{"id":7883,"date":"2007-01-01T00:00:43","date_gmt":"2006-12-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7883"},"modified":"2022-07-26T13:56:46","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:46","slug":"alfred-schobert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/01\/alfred-schobert\/","title":{"rendered":"Alfred Schobert"},"content":{"rendered":"<h3>Eine Stimme von anderswo<\/h3>\n<p>Anfang November erschien ein fulminanter Aufsatz von Alfred Schobert, mit dem Titel: &#8222;Eine Stimme von anderswo. &#8218;Das Messianische&#8216; und die Politik im Werk Jacques Derridas der 90er Jahre&#8220;. ((1)) Alfred Schobert hat das Buch, das diesen erweiterten Vortragstext enth\u00e4lt, zwar noch in die H\u00e4nde bekommen. Er ist am 18. November im Alter von 43 Jahren gestorben.<\/p>\n<p>Doch wir h\u00f6ren noch seine Stimme, ihren rheinischen Klang, wie ein Kollege aus Erlangen meinte; und wir werden diesen Klang noch lange h\u00f6ren, besonders aber, was er in diesem Klang mitzuteilen hatte.<\/p>\n<h3>Unbekannt bekannt<\/h3>\n<p>&#8222;Alfred war eine der luzidesten Intellektuellen der Bundesrepublik, aber auch einer der Unbekanntesten&#8220;, so \u00e4u\u00dferte sich Moshe Zuckermann, der Freund und Gespr\u00e4chspartner von der Universit\u00e4t Tel Aviv. Und damit hatte er Recht und Unrecht zugleich. Unrecht insofern, als Alfred als politischer Kopf und engagierter Anti-Faschist in den Initiativen gegen Rechts in ganz Deutschland und dar\u00fcber hinaus durch seine Vortr\u00e4ge und Artikel bekannt und angesehen war. Recht aber insofern, als er, der Sch\u00fcler von Jacques Derrida, sich vom deutschen akademischen Wissenschaftsbetrieb bewu\u00dft fernhielt. Das hatte Gr\u00fcnde: Dieser &#8222;Betrieb&#8220;, den er als Projektmitarbeiter in der Rheinisch-Westf\u00e4lischen Hochschule f\u00fcr Technik in Aachen (RWTH Aachen) aus n\u00e4chster N\u00e4he kennengelernt hatte, \u00e4rgerte ihn ma\u00dflos, weil er &#8211; teilweise am eigenen Leib erfahrend &#8211; die Scharlatanerie und den Opportunismus vieler Professoren und akademischer Esel, ihre Dumpfheit und Kurzsichtigkeit, die Wissens- und Kritikfeindlichkeit der heutigen Universit\u00e4t insgesamt zutiefst mi\u00dfbilligte und sp\u00f6ttisch anprangerte. Er hat trotz des umfangreichen Werkes, das er hinterl\u00e4sst, wohl in keiner einzigen akademischen Institution irgendetwas ver\u00f6ffentlicht, mit der Ausnahme einzelner Periodika des linken Spektrums wie des <em>Arguments<\/em>, der <em>Graswurzelrevolution<\/em>, der <em>kultuRRevolution<\/em> oder auch der Schriftenreihen und der <em>Archivnotizen<\/em> des Duisburger Instituts f\u00fcr Sprach und Sozialforschung (DISS). ((2))<\/p>\n<h3>Scharfer, manches Mal schonungsloser Kritiker und liebevoller Freund<\/h3>\n<p>Dieses Werk umfasst neben neun B\u00fcchern, an denen er sich als Autor und\/oder Herausgeber beteiligte, weit \u00fcber 30 fundierte wissenschaftliche Abhandlungen in Zeitschriften und Sammelb\u00e4nden und eine F\u00fclle von \u00dcbersetzungen wissenschaftlicher Artikel besonders aus dem Franz\u00f6sischen und Englischen, sowie eine F\u00fclle von Buchbesprechungen und Rezensionen sowie Artikeln in Zeitschriften und Zeitungen.