{"id":7900,"date":"2007-02-01T00:00:23","date_gmt":"2007-01-31T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7900"},"modified":"2022-07-26T14:14:55","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:55","slug":"sakko-konfetti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/02\/sakko-konfetti\/","title":{"rendered":"Sakko &#038; Konfetti"},"content":{"rendered":"<p>Jeden Freitag begl\u00fcckt sie uns mit der Sparte &#8222;Au\u00dferparlamentarisches&#8220;, und zus\u00e4tzlich berichtet sie unter der Rubrik &#8222;Betrieb und Gewerkschaft&#8220; sogar \u00fcber die anarchosyndikalistische FAU. Im Feuilleton sind anarchistische Verlage wohlgelitten.<\/p>\n<p>Manchmal wird ein Buch sogar zweimal hintereinander besprochen (&#8222;Parecon&#8220;). Die Beilage &#8222;neuland&#8220; versorgte die vorwiegend ostdeutschen LeserInnen mit dringend ben\u00f6tigten Impulsen zur &#8222;Lebensbew\u00e4ltigung&#8220; und Infos zum 13. Weltveganertag. Selbstverst\u00e4ndlich prangte auf der Titelseite ein Nachdruck von Emma Goldman aus der Graswurzelrevolution. Dankesch\u00f6n!<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Schritt auf dem Weg zum &#8222;Neuen Libert\u00e4ren Deutschland&#8220; lie\u00df nicht lange auf sich warten. Am denkw\u00fcrdigen 11.11.2006 erschien zum ersten Mal mit viel <em>TEMPO<\/em>-Esprit die neue illustrierte Monatsbeilage &#8222;Sacco &amp; Vanzetti&#8220;, benannt nach den beiden weltweit bekanntesten ermordeten Libert\u00e4ren. Wortreich wird im Vorwort den Anarchisten der rote Teppich ausgerollt, dem &#8222;Charme der Frechheit und Polemik&#8220; gehuldigt. &#8222;Libert\u00e4res Denken&#8220; und die &#8222;Schaffung kultureller, popul\u00e4rer, sinnlicher Freir\u00e4ume&#8220; soll ab jetzt gef\u00f6rdert werden. &#8222;W\u00e4re schade drum, die Sinne zu kasteien.&#8220; Oh lala, was ist denn hier passiert?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal etwas ganz Banales. Die biederen ParteisoldatInnen der PDS sind alt und m\u00fcde geworden. Es fehlt an Nachwuchs, denn weniger als 7 Prozent der Mitglieder sind unter 40 Jahre alt ((1)). Bei der WASG, die frischen Wind in den Parteiladen bringen sollte, sieht es \u00e4hnlich aus. Die Einsicht, dass die Partei neue B\u00fcndnispartner ben\u00f6tigt, l\u00e4sst sich nicht mehr l\u00e4nger verdr\u00e4ngen. Aber innerparteilich ist nicht APO angesagt, sondern OPA. Frisches Blut muss her! Wo sind denn die Jusos, die sich f\u00fcr einen feuchten H\u00e4ndedruck vom Vorsitzenden in der Parteimaschinerie verheizen lassen &#8211; oder schon mal an ihrer Karriere basteln??<\/p>\n<p>&#8222;Locken muss man sie, locken&#8220;, denkt sich das alte maoistische KB-Tr\u00fcffelschwein ((2)) J\u00fcrgen Reents, Chefredakteur des ND. Er hatte schon in den 70er Jahren reichlich Erfahrungen damit gesammelt, wie man mit ein paar geklauten kreativen Ideen bei undogmatischen Linken und Anarchos Eindruck schindet und Interesse weckt, um diese anschlie\u00dfend langsam an den hierarchisch strukturierten Apparat heranzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Eine Woche nach dem jugendbewegten Bekenntnis zur neuen Lust am Libert\u00e4rem legte der linke Fl\u00fcgel mit einem Aufruf auf dem WASG-Bundesparteitag in Eringerfeld nach und forderte modisch inspiriert nicht mehr eine radikale &#8211; nein, nein &#8211; sondern eine &#8222;attraktive Linke&#8220;! Was tut man nicht alles, um das Aussterben der Partei zu verhindern &#8230;<\/p>\n<p>Zum Kokettieren mit dem Anarchismus geh\u00f6rt bei schlecht Informierten das Kokettieren mit Explosivem. &#8222;Wir haben die Bombe gelegt. Naja&#8220;, hei\u00dft es in der \u00dcberschrift unter dem Titel &#8222;Sacco &amp; Vancetti&#8220;. Gemeint ist damit allerdings ein Artikel \u00fcber ein &#8222;konterrevolution\u00e4res&#8220; Flugzeugattentat des CIA auf ein kubanisches Flugzeug im Jahre 1976. Eingeflochten hierin wird die altbekannte realsozialistische Doktrin, dass die libert\u00e4ren B\u00e4ume angesichts gef\u00e4hrlicher \u00e4u\u00dferer Feinde nicht in den Himmel wachsen k\u00f6nnen. In vorauseilendem Gehorsam arrangiert sich der junge Sozialist schon jetzt mit der tristen kubanischen Realit\u00e4t, denn &#8222;&#8230; es gibt kein Land mit hundertprozentiger Freiheit&#8220;. H\u00e4tte er &#8222;Staat&#8220; gesagt und sich das &#8222;hundertprozentig&#8220; ausnahmsweise geschenkt, w\u00e4re das Etikett &#8222;libert\u00e4r&#8220; einigerma\u00dfen glaubhaft, doch so k\u00f6nnen ihm Gregor &amp; Oskar bedenkenlos den Vorsitz des in Gr\u00fcndung befindlichen Linkspartei-Jugendverbandes \u00fcberlassen. Er w\u00fcrde diese Regierungssozialisten sicherlich nicht entt\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Die jungen BlattmacherInnen schaffen es gerade noch, eine kritische Distanz zur parteif\u00f6rmigen SPD-Konkurrenz zu halten. Bei der eigenen PDS setzt ihr Verstand gleich wieder aus: &#8222;Und die Linke? (&#8230;) Sie fing den sozialen Protest in den neuen L\u00e4ndern in Form der PDS bei Wahlen auf. Auch okay.&#8220; &#8211; Das ist es selbstverst\u00e4ndlich nicht! Solange Menschen sich darauf beschr\u00e4nken, immer nur StellvertreterInnen f\u00fcr ihr eigenes Handeln zu w\u00e4hlen, wird sich gar nichts \u00e4ndern und auch nichts bewegen.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung sollte von &#8222;Libert\u00e4ren&#8220; allerdings schon verarbeitet worden sein. Ansonsten bleiben eingestreute Zitate von Erich M\u00fchsam oder Oskar Maria Graf eben nur aufgeschnappte Spr\u00fcche und in diesem Kontext nur exotische Federn, um sich innerhalb einer bestimmten Szene interessant zu machen.<\/p>\n<p>Doch diesen &#8222;Kultcharakter&#8220; sehnt die Redaktion in einem Anflug von Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung herbei, wenn sie in der Erstausgabe schreibt: &#8222;Kultisches Verhalten kann durch Lesen hervorgerufen werden und zur Selbstbefreiung f\u00fchren.&#8220; &#8211; Vielleicht aber auch nur zu gesteigerter Einbildung. Die von den jungen Wilden kultivierte modische Maskerade bel\u00e4sst es dabei, dass Accessoires f\u00fcr Communismus &amp; Anarchie bei C &amp; A besorgt werden. Also jenem Ort, wo gew\u00f6hnlich die passenden Cordh\u00fctchen f\u00fcr den Betonkopf zu haben sind. Wei\u00df doch jeder echte anarchistische Stilberater, dass Libert\u00e4res von der Stange einfach uncool ist. In Zukunft k\u00f6nnen wir beobachten, in welche Richtung der Modetrend die BlattmacherInnen entwickeln wird. In der neuesten dritten Ausgabe weckt der Artikel &#8222;Graswurzeljournalismus f\u00fcr eine freie Gesellschaft&#8220; noch einmal vage Hoffnungen. Jedoch ziert kein Aboschnipsel f\u00fcr die <em>Graswurzelrevolution<\/em> das Heft, sondern f\u00fcr das <em>Neue Deutschland<\/em>. Ich bin ein bisschen entt\u00e4uscht. Kommt also in Zukunft einmal im Monat das biedere ND im bunten Mummenschanz zu mir nach Hause, begr\u00fc\u00dfe ich diese Erscheinung interessiert mit einem freundlichen &#8222;Helau&#8220;!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Freitag begl\u00fcckt sie uns mit der Sparte &#8222;Au\u00dferparlamentarisches&#8220;, und zus\u00e4tzlich berichtet sie unter der Rubrik &#8222;Betrieb und Gewerkschaft&#8220; sogar \u00fcber die anarchosyndikalistische FAU. Im Feuilleton sind anarchistische Verlage wohlgelitten. 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