{"id":7865,"date":"2007-01-01T00:00:28","date_gmt":"2006-12-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7865"},"modified":"2022-07-26T14:14:56","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:56","slug":"emma-goldman-anarchistin-und-padagogin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/01\/emma-goldman-anarchistin-und-padagogin\/","title":{"rendered":"Emma Goldman &#8211; Anarchistin und P\u00e4dagogin"},"content":{"rendered":"<p>Als &#8222;Anarchafeministin&#8220; pr\u00e4gte sie zusammen mit anderen Anarchistinnen wie etwa der Amerikanerin und Zeitgenossin Voltairine des Cleyre (1866-1912), der geb\u00fcrtigen Ukrainerin Milly Witkop-Rocker (1877-1955) oder der Franz\u00f6sin Louise Michel (1830-1905) libert\u00e4re Positionen f\u00fcr den Feminismus des 20. Jahrhunderts. Dar\u00fcber hinaus &#8211; und dieser Aspekt ihres Lebens ist in Deutschland noch wenig diskutiert &#8211; engagierte sie sich auch sehr f\u00fcr eine libert\u00e4re Schulbewegung und gr\u00fcndete 1909 zusammen mit Alexander Berkman (1870-1936) und Leonard Abbott die <em>Francisco Ferrer Association, <\/em>die wichtigste libert\u00e4re Organisation zur Verbreitung des rationalistischen Schulmodells des Spaniers Francisco Ferrer (1859-1909) in den USA im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts (vgl. Ferrer 03).<\/p>\n<p>Diese beiden Aspekte ihres Lebens &#8211; Emma Goldman als Anarchistin und als Bildungspolitikerin &#8211; stehen im Mittelpunkt der folgenden Skizze zu dieser bemerkenswerten Frau. Von ihren \u00fcber 70 Lebensjahren waren zwei Drittel gepr\u00e4gt durch einen st\u00e4ndigen politischen Kampf gegen Unterdr\u00fcckung und Gewalt und f\u00fcr Gleichheit, Freiheit und W\u00fcrde des Menschen. Dieser Kampf und ihre Vision eines libert\u00e4ren und kosmopolitischen Humanismus f\u00fchrten sie durch Nordamerika, Europa und Russland und machten sie zu einer herausragenden politischen Pers\u00f6nlichkeit des 20. Jahrhunderts. Sie kannte John Reed, Jack London und Henry Miller, sie korrespondierte mit Bertrand Russel, Aldous Huxley und Rudolf Rocker, sie &#8222;k\u00e4mpfte&#8220; mit John Most, Alexander Berkman, Voltairine des Cleyre und stand an der Seite von CNT-FAI-K\u00e4mpferInnen w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkrieges (1936-1939), sie lebte revolution\u00e4r und kosmopolitisch. Sie k\u00e4mpfte f\u00fcr den Achtstundentag, f\u00fcr Geburtenkontrolle, f\u00fcr die Legalisierung der Schwangerschaftsunterbrechung, f\u00fcr Pressefreiheit, gegen Postzensur, f\u00fcr die &#8222;Freie Liebe&#8220; und die Gleichberechtigung der Frauen. Sie wurde in diesem Sinne zur libert\u00e4ren Ikone des Anarchismus und z\u00e4hlt zu jenen revolution\u00e4ren Frauen des 20. Jahrhundert, die ihm das nachhaltige Profil der Emanzipation gaben.<\/p>\n<h3>Emma Goldman &#8211; Quellen und Rezeption<\/h3>\n<p>Die Quellen zu Emma Goldmans Leben sind vielf\u00e4ltig. Neben zahlreichen Aufs\u00e4tzen und Traktaten hinterl\u00e4sst Goldman vor allem eine umfangreiche Autobiographie, die erstmals 1931 in New York erschien und in der ersten deutschen \u00dcbersetzung von 1978 drei B\u00e4nde mit insgesamt 1171 Seiten umfasst (Goldman 1978). Sie z\u00e4hlt nicht nur zu den herausragenden Autobiographien des Feminismus im 20. Jahrhundert, sondern auch zu den bemerkenswertesten Lebenszeugnissen von Libert\u00e4ren und ist vergleichbar mit den gro\u00dfen Memoiren von Rudolf Rocker (1974) und Peter Kropotkin (1969). Eine weitere wichtige Quelle zu ihrer politischen Orientierung ist die von ihr herausgegebenen Zeitschrift <em>Mother Earth <\/em>(Goldman 1969), die von 1906 bis 1917 erschien und zu einem zentralen Sprachrohr ihres Anarchismus wurde. Ihre entt\u00e4uschenden Erfahrungen im russischen Exil 1919 bis 1921 verarbeitete sie in der Schrift <em>Die Ursachen des Niedergangs der Russischen Revolution <\/em>(Goldman 1922). Eine bemerkenswerte Biographie stammt von Candace Falk, die auf zuf\u00e4llig gefundenen Briefen in einem Gitarrengesch\u00e4ft 1975 beruhen und das Liebesverh\u00e4ltnis zwischen Ben Reitman, einem acht Jahre j\u00fcngeren Arzt, und Goldman dokumentieren (Falk 1987). Dieser erotische Briefwechsel gilt als wichtige Erg\u00e4nzung ihrer Autobiographie und beschreibt die gleichsam &#8222;private&#8220; Emma Goldman.<\/p>\n<p>In Deutschland erschienen ihre Schriften in den 1920er und 1930er Jahren vor allem im Verlag <em>Der Syndikalist <\/em>(Berlin) &#8211; der zentrale Verlag der deutschen Anarchosyndikalisten -, der ihre Abrechnung mit dem Sowjetischen System nach der Oktoberrevolution 1922 mit einem Vorwort von Rudolf Rocker ver\u00f6ffentlichte. Nach 1945 ist es im deutschsprachigen Raum bis heute der anarchistische <em>Karin Kramer Verlag <\/em>(Berlin), der Emma Goldman wieder zug\u00e4nglich machte. Er ver\u00f6ffentlichte Ende der 1960er Jahre &#8211; zu diesem Zeitpunkt &#8222;firmierte&#8220; er noch unter dem Namen <em>Underground Press L. <\/em>&#8211; erstmals wieder in einer Reprintausgabe Goldmans Analyse der Russischen Revolution (Goldman 1968 und 1970), 1977 eine Reihe von Aufs\u00e4tzen unter dem Titel <em>Das Tragische an der Emanzipation der Frau <\/em>(Goldman 1977) und schlie\u00dflich die dreib\u00e4ndige deutsche Erst\u00fcbersetzung ihrer Autobiographie (Goldman 1978(a)). Die deutsche \u00dcbersetzung der Biographie von Candace Falk, <em>Liebe und Anarchie, <\/em>erschien 1987.<\/p>\n<p>Kurze Hinweise mit Textausschnitten aus Aufs\u00e4tzen erscheinen ab Ende der 1960er Jahre in verschiedenen Quellenb\u00e4nden zum Anarchismus. Von Erwin Oberl\u00e4nder wird Goldman dabei zusammen mit John Most, Peter Kropotkin und Elis\u00e9e Reclus in den Kontext des Kommunistischen Anarchismus gestellt (Oberl\u00e4nder (Hg.) 1972, S. 282-291) und in dem Sammelband von Helmut Ahrens, Hans-J\u00fcrgen Degen und Christoph Geist findet Goldman Platz als Vertreterin des anarchistischen Feminismus (Ahrens\/Degen\/Geist (Hg.) 1980, S. 155-158). Erstmals wieder erw\u00e4hnt in einem akademisch orientierten Sammelband \u00fcber den Anarchismus wird Goldman von dem Soziologen Otthein Rammstedt 1969 (Rammstedt 1969, S. 121-125) und mit einer deutschen Erst\u00fcbersetzung aus <em>Mother Earth <\/em>\u00fcber den Patriotismus taucht Goldman in dem Sammelband von Achim von Borries und Ingeborg Brandies 1970 auf (von Borries\/Brandies 1970, S. 151-162).<\/p>\n<p>Daneben erschienen in den sp\u00e4ten 1970er und fr\u00fchern 1980er Jahren eine Reihe von Brosch\u00fcren mit deutschen Erst\u00fcbersetzungen von Aufs\u00e4tzen aus <em>Mother Earth, <\/em>die von Anarchistischen Vereinigungen herausgegeben wurden. Der <em>Anarchistische Bund Berlin <\/em>publizierte beispielsweise in seiner Heftreihe <em>anarchistische texte <\/em>im <em>Libertad Verlag <\/em>(Berlin) den Aufsatz <em>Anarchismus <\/em>&#8211; <em>seine wirkliche Bedeutung <\/em>in einer ersten Auflage von 2000 Exemplaren 1978 und in einer zweiten Auflage 1981 nochmals mit 3000 Exemplaren (Goldman 1978(b)). Ebenso ver\u00f6ffentlichte die <em>Anarchistische Vereinigung Norddeutschland <\/em>Ende der 1970er Jahre und in einer zweiten Auflage 1983 erstmals vier Aufs\u00e4tze in einer deutschen \u00dcbersetzung im <em>Ems-Kopp Verlag <\/em>(Meppen\/Ems) in einer Gesamtauflage von ca. 2000 Exemplaren (Goldman 1983).