<\/p>\n<p>Zu seinen Hauptarbeitsgebieten z\u00e4hlten Parteien, Organisationen und Publizistik der extremen Rechten; Antisemitismus und Antizionismus; Geschichtspolitik und &#8222;Normalisierung&#8220;; rechtsextreme Musik-Subkulturen und die Globalisierungskritik von rechts. ((3))<\/p>\n<p>Alfred war gefragter Interviewpartner in Radio, Fernsehen und politischen Magazinen und Wochenzeitungen (so in der <em>Allgemeinen j\u00fcdischen Wochenzeitung<\/em>, im <em>Freitag<\/em>, der <em>Jungle World<\/em>, <em>Konkret<\/em>, <em>Neues Deutschland<\/em>, <em>Der Rechte Rand<\/em> u.a.). Er beteiligte sich an internationalen wissenschaftlichen, politischen und k\u00fcnstlerischen Projekten (so seit Beginn der 90er Jahre empirisch arbeitend oder auch beratend an den meisten Projekten des DISS, am Jahresprojekt 2001 der Kokerei Zollverein &#8222;Arbeit Essen Angst&#8220;, an den Jahresprojekten 2002 und 2003 &#8222;Campus&#8220; und &#8222;Die offene Stadt&#8220; der Kokerei Zollverein sowie an der Vorbereitung der internationalen Kulturausstellung &#8222;Manifesta&#8220; auf Zypern.<\/p>\n<p>Seit Anfang der 90er Jahre arbeitete Alfred als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Duisburger Institut f\u00fcr Sprach- und Sozialforschung (DISS), in dem er seine wissenschaftliche und politische Heimat gefunden hatte. Dort war er nicht nur engagierter Mitarbeiter und immer auch scharfer und manches Mal auch schonungsloser Kritiker, sondern zugleich auch immer ein liebevoller Freund. Einen Tag in der Woche arbeitete er im umf\u00e4nglichen Archiv des DISS, wobei er sich in den letzten Jahren besonders dem Aufbau des frankophonen Bereichs des Archivs widmete, als Voraussetzung der Durchf\u00fchrung eines internationalen Projektes zum Bild der Juden in rechtschristlichen Publikationen. Hier war er Motor und Spiritus Rector des Projekt-Designs. Zugleich arbeitete er im Beirat des DISS, in dem er immer wieder f\u00fcr wichtige Impulse und Weichenstellungen sorgte, sowie als Mitherausgeber der EditionDISS im M\u00fcnsteraner Unrast-Verlag. Sein besonderes Interesse galt dem &#8222;AK Rechts&#8220;, in dem es ihm fortlaufend um die Kartierung und akribische Recherche rechtsextremer und rechtskonservativer internationaler Entwicklungen und Netzwerke ging. Ein wichtiger Schwerpunkt seiner Arbeit war die Beobachtung der Organisationen und Publikationen der extremen Rechten in Frankreich und deren Einfluss auf die deutsche rechte Szene, z.B. \u00fcber den franz\u00f6sischen Schriftsteller und Pseudo-Philosophen Alain de Benoist, der st\u00e4ndiger Mitarbeiter der extremen rechten Zeitung <em>Junge Freiheit<\/em> ist, an deren fortlaufender Kritik sich Alfred st\u00e4ndig beteiligte. ((4))<\/p>\n<h3>Linker Privatgelehrter<\/h3>\n<p>Neben diesen Aktivit\u00e4ten und sogar in erster Linie war Alfred Privatgelehrter &#8211; vielleicht sogar Privatgelehrter alten Stils, leider ohne die pekuni\u00e4re Absicherung, die dieser Typ in der Regel genie\u00dfen konnte. Seine Armut interessierte ihn nur, wenn er keinen Cent mehr in der Tasche hatte. So m\u00f6chte ich es als geradezu tragisch bezeichnen, dass er endlich eine Stelle auf einige Jahre hin im DISS in Aussicht hatte, als er geradezu aus heiterem Himmel verstarb.<\/p>\n<h3>Keine Gerechtigkeit ohne Verantwortlichkeit jenseits jeder lebendigen Gegenwart<\/h3>\n<p>Alfreds Analysen und Kritiken galten als messerscharf, seine Stimme als durchdringend, wenn auch nie als laut; durchdringend deshalb, weil er etwas zu sagen hatte. Er schonte auch linke Autoren und Aktivisten nicht, wenn er ihren Aussagen und Texten undifferenziertes Schwarz-Wei\u00df-Denken nachweisen musste und zieh sie durchaus einmal eines &#8222;bin\u00e4ren Reduktionismus&#8220;.