{"id":7954,"date":"2007-03-01T00:00:08","date_gmt":"2007-02-28T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7954"},"modified":"2022-07-26T14:24:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:21","slug":"darfur-aller-tod-kommt-aus-den-gewehrlaufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/darfur-aller-tod-kommt-aus-den-gewehrlaufen\/","title":{"rendered":"Darfur: Aller Tod kommt aus den Gewehrl\u00e4ufen!"},"content":{"rendered":"<p>Mehrfach wurde in der <em>Graswurzelrevolution<\/em> versucht ((1)), die hoffnungsvolle, gewaltfrei-anarchistische Tradition und Bewegung des Ustad Mahmud Muhammad Taha (genannt der &#8222;Gandhi des Sudan&#8220;) und seiner Organisation, der &#8222;Republikanischen Br\u00fcder&#8220; ((2)), bekannt zu machen.<\/p>\n<p>Taha selbst wurde 1985 vom Milit\u00e4rregime Numeiri hingerichtet. Die Taha-Bewegung lehnte Sharia und Jihad ab und vertrat eine s\u00e4kulare, sozialistische und f\u00f6deralistische Konzeption des Sudan mit gleichen Rechten f\u00fcr den animistisch-christianisierten S\u00fcden ebenso wie f\u00fcr die Westprovinzen Kordofan und Darfur.<\/p>\n<p>Niemand wei\u00df, ob der Massenmord der letzten Jahre h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen, wenn sich die Konzepte dieser minorit\u00e4ren Bewegung in Khartum nach dem Volksaufstand von 1985 h\u00e4tten durchsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie repr\u00e4sentiert <em>die<\/em> gewaltfreie Alternativ-Tradition in einem Land, in dem der jahrzehntelange Krieg zwischen Guerilla und islamistischem Zentralstaat eine peripher gelegene Region dem Erdboden gleichmacht.<\/p>\n<h3>Konstruierte Rassismen in Darfur<\/h3>\n<p>Ein Gutteil des Z\u00f6gerns vieler Libert\u00e4rer und Gewaltfreier hierzulande, sich zu Darfur eine Meinung zu bilden, liegt an der Komplexit\u00e4t der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, aber auch am bisherigen Mangel an Information.<\/p>\n<p>Diesen Mangel behebt nun ein neues Buch von G\u00e9rard Prunier, <em>Darfur. Der &#8222;uneindeutige&#8220; Genozid<\/em>. ((3)) Es ist eine detaillierte Darstellung der Geschichte Darfurs bis hin zum j\u00fcngsten Massenmord. Fast alle nicht n\u00e4her ausgewiesenen Informationen dieses Artikels stammen aus diesem Buch.<\/p>\n<p>Sudan hei\u00dft &#8222;Land der Schwarzen&#8220; und Darfur &#8222;Land der Fur&#8220;. Darfur liegt s\u00fcdlich der Sahara, weit weg von Khartum, geh\u00f6rt zur Sahel-Zone und grenzt an den Tschad. Die Region ist ein Mosaik unz\u00e4hliger Bev\u00f6lkerungsgruppen, die gr\u00f6\u00dften sind die Fur (40%) und die Zaghawa (9%)<\/p>\n<p>Alle BewohnerInnen Darfurs haben eine schwarze Hautfarbe.<\/p>\n<p>Trotz dieser Tatsache sind im Laufe der Geschichte des Sudan immer wieder Herrschaftsgegens\u00e4tze zwischen angeblichen \u201aArabern&#8216; und \u201aSchwarzafrikanerInnen&#8216; konstruiert worden.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum S\u00fcdsudan ist der Darfur seit mehreren Jahrhunderten islamisiert. Sein regionaler Islam jedoch gilt dem zentralstaatlichen Islam in Khartum als oberfl\u00e4chlich, durchsetzt von Stammesriten. Trotzdem will Khartum Darfur unter Verweis auf die gemeinsame Religion in jedem Fall in seinem Staatsgebiet behalten, w\u00e4hrend es im Falle des christlich-animistischen S\u00fcdsudan 2005 einem Referendum \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit 2010 zugestimmt hat und damit auch dessen Abspaltung riskiert.<\/p>\n<p>In Darfur sind die Bev\u00f6lkerungsgruppen unterteilt in Nomaden (eher in Nord- und S\u00fcd-Darfur) und sesshafte, b\u00e4uerliche Gruppen (Mitte). Arabische Nomadengruppen gehen auf fr\u00fche Einwanderungsbewegungen aus dem heutigen Libyen und aus dem Niltal zur\u00fcck. Die letzte arabische Einwanderungswelle im 18. Jahrhundert waren die sogenannten &#8222;Flussaraber&#8220; oder &#8222;Khartumer&#8220;, die sich als H\u00e4ndler in den drei wichtigsten St\u00e4dten Darfurs niederlie\u00dfen. W\u00e4hrend die \u00e4lteren arabischen Migrationsgruppen inzwischen mit den Darfurern verschmolzen sind, blieben die &#8222;Flussaraber&#8220; eine quasi-koloniale Fremdelite, die aktuell von Khartum aus immer wieder gegen einheimische Gruppen in Darfur ausgespielt werden.