{"id":7904,"date":"2007-02-01T00:00:58","date_gmt":"2007-01-31T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7904"},"modified":"2022-07-26T14:24:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:21","slug":"schwarzer-tag-fur-miethaie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/02\/schwarzer-tag-fur-miethaie\/","title":{"rendered":"Schwarzer Tag f\u00fcr Miethaie"},"content":{"rendered":"<p>Die AktivistInnen von &#8222;Jeudis noirs du logement&#8220;, der Bewegung Schwarzer Mietdonnerstag, versuchen, schwarze Luftballons, Sektflaschen und Papp-Schilder zu verstecken. Dann verschwinden sie hinter einem gro\u00dfen Einfahrtstor. Vor dem Eingang stellen sie eine Tafel auf: &#8222;Tagesmen\u00fc: 10m\u00b2 f\u00fcr 500,- Euro&#8220;.<\/p>\n<p>In der f\u00fcnften Etage wird gerade eine sehr kleine, daf\u00fcr aber sehr teure Wohnung angeboten.<\/p>\n<p>Gleichwohl haben sich mehr als zwanzig Personen f\u00fcr die vom Vermieter organisierte Besichtigung zusammengefunden. Dieser hatte mit disziplinierten Anw\u00e4rtern gerechnet. Als die AktivistInnen des Schwarzen Donnerstag mit viel Konfetti und Gebr\u00fcll die Wohnung st\u00fcrmen, bleibt der Vermieter sprachlos. Sektkorken knallen. Jemand spielt Musik. Eine fr\u00f6hliche Menge tanzt.<\/p>\n<p>&#8222;Bei der Aktion geht es darum, in einer Wohnung zu feiern, die sich keiner von uns leisten kann&#8220;, erkl\u00e4rt Julien, einer der Initiatoren von &#8222;Jeudi noirs&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Damit wollen wir auf die Missst\u00e4nde auf dem Pariser Wohnungsmarkt hinweisen. Es ist ungeheuer schwer, eine anst\u00e4ndige Wohnung zu bekommen. Dies trifft insbesondere die Jugend. Als Student oder junger Arbeiter mit Mindestlohn kann man den Vermietern kaum den erforderlichen Einkommensnachweis vorlegen. Dieses Problem betrifft mehrere Tausend Menschen in dieser Stadt und wird dennoch von der Politik ignoriert.&#8220;<\/p>\n<p>Seit Ende Oktober versucht die Initiative auf diese Art w\u00e4hrend Wohnungsbesichtigungen zu protestieren.<\/p>\n<p>Offensichtlich wucherische Inserate in der donnerstags erscheinenden Anzeigezeitung &#8222;De particulier \u00e0 particulier&#8220; waren der Ausl\u00f6ser der Aktion. Der Name verweist auch auf den B\u00f6rsencrash von 1929, den schwarzen Donnerstag. Mit Luftballons und Sekt wollen die AktivistInnen die franz\u00f6sische Wohnspekulationsblase zum Platzen bringen. &#8222;Jeudi noir&#8220; ist eine Fortsetzung der Aktionen von &#8222;Generation precaire&#8220;, die bereits vor einem Jahr auf die prek\u00e4re Situation junger ArbeitnehmerInnen und PraktikantInnen aufmerksam gemacht hat.<\/p>\n<p>Dass die Mieten in Paris sehr hoch sind, ist nichts Neues. Seit Ende der 90er Jahre haben sie aber regelm\u00e4\u00dfig zugenommen. Nach Angaben des Wohnagenturenverbandes sind die Mieten in der Hauptstadt seit 2000 j\u00e4hrlich um 5,8 % gestiegen. Im Juni dieses Jahres musste man durchschnittlich 21,60 Euro pro Quadratmeter bezahlen. Bei den Studios, den Einraumwohnungen, einer beliebten Wohnungskategorie, liegt der Preis noch h\u00f6her. Je nach Bezirk zwischen 23,- und 28,- Euro\/m\u00b2. Mindestens 700,- Euro betr\u00e4gt so eine Kaltmiete in einer 30m\u00b2 Wohnung. In Frankreich wird dennoch nicht von einer &#8222;Immobilien-Spekulationsblase&#8220; gesprochen.