u00df statt Klassenha\u00df&#8220;.<\/p>\n<p>Trotz des Boykotts j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte am 1. April 1933 war f\u00fcr Peter die Massenverfolgung der J\u00fcdinnen und Juden noch nicht absehbar. In Frankfurt war an diesem Tag zu beobachten: Viele Leute widersetzten sich dem Boykott, gingen an den mit Umh\u00e4ngeschildern &#8222;Ein Deutscher kauft nicht bei den Juden!&#8220; postierten SA-M\u00e4nnern vorbei in j\u00fcdische Gesch\u00e4fte, um zumindest eine Kaufabsicht zu bekunden. Eine Frau betrat mit ihrem alten Hut ein j\u00fcdisches Hutgesch\u00e4ft. Weil sie sich aber keinen neuen Hut leisten konnte, bat sie die Verk\u00e4uferin, ihr den alten in eine Einkaufst\u00fcte zu packen, um den SA-M\u00e4nnern ihren Protest zu demonstrieren.<\/p>\n<p>Der Boykott brachte den Nazis nicht den erhofften Zuspruch. Im Gegenteil: Im Ausland, z.B. in London, kam es zum Gegenboykott deutscher Waren.<\/p>\n<p>Seine Lehre beendete Peter Gingold im Mai 1933 und wurde arbeitslos, w\u00e4hrend seine Familie das Deutsche Reich bereits verlassen hatte und nach Paris emigriert war. Er blieb alleine zur\u00fcck, wohnte bei Verwandten in Aschaffenburg und wickelte die letzten Gesch\u00e4fte seiner Eltern ab. Dazu fuhr er mit dem Fahrrad \u00fcber die D\u00f6rfer, um die Au\u00dfenst\u00e4nde einzutreiben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einer solchen Radfahrt entlang des Mains nach Aschaffenburg, die Zugfahrt w\u00e4re zu teuer gewesen, wurde er im Juni infolge einer SA-Razzia bei Offenbach festgenommen, im Polizeigef\u00e4ngnis inhaftiert und vernommen, aber nicht gefoltert. Die Schlie\u00dfer waren noch alte Sozialdemokraten. Bei ihm wurden nur sein polnischer Pa\u00df und Gewerkschaftsunterlagen, aber keine antifaschistischen Flugbl\u00e4tter gefunden, so da\u00df er nach mehrmonatiger Haft mit der Auflage, in wenigen Tagen das Land zu verlassen, freikam, w\u00e4hrend viele seiner Mith\u00e4ftlinge in Konzentrationslager \u00fcberstellt wurden.<\/p>\n<h3>In Paris kam er im Herbst 1933 an<\/h3>\n<p>Von der bereits untergetauchten Sozialdemokratin Johanna Kirchner wurde er bei Saarbr\u00fccken \u00fcber die gr\u00fcne Grenze gebracht. Er hatte keine Franz\u00f6sischkenntnisse. Seine Familie befand sich in einer schwierigen Situation, sein Vater trug sich aus Verzweiflung mit Suizidgedanken. Bis 1935 hatte die achtk\u00f6pfige Familie weder Aufenthalts- noch Arbeitserlaubnis.<\/p>\n<p>Der Ausgang ihrer Emigration war ungewi\u00df. Sie \u00fcberlebten durch Schwarzarbeit.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise fand Peter Gingold Arbeit bei der deutschsprachigen Tageszeitung <em>Pariser Tageblatt<\/em>. Das <em>Pariser Tageblatt <\/em>war eine Zeitung der deutschen Opposition und wurde im Dezember 1933 durch den ehemaligen Chefredakteur der Berliner <em>Vossischen Zeitung<\/em>, Georg Bernhard, gegr\u00fcndet. Georg Bernhard war im Fr\u00fchjahr 1933 von Berlin \u00fcber Kopenhagen nach Paris geflohen. In der Redaktion lernte Peter Gingold journalistische Arbeit kennen und begegnete namhaften Schriftstellern wie Lion Feuchtwanger, Alfred Kerr und Joseph Roth.