<\/p>\n<p>Wie sein Lehrer Derrida, als dessen bester Kenner Alfred in Deutschland galt, und bei dem er in Paris studiert hatte, erkannte Alfred die &#8222;Gespenster&#8220;, &#8222;Marx Gespenster&#8220;, bei denen es nicht um irgendwelche Gespenster aus irgendwelchen Schauergeschichten geht, sondern um Gespenster im Sinne von &#8222;gewissen <em>anderen<\/em>, die nicht gegenw\u00e4rtig sind, nicht gegenw\u00e4rtig lebend, weder f\u00fcr uns noch in uns, noch au\u00dfer uns.&#8220; (Derrida) Er tue dies, so f\u00e4hrt Alfred nach diesem Zitat in dem erw\u00e4hnten Artikel \u00fcber die &#8222;Stimmen von anderswo&#8220; fort, &#8222;im Namen der Gerechtigkeit&#8220; &#8211; da gehe es um Gerechtigkeit zwischen den Generationen, Gerechtigkeit gegen\u00fcber den Vergangenen, Gerechtigkeit gegen\u00fcber den noch Kommenden. Und er zitiert Derrida weiter:<\/p>\n<p>&#8222;Keine Gerechtigkeit scheint m\u00f6glich oder denkbar ohne das Prinzip einiger <em>Verantwortlichkeit<\/em> jenseits jeder <em>lebendigen<\/em> <em>Gegenwart<\/em>, in dem, was die lebendige Gegenwart zerteilt, vor den Gespenstern jener, die noch nicht geboren oder schon gestorben sind, seien sie nun Opfer oder nicht von Kriegen, von politischer oder anderer Gewalt, von nationalistischer, rassistischer, kolonialistischer, sexistischer oder sonstiger Vernichtung, von Unterdr\u00fcckungsma\u00dfnahmen des imperialistischen Kapitalismus oder irgendeiner Form von Totalitarismus&#8220;. ((5))<\/p>\n<p>Solche <em>Verantwortlichkeit jenseits jeder lebendigen Gegenwart <\/em>hat Alfreds Denken und Trachten immer bestimmt.<\/p>\n<p>Den zehn &#8222;Wunden&#8220; der aus den Fugen geratenden &#8222;neuen Weltordnung&#8220; (von der Bush der \u00c4ltere spricht), diesen zehn Wunden, die Derrida aufz\u00e4hlt, galt Alfreds st\u00e4ndige Aufmerksamkeit. Diesen wandte sich seine messerscharfe Kritik immer wieder zu.<\/p>\n<p>Seine Hoffnung, seine diese Hoffnung kritisch begr\u00fcndenden Analysen, seine Bem\u00fchungen, diese Hoffnung wachzuhalten oder auch wachzur\u00fctteln, bestimmten seine Arbeit, ja sein ganzes Leben.<\/p>\n<h3>Wie gerne ich diese Stimme noch h\u00f6ren w\u00fcrde &#8230;<\/h3>\n<p>Nach Derridas Tod und am Ende dieses Artikels mit dem Titel &#8222;Eine Stimme von anderswo&#8220; schrieb Alfred &#8222;wie gerne ich diese Stimme (die Stimme Derridas) in der weiteren Auseinandersetzung f\u00fcr eine andere Globalisierung noch h\u00f6ren w\u00fcrde&#8220;. Das w\u00e4re auch mein Wunsch!<\/p>\n<p>Wie gut, dass wir diese Stimme(n) zumindest noch nach<em>lesen<\/em> k\u00f6nnen und in einer ganzen Reihe von Beispielen, auch nach<em>h\u00f6ren<\/em>, im rheinischen Klang oder im algerisch gef\u00e4rbten Franz\u00f6sisch, und dass wir weiterarbeiten k\u00f6nnen am Projekt einer &#8222;neuen Internationale&#8220;, die Derrida als ein &#8222;Band der Verwandtschaft, des Leidens und der Hoffnung, ein noch diskretes, fast geheimes Band, wie um 1848&#8220; begreift &#8211; mit ihren Stimmen im Ohr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Stimme von anderswo Anfang November erschien ein fulminanter Aufsatz von Alfred Schobert, mit dem Titel: &#8222;Eine Stimme von anderswo. &#8218;Das Messianische&#8216; und die Politik im Werk Jacques Derridas der 90er Jahre&#8220;. ((1)) Alfred Schobert hat das Buch, das diesen erweiterten Vortragstext enth\u00e4lt, zwar noch in die H\u00e4nde bekommen. Er ist am 18. 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