<\/p>\n<h3>In den letzten Jahren haben sich auch die Mietbedingungen verschlechtert<\/h3>\n<p>Die Vermieter verlangen bei Vertragsschluss Bescheinigungen \u00fcber eine Festanstellung mit einem Einkommen in H\u00f6he von drei Monatsmieten sowie zwei Personen als B\u00fcrgen f\u00fcr die Miete. Damit werden automatisch viele Personen ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Eine Sozialwohnung bekommt man erst nach zwei Jahren Wartezeit. Familien und Personen mit niedrigen Einkommen haben Priorit\u00e4t. So werden Jugendliche aus der Mittelschicht von beidem ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Die Lage der StudentInnenwohnheime sieht noch schlimmer aus. In ganz Paris gibt es insgesamt nicht einmal 3.000 Zimmer, obwohl jedes Jahr mehr als 15.000 StudentInnen sich f\u00fcr diese bewerben. Berufsanf\u00e4ngerInnen, Prekarisierte, Einzelfamilien und StudentInnen haben keine Perspektive auf ein eigenes Zuhause. Viele sind gezwungen, bei ihren Eltern zu bleiben, bei Freunden zu schlafen oder in die Banlieues abzuwandern, wo die Mieten nur unerheblich niedriger sind, daf\u00fcr aber die Verkehrskosten und Reisezeiten dazu kommen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich h\u00e4tte nicht nach Paris kommen k\u00f6nnen, wenn ich nicht bei einer Freundin unentgeltlich untergekommen w\u00e4re. Vor einem Jahr habe ich mich in einem kleinen Raum, der eigentlich f\u00fcr eine Waschmaschine gedacht war, eingenistet. Es sollte nur f\u00fcr kurze Zeit sein. Heute ist es immer noch mein Zimmer. Ich habe keine Hoffnung mehr auf eine eigene Wohnung&#8220;, erz\u00e4hlt Leila.<\/p>\n<p>Die meisten jungen PariserInnen kennen solche Geschichten aus eigener Erfahrung. F\u00fcr die AktivistInnen von &#8222;Jeudi-noir&#8220; bedeuten diese Erniedrigungen eine Art &#8222;Eintrittsinitiation&#8220; ins Berufsleben. &#8222;Sich als Jugendlicher durchschlagen zu m\u00fcssen, um einen Job zu bekommen oder um eine Wohnung k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen, soll so zur gesellschaftlichen Norm erhoben werden&#8220;, sagt Julien bitter.<\/p>\n<p>Laut einer Studie des staatlichen Statistikinstituts INSEE sind 30 % der Obdachlosen in Paris arbeitst\u00e4tig. &#8222;Das ist das Ph\u00e4nomen der heutigen armen ArbeiterInnen, unter denen es sehr viele junge Menschen gibt. Die Verwaltungen machen ihre Hausaufgaben nicht. Statt die Preisexplosion der Mieten zu stoppen, destabilisieren sie mit ihren Ma\u00dfnahmen einen Wohnungsmarkt, der l\u00e4ngst aus dem Gleichgewicht geraten ist&#8220;, erkl\u00e4rt Julien.<\/p>\n<p>Die Stadtverwaltungen sind verpflichtet, einen Anteil von 20 % an Sozialwohnungen zu haben. Dies wird jedoch selten verwirklicht. Die VermieterInnen berechnen bei den Preiserh\u00f6hungen sogar das Wohngeld, welches die MieterInnen angeblich bekommen werden. Gleichzeitig stehen ca. 150.000 Wohnungen in Paris leer. Gesetze, die das Wohnungsangebot st\u00e4rken sollten, haben ihr Ziel nicht erreicht. Die Steuervorteile wurden dazu missbraucht, um in anderen Regionen zu investieren und nicht die Mietpreise zu senken.<\/p>\n<p>Nachdem die Blase der New Economy geplatzt ist, beschlossen viele InvestorInnen, in Immobilien zu investieren. Diese Tendenz wurde nach der 2003 von Premierminister Jean-Pierre Raffarin eingef\u00fchrten Rentenreform versch\u00e4rft. Angst vor der Alterssicherung f\u00fchrte viele dazu, in Immobilien zu investieren. Auch die Banken spielen mit, indem sie niedrig verzinste Kredite zum Wohnungserwerb anbieten. Die K\u00e4uferInnen m\u00fcssen diese innerhalb von 30 Jahren zur\u00fcckzahlen. Kurzfristig hat dies den Anstieg der Wohnungs- und Mietpreise zur Folge.