<\/p>\n<p>Rezeptionsgeschichtlich kann damit vermutet werden, dass Goldman erst ab Ende der 1970er Jahre wieder in Deutschland verst\u00e4rkt rezipiert wurde. Diese Diskussion fand nahezu ausschlie\u00dflich in der damaligen anarchistischen Bewegung statt, die zu diesem Zeitpunkt im Kontext der Post-Alternativ-Bewegung angesiedelt war. Rezeptionsgeschichtliche Spuren in der Frauenbewegung bzw. -forschung finden sich dagegen selten. Von einer systematischen und anhaltenden Diskussion \u00fcber Goldman kann im deutschen Sprachraum nicht gesprochen werden. Sowohl im politikwissenschaftlichen Diskurs als auch im Szene-Diskurs des deutschen Anarchismus ist man in den letzten 30 Jahren nicht \u00fcber eine verk\u00fcrzte ideen- und biographiegeschichtliche Beschreibung ihres Lebens hinausgekommen. In dem j\u00fcngst erschienenen Einf\u00fchrungsband in den Anarchismus von Hans-J\u00fcrgen Degen und Jochen Knoblauch (Degen\/Knoblauch 2006) wiederholen sich die Statements und Einsch\u00e4tzungen aus den 1970er Jahren zu ihrer Bedeutung f\u00fcr den modernen Anarchismus. Was ansteht, ist eine systematische Analyse ihrer Vorstellungen von &#8222;Freier Liebe&#8220;, Familie und Geschlecht, ihrer p\u00e4dagogischen und bildungspolitischen Vorstellungen sowie ihrer Vorstellungen von Gewalt und Militarismus.<\/p>\n<h3>&#8222;Wie ich mein Leben lebte&#8220;<\/h3>\n<p>Diese sinngem\u00e4\u00dfe deutsche \u00dcbersetzung des Titels ihrer selbstbewussten und -kritischen Autobiographie, &#8222;Living my Life&#8220; (1931), beschreibt mit einem Satz die Qualit\u00e4t ihres politischen Lebens: Sie lebte ein Leben nach ihren Vorstellungen und gegen vorherrschende Regeln. Die Antwort auf die Frage, ob ihr Leben dabei &#8222;erfolgreich&#8220; war, f\u00e4llt ebenso schwer wie leicht. Aus dem Blickwinkel emanzipatorischer und revolution\u00e4rer Politik betrachtet, sind Erfolg und Scheitern die Zwillinge desselben gesellschaftlichen Handels. Eine Trennung f\u00e4llt schwer, denn erfolgreich kann nur sein, was auch scheitern kann und darf. So gesehen war Goldman erfolgreich und scheiterte dabei zugleich.<\/p>\n<p>Sie wurde in am 27. Juni 1869 in Kovno, Russland\/Litauen, als Tochter eines j\u00fcdisch-russischen Ehepaares geboren und verbrachte ihre Kindheit in Kurland und K\u00f6nigsberg. 1882 zog sie mit ihren Eltern nach Petersburg, von wo aus sie zusammen mit ihrer \u00e4lteren Schwester Helene 1886 als Siebzehnj\u00e4hrige aus dem b\u00fcrgerlichen Elternhaus &#8222;ausbrach&#8220; und in die USA \u00fcbersiedelte. In New Haven und Rochester erlebte sie als Textilarbeiterin proletarische Lebensverh\u00e4ltnisse und begann ihre politische Sozialisation und Personalisation in der Arbeiterbewegung. Es ist die Zeit der Arbeiterk\u00e4mpfe in den USA. F\u00fcr den 1. Mai 1886 wird von den Gewerkschaften zum Generalstreik f\u00fcr den Achtstundentag ausgerufen und am 4. Mai 1886 wird erstmalig in den USA in Chicago auf dem Heumarkt (&#8222;Haymarket&#8220;) eine Bombe bei einer Arbeiterdemonstration geworfen, die mehrere Polizisten t\u00f6tete (vgl. Karasek (Hg) 1975; Nuhn 1992). Dies f\u00fchrte zur Verhaftung von acht Anarchisten, davon sechs deutsche Einwanderer, von denen f\u00fcnf zum Tode verurteilt wurden. Bereits wenige Jahre sp\u00e4ter stand fest, dass es sich bei den Verhafteten und Verurteilten um einen Justizirrtum handelte, der mehr oder weniger bewusst politisch inszeniert wurde.