{"id":7948,"date":"2007-02-01T00:00:34","date_gmt":"2007-01-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7948"},"modified":"2022-07-26T14:14:55","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:55","slug":"heraus-aus-dem-haus-der-knechtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/02\/heraus-aus-dem-haus-der-knechtschaft\/","title":{"rendered":"Heraus aus dem Haus der Knechtschaft!"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich bin Jahweh, dein Gott, der ich dich f\u00fchrte aus dem Land \u00c4gypten, aus dem Haus der Knechtschaft. Nicht sei dir andere Gottheit mir ins Angesicht.&#8220; (Ex 20, 2-3) Die Er\u00f6ffnungsformel der &#8222;zehn Gebote&#8220; ist eines der imposantesten Dokumente der Herrschaftsablehnung in der gesamten Weltliteratur. Der Gott Israels fordert Alleinverehrung, weil er sein Volk aus der Sklaverei befreit hat. Seine &#8218;Herrschaft&#8216; soll vor allem dem Zweck dienen, <em>menschliche<\/em> Herrschaft zu ver\u00fcberfl\u00fcssigen und zu verhindern.<\/p>\n<p>Wir wissen, welch &#8222;grimmiger Hohn&#8220; (Max Horkheimer) diesem Gedanken durch Jahrtausende herrschaftslegitimierender christlicher und auch j\u00fcdischer Auslegung widerfuhr. Aber gerade im Judentum, das noch heute den Messias erwartet, der ja nicht zuletzt \u00f6konomischer und politischer Bedr\u00fcckung ein Ende machen soll, ist die subversive Sprengkraft dieses &#8222;libert\u00e4ren&#8220; Traditionsstrangs der Bibel immer wieder wirkm\u00e4chtig geworden.<\/p>\n<p>Dass dies in der Generation europ\u00e4ischer J\u00fcdinnen und Juden, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts geboren wurden, besonders fruchtbar wurde, hat vor 20 Jahren Michael L\u00f6wy in seiner beeindruckenden Studie &#8222;Erl\u00f6sung und Utopie&#8220; gezeigt. Aus assimilierten j\u00fcdischen Elternh\u00e4usern im deutschsprachigen Mitteleuropa kommend, wandten sich junge Intellektuelle in einem Akt der Emanzipation von ihren Eltern wieder den j\u00fcdischen, vor allem mystischen Wurzeln zu und transformierten die dort aufgefundenen, Befreiung erheischenden Impulse in eine s\u00e4kulare, libert\u00e4re Utopie:<\/p>\n<p>&#8222;Erl\u00f6sung&#8220; im Hier und Bald. Gustav Landauer und Ernst Bloch z\u00e4hlte L\u00f6wy zu dieser, wissenssoziologisch gefassten &#8222;Generation&#8220;, Martin Buber, Franz Rosenzweig und Geshom Scholem, Walter Benjamin, Franz Kafka und eine Reihe weiterer bedeutender Intellektueller.<\/p>\n<p>Das jetzt von Werner Portmann und Siegbert Wolf vorgelegte Buch &#8222;Ja, ich k\u00e4mpfte&#8220; liefert eine in mehrfacher Hinsicht wichtige Erg\u00e4nzung zu L\u00f6wys Projekt.<\/p>\n<p>Denn sie erweitert dessen Perspektive.<\/p>\n<p>Von den sechs hier versammelten biographischen Studien fallen nur zwei in das L\u00f6wy&#8217;sche wissenssoziologische Raster der b\u00fcrgerlichen, &#8222;westj\u00fcdischen&#8220; Biographie, und sie handeln nicht von intellektuellen Denkern, sondern von Kunstschaffenden: dem anarchistischen &#8222;Kunst-Gangster&#8220; Jack Bilbo (1907-1967) und dem Dichter Robert Bodansky (1879-1923), der sich vom Lieblings-Librettisten der Wiener Operettenszene zum pazifistisch-anarchistischen Agitator entwickelte.<\/p>\n<p>Der Schriftsteller und Kunsttheoretiker Carl Einstein (1885-1940), der 1936\/37 in der <em>Colonna Durruti<\/em> k\u00e4mpfte, stammte ebenfalls aus dem &#8222;westj\u00fcdischen&#8220; Milieu (in Neuwied), aber nicht in seiner assimilierten, sondern seiner frommen Variante: Sein Vater war Rabbiner.