<\/p>\n<p>Ende 1933 organisierte er sich in einer Gruppe des KJV. Zusammen mit weiteren M\u00e4dchen und Jungen anderer linker Arbeiterjugendverb\u00e4nde gr\u00fcndeten sie 1936 die <em>Freie Deutsche Jugend<\/em> (FDJ), brachten die antifaschistische Jugendzeitung <em>Freie Jugend<\/em> heraus, alles mit dem Ziel, vom Ausland aus die deutsche antifaschistische Arbeiterjugend daheim im Kampf gegen Hitler &#8222;f\u00fcr ein freies und gl\u00fcckliches sozialistisches Deutschland&#8220; zu unterst\u00fctzen. Sie besuchten franz\u00f6sische Jugendgruppen und berichteten \u00fcber die Vorg\u00e4nge in Deutschland. Zahlreiche Veranstaltungen und Fortbildungen wurden angeboten. Hier traf er sp\u00e4tere Nachkriegspolitiker wie Willy Brandt oder Herbert Wehner, aber auch K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler wie Anna Seghers, Egon Erwin Kisch und Bert Brecht. In dieser Umgebung begegneten sich 1936 Peter Gingold und seine sp\u00e4tere Frau Ettie Stein-Haller.<\/p>\n<h3>Im Vordergrund der Arbeit standen die Kriegsgefahr, aber auch der Terror gegen die antifaschistische Arbeiterbewegung, der Freiheitskampf in Spanien 1936-39 und die Sudetenkrise 1938<\/h3>\n<p>Obwohl sie vom Verlust der b\u00fcrgerlichen Gleichberechtigung f\u00fcr J\u00fcdinnen und Juden und dem Verbot der &#8222;Mischehe&#8220; 1935 durch die N\u00fcrnberger Gesetze und anderen antisemitischen Ma\u00dfnahmen im Laufe des Sommers und Herbsts 1938 wie der Kennzeichnung j\u00fcdischer Gewerbebetriebe, dem Berufsverbot f\u00fcr j\u00fcdische \u00c4rzte und Rechtsanw\u00e4lte, dem Namenszusatz Sara bzw. Israel, der Kennzeichnung der P\u00e4sse mit J erfuhren, war die Situation der J\u00fcdinnen und Juden in Deutschland weniger Thema ihrer Hefte. Zwar waren in der Gruppe gr\u00f6\u00dftenteils j\u00fcdische Kommunisten, aber diese sahen sich vorrangig als Klassenk\u00e4mpfer der Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Da\u00df der Antisemitismus zentral f\u00fcr die Politik Hitlers war, wu\u00dften sie alle, aber niemand konnte sich vorstellen, da\u00df dieser Antisemitismus die Vernichtung aller J\u00fcdinnen und Juden zum Ziel hatte. W\u00e4hrend der ganzen 30er Jahre bestand Hoffnung, Hitler k\u00f6nnte an sozio\u00f6konomischen Widerspr\u00fcchen scheitern.<\/p>\n<p>Mit Erschrecken reagierte die Gruppe auf die Nachricht des t\u00f6dlichen Attentats auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath durch den 17j\u00e4hrigen Herschel Grynspan, Sohn einer zwangsdeportierten polnisch-j\u00fcdischen Familie, am 7. November 1938 in Paris, weil sie Repressionen gegen J\u00fcdinnen und Juden in Deutschland bef\u00fcrchteten.<\/p>\n<p>In die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) wurde Peter Gingold 1937 aufgenommen. Mit dem \u00dcberfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 ver\u00e4nderte sich die Lage der deutschen Emigranten in Frankreich. Die M\u00e4nner wurden in Lagern interniert. Als Staatenloser blieb Gingold von der ersten Internierungswelle verschont.<\/p>\n<p>Am 30. Januar 1940 heiratete er Ettie Stein-Haller. W\u00e4hrend Peter ab Mai f\u00fcr kurze Zeit interniert war, wurde am 5. Juni 1940 die Tochter Alice geboren. Die junge Mutter verlie\u00df noch als W\u00f6chnerin nach wenigen Tagen das Krankenhaus, um sich und ihr Kind vor den in Paris einmarschierenden deutschen Truppen in Sicherheit zu bringen.