<\/p>\n<p>Dieses &#8222;Haymarket-Massaker&#8220; und die Hinrichtung von vier Anarchisten am 11. November 1887 &#8211; einer der Verurteilten, Louis Lingg, beging mit einer Patrone, die er im Mund z\u00fcndete, vorher Selbstmord &#8211; politisierte und radikalisierte weite Teile der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung. Unter dem Eindruck dieses Justizmordes und der ArbeiterInnenk\u00e4mpfte wurde die junge Emma Goldman zur militanten Anarchistin. Zwei Jahre sp\u00e4ter, 1889, lernte sie in New York, wo sie nun lebte, den ehemaligen deutschen Sozialdemokraten und jetzigen Anarchisten, Johann Most, kennen, der mit seiner Zeitschrift <em>Freiheit <\/em>zum Wortf\u00fchrer des damaligen militanten Anarchismus in den USA wurde. in diesem Zeitraum beginnt auch die lebenslange Freundschaft zu Alexander Berkman, der ebenfalls aus Russland in die USA emigrierte, dort zum Anarchisten wurde und gemeinsam bis zu seinem Freitod 1936 an der Seite Goldmans politisch &#8211; oftmals in ihrem Schatten &#8211; wirkte und bis heute zu einem der herausragenden Anarchisten aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts z\u00e4hlt (vgl. Berkman 1927, 1982). Am 23. Juli 1892 schoss Berkman den Industriellen Henry Clay Frick, der f\u00fcr ein Massaker an streikenden Stahlarbeitern und die Vertreibung aus ihren H\u00e4usern verantwortlich gemacht wurde, mit mehreren Pistolensch\u00fcssen nieder. Dieses Attentat wurde gemeinsam von Goldman und Berkman geplant. Berkman wurde verhaftet und zu 21 Jahren Kerker verurteilt, wurde aber vorzeitig nach 14 Jahren im Mai 1906<em> <\/em>wieder entlassen (seine<em> <\/em>Gef\u00e4ngniserinnerungen erschienen 1912 in New York und 1927 in Berlin auf Deutsch). Goldman tauchte erstmals unter. In den folgenden 1890er Jahren entwickelte sich Goldman immer mehr zu einer profilierten Rednerin der sozialrevolution\u00e4ren und anarchistischen Bewegung in den USA und wurde in diesem Zusammenhang auch immer wieder verhaftet und zu Kerker verurteilt. Ab Mitte der 1890er Jahre besucht sie zu Vortragsreisen zunehmend Europa (England, Frankreich, Schweiz, \u00d6sterreich) &#8211; sie spricht englisch, deutsch und russisch &#8211; und entwickelt sich auch hier zu einer wortgewaltigen Agitatorin der ArbeiterInnen- und Frauenbewegung.<\/p>\n<p>Als der aus Polen stammende anarchistische Einzelt\u00e4ter Leon Czoigocz 1901 in Buffalo den amerikanischen Pr\u00e4sidenten McKinley erschoss, wurde auch Goldman, die dieses Attentat ablehnte und nichts damit zu tun hatte, verhaftet. In dem nach diesem Mord einsetzenden Klima der Radikalenverfolgung in den USA arbeitete Goldman von 1901 bis 1903 als Pflegerin und N\u00e4herin unter falschem Namen (&#8222;Miss Smith&#8220;) und zog sich aus der politischen Arbeit zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Zusammen mit Berkman, der 1906 aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen wurde, gr\u00fcndet sie in diesem Jahr ihre Monatszeitschrift <em>Mother Earth, <\/em>die bis zu ihrer Abschiebung in die UdSSR 