<\/p>\n<p>Denn der rassistische, von Khartum aus propagierte Diskurs, der sich in der Arabisierung der Sprache ausdr\u00fcckt, k\u00fcrt die &#8222;arabischen&#8220; Gruppen zum fortschrittlichen, zivilisatorischen Teil Darfurs, w\u00e4hrend die Fur und andere, meist sesshafte Gruppen, die noch ihre Stammessprache sprechen, als &#8222;Afrikaner&#8220; oder <em>zuruq<\/em> (&#8222;schwarz&#8220;) abgewertet werden. Einzelne Gruppen haben bereits ihre Sprache aufgegeben und sprechen Arabisch. Weil in Wirklichkeit alle Menschen Darfurs schwarz sind, orientiert sich der zentralstaatliche Rassismus an einer Unterscheidung qua Gesichtsz\u00fcgen (Nasenform, dicke Lippen) zur Qualifizierung als &#8222;Afrikaner&#8220;.<\/p>\n<h3>Ahmed Ibrahim Diraige, die Hungersnot von 1984 und die libysche Intervention in Darfur<\/h3>\n<p>Die Geschichte des unabh\u00e4ngigen Sudan ist eine Abfolge korrupter, machtversessener, &#8222;demokratischer&#8220; Parlamentsregierungen und militaristischer Putsche. Bis Mitte der sechziger Jahre schien sich in Darfur gegen\u00fcber der britischen Kolonialpolitik kaum etwas ver\u00e4ndert zu haben, welche die f\u00fcr koloniale Interessen uninteressante Region an langer Leine hielt und mit nur rund 300 Kolonialbeamten regiert hatte, doch Darfur blieb dadurch auch von jeglicher Infrastruktur ausgenommen. Infolge der globalen \u00f6kologischen Katastrophe dehnte sich die Sahara bereits in den sechziger und siebziger Jahren nach S\u00fcden aus. Das bedrohte die Lebensgrundlagen der nomadischen Gruppen in Nord-Darfur, was zu ersten Konflikten mit den sesshaften Bauerngesellschaften der Fur in Mittel-Darfur f\u00fchrte. 1984 kam es infolge einer hinzukommenden D\u00fcrre zu einer Hungersnot, der &#8222;sch\u00e4tzungsweise 95.000 der 3,1 Millionen Einwohner&#8220; (Prunier, S. 77) erlagen.<\/p>\n<p>Der seit 1980 zum Gouverneur aufgestiegene Ahmed Ibrahim Diraige, Gr\u00fcnder der DDF (<em>Darfur Development Front<\/em>, seit 1964), hatte Numeiri im November 1983 in einem &#8222;Hungerbrief&#8220; gewarnt, ohne massive Lebensmittelhilfe aus dem Ausland sei eine Hungersnot in Darfur unausweichlich, doch der Pr\u00e4sident geriet dar\u00fcber in Wut und weigerte sich den Aufruf zur Soforthilfe ergehen zu lassen. Diraige musste daraufhin nach Saudi-Arabien fliehen, von wo aus er sich an der Aushebung von Guerillak\u00e4mpfern zur Verteidigung der afrikanischen Gruppen beteiligte. Vom Londoner Exil aus versuchte er f\u00fcr die Fur-Miliz seiner DDF Waffen vom Tschad zu bekommen. (s. S. 89).<\/p>\n<p>Zur Zeit der Massenmorde von 2003 bis 2005 versuchte Diraige, allerdings erfolglos, mit Hilfe des <em>Henry-Dunant-Zentrum f\u00fcr den humanit\u00e4ren Dialog<\/em> eine Art Vermittlung zwischen Khartum und Darfur auszuhandeln.<\/p>\n<p>Dass Diraige f\u00fcr seine Guerilla Waffen vom Tschad bekommen wollte, verweist auf den B\u00fcrgerkrieg im Tschad, der im Darfurer Krieg nach der Hungersnot 1984 noch eine gro\u00dfe Rolle spielen sollte.<\/p>\n<p>Bereits 1966 hatte sich auf Darfurer Gebiet, in Nyala, die <em>Frolinat (Front de lib\u00e9ration Nationale du Tchad)<\/em> gebildet, eine der unz\u00e4hligen Guerillas im jahrzehntelangen Tschader B\u00fcrgerkrieg. Lybiens Gaddafi wollte die nicht-islamische Vorherrschaft im Tschad brechen und eine von ihm dominierte &#8222;Arabische Union&#8220; auch mit dem Sudan herstellen. Deshalb unterst\u00fctze er die Frolinat in S\u00fcdlibyen und Darfur, und dort 1972 die Gr\u00fcndung der <em>tadschammu al-arabi <\/em>(<em>Vereinigung der Araber<\/em>), einer &#8222;militant rassistischen, panarabischen Organisation, die den \u201aarabischen&#8216; Charakter der Provinz betonen sollte&#8220; (Prunier, S. 64). Darfur wurde bereits damals mit Waffen vollgepumpt. Durch die Propaganda Gaddafis in Darfur, der die Region zeitweise quasi annektiert hatte, wurde der rassistisch konstruierte Antagonismus zwischen &#8222;arabisch-zivilisierten&#8220; und &#8222;afrikanisch-unzivilisierten&#8220; Bev\u00f6lkerungsgruppen betr\u00e4chtlich beschleunigt.