<\/p>\n<p>Ende Juni kapitulierte Frankreich, und die R\u00e9sistance entstand. Zu den ersten zivilen Opfern der Nazis in Frankreich z\u00e4hlten die Kommunistinnen und Kommunisten: Bereits im Oktober 1940 kam es zu Verhaftungen und Erschie\u00dfungen. Der n\u00e4chste Schritt war der Terror gegen J\u00fcdinnen und Juden: Ende 1941 wurden in Frankreich die j\u00fcdischen M\u00e4nner abgeholt und im Sommer 1942 w\u00e4hrend der Gro\u00dfrazzien alle j\u00fcdischen Frauen, M\u00e4nner und Kinder festgenommen und in Vernichtungslager deportiert. Peter Gingolds Geschwister Dora und Leo wurden bei Razzien in Paris verhaftet, dann im G\u00fcterwagen nach Auschwitz verschleppt und ermordet.<\/p>\n<p>Peters Frau Ettie und ihre Tochter Alice hatten Gl\u00fcck und entkamen einer Verhaftung. Sie wurden von einem Metroschaffner gewarnt und versteckt. Alice wurde zum Schutz vor den Nazis von ihrer Mutter Ettie getrennt und zusammen mit den beiden zur\u00fcckgebliebenen Kindern der bereits deportierten Dora auf dem Land bei Bauern in Pflege gegeben.<\/p>\n<p>Die Eltern Gingolds versteckten sich 30 km vom Pariser Zentrum illegal in einem Gartenhaus.<\/p>\n<h3>Die R\u00e9sistance versuchte, deutsche Soldaten f\u00fcr den Widerstand zu gewinnen<\/h3>\n<p>Die Frauen und M\u00e4nner der verschiedenen Widerstandsgruppen lebten meist unter anderem Namen im Untergrund. Ettie Gingold, alias Henriette Barbiere, war bei der Travail Allemand (Deutsche Arbeit) organisiert und hatte unterschiedliche Aufgaben in der Umgebung von Paris. Sie organisierte das Leben im Untergrund und arbeitete an der Zersetzung des deutschen Milit\u00e4rs. Sie schrieb und vervielf\u00e4ltigte Flugbl\u00e4tter und Streuzettel. F\u00fcr die Fahrt mit der Eisenbahn ins Pariser Zentrum versteckten sie die Druckerzeugnisse zur Tarnung in leeren Nudel- und anderen Lebensmittelpackungen. Auch die Wachsb\u00f6gen f\u00fcr den Abzugsapparat wurden zusammengerollt in langen Spaghettischachteln transportiert.<\/p>\n<p>Auf verschiedenen Wegen wurde versucht, die deutschen Soldaten zum Desertieren und f\u00fcr die Arbeit im Widerstand zu gewinnen. Anfangs wurden die Flugbl\u00e4tter \u00fcber die Kasernenmauern auf die Pritschen abgestellter Milit\u00e4rlastwagen geworfen. Sp\u00e4ter versuchten die Frauen unter Gefahr ihres Lebens, mit den Soldaten anzub\u00e4ndeln. Auf diese Weise bekamen sie Adressen weiterer stationierter Soldaten, so da\u00df die Flugbl\u00e4tter gezielt per Post zugestellt werden konnten. Mancher der Soldaten beschaffte ihnen vor dem \u00dcberlaufen Waffen und Munition.<\/p>\n<p>Peter Gingold, alias Pierre Gambert, hielt sich in Dijon und Umgebung auf und stand in Kontakt mit franz\u00f6sischen Partisanen. Die Partisanen waren erfolgreich und legten um Weihnachten 1942 einen Gro\u00dfteil des Eisenbahnnetzes still. Gestapo und SD reagierten mit der Einrichtung von Sonderabteilungen. Im Januar 1943 kam es in Dijon zu \u00fcber 40 Festnahmen. Die Gruppe um Gingold wurde durch einen Spitzel verraten.<\/p>\n<p>Am 3. Februar wurde Peter Gingold verhaftet. Er war unvorsichtig und ging nochmals in seine Wohnung, um seine kleine Schreibmaschine mitzunehmen. Doch die Gestapo lag in der Nachbarwohnung auf der Lauer. Im Gef\u00e4ngnis wurde er zunehmend brutal gefoltert, im M\u00e4rz 1943 von Dijon nach Paris in die Gestapozentrale verlegt und wieder mi\u00dfhandelt.<\/p>\n<p>Nachdem er abermals keine Aussagen machte, wurde er ins Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis Cherche-Midi gebracht. Von hier kamen H\u00e4ftlinge zur Hinrichtung.