1917 zum wichtigsten Organ der anarchistischen Bewegung in den USA wurde. Sie wurde wieder zur &#8222;\u00f6ffentlichen&#8220; Person, trat als politische Rednerin in Erscheinung und unternahm zahlreiche Vortragstouren in den USA und in Europa, wo sie u.a. 1917 als Delegierte am Zweiten Anarchistenkongress in Amsterdam mitwirkt. In den USA wird sie immer wieder verhaftet, verh\u00f6rt und eingesperrt. In diesen Zeitraum f\u00e4llt auch ihr p\u00e4dagogisches und bildungspolitisches Interesse. Sie engagierte sich ab etwa 1909 zusammen mit anderen AnarchistInnen f\u00fcr eine libert\u00e4re Alternativschulbewegung im Anschluss an die Ermordung des spanischen Reformp\u00e4dagogen Franciso Ferrer 1909 und inspirierte eine Schulreformbewegung mit zahlreichen Ferrer-Schulgr\u00fcndungen in der Folgezeit (Klemm 2004).<\/p>\n<p>Das vielleicht interessanteste biographische Dokument ihres ereignisreichen und bewegten Lebens ist der erotische Briefwechsel aus diesem Zeitraum mit dem Arzt Ben Reitman, der 1974 zuf\u00e4llig entdeckt und von Candace Falk in einer Biographie verarbeitet wurde (Falk 1984). Diese dort dokumentierte leidenschaftliche Beziehung zu Ben Reitman, der in den USA auch als &#8222;K\u00f6nig der Hobos&#8220; (Tippelbr\u00fcder) bekannt wurde, dauerte von 1908 bis 1917 und spielt in Goldmans privatem wie auch politischem Leben eine zentrale Rolle. Sie schreibt selbst: &#8222;Wenn unser Briefwechsel je ver\u00f6ffentlicht werden sollte, w\u00fcrde die Welt schlechthin entsetzt sein, dass ich, die verwegene Emma Goldman, die \u00fcberzeugte Revolution\u00e4rin, die Frau, die alle Gesetze und Konventionen spottet, sich so hilflos wie ein Schiffswrack auf einem w\u00fctenden Ozean geb\u00e4rdet&#8220; (in: Falk 1989, S. 11). Goldman, die das Ideal der &#8222;Freien Liebe&#8220; propagierte, wird, so Falk, hier zur &#8222;Sklavin ihrer Leidenschaft&#8220; (ebd. S. 13).<\/p>\n<p>Seit Ausbruch des I. Weltkrieges engagiert sie sich als aktive Antimilitaristin und gr\u00fcndet zusammen mit Berkman die &#8222;No Conscription League&#8220;, die 1917 verboten wird. Berkman und Goldman werden in diesem Jahr wegen &#8222;antimilitaristischer Umtriebe&#8220; verhaftet und kommen f\u00fcr zwei Jahre ins Gef\u00e4ngnis. 1919 findet die Deportation zusammen mit anderen russischst\u00e4mmigen AnarchistInnen in die UdSSR statt. Die Begeisterung f\u00fcr dieses &#8222;gelobte&#8220; Land war bei den anarchistischen Sozialrevolution\u00e4rInnen zu diesem Zeitpunkt zun\u00e4chst noch gro\u00df. Die Ern\u00fcchterung \u00fcber die repressive und totalit\u00e4re Politik kam jedoch alsbald. Nach der Niederschlagung der Kronstadter Matrosen-Rebellion von 1921 und der Zerschlagung der ukrainisch-anarchistischen Freiheitsbestrebungen von Nestor Machno, verlassen Goldman und Berkman die UdSSR 1921 und gehen zun\u00e4chst nach Berlin. 1922 erscheint im deutschen Verlag <em>Der Syndikalist <\/em>ihre Abrechnung mit dem Sowjetischen Regime unter dem Titel <em>Die Ursachen des Niedergangs der Russischen Revolution <\/em>mit einem Vorwort ihres Freundes Rudolf Rocker (Goldman 1922). Sie heiratet formal den Minenarbeiter James Colton aus Wales, um die britische Staatsb\u00fcrgerschaft zu bekommen und unternimmt wieder zahlreiche Vortragsreisen durch Europa und Kanada. Ihr langj\u00e4hriger Freund und politischer Weggef\u00e4hrte, Alexander Berkman, lebt verarmt und staatenlos in Frankreich, erkrankt an einem Krebsleiden