<\/p>\n<p>Nach der Hungersnot 1984 und dem Sturz Numeiris 1985 waren von 1985 bis 1989 alle Ingredenzien f\u00fcr einen B\u00fcrgerkrieg in Darfur zubereitet. Die antilibysche tschadische Armee drang im November 1987 in Darfur ein, um die von Khartum und Gaddafi unterst\u00fctzten tschadischen Rebellen des CDR (<em>Conseil D\u00e9mocratique R\u00e9volutionnaire<\/em>) zu schlagen. Gegen den arabischen Rassismus der Koalition Gaddafi-Khartum-CDR entstand schlie\u00dflich die Fur-Guerilla, um die &#8222;afrikanischen&#8220; Gruppierungen zu verteidigen. In einer pl\u00f6tzlichen Wendung vers\u00f6hnte sich die CDR mit der Tschader Regierung und wurde nun von Libyen bek\u00e4mpft. &#8222;Die Situation wurde immer verworrener, die Zusammenst\u00f6\u00dfe h\u00e4uften sich. Am 15. Februar 1989 wurden 69 Personen get\u00f6tet, weitere 40 am 17. Februar, wobei niemand mehr so recht wusste, wer eigentlich wen bek\u00e4mpfte.&#8220; (Prunier, S. 91). Von 1985 bis 89 gab es rund 10.000 Kriegstote und 100.000 Vertriebene. Dieser B\u00fcrgerkriegszyklus endete 1992 nach dem Aufstand des mit der s\u00fcdsudanesischen SPLA (<em>Sudan Peoples Liberation Army<\/em>) des John Garang verb\u00fcndeten Darfurers Daud Bolad. Dessen vom Tschad aus durchgef\u00fchrter milit\u00e4rischer Einmarsch in Darfur war schlecht geplant gewesen und wurde von der Regierung Khartums niedergeschlagen, Bolad erlag im Januar 92 der Folter. Danach verlie\u00dfen die tschader und libyschen Truppen Darfur, und bis 2003 kehrte eine relative, repressive Ruhe, unterbrochen allerdings von einzelnen K\u00e4mpfen, ein.<\/p>\n<h3>Die Verantwortung der Guerilla<\/h3>\n<p>Der Massenmord begann mit einem bewaffneten Aufstand. Was schon f\u00fcr den Genozid in Ruanda 1994 triste Tatsache ist, sollte sich von 2003 bis 2005 wiederholen. In dem einen wie dem anderen Fall ist der Massenmord eine Art \u00fcberdimensionierter Rachefeldzug gegen die Guerilla. In Darfur gr\u00fcndeten sich 2003 zwei Guerillagruppen, die von Chalil Ibrahim aus London gesteuerte und von Hassan al-Turabi inspirierte radikal-islamistische JEM (<em>Justice and Equality Movement<\/em>) und die s\u00e4kulare, mit der s\u00fcdsudanesischen SPLA verb\u00fcndete SLA\/SLM (<em>Sudan Liberation Army\/Sudan Liberation Movement<\/em>) von Abd al-Wahid Mohamed Nur und Minni Arkoy Minnawi. Sie griffen am 25.4.2003 vereint Nyala und Al-Faschir und die dortigen Armeeposten der Zentralregierung an.<\/p>\n<p>Prunier verteidigt tendenziell diese Guerilla in seinem Buch und verharmlost deren Brutalit\u00e4t, die von Anfang an offenbar war: &#8222;Nach US-Quellen exekutierten sie (beide Guerilla; d.A.) au\u00dferdem fast 200 Gefangene der Armee, nachdem diese sich ergeben hatten; dies scheint eine der seltenen Gr\u00e4ueltaten der Rebellen in diesem Krieg gewesen zu sein. Ende Mai t\u00f6teten sie etwa 500 Regierungssoldaten im Kampf bei Kutum, im Juli griffen sie Tinay an und t\u00f6teten noch einmal 250 Gegner, und am 1. August gelang ihnen die Einnahme von Kutum. Dabei t\u00f6teten sie einen gro\u00dfen Teil der Garnison.&#8220; (S. 128)<\/p>\n<p>Wie bei vielen Beispielen und auch wie in Ruanda muss sich die Guerilla fragen lassen, was sie mit dem bewaffneten Aufstand riskierte und wie blind sie gegen\u00fcber der Gefahr des Abgleitens in eine Dynamik der schnellen Eskalation mit vernichtendem Gegenschlag oder in einen lang andauernden B\u00fcrgerkrieg war.<\/p>\n<p>Die Darfur-Guerillas verbanden die Offensive mit einem Verhandlungsangebot an Khartum. Das ist typische Praxis bei einer Guerillaoffensive. Doch was berechtigt zu der Hoffnung, dass gerade in so einer Phase der an Waffen und Material \u00fcberlegene Gegner, der Zentralstaat, verhandeln will? Ist nicht ein Versuch der Mobilisierung aller verf\u00fcgbaren milit\u00e4rischen Mittel des Zentralstaates zum vernichtenden Gegenschlag viel wahrscheinlicher? Wenn es aber dazu kommt, muss an die Guerilla die Forderung gestellt werden, die sie tragende und unterst\u00fctzende Zivilbev\u00f6lkerung milit\u00e4risch sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen, das ist schlie\u00dflich der eigene Anspruch der bewaffneten Selbstverteidigung. Und genau das war in Darfur &#8211; wie auch in Ruanda &#8211; nicht der Fall.<\/p>\n<p>Die Tutsi-Guerilla in Ruanda hat losgeschlagen, letztlich den Krieg gewonnen und die Macht erobert, aber den V\u00f6lkermord an den Tutsi durch die Hutu-Regierung, der zeitlich dazwischen lag, hat sie nicht verhindert.