{"id":7845,"date":"2007-01-01T00:00:12","date_gmt":"2006-12-31T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7845"},"modified":"2022-07-26T14:14:56","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:56","slug":"okonomie-alles-solidarisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/01\/okonomie-alles-solidarisch\/","title":{"rendered":"\u00d6konomie &#8211; alles solidarisch?"},"content":{"rendered":"<p>Eine W-Frage wurde auf dem Kongress ausgiebig diskutiert: &#8222;Wie Wollen Wir Wirtschaften?&#8220; Der Anspruch ist hoch, vielleicht h\u00e4tte es zun\u00e4chst gereicht, zu versuchen die Frage zu beantworten: &#8222;Wie W\u00fcrden Wir Wirtschaften Wollen?&#8220;. Immerhin kommt man nicht aus dem Kongress raus, hat sich auf ein neues Wirtschaften geeinigt und setzt dies nun einfach in die Praxis um.<\/p>\n<p>Der Kongress wurde von der Bewegungsakademie und der Technischen Universit\u00e4t Berlin veranstaltet, sowie von vielen verschiedenen Organisationen mitgetragen und unterst\u00fctzt, u.a von der Graswurzelrevolution. Bis kurz vor dem Kongress sind die Anmeldezahlen noch stark angewachsen &#8211; bis auf 700. Dass letzten Endes rund 1400 Menschen dabei waren, wurde von den OrganisatorInnen als ein gro\u00dfer Erfolg gewertet.<\/p>\n<p>Was aber ist &#8222;Solidarische \u00d6konomie im globalisierten Kapitalismus&#8220;?<\/p>\n<p>Gibt es einen Unterschied zu &#8222;Sozialer \u00d6konomie&#8220; oder &#8222;Alternativer \u00d6konomie&#8220;?<\/p>\n<p>So genau wusste das keineR. In Deutschland ist solidarische \u00d6konomie auch sehr unbekannt. Das Ausland ist da schon wesentlich weiter. So gibt es in Brasilien beispielsweise einen Staatssekret\u00e4r f\u00fcr Solidarische \u00d6konomie, der auch auf dem Kongress anwesend war. Er betonte allerdings, dass es nicht darum gehe, dass der Staat solidarische \u00d6konomie betreibe oder vereinnahme. Der Staat m\u00fcsse daf\u00fcr sorgen, dass die politischen Rahmenbedingungen so sind, dass solidarische \u00d6konomie erm\u00f6glicht wird, es geht ums Unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Elmar Altvater (&#8222;Professor im Unruhestand&#8220;) behauptete, solidarische \u00d6konomie habe es schon immer gegeben. Entscheidend sei, dass die Eigentumsfrage gestellt w\u00fcrde. Viele Formen seien aber auch ein &#8222;Kind der Not&#8220;, beispielsweise Tauschringe. Auch setzte er sich auf einer Podiumsdiskussion mit einer Vertreterin der &#8222;Initiative Nat\u00fcrliche Wirtschaftsordnung&#8220; (INWO) auseinander.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich schon, wie unterschiedlich der Begriff verstanden wird und welch ein &#8222;bunter Blumenstrau\u00df&#8220; sich (noch) hinter dem Begriff verbirgt. Alle, die sich derzeit nicht durch das neoliberale Wirtschaftssystem repr\u00e4sentiert f\u00fchlen, k\u00f6nnen ihre pers\u00f6nlichen Ansichten vorstellen. \u00dcbersichtlich wird es dadurch nicht gerade: Da gibt es Tauschringe, die ihr Regio-Geld einf\u00fchren wollen, was zwar nicht viel weiterbringt, aber auch nicht wirklich schadet, solange es auch noch allgemeines Geld gibt und man nicht in jedem Dorf erst mal Geld tauschen muss. Dann gibt es Leute von der INWO, die eine Geb\u00fchr auf Bargeld und Giroguthaben erheben wollen, die gro\u00dfen Kapitalsummen aber unangetastet lassen wollen (weil die ja investiert werden und Arbeitspl\u00e4tze schaffen). Einige berufen sich lieber auf spirituelle Werte und\/oder Rudolf Steiner und glauben, dass dann schon alles besser w\u00fcrde. Da muss man sich schon mal etwas deutlicher abgrenzen. Daneben gibt es die &#8222;etablierte&#8220; solidarische \u00d6konomie wie Weltl\u00e4den oder Genossenschaften. Kommunen oder Umsonstl\u00e4den geh\u00f6ren aber auch dazu. Und ganz neu dabei, als &#8222;Innovation&#8220; der letzten Jahr(zehnt)e: &#8222;Freies Wissen&#8220; in der Wissens\u00f6konomie.<\/p>\n<p>Auf der Projekte&#8220;messe&#8220; (ist das besser als ein &#8222;Markt&#8220; der M\u00f6glichkeiten?) fanden sich dann auch die verschiedensten Gruppierungen wieder. Die Graswurzelrevolution war auch mit einem Stand vertreten.