und begeht am 27. Juni 1936 Selbstmord. F\u00fcr Goldman, die mehrmals verheiratet war und \u00fcber einen gro\u00dfen m\u00e4nnlichen Bekanntenkreis verf\u00fcgte, war Berkman vermutlich der wichtigste (politische) Mensch in ihrem Leben gewesen. Das Duo Goldman-Berkman, die beide aus russisch-j\u00fcdischen Familien stammten, beide in den 1880er Jahren in die USA auswanderten und beide dort \u00fcber den Deutschen Johann Most und die &#8222;Haymarket- Trag\u00f6die&#8220; politisiert wurden, z\u00e4hlt zu den wichtigsten &#8222;Motoren&#8220; der anarchistischen Bewegung in Nordamerika und Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die letzten Jahre ihres Lebens engagierte sie sich mit aller Kraft f\u00fcr die AnarchistInnen im Spanischen B\u00fcrgerkrieg (1936-1939). Sie stirbt am 14. Mai 1940 im Alter von siebzig Jahren nach einem Schlaganfall auf einer Vortragsreise in Toronto und wurde in Chicago, dem Ort der dramatischen Arbeiterk\u00e4mpfe in den sp\u00e4ten 1880er<em> <\/em>Jahren, beigesetzt. \u00dcberblicken wir heute das Leben Goldmans, dann k\u00f6nnen wir ihrem Freund und Biographen Rudolf Rocker zustimmen, der 1922 im Vorwort zu ihrer Schrift \u00fcber die Russische Revolution schrieb: &#8222;Unter den propagandistischen Vertretern der modernen anarchistischen Bewegung ist Emma Goldman zweifellos eine der hervorragendsten und eigenartigsten Pers\u00f6nlichkeiten &#8211; ein gro\u00df angelegter Charakter&#8220; (Rocker 1922, S. 3).<\/p>\n<h3>Emma Goldman und die <em>Ferrer-Bewegung <\/em>in den USA<\/h3>\n<p>Goldman z\u00e4hlt zusammen mit Leonhard Abbott, Alexander Berkman und Voltairine de Cleyre zu jenem Kreis von AnarchistInnen in den USA, die unmittelbar nach dem Tod des spanischen Reformp\u00e4dagogen Francisco Ferrer eine <em>Ferrer-Schulbewegung <\/em>initiierten.<\/p>\n<p>Goldman interessierte sich bereits einige Jahre zuvor f\u00fcr anarchistische Schulprojekte und besuchte 1900 den anarchistischen Lehrer Paul Robin in seiner Waisenhaus-Schule in Cempuis in Frankreich und 1907, auch in Frankreich, die anarchistische Schule &#8222;La Ruche&#8220; von S\u00e9bastian Faure (Goldman 1907), \u00fcber die sie schrieb: &#8222;My visit to La Ruche was a valuable experience that made me realize<em> <\/em>how much could be done, even under the present system, in the way of libertarian education&#8220; (zitiert nach Avrich 1980, S. 39). Faure gilt zusammen mit Francisco Ferrer und dem Franzosen Jean Robin zu den Klassikern einer libert\u00e4ren Reformp\u00e4dagogik ab Ende des 19. Jahrhunderts, die die libert\u00e4ren Ideen von Gleichheit, Rationalit\u00e4t und Freiheit in p\u00e4dagogische Modelle umsetzten (vgl. Grunder 1993, Klemm 2004). In ihrer Zeitschrift <em>Mother Earth <\/em>erscheinen von ihr (z.B. Goldman 1906, 1907, 1909) und von anderen p\u00e4dagogisch orientierten Libert\u00e4ren (z.B. Abbott 1911, hier 1988) immer wieder Beitr\u00e4ge grunds\u00e4tzlicher Art \u00fcber das Wesen einer libert\u00e4ren Erziehung und Bildung und machten <em>Mother Earth <\/em>zu einem wichtigen Kommunikationsorgan libert\u00e4rer Bildungs- und Erziehungsalternativen in den USA. Ein Aufsatz von Voltairine de Cleyre \u00fcber Ferrer erschien in deutscher \u00dcbersetzung in der von Gustav Landauer herausgegeben Zeitschrift <em>Der Sozialist <\/em>1914 in f\u00fcnf Folgen (Cleyre 1914). Eine Reihe weiterer Beitr\u00e4ge aus <em>Mother Earth <\/em>von Goldman, Berkman und de Cleyre erschienen als \u00dcbersetzungen in <em>Der Sozialist <\/em>in der Zeit vor dem I. Weltkrieg.