<\/p>\n<p>Prunier ahnt etwas von diesem Mechanismus, wenn er schreibt:<\/p>\n<p>&#8222;Guerillabek\u00e4mpfung ist so alt wie die Guerilla. (&#8230;) Von Mao Zedong, einem Theoretiker wie Praktiker des Guerillakrieges, stammt der oft zitierte Satz, Guerillas m\u00fcssten \u201asich in der Bev\u00f6lkerung bewegen wie ein Fisch im Wasser.&#8216; Die logische Schlussfolgerung von Anti-Guerilla-Theoretikern lief darauf hinaus, den Teich trockenzulegen, wenn man den Fisch anders nicht fangen konnte.&#8220; (S. 136f.).<\/p>\n<p>Und das machte die sudanesische Armee Khartums. SLA und JEM waren niemals f\u00e4hig, ganz Darfur zu sch\u00fctzen und den Rachefeldzug zu verhindern. Noch einmal Prunier zum Vergleich mit Ruanda:<\/p>\n<p>&#8222;Als die Tutsi-Rebellen im Oktober 1990 in Ruanda eindrangen, machten sie sich wahrscheinlich nicht klar, welche Gefahr sie f\u00fcr die im Land lebenden Tutsi heraufbeschworen. In einer rassistisch aufgeladenen Situation bringt eine bewaffnete Rebellion der \u201aunterlegenen&#8216; Gruppe eine enorme Bedrohung f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung dieser Gruppe mit sich. (&#8230;) Die Hoffnung, dass die Repression auf die K\u00e4mpfenden beschr\u00e4nkt bleiben k\u00f6nnte, war vollkommen unrealistisch.&#8220; (S. 198)<\/p>\n<p>Darin liegt die Verantwortung und die Mitschuld der Guerillakriegsf\u00fchrung an den Massenmorden in Afrika.<\/p>\n<h3>Das Man\u00f6ver al-Turabis und die eskalierende Wirkung des Friedensschlusses mit der SPLA<\/h3>\n<p>Doch die T\u00e4ter, die Hauptverantwortlichen, sa\u00dfen in Khartum.<\/p>\n<p>Am 12.12.1999 entmachtete Sudans Pr\u00e4sident Omar al-Baschir den islamistischen Chefideologen Hassan al-Turabi. Al-Turabi war die starke Person der 1926 von Hassan al-Banna gegr\u00fcndeten <em>Muslim-Br\u00fcder<\/em>, die im Sudan 1953 legalisiert wurden.<\/p>\n<p>Noch unter Numeiri war al-Turabi vom politischen H\u00e4ftling (bis 1969) 1977 direkt zum Vorsitzenden der Rechtskommission der &#8222;Nationalen Vers\u00f6hnung&#8220; mit den Islamisten aufgestiegen, die 1983 zur Einf\u00fchrung der Sharia f\u00fchrte, und wogegen dann die Bewegung Mahmud Tahas aufbegehrte. ((4)) Nach dem parlamentarisch-demokratischen Intermezzo von 1985 bis 1989 putschten sich al-Turabi und al-Baschir 1989 gemeinsam an die Macht und wandelten den Sudan in einen islamistischen Staat um.<\/p>\n<p>Al-Turabi, der Intellektuellere der beiden, der immer in Khartum blieb (in Gef\u00e4ngnis oder Hausarrest) und von al-Baschir nicht umgebracht werden konnte, weil er f\u00fcr einige Schweizer Konten des Sudan als einziger unterschriftberechtigt war, verfolgte nach seiner Entmachtung 1999 eine besondere Variante seiner politischen Taktik des <em>tahaluf<\/em> (tempor\u00e4re B\u00fcndnisse). Er beging sogar das f\u00fcr Islamisten Undenkbare und paktierte &#8211; eine besondere Form des <em>tahaluf<\/em> &#8211; mit der s\u00fcdsudanesischen SPLA, kaufte Waffen in Eritrea und schaffte sie auf langwierigen Wegen nach Darfur zur Unterst\u00fctzung der JEM. Die JEM gerierte sich als kleinere der beiden Darfur-Guerillas daher auch immer als islamistisch und bei Verhandlungen als die unnachgiebigere und &#8222;radikalere&#8220; Fraktion, was bald zum Bruch mit der s\u00e4kularen SLA\/SLM f\u00fchrte. Paradoxer Weise sind die Massenm\u00f6rder der Zentralregierung Khartums inhaltlich also die &#8222;gem\u00e4\u00dfigteren&#8220; Islamisten al-Baschirs, die al-Turabi entmachtet hatten.<\/p>\n<p>Am 9.1.2005 unterzeichnete Khartum nach jahrelangen Verhandlungen ein heute noch g\u00fcltiges &#8222;umfassendes Friedensabkommen&#8220; mit der s\u00fcdsudanesischen SPLA von John Garang, das den jahrzehntelangen Krieg im S\u00fcden vorl\u00e4ufig beendete.<\/p>\n<p>Zugest\u00e4ndnisse waren die Integration von Garangs SPLA in eine &#8222;\u00dcbergangsregierung&#8220; in Khartum sowie ein Referendum \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit des S\u00fcdsudan im Jahre 2010. Im Gegensatz zu Darfur geht es im S\u00fcdsudan um durch Probebohrungen best\u00e4tigte \u00d6lquellen, f\u00fcr die eine Pipeline \u00fcber Kenia geplant ist, die in sechs Jahren fertig sein soll. Dann wird eine Sezession des S\u00fcdsudan via Referendum sehr absehbar, denn John Garang starb am 31.7.2005 durch einen &#8211; ungekl\u00e4rten &#8211; Hubschrauberabsturz, zwei Wochen, nachdem er erstmals seit 22 Jahren nach Khartum gekommen war, wo ihn mehr als zwei Millionen Menschen empfangen hatten.