<\/p>\n<p>Beim Verh\u00f6r am 21. April 1943 erkl\u00e4rte er sich bereit, die Gestapo zu einer Kontaktperson zu bringen. Sein Plan war, durch einen Hauseingang am Boulevard St. Martin zu entkommen, indem er das Haus durch einen Verbindungsgang durchquerte und den Geb\u00e4udekomplex \u00fcber den unauff\u00e4lligen Hinterausgang zur n\u00e4chsten Parallelstra\u00dfe verlie\u00df. Weil sein Vater hier einmal seine Schneiderwerkstatt eingerichtet hatte, kannte er die Gegend und auch das Hausmeisterehepaar gut. W\u00e4hrend mehrere Gestapobeamte, mit gezogenen Pistolen bewaffnet, ihn am Karfreitag, den 23. April 1943, auf dem Boulevard St. Martin begleiteten, t\u00e4uschte er vor, das Haus erst suchen zu m\u00fcssen. Vor dem Haus mit der Nummer 11 sprang er in den Hauseingang, ri\u00df den Sperriegel zur\u00fcck, schlug die T\u00fcr mit gro\u00dfer Wucht hinter sich zu und rannte, so schnell er konnte.<\/p>\n<p>Nachdem er \u00fcber den Hinterausgang entkommen war, eilte er zur Wohnung des Hausmeisterpaares in einem angrenzenden Viertel. Sein Plan ging auf. Er wurde aufgenommen und fand f\u00fcr ein paar Stunden Unterschlupf, w\u00e4hrend inzwischen die Gestapobeamten hektisch die Seitenstra\u00dfen absuchten. Noch am Abend gelang es ihm, Paris zu verlassen. Von nun an wurde er steckbrieflich gesucht.<\/p>\n<p>Peter Gingold erhielt neue Aufgaben und arbeitete als Georges Richard zusammen mit seiner Frau und seinen Geschwistern in der gerade gebildeten <em>Bewegung Freies Deutschland<\/em>. Anfang August 1944 begann die Befreiung von Paris. Peter Gingold war dabei. Er k\u00e4mpfte sich mit einem seiner Genossen zum Rundfunkhaus von Radio Paris, um einen Appell der R\u00e9sistance an die deutschen Truppen zu richten, in dem die Wehrmachtsoldaten zur Kapitulation aufgefordert wurden. Paris wurde durch den Widerstand befreit. Im M\u00e4rz 1945 wurde Peter unter dem Namen Luigi Righi zur Unterst\u00fctzung der Resistenza nach Norditalien geschickt und erlebte dort nach dem Aufstand in Turin das Kriegsende.<\/p>\n<h3>Nach Kriegsende kehrte Peter Gingold nach Frankfurt zur\u00fcck<\/h3>\n<p>Seine Frau Ettie w\u00e4re lieber wie die Eltern und Geschwister Peters in Paris geblieben. Dennoch folgten beide den Vorgaben der KPD, einerseits aus Parteidisziplin, andererseits aus dem Wunsch, ein antifaschistisches Deutschland aufzubauen.<\/p>\n<p>Bei dieser Arbeit legte die deutsche Nachkriegspolitik ihnen viele Steine in den Weg. Gingold arbeitete im Sekretariat des KPD-Landesverbands Hessen. Obwohl seine Familie nach dem Krieg deutsche Kennkarten bekommen hatte, er 1953 sogar f\u00fcr den Deutschen Bundestag kandidieren durfte, mu\u00dfte die Anerkennung der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit f\u00fcr seine Familie juristisch erzwungen werden.<\/p>\n<p>Sein vormaliger Genosse Willy Brandt war inzwischen Bundeskanzler und lie\u00df wenig Engagement f\u00fcr Gingold erkennen.