<\/p>\n<p>Einen grunds\u00e4tzlichen Beitrag zur P\u00e4dagogik Ferrers ver\u00f6ffentlichte Goldman in ihrem Essayband &#8222;Anarchism and other Essays&#8220; (1911, hier 1969(a), S. 145-166).<\/p>\n<p>Diese Ferrer-Schul-Bewegung in den USA tr\u00e4gt in den ersten Jahren die Handschrift Goldmans als Mitinitiatorin und dokumentiert ihr bildungspolitisches Engagement, das gleichrangig &#8211; wenn auch nicht so kontinuierlich &#8211; zu ihrem Engagement f\u00fcr die Gleichberechtigung der Frauen zu sehen ist. Die Bildungs- und Frauenpolitik haben bei Goldman denselben Ursprung im anarchistischen Denken von Freiheit und Gleichheit des Menschen. Obgleich Goldman nur selten im eigentlich p\u00e4dagogischen Sinne mit Kindern t\u00e4tig war, m\u00fcssen wir sie im Kontext der libert\u00e4ren Reformp\u00e4dagogik zu Beginn des 20. Jahrhundert diskutieren und als Repr\u00e4sentantin der amerikanischen Alternativschulbewegung w\u00fcrdigen. Ein erster Ansatz hierzu im deutschsprachigen Diskurs erfolgte 1988 durch Hans-Ulrich Grunder in seiner Studie \u00fcber weibliche Bildung (Grunder 1988).<\/p>\n<p>F\u00fcr Goldman sind es vor allem zwei p\u00e4dagogische Elemente, die ihr libert\u00e4res Konzept definieren: Einmal der Emanzipationsgedanke in der Erziehung von Jungen und M\u00e4dchen und zweitens die Zwangsstrukturen der Schulen, die als Bildungsinstitution Herrschaft aus\u00fcben, wo Freiheit notwendig w\u00e4re: Schule als Ort des Drills und Erziehung als Instrument der Manipulation. Damit steht sie in der Tradition libert\u00e4rer P\u00e4dagogen wie Faure, Robin und Ferrer, die eine rationale, ganzheitliche und koedukative Bildung anstreben.<\/p>\n<h3>Emma Goldman &#8211; eine &#8222;erfolgreiche&#8220; Frau?<\/h3>\n<p>Das Pr\u00e4dikat &#8222;erfolgreich&#8220; ist &#8211; und dies erscheint als Trivialit\u00e4t &#8211; relativ. In diesem Sinne ist Goldmans Leben &#8222;sowohl als auch&#8220; erfolgreich. Erfolgreich aus dem Blickwinkel etablierter gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse war sie als Anarchistin bestimmt nicht: Die &#8222;rote Emma&#8220; war vorbestraft, des Landes verwiesen und wurde einmal als &#8222;gef\u00e4hrlichste Frau der USA&#8220; bezeichnet. Sie war mehrmals verheiratet, pflegte die &#8222;freie Liebe&#8220; und setzte sich f\u00fcr Schwangerschaftsunterbrechung ein.<\/p>\n<p>Erfolgreich war sie auch nicht im traditionell-privaten Sinne: Sie hatte keine Familie mit Kindern und Enkeln, die sich um Mutter und Oma sorgten und sie lebte auch nicht mit einem &#8222;treu liebenden&#8220; Ehemann &#8222;bis ans Ende des Lebens&#8220; gl\u00fccklich zusammen. Und auch im wirtschaftlichen Sinne war sie wenig erfolgreich: Sie hatte weder ein Verm\u00f6gen noch ein Haus noch eine karriereorientierte Berufsbiographie oder Ausbildung. Sie lebte oft von der Hand in den Mund und befand sich einen Gro\u00dfteil ihres Lebens auf der Flucht, im Gef\u00e4ngnis, auf anstrengenden Vortragsreisen oder in der Auseinandersetzung mit politischen Gegnern. Urlaub und Freizeit kannte sie nicht.<\/p>\n<p>Was ist also das &#8222;Erfolgreiche&#8220; in ihrem Leben? Sie war und ist erfolgreich im politisch-emanzipatorischen Sinne. Sie hat den herrschenden Verh\u00e4ltnissen auf die &#8222;Finger geklopft&#8220;.