<\/p>\n<p>Entgegen Garangs Ambition, Pr\u00e4sident des Gesamt-Sudan zu werden, gibt es einen gro\u00dfen Teil innerhalb der SPLA, der schon immer die Sezession bef\u00fcrwortete und nun, nach dem Tod Garangs, Oberwasser hat. ((5))<\/p>\n<p>Mag sich Khartum mit der Perspektive der Sezession des S\u00fcdens abgefunden haben &#8211; \u00d6lfelder gibt es auch im Norden des Sudan mit einer 1999 fertig gestellten Pipeline nach Port Sudan, aus dessen Profiten das Regime Waffenk\u00e4ufe finanziert -, so ist eine \u00e4hnliche Perspektive f\u00fcr den islamischen Darfur aus Gr\u00fcnden der Staatsraison undenkbar.<\/p>\n<p>Prunier stellt nun die m.E. schl\u00fcssige These auf, dass die Repression Khartums gegen den Aufstand in Darfur auch deshalb so schnell eskalierte und mit allen verf\u00fcgbaren Mitteln durchgef\u00fchrt wurde, weil die Khartumer Regierung Angst hatte, bei einem Frieden mit der SPLA die Zentralmacht teilen zu m\u00fcssen und f\u00fcr Repressionsfeldz\u00fcge gegen die &#8222;afrikanischen&#8220; Bev\u00f6lkerungsgruppen in Darfur eine Art Veto von der in die Regierung integrierten SPLA zu erwarten war. Wie sich nach Regierungsbeitritt der SPLA zeigte, war diese Angst unbegr\u00fcndet, denn auch danach konnte Khartum, unbeeinflusst von der SPLA, seine Feldz\u00fcge in Darfur fortsetzen, doch das Motiv, sich zwischen 2003 und 2005 in einem Wettlauf mit der Zeit zu befinden, spielte beim Massenmord wohl eine Rolle.<\/p>\n<h3>Die Hauptverantwortung Khartums: Die Heranziehung der Dschandschawid-Milizen<\/h3>\n<p>Schon immer hatten Rekruten aus Darfur, auch aufgrund ihrer Tradition als Reiterkrieger, f\u00fcr die Zentral-Armee den Kampf gegen die SPLA im S\u00fcden des Sudan gef\u00fchrt, angelockt durch Aufrufe zur Solidarit\u00e4t der Muslime untereinander gegen die &#8222;Ungl\u00e4ubigen&#8220; des S\u00fcdens.<\/p>\n<p>Langsam aber d\u00e4mmerte es den Darfurer Soldaten in Diensten Khartums, dass sie f\u00fcr die inner-islamische Solidarit\u00e4t verheizt wurden. Prunier berichtet sogar von antimilitaristischen Verweigerungsformen aus fr\u00fcheren Kriegsphasen:<\/p>\n<p>&#8222;Im April 1986 kam es auf dem Bahnhof von Nyala zu Unruhen, als sich Wehrpflichtige der Fur weigerten, einen Zug nach Wau zu besteigen. Flugbl\u00e4tter, in denen gefragt wurde: \u201aWarum sollen wir gegen unsere Br\u00fcder im S\u00fcden k\u00e4mpfen? Geh\u00f6ren wir nicht zusammen?&#8216; wurden verteilt.&#8220; (S. 82)<\/p>\n<p>In sp\u00e4teren Phasen des Krieges desertierten Darfurer Regierungssoldaten bei ihren Eins\u00e4tzen im S\u00fcden regelm\u00e4\u00dfig zur SPLA, jedoch um einen Militarismus gegen den anderen zu tauschen. Gleichwohl war die offizielle sudanesische Armee zur Zeit der Krise von 2003 bis 2005 nicht verl\u00e4sslich. Darfurer Soldaten wurden nun entlassen, die Armee musste in Teilen reorganisiert werden, doch Khartum hatte nicht soviel Zeit. Also ging die Zentralregierung dazu \u00fcber, die internen Spannungen in Darfur auszunutzen und Milizen aus den &#8222;arabischen&#8220; Nomaden im Norden sowie der &#8222;Flussaraber&#8220; zu schmieden, die ber\u00fcchtigten <em>Dschandschawid<\/em>, die mit &#8222;b\u00f6se Reiter&#8220; \u00fcbersetzt werden.<\/p>\n<p>&#8222;Soziologisch scheinen sich die Dschandschawid haupts\u00e4chlich aus sechs unterschiedlichen Gruppierungen zusammenzusetzen: ehemaligen Banditen und Stra\u00dfenr\u00e4ubern, die seit den 1980er Jahren \u201aim Gesch\u00e4ft&#8216; waren; entlassenen Soldaten aus der regul\u00e4ren Armee; jungen Stammesangeh\u00f6rigen, die mit ihren \u201aafrikanischen&#8216; Nachbarn \u00fcber Land und Boden stritten, offenbar meist Angeh\u00f6rige kleinerer arabischer St\u00e4mme; gew\u00f6hnlichen Kriminellen, die begnadigt und aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen wurden, sofern sie sich den Milizen anschlossen; fanatischen Mitgliedern des <em>tadschammu al-arabi<\/em> sowie jungen arbeitslosen \u201aArabern&#8216;, \u00e4hnlich jenen, die sich auf \u201aafrikanischer&#8216; Seite den Rebellen anschlossen.