<\/p>\n<p>Die restlichen drei biographischen Skizzen handeln von Menschen, die dem &#8222;Ostjudentum&#8220; entstammten, der Welt des galizischen bzw. ukrainischen <em>Schtetl<\/em>. Es handelt sich um den &#8222;Luftmenschen&#8220; Isak Aufseher (1905-1977), anarchistischer Berufsrevolution\u00e4r und pazifistischer Spanienk\u00e4mpfer; um die libert\u00e4re Agitatorin Cilla Stamm (1887-1957); und schlie\u00dflich um Milly Witkop (1877-1955), fr\u00fche Anarchafeministin und Lebensgef\u00e4hrtin Rudolf Rockers.<\/p>\n<p>Der Weg aus der sozialen und religi\u00f6sen Welt des <em>Schtetl<\/em> zum Anarchismus folgte einer anderen Logik als die b\u00fcrgerlich-j\u00fcdische Intellektuellen-Sozialisation, die L\u00f6wys Protagonisten zu libert\u00e4rem Denken finden lie\u00df: Es sind praktische, allt\u00e4gliche K\u00e4mpfe, die von j\u00fcdischer Religiosit\u00e4t und Spiritualit\u00e4t &#8211; ohne den assimilierenden Umweg \u00fcber Goethe und Konsorten &#8211; zur diesseitigen Utopie der Anarchie f\u00fchren. Und sie sind, wie Portmann und Wolf zeigen, eingebettet in ein teilweise erstaunlich breites Milieu libert\u00e4rer, jiddisch-sprachiger Diaspora-Kultur, etwa im Londoner East-End, wo Witkop und Rocker lange wirkten. Aber die politische Ethik des &#8222;Ersten Gebots&#8220; bleibt hier wie dort aufgehoben.<\/p>\n<p>Der entscheidende Vorteil der Perspektivausweitung von Portmann und Wolf gegen\u00fcber L\u00f6wy besteht nun darin, dass auch das Leben und Wirken von <em>Frauen<\/em> in den Blick kommt, und damit die auch in der Geschichte des Anarchismus sehr problembeladene Frage der Geschlechterverh\u00e4ltnisse. Eine so egalit\u00e4re und z\u00e4rtliche Beziehung wie zwischen Witkop und Rocker stellte eben die gro\u00dfe Ausnahme dar; die anarchistische M\u00e4nnerwelt war weithin von patriarchaler Selbstgerechtigkeit und teilweise frauenfeindlicher Gewaltsamkeit gepr\u00e4gt, wie der Band u.a. an Cilla Stamms Partner Hans Itschner zeigt.<\/p>\n<p>Eine St\u00e4rke des Buchs liegt darin, plastisch zu machen, wie das \u00dcberleben exponierter libert\u00e4rer Frauen sich der Existenz von Netzwerken von Genossinnen verdankte &#8211; wie auch \u00fcberhaupt die anarchistischen Kommunikationsnetze in ihrer Entwicklung im 20. Jahrhundert sch\u00f6n lebendig werden.<\/p>\n<p>Es ist reizvoll, eine von den Autoren ausgelassene Option nachzuholen und die Verbindungen auch \u00fcber die Kapitelgrenzen hinweg zu rekonstruieren.<\/p>\n<p>Ein Namensregister w\u00e4re hierf\u00fcr freilich ideal gewesen. Gl\u00fccklicherweise hat der Verlag ein solches Register inzwischen online nachgereicht (http:\/\/www.unrast-verlag.de\/unrast,3,0,336.html).<\/p>\n<p>&#8222;Ja, ich k\u00e4mpfte&#8220; lebt nicht von theoretischer Systematik oder methodischer Stringenz, sondern von der einf\u00fchlsamen Darstellung komplexer Lebenswelten. Die jiddische Kultur in Galizien wird ebenso nachempfindbar wie die Exilanten-Subkulturen etwa in England, in der Schweiz oder im Spanischen B\u00fcrgerkrieg, wildes Rebellentum ebenso wie die Gei\u00dfel der Armut und drohender Pogrome. Der sehr umfangreiche Anmerkungsapparat hilft bei der Kl\u00e4rung unbekannter Begriffe und Personennamen.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Buch sowohl f\u00fcr die Geschichte des modernen Anarchismus als auch f\u00fcr die Geschichte des europ\u00e4ischen Judentums.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich bin Jahweh, dein Gott, der ich dich f\u00fchrte aus dem Land \u00c4gypten, aus dem Haus der Knechtschaft. 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