{"id":7881,"date":"2007-01-01T00:00:45","date_gmt":"2006-12-31T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7881"},"modified":"2022-07-26T13:56:46","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:46","slug":"alfred-schobert-1963-%e2%80%a0-2006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/01\/alfred-schobert-1963-%e2%80%a0-2006\/","title":{"rendered":"Alfred Schobert (* 1963 \u2020 2006)"},"content":{"rendered":"<p>Zum Thema dieses Werkes fand 1999 auch im westf\u00e4lischen M\u00fcnster eine (von der Graswurzelrevolution-Redaktion und dem Infoladen Bankrott mitorganisierte) Veranstaltung statt, Referent: Alfred Schobert. Schon zu dieser Zeit war der Sch\u00fcler Jacques Derridas und Mitarbeiter des <em>Duisburger Institut f\u00fcr Sprach- und Sozialforschung<\/em> (DISS) ein bundesweit gefragter Redner und Podiumsdiskussionsteilnehmer.<\/p>\n<p>Anfang 2001 ergab sich wieder die Gelegenheit, Alfred nach M\u00fcnster einzuladen.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend sa\u00dfen wir wieder lange zusammen, und Alfred mokierte sich zu Recht \u00fcber einen problematischen Artikel in der Graswurzelrevolution (GWR) Nr. 256. Nun konnte ich ihn dazu bewegen, seinen ersten Artikel f\u00fcr unser Blatt zu schreiben: &#8222;Finkelstein auf den Leim gegangen&#8220; erschien im M\u00e4rz 2001 in der GWR 257.<\/p>\n<p>Alfred war ein Vielschreiber. Er publizierte zum Beispiel im <em>Freitag<\/em>, im <em>Antifa-Infoblatt<\/em>, in <em>Der Rechte Rand<\/em>, im <em>Argument<\/em>, in der <em>kultuRRevolution, <\/em>im <em>DISS-Journal, <\/em>in der <em>J\u00fcdischen Allgemeinen Wochenzeitung, <\/em>und zuletzt auch im <em>Neuen Deutschland<\/em> und in<em> Konkret.<\/em> F\u00fcr die <em>Graswurzelrevolution<\/em> hat er von M\u00e4rz 2001 bis Februar 2005 achtzehn herausragende Texte (davon acht Leitartikel) geschrieben. Auf <a href=\"\/\">www.graswurzel.net<\/a> und in den Ausgaben der GWR finden sich zudem zig Beitr\u00e4ge, die sich auf seine Texte beziehen.<\/p>\n<p>Einer seiner wichtigsten war vielleicht der im Februar 2002 erschienene GWR 266-Leitartikel &#8222;Linke Bellizisten auf Gespensterjagd. Milit\u00e4rpolitische Normalisierung mit Antisemitismus- und Antiamerikanismus-Vorw\u00fcrfen&#8220;, mit dem er \u00f6ffentlich den Bruch mit seinen ehemaligen KollegInnen bei der <em>Jungle World<\/em> vollzog. Nach den Terroranschl\u00e4gen vom 11. September 2001 propagierte die <em>Jungle World<\/em>-Redaktion den &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220;. Diesen offen kriegstreiberischen Kurs der von Alfred als &#8222;Rumsfeld-Linke&#8220; charakterisierten Schreiberlinge konnte der \u00fcberzeugte Antimilitarist nicht mittragen.<\/p>\n<p>Alfred: <em>&#8222;Konstitutiv f\u00fcr eine Vorkriegszeit ist die Formierung einer publizistischen Kriegs-&#8218;Partei&#8216;, die vermittelt \u00fcber die \u00d6ffentlichkeit den Souver\u00e4n auf den anstehenden Krieg einschw\u00f6rt. Dieser Prozess begann unmittelbar, nachdem die Bilder der einst\u00fcrzenden Twin Towers und des schwer besch\u00e4digten Pentagons \u00fcber die Bildschirme gegangen, ein Drahtzieher f\u00fcr die Akte exterministischen Terrors \u00f6ffentlich benannt und damit erste milit\u00e4rische Angriffsziele bestimmbar waren. (&#8230;) Nun will ich nicht \u00f6ffentlich thematisieren, was es mir bedeutet, wenn eine Zeitung, f\u00fcr die ich &#8211; mit einer l\u00e4ngeren Unterbrechung &#8211; seit ihrer Gr\u00fcndung geschrieben habe, nun unter lautem und meist haltlosem &#8218;Antisemitismus&#8216;- und &#8218;Antiamerikanismus&#8216;-Geschrei f\u00fcr den Krieg &#8218;der Zivilisation gegen die Barbarei&#8216; mobil macht, wie entt\u00e4uschend das ist usw. <\/em><\/p>\n<p><em>Das schmerzt, doch das geh\u00f6rt nicht hierher. Allerdings frage ich mich, was an der j\u00fcngeren linken Antisemitismus-Debatte, zu der ja auch diese Artikel geh\u00f6ren, insgesamt vielleicht falsch gelaufen ist, so dass sie zu den hier kritisierten Resultaten gef\u00fchrt hat. Dar\u00fcber wird in naher Zukunft diskutiert werden m\u00fcssen, wenn jemand die Mu\u00dfe und die Nerven hat, die linken Debattentexte zu analysieren (einige sind, das sagt mir mein Ged\u00e4chtnis spontan, wirklich schauderhaft, wahllose Antisemitismus-Vorw\u00fcrfe sind nicht neu, und manche Ausf\u00e4lle werden retrospektiv kenntlicher).<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr die m.E. auch jetzt weiterhin n\u00f6tige kritische Thematisierung von Antisemitismus wird das Terrain dadurch jedenfalls unwegsamer.