&#8220; (S. 130)<\/p>\n<p>Der Massenmord ging nach folgendem Muster vor sich: &#8222;Zuerst kamen Flugzeuge, \u00fcberflogen ein Dorf, um das Ziel ausfindig zu machen, und kehrten dann zur\u00fcck, um ihre Bomben abzuwerfen. Die Luftangriffe wurden mit russischen viermotorigen Antonow-An-12-Maschinen geflogen, die eigentlich keine Bomber, sondern Transportmaschinen sind. Sie haben weder einen Bombenschacht noch eine Zielvorrichtung und die \u201aBomben&#8216; waren alte, mit einer Mischladung aus Explosivstoff und Metallschrott gef\u00fcllte \u00d6lf\u00e4sser. Sie wurden einfach auf dem Boden der Transportmaschinen zur hinteren Laderampe gerollt, die w\u00e4hrend des Flugs offen blieb, und hinausgesto\u00dfen. Es waren also primitive, frei fallende Streubomben, vom milit\u00e4rischen Gesichtspunkt her vollkommen unbrauchbar, da sie nicht gezielt abgeworfen werden konnten, gegen feste zivile Ziele jedoch von verheerender Wirkung. (&#8230;) Hatten die Antonows ihren schrecklichen Zweck erf\u00fcllt, folgten Kampfhubschrauber und\/oder MiG-Kampfbomber und feuerten mit Maschinengewehren und Raketen auf alle gr\u00f6\u00dferen Ziele wie Schulen oder Lagerh\u00e4user, die den Angriff bis dahin \u00fcberstanden hatten. (&#8230;) Nach den Luftangriffen erschienen die Dschandschawid, entweder allein oder zusammen mit regul\u00e4ren Armeeeinheiten. Die Milizion\u00e4re tauchten auf Pferden und Kamelen auf, h\u00e4ufig in Begleitung weiterer K\u00e4mpfer auf Toyota-\u201aTechnicals&#8216; (Gel\u00e4ndewagen mit aufgestelltem MG; d.A.). Sie umstellten das Dorf, und dann gab es verschiedene Optionen. In den \u201aharten&#8216; F\u00e4llen riegelten sie den Ort ab, pl\u00fcnderten die Habe der Bewohner, vergewaltigten die M\u00e4dchen und Frauen, stahlen die Rinder und t\u00f6teten die Esel. Danach brannten sie die H\u00e4user nieder und erschossen alle, die nicht weglaufen konnten. Kleine Kinder wurden oft einfach in die brennenden H\u00e4user geworfen. Gingen die Milizion\u00e4re \u201asanfter&#8216; vor, dann schlugen sie die Leute, pl\u00fcnderten, erschossen einige widerspenstige M\u00e4nner, vergewaltigten die Frauen und f\u00fcgten ihnen in vielen F\u00e4llen Schnittwunden zu oder verunstalteten sie mit einem hei\u00dfen Eisen, um sie f\u00fcr alle Zeiten als \u201averdorben&#8216; zu brandmarken. Bei diesen \u201asanften&#8216; Angriffen wurden die Dorfbewohner au\u00dferdem verbal beleidigt, und mit Anspielungen auf deren \u201aafrikanische&#8216; Abstammung rechtfertigten die Dschandschawid ihr Vorgehen gegen die <em>zurqa<\/em>, die \u201aSchwarzen&#8216;, und machten deutlich, dass das Land \u201ajetzt den Arabern&#8216; geh\u00f6re.&#8220; (S. 132ff.) Dschandschawid-K\u00e4mpfer werden inzwischen mehr und mehr in die regul\u00e4re Armee integriert.<\/p>\n<p>In einer Hochrechnung von belegten Beispielen auf ganz Darfur kommt Prunier f\u00fcr den Zeitraum von 2003 bis 2005 auf &#8222;280.000 bis 310.000 Opfer&#8220; (S. 195) bei rund zwei Millionen Vertriebenen. In Darfur lebt quasi niemand mehr in seinem\/ihren angestammten Zuhause, sondern nur noch in Fl\u00fcchtlingslagern oder im tschadischen Exil.<\/p>\n<h3>Zersplitterung der Guerilla seit 2005<\/h3>\n<p>Die Eigendynamiken des Krieges setzten nun die v\u00f6llig \u00fcberforderte Guerilla in Darfur so unter Druck, dass der Zustand von 1989, in dem jeder jeden bek\u00e4mpfte, bald wieder erreicht war. Die JEM torpedierte jeden von der SLA\/SLM ausgehandelten Waffenstillstand.<\/p>\n<p>&#8222;An Ort und Stelle dr\u00fcckten sich diese Spannungen in Querelen \u00fcber Taktik und die Aufteilung der milit\u00e4rischen Ausr\u00fcstung sowie der Beute aus, was schlie\u00dflich Anfang November (2004; d.A.) in regelrechte K\u00e4mpfe zwischen den beiden Bewegungen (&#8230;) m\u00fcndete.&#8220; (S. 161) &#8222;(D)ie Guerillas verloren indes immer mehr die Kontrolle \u00fcber die eigenen Leute, und prompt tauchten R\u00e4uberbanden auf.&#8220; (S. 162) &#8222;Drittens waren die Guerillas mit eigenen Vertriebenen \u00fcberlastet und b\u00fc\u00dften dadurch an Kampfkraft ein.