<\/p>\n<p>&#8222;Die Wohnungsprobleme werden immer als soziale Ausnahmesituation dargestellt. Man spricht nie von Prekarit\u00e4t. Auch wenn man einen Job hat, ist man aber nicht in der Lage, so hohe Mieten zu tragen&#8220;, kritisiert Leila. Die Preisexplosion betrifft nicht nur Paris, sondern alle St\u00e4dte Frankreichs. Vereine wie Emma\u00fcs, die 1954 w\u00e4hrend der damaligen Wohnungskrise gegr\u00fcndet wurden, sto\u00dfen mit ihrer Kritik auf taube Ohren.<\/p>\n<p>Als im September das INSEE \u00fcber eine angeblich steigende Kaufkraft der Bev\u00f6lkerung berichtete, protestierte ein gro\u00dfer Verbraucherverein heftig. Die INSEE best\u00e4tigte Vorw\u00fcrfe, nach denen die Erhebung die Mietpreise nicht mit umfasse, trotzdem soll auch der Lebensstandard der \u00c4rmsten gestiegen sein. Die Statistik wurde von der Politik dazu benutzt, die Realit\u00e4t zu verzerren.<\/p>\n<p>Jeudi noir gibt nicht auf. Die spektakul\u00e4ren Aktionen werden nun von den Medien registriert. Die AktivistInnen wollen nun vor den Pr\u00e4sidentschaftswahlen die Parteien zu \u00f6ffentlichen Zugest\u00e4ndnissen zwingen. Anfang Dezember hatten sie ein Treffen mit dem Sozialminister Jean-Louis Borloo. &#8222;Er meinte, wir sollten uns keine Gedanken machen.&#8220;, erz\u00e4hlt Julien. &#8222;Er habe viel f\u00fcr den Wohnungsbau unternommen, so dass das Angebot in f\u00fcnf Jahren die Nachfrage \u00fcbertreffen werde. Er meinte, wir br\u00e4uchten jetzt keine Notma\u00dfnahmen. Dieses Treffen war umsonst. Dennoch konnten wir unsere Argumente vortragen.&#8220;<\/p>\n<p>Anfang Januar schaffte es aber eine andere neugegr\u00fcndete Bewegung &#8222;Les Enfants de Don Quichotte&#8220; (Die Kinder von Don Quichotte), die Regierung zur Aktion zu zwingen. Am Kanal Saint-Martin entlang &#8211; weltweit ber\u00fchmt seitdem Am\u00e9lie Poulain dort spazierte &#8211; hatten sie eine lange Zeltreihe f\u00fcr die Obdachlosen eingerichtet, damit allen bewusst wird, wie viele Leute auf der Strasse schlafen m\u00fcssen. Nach langem Z\u00f6gern schaffte die Regierung ein Notprogramm f\u00fcr die Obdachlosen und zeigte sich bereit, aus dem Wohnrecht, ein Grundgesetzrecht, Realit\u00e4t zu machen. &#8222;Wenn dieses Wohnrecht effektiv und nicht zur\u00fccknehmbar wird, k\u00f6nnen wir die Sektflaschen aufmachen!&#8220;, meint Julien von Jeudi-noir,welche die Don Quichotte auch unterst\u00fctzte. &#8222;Aber es wird keine Wirkung haben, solange man die Preisexplosion nicht stoppt.&#8220; Daf\u00fcr hat Jeudi-noir weitere Aktionen unternommen. Jetzt besetzen sie ein Bankgeb\u00e4ude mitten in Paris, das seit drei Jahren leer stand. Dort wohnen jetzt mehreren Familien, Jugendliche und K\u00fcnstlerInnen.<\/p>\n<p>&#8222;Es geht dabei nicht darum, prim\u00e4r H\u00e4user f\u00fcr zahlreiche Obdachlose zu finden, sondern zu zeigen, dass ein B\u00fcrogeb\u00e4ude innerhalb einer Woche in ein Wohngeb\u00e4ude umgestaltet werden kann&#8220;, sagt Julien. Das Geb\u00e4ude soll auch der Hauptsitz verschiedener Vereine werden, die gegen die Wohnschwierigkeiten k\u00e4mpfen. Es wurde in das Ministerium der Wohnungskrise umbenannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die AktivistInnen von &#8222;Jeudis noirs du logement&#8220;, der Bewegung Schwarzer Mietdonnerstag, versuchen, schwarze Luftballons, Sektflaschen und Papp-Schilder zu verstecken. Dann verschwinden sie hinter einem gro\u00dfen Einfahrtstor. Vor dem Eingang stellen sie eine Tafel auf: &#8222;Tagesmen\u00fc: 10m\u00b2 f\u00fcr 500,- Euro&#8220;. In der f\u00fcnften Etage wird gerade eine sehr kleine, daf\u00fcr aber sehr teure Wohnung angeboten. 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