<\/p>\n<p>Sie konnte sie zwar unmittelbar nicht ver\u00e4ndern, sie hinterlie\u00df jedoch nachhaltige Spuren als Frauenrechtlerin, als Bildungspolitikerin und als Revolution\u00e4rin. Sie war jedoch keine Theoretikerin und hinterlie\u00df auch kein publizistisches &#8222;Lebenswerk&#8220;, das in die &#8222;Gro\u00dfe Bibliothek des 20. Jahrhunderts&#8220; eingeordnet werden k\u00f6nnte. Ihre Publikationen waren Kampf- und Agitationsschriften. Sie war eine Frau des Wortes, nicht der Schrift.<\/p>\n<p>Sie konnte Menschen f\u00fcr die Freiheit &#8222;face to face&#8220; begeistern, sie gab Menschen Mut, sich f\u00fcr ihre Belange gegen\u00fcber herrschenden Dritten zu wehren.<\/p>\n<p>Wir sp\u00fcren bei Goldman neben ihrem Mut aber auch so etwas wie Demut vor dem Leben und der Freiheit des Menschen. Sie litt vermutlich auch &#8211; und dies sehen wir besonders in ihren Liebesbriefen &#8211; unter der Dynamik und Erwartungshaltung ihrer Popularit\u00e4t. Ihre politische und kognitive St\u00e4rke und Disziplin machte sie einerseits erfolgreich und ber\u00fchmt und andererseits verarmte ihre emotionale Seite. Als P\u00e4dagogin in einer vor ihr mitbegr\u00fcndeten Ferrer-Schule w\u00e4re sie vielleicht fehl am Platz gewesen. Die Fotos, die wir von ihr kennen, zeigen keine lachende Emma Goldman. Sie wirkte stets ernst, konzentriert und angespannt. Auf einem Foto von 1938 &#8211; zwei Jahre vor ihrem Tod &#8211; im Kreise spanischer CNT-FAI-Genossen w\u00e4hrend des spanischen B\u00fcrgerkrieges hinterl\u00e4sst dieser ernste Gesichtsausdruck einen ersch\u00f6pften und verbitterten Eindruck (vgl. Falk 1987, Foto Nr. 39\/41). Ist dies der Preis einer &#8222;erfolgreichen&#8220; Revolution\u00e4rin, die f\u00fcr Generationen von M\u00e4nnern und Frauen zum Vorbild wurde?<\/p>\n<p>Goldman ist im 20. Jahrhundert zu einer Ikone des Widerstands gegen Unterdr\u00fcckung und Tyrannei geworden.<\/p>\n<p>Sie lebte ihr Leben stolz, aufrecht, mutig und dem\u00fctig. Sie z\u00e4hlt zu den gro\u00dfen Pers\u00f6nlichkeiten des 20. Jahrhunderts und verdient Beachtung als Frau und Revolution\u00e4rin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als &#8222;Anarchafeministin&#8220; pr\u00e4gte sie zusammen mit anderen Anarchistinnen wie etwa der Amerikanerin und Zeitgenossin Voltairine des Cleyre (1866-1912), der geb\u00fcrtigen Ukrainerin Milly Witkop-Rocker (1877-1955) oder der Franz\u00f6sin Louise Michel (1830-1905) libert\u00e4re Positionen f\u00fcr den Feminismus des 20. Jahrhunderts. Dar\u00fcber hinaus &#8211; und dieser Aspekt ihres Lebens ist in Deutschland noch wenig diskutiert &#8211; engagierte sie &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/01\/emma-goldman-anarchistin-und-padagogin\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Emma Goldman - Anarchistin und P\u00e4dagogin - graswurzelrevolution","description":"Als \"Anarchafeministin\" pr\u00e4gte sie zusammen mit anderen Anarchistinnen wie etwa der Amerikanerin und Zeitgenossin Voltairine des Cleyre (1866-1912), der geb\u00fcrti"},"footnotes":""},"categories":[465,1038,1042],"tags":[],"class_list":["post-7865","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-315-januar-2007","category-kleine-unterschiede","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7865","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7865"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7865\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7865"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}