&#8220; (S. 178)<\/p>\n<p>Typisch f\u00fcr solche kriegsbedingten Eigendynamiken sind Spaltungen, Counter-Strategien und Inszenierungen durch den staatlichen Geheimdienst: ((6))<\/p>\n<p>&#8222;Khartums Geheimdienst (&#8230;) hatte es f\u00fcr angebracht gehalten, eine bei den Zaghawa verankerte \u201aRebellenbewegung&#8216; zu gr\u00fcnden, die <em>Mouvement National pour la R\u00e9forme et le D\u00e9velopment (MNRD)<\/em>, eine weniger fundamentalistische Splittergruppe des JEM. Im Dezember 2004 hatte die MNRD einen separaten Waffenstillstand mit der sudanesischen Regierung geschlossen, der jedoch bereits im Februar 2005 gebrochen wurde, als die sudanesische Armee deren St\u00fctzpunkte (&#8230;) angriff. Kaum geriet die MNRD unter Feuer, wandte sie sich an Ndjamena (Tschad; d.A.) um Hilfe, was die sudanesische Regierung ihrerseits als Anlass f\u00fcr Vergeltung betrachtete.&#8220; (S. 204)<\/p>\n<p>Auch die SLA spaltete sich. Das hatte mit den zunehmend autorit\u00e4ren Methoden des SLA\/SLM-Commandante Minni Minnawi zu tun:<\/p>\n<p>&#8222;Die SLA spaltete sich zunehmend in eine Zaghawa-Fraktion unter F\u00fchrung von Minni und eine \u201asesshafte&#8216; Fraktion aus Fur und verb\u00fcndeten sesshaften afrikanischen St\u00e4mmen (Tschundur, Bergid, Dajo, Berti) unter der F\u00fchrung von Abd al-Wahid Mohamed Nur. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass die Zaghawa, obwohl \u201aSchwarzafrikaner&#8216;, Nomaden sind, weshalb sie im Streit zwischen \u201aArabern&#8216; und \u201aAfrikanern&#8216; stets eine ambivalente Haltung einnahmen.&#8220; (S. 212, Anm.)<\/p>\n<p>Khartum gelang es, alle gegeneinander auszuspielen und sogar einzelne \u201aafrikanische&#8216; Gruppen auf ihre Seite zu ziehen:<\/p>\n<p>&#8222;Am 19. September (2005; d.A.) hatte die von Minni Arkoy Minnawi gef\u00fchrte Fraktion die kleine Stadt Schaeriya in S\u00fcddarfur erobert. Drei Tage sp\u00e4ter wurden sie durch eine gemeinsame Offensive der regul\u00e4ren sudanesischen Armee und einer von der Armee aufgestellten gemischten Missiriya- und Bergid-Miliz wieder vertrieben. Die Missiriya waren \u201aAraber&#8216;. Warum aber k\u00e4mpften die Bergid, ein \u201aafrikanischer&#8216; Stamm, auf der Seite der Regierung? (&#8230;) Im Lauf der letzten zwei Jahre hatte Minni die Anwesenheit \u201aexilierter&#8216; Zaghawa bei den Bergid dazu benutzt, seine K\u00e4mpfer auf h\u00f6chst brutale Weise gegen diese einzusetzen. Die Bergid, die die Zaghawa-Fl\u00fcchtlinge w\u00e4hrend der Hungersnot von 1984 freundlich aufgenommen hatten, wollten Minnis Schl\u00e4ger, die Steuern eintrieben, ihre Ziegen aufzehrten und ihren Frauen Gewalt antaten, nicht mehr ertragen; sie stellten sich auf die Seite der Armee, um sie loszuwerden.&#8220; (S. 212)<\/p>\n<p>So ist es kein Wunder, dass das f\u00fcr die Darfurer Seite nur von Minni Minnawi unterzeichnete Darfur-Friedensabkommen vom 5. Mai 2006 das Papier nicht wert war, auf dem es geschrieben stand.<\/p>\n<p>Schlimmer noch:<\/p>\n<p>&#8222;JEM, MNRD und Abd al-Wahids Fraktion der SLM, die zusammen die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung und 80 Prozent der Schwarzen Darfurs vertraten, verweigerten (&#8230;) hartn\u00e4ckig ihre Unterschrift. Auch einigen von Minnis Befehlshabern kamen Zweifel. Die Dschandschawid (die eigentlich entwaffnet werden sollten; d.A.) nahmen ihre Angriffe schon wenige Stunden nach Unterzeichnung des Abkommens wieder auf.&#8220; (S. 233) Und: &#8222;Am 3. Juli (2006; d.A.) griffen gemischte Verb\u00e4nde aus Dschandschawid und ehemaligen Guerillas von Minnis SLM, unterst\u00fctzt von Flugzeugen der regul\u00e4ren sudanesischen Armee, das Dorf Sibi an, das von Befehlshabern der Tundschur gehalten wurde, die dem Darfur-Friedensabkommen kritisch gegen\u00fcberstanden.&#8220; (S. 235)<\/p>\n<p>Ohne den B\u00fcrgerkrieg w\u00e4re der Genozid nicht m\u00f6glich geworden.