<\/p>\n<p>Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher verweigerte die Einb\u00fcrgerung wegen Gingolds fr\u00fcherer T\u00e4tigkeit als Funktion\u00e4r und Mitglied der seit 1956 verbotenen KPD. Immer st\u00e4rker interessierte sich die Presse im In- und Ausland f\u00fcr den Fall und reagierte teils mit Entsetzen \u00fcber das Demokratieverst\u00e4ndnis deutscher Politiker. Nach mehrj\u00e4hrigem Rechtsstreit mit den Beh\u00f6rden erhielt die Familie im Mai 1974 die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Doch die Politik wurde nicht m\u00fcde, sich neue Schikanen gegen die Familie auszudenken. Nachdem Gingolds j\u00fcngste Tochter Silvia 1974 ihr zweites Staatsexamen abgeschlossen hatte und als Lehrerin arbeiten wollte, erfolgte ein Berufsverbot auf Grund des Radikalenerlasses. Seit ihrem 17. Lebensjahr wurde Silvia Gingold vom Verfassungsschutz \u00fcberwacht. Als belastend wurden die Teilnahme am Deutschlandtreffen der Jugend in Berlin 1964, die Beteiligung an Aktionen gegen den Vietnamkrieg der USA, die Unterschrift f\u00fcr den Gr\u00fcndungsaufruf der <em>Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend<\/em> 1968 sowie ihre Mitgliedschaft in der DKP angef\u00fchrt. Dieses Berufsverbot wurde in einer Panorama-Fernsehsendung und w\u00e4hrend der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche 1975 zum Politikum. Die Klage Silvia Gingolds vor dem Kasseler Verwaltungsgericht 1976 hatte Erfolg. Doch der hessische Kultusminister ging in Berufung.<\/p>\n<p>Nachdem Silva Gingold durch \u00f6ffentlichen Druck einen befristeten Arbeitsvertrag von drei Jahren an einer Gesamtschule in Spangenberg bekommen hatte, hetzte die CDU gegen die junge Lehrerin und verteilte an die Haushalte ein Gesellschaftsspiel mit dem Titel &#8222;Fahr mit durch den Schwalm-Eder-Kreis&#8220;. Bei dem Ort Spangenberg lautete die Anweisung f\u00fcr den Spieler: &#8222;Kommunistische Lehrerin erzieht Kinder in der Schule. Radikale geh\u00f6ren nicht in den \u00f6ffentlichen Dienst. Spieler schreibt Brief an Kultusminister und setzt einmal aus.&#8220;<\/p>\n<p>Der hessische Verwaltungsgerichtshof verhandelte 1977 den Fall neu und gab der Berufung des Kultusministers statt. Aus dem Ausland erhoben sich besorgte Stimmen \u00fcber die Rechtsstaatlichkeit Deutschlands, u.a. der sp\u00e4tere Staatspr\u00e4sident Fran\u00e7ois Mitterrand und der Schriftsteller Peter Weiss.<\/p>\n<h3>Peter Gingold verzagte nicht, obwohl er bittere Erfahrungen machen mu\u00dfte<\/h3>\n<p>Er war kein Antideutscher. Gr\u00fcnde h\u00e4tte es gen\u00fcgend gegeben, doch er hat die Hoffnung, da\u00df sich Deutschland ver\u00e4ndern k\u00f6nne, nie aufgegeben. Er hat sich f\u00fcr die Aufl\u00f6sung der IG Farben und die Entsch\u00e4digung der Opfer eingesetzt, hat die \u00d6ffentlichkeit wachger\u00fcttelt, als Verteidigungsminister Scharping und Au\u00dfenminister Fischer 1999 die Toten von Auschwitz mi\u00dfbrauchten, um den Bombenkrieg gegen Jugoslawien ideologisch zu rechtfertigen. Gingold war Kommunist, aber in seinem politischen Handeln ging es ihm nie um Parteizugeh\u00f6rigkeit, sondern darum, etwas f\u00fcr die ganze Menschheit zu wollen. Seine Aufgabe sah er darin, mit allen anderen \u00fcberlebenden Opfern des Nationalsozialismus daran zu arbeiten, da\u00df ein anderes Deutschland entstehe und sich Auschwitz nie mehr wiederhole.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anders war es daheim: Der Hausmeister hatte einen Ha\u00df auf J\u00fcdinnen und Juden. Mit 13 Jahren feierte Peter Gingold Bar Mitzwah. Zum Feiern kamen viele G\u00e4ste aus der Gemeinde zu ihnen nach Hause. Oben in der Wohnung angekommen, standen sie mit beschmierten Handschuhen da. Der Hausmeister hatte den Handlauf mit Senf eingestrichen. 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