<\/p>\n<p>Es gab aber auch einige allgemeine Diskussionen um Wirtschaft und Kapitalismus. Zum Beispiel in dem Workshop von GWR-Autor Oliver Bierhof (Uni M\u00fcnster) zu der &#8222;Bedeutung der Eigentumsfrage bei der Suche nach einer Solidarischen \u00d6konomie&#8220;. F\u00fcr ihn bezeichnet Eigentum nicht in erster Linie ein (juristisches) Verh\u00e4ltnis zwischen einer Person und einem Objekt, sondern vielmehr ein (politisch-gesellschaftliches) Verh\u00e4ltnis zwischen zwei Personen. Was sich auf den ersten &#8222;Blick&#8220; etwas komisch anh\u00f6rt, ergibt doch Sinn: Eigentumsverh\u00e4ltnisse sind entscheidend f\u00fcr gesellschaftliche Beziehungen, sie ordnen die Gesellschaft. F\u00fcr Bierhof ist der Kapitalismus eine &#8222;Enteignungs\u00f6konomie&#8220;, unter Enteignungsprozessen versteht er die Mehrwertproduktion sowie die sogenannte &#8222;urspr\u00fcngliche Akkumulation&#8220;.<\/p>\n<p>Interessant war bei dem Workshop auch ein Beitrag eines Teilnehmers, der erz\u00e4hlte, dass in dem Religions-Lehrplan f\u00fcr die Hauptschule in Bayern das Ziel verankert sei, den Sch\u00fclerInnen beizubringen, dass Eigentum eine Gabe Gottes sei. Damit w\u00e4re die Eigentumsfrage dann ja gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>In einem anderen Workshop wurde diskutiert, ob es aktuell m\u00f6glich sei, die Lohnarbeit zu \u00fcberwinden. Kann die Technik schon so viele Aufgaben \u00fcbernehmen? Kann gesellschaftliche Anerkennung als Lohn fungieren? Vielleicht ist die Arbeitskraft in Wirklichkeit gar nicht so knapp? Aber vielleicht die nat\u00fcrlichen Ressourcen?<\/p>\n<p>Oder ist unsere Sicht zu eurozentrisch? Gibt es solch einen \u00dcberfluss nicht nur in einem sehr geringen Teil der Weltbev\u00f6lkerung?<\/p>\n<p>Verschiedene Workshops zu K\u00e4mpfen in der Wissens\u00f6konomie wurden veranstaltet vom Netzwerk &#8222;Freies Wissen&#8220;, das aus der attac-AG Wissensallmende hervorgegangen ist. Darunter fallen so verschiede Themen wie Saatgut, Medikamente oder Software. Geistige Monopolrechte sorgen hierbei daf\u00fcr, dass Menschen von den Vorteilen ausgeschlossen werden, obwohl ihre Teilhabe ohne gro\u00dfe Probleme m\u00f6glich w\u00e4re. Oliver Moldenhauer vom Netzwerk erkl\u00e4rte, die traditionelle \u00d6konomie sei von Knappheit gepr\u00e4gt, in der Wissens\u00f6konomie gebe es sie (so gut wie) nicht.<\/p>\n<p>Auf der Abschlussdiskussion wurden einige Projekte aus den verschiedenen Bereichen vorgestellt. Es wird ein Buch zum Kongress geben mit Beitr\u00e4gen der ReferentInnen. Die Internetseite <a href=\"http:\/\/www.solidarische-oekonomie.de\">www.solidarische-oekonomie.de<\/a> soll zu einer Diskussionsplattform ausgebaut werden und die Arbeit an dem Thema soll auf jeden Fall fortgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Zu Beginn des Kongresses hatte Sven Giegold drei interessante Fragen formuliert: Warum haben sich viele Projekte nicht durchgesetzt &#8211; wenn solidarische \u00d6konomie so viel besser ist? Legitimiert solidarische \u00d6konomie den Neoliberalismus in dem sie dem Staat erlaubt, sich aus seiner Verantwortung zur\u00fcckzuziehen?<\/p>\n<p>Und: Geht durch solidarische \u00d6konomie Kraft verloren f\u00fcr politische Aktivit\u00e4ten?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re es falsch, zu glauben, am Ende des Kongresses h\u00e4tten die Fragen gekl\u00e4rt sein k\u00f6nnen. Aber sie wurden leider kaum bis gar nicht bearbeitet, sie waren &#8222;einfach verpufft&#8220;.<\/p>\n<p>Aber so bleibt zumindest eine weitere Aufgabe f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Auseinandersetzung mit dem Thema.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine W-Frage wurde auf dem Kongress ausgiebig diskutiert: &#8222;Wie Wollen Wir Wirtschaften?&#8220; Der Anspruch ist hoch, vielleicht h\u00e4tte es zun\u00e4chst gereicht, zu versuchen die Frage zu beantworten: &#8222;Wie W\u00fcrden Wir Wirtschaften Wollen?&#8220;. 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