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Nachdem er w\u00e4hrend des Kongresses zum drei\u00dfigsten Geburtstag der <em>Graswurzelrevolution<\/em> im Juni 2002 in M\u00fcnster einen Vortrag \u00fcber &#8222;Deutsche Normalisierung und Krieg&#8220; gehalten hatte, engagierte sich Alfred auch als Mitherausgeber unserer Zeitschrift, war aber von einer internen E-Mail-Diskussion so genervt, dass er seine GWR-Mitherausgeber- und Autorenschaft schlie\u00dflich ab M\u00e4rz 2005 auf Eis legte.<\/p>\n<p>Das hielt ihn aber nicht davon ab, weiterhin jede Ausgabe nach Erscheinen am Telefon zu diskutieren.<\/p>\n<p>Die Gespr\u00e4che mit Alfred dauerten oft Stunden, wobei wir Politisches, Pers\u00f6nliches und gelegentlich auch so Banales wie den neuesten &#8222;M\u00fcnster-Tatort&#8220; aufs Tapet holten. Einmal warf er mir vor, dass ich immer noch jeden Tag die im Zusammenhang mit dem NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999 zum gr\u00fcnen Kriegstreiberblatt mutierte <em>taz<\/em> lese.<\/p>\n<p>Meine Antwort: &#8222;Ja, Alfred, aber Du liest doch noch viel \u00fcblere Zeitungen!&#8220;<\/p>\n<p>Dann mussten wir herzlich lachen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich schreckte Alfred nicht davor zur\u00fcck, inkognito in Paris und Marseille rechte Buchl\u00e4den zu besuchen, um dort Publikationen der franz\u00f6sischen Rechten zu erstehen und diese dann anschlie\u00dfend akribisch zu analysieren.<\/p>\n<p>Er am\u00fcsierte sich dar\u00fcber, dass die rechtsextremen Buchh\u00e4ndler ihn f\u00fcr einen &#8222;Kameraden&#8220; hielten und ihm entsprechendes Material verkauften.<\/p>\n<p>Wegen seiner Forschungsarbeiten \u00fcber die rechte Szene und Zeitungen wie zum Beispiel die <em>Junge Freiheit<\/em> war er in den letzten Jahren Angriffen und Morddrohungen aus dem rechtsextremen Lager ausgesetzt.<\/p>\n<p>Ende Oktober hatte er mir noch eine Mail geschickt, in der er mir seine Rechercheergebnisse zu einem Nazi \u00fcbermittelte, der die GWR mit seinen (nie ver\u00f6ffentlichten) &#8222;Leserbriefen&#8220; bombardiert hatte.<\/p>\n<p>Um so verwunderter war ich, dass sich Alfred nach Erscheinen der im November 2006 herausgekommenen GWR 313 nicht bei mir meldete. Schlie\u00dflich enth\u00e4lt diese Ausgabe ein Interview mit dem Friedensforscher Johan Galtung, das er sicher \u00e4hnlich problematisch h\u00e4tte finden m\u00fcssen wie ich.<\/p>\n<p>Alfred war am 18. November gestorben, nachdem er zwei Wochen zuvor eine Hirnblutung erlitten hatte und ins k\u00fcnstliche Koma gelegt worden war.<\/p>\n<p>Sein Freund Siegfried J\u00e4ger hat f\u00fcr diese Ausgabe unserer Zeitschrift einen bewegenden Nachruf verfasst.<\/p>\n<p>Wir haben mit Alfred einen unserer scharfsinnigsten Autoren verloren. Er war ein gro\u00dfartiger, humorvoller und manchmal auch schwieriger Freund, der sich nie selbst als Anarchist etikettierte, aber vielleicht herrschaftsfreier dachte als die meisten Libert\u00e4ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Thema dieses Werkes fand 1999 auch im westf\u00e4lischen M\u00fcnster eine (von der Graswurzelrevolution-Redaktion und dem Infoladen Bankrott mitorganisierte) Veranstaltung statt, Referent: Alfred Schobert. Schon zu dieser Zeit war der Sch\u00fcler Jacques Derridas und Mitarbeiter des Duisburger Institut f\u00fcr Sprach- und Sozialforschung (DISS) ein bundesweit gefragter Redner und Podiumsdiskussionsteilnehmer. Anfang 2001 ergab sich wieder die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/01\/alfred-schobert-1963-%e2%80%a0-2006\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Alfred Schobert (* 1963 \u2020 2006) - graswurzelrevolution","description":"Zum Thema dieses Werkes fand 1999 auch im westf\u00e4lischen M\u00fcnster eine (von der Graswurzelrevolution-Redaktion und dem Infoladen Bankrott mitorganisierte) Veranst"},"footnotes":""},"categories":[465,1025,59,1033],"tags":[],"class_list":["post-7881","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-315-januar-2007","category-die-waffen-nieder","category-graswurzelrevolution","category-so-viele-farben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7881","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7881"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7881\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7881"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7881"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7881"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}