<\/p>\n<h3>Die Diskussion um westliche Milit\u00e4rintervention<\/h3>\n<p>Die sudanesische Zentralregierung ging mit der internationalen Nahrungsmittelhilfe willk\u00fcrlich um und behinderte Transporte, wo sie nur konnte. Der westliche Industriekapitalismus und seine politischen VertreterInnen haben jedoch keine \u00f6konomischen Interessen in Darfur. Eine japanische \u00d6lfirma besitzt ein vermutetes \u00d6lfeld, aber Probebohrungen haben noch nicht stattgefunden, nichts ist best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Als die sudanesische Zentralregierung das Friedensabkommen von 2005 mit der s\u00fcdsudanesischen SPLA unterzeichnete, wurde die sich gleichzeitig abzeichnende Trag\u00f6die in Darfur daher von den westlichen Regierungen geflissentlich \u00fcbersehen. Auch alle sonstigen \u00fcblichen internationalen Druckmittel, etwa der Strafgerichtshof in Den Haag, konnten schlecht gegen eine Regierung eingesetzt werden, mit der man gerade einen Frieden ausgehandelt hatte und die als gem\u00e4\u00dfigte Islamisten galten, die den USA Hilfe beim &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; zugesagt hatten. Sp\u00e4ter wurde das Vorgehen in Darfur zwar von den UN verurteilt, aber das Problem an die &#8222;Afrikanische Union&#8220; weitergereicht, die ein paar Beobachtungstrupps schickte. Inzwischen dreht sich die internationale Diskussion um einen massiven milit\u00e4rischen UN-Einsatz, der auch das Mandat zur &#8222;Friedenserzwingung&#8220; mit einschlie\u00dft. Und hier scheiden sich die Geister.<\/p>\n<p>Bei Prunier spitzen sich alle Informationen auf seine Forderung nach einer massiven westlichen Milit\u00e4rintervention zu, die auch von Fl\u00fcchtlingen in den Fl\u00fcchtlingslagern bei einer Demonstration gegen Minnawi gefordert worden sei (S. 233). Menschenrechtsorganisationen wie <em>Human Rights Watch<\/em> verkn\u00fcpfen ihre j\u00fcngsten Lageberichte st\u00e4ndig mit Aufrufen zur UN-Milit\u00e4rintervention. ((7))<\/p>\n<p>\u00dcber einen Internetdienst, der alternative und linke Bl\u00e4tter einschlie\u00dflich <em>Junge Welt, Bonner Friedensinfo, Freitag <\/em>usw. bedient, gibt der Journalist Thomas Immanuel Steinberg regelm\u00e4\u00dfig Informationen und Selbsteinsch\u00e4tzungen zu Darfur weiter. ((8))<\/p>\n<p>Obwohl ich sein politisches Ziel, eine westliche Milit\u00e4rintervention massiver Art durch wen auch immer zu verhindern, teile, kritisiere ich seine antiimperialistische Argumentationsstruktur, die systematisch dahin tendiert, den Hauptt\u00e4ter, die Zentralregierung in Khartum, in antiimperialistischer Manier zu entlasten. So denunziert er Medienberichte \u00fcber &#8222;vermutlich falsche Zahlenangaben \u00fcber 300.000 Tote in Darfur&#8220; ((9)).<\/p>\n<p>Bei diesem Streit um eine Milit\u00e4rintervention spielt auch die juristische Definition dar\u00fcber, ob es sich um einen &#8222;Genozid&#8220; handelt, eine Rolle. Den Menschen d\u00fcrfte es jedoch egal sein, unter welchem Etikett sie sterben.<\/p>\n<p>Eine Milit\u00e4rintervention w\u00fcrde wohl realistischer Weise \u00e4hnliche Ergebnisse wie im Irak oder in Somalia 1992 hervorrufen und \u00fcber den dann sicher folgenden islamistischen Jihad auch noch den Rest des Sudan in den Krieg hineinziehen. Auf eine Milit\u00e4rintervention kann also verzichtet werden, deswegen darf jedoch nicht das Ausma\u00df der Verantwortung des Zentralstaats, also der T\u00e4ter in Khartum, relativiert werden. Das Problem des Sudan sind sein kultureller Rassismus und sein staatlicher Zentralismus. Eine L\u00f6sung muss die Kultur im Zentrum des Sudan revolutionieren und gleichzeitig f\u00f6deralistische und antimilitaristische Konzepte durchsetzen.<\/p>\n<p>Und hier sind wir wieder bei der Vision des Ustad Mahmud Muhammad Taha, seines F\u00f6deralismus und seiner Ablehnung des Jihad. ((10))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehrfach wurde in der Graswurzelrevolution versucht ((1)), die hoffnungsvolle, gewaltfrei-anarchistische Tradition und Bewegung des Ustad Mahmud Muhammad Taha (genannt der &#8222;Gandhi des Sudan&#8220;) und seiner Organisation, der &#8222;Republikanischen Br\u00fcder&#8220; ((2)), bekannt zu machen. Taha selbst wurde 1985 vom Milit\u00e4rregime Numeiri hingerichtet. Die Taha-Bewegung lehnte Sharia und Jihad ab und vertrat eine s\u00e4kulare, sozialistische und f\u00f6deralistische &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/darfur-aller-tod-kommt-aus-den-gewehrlaufen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Darfur: Aller Tod kommt aus den Gewehrl\u00e4ufen! - graswurzelrevolution","description":"Mehrfach wurde in der Graswurzelrevolution versucht ((1)), die hoffnungsvolle, gewaltfrei-anarchistische Tradition und Bewegung des Ustad Mahmud Muhammad Taha ("},"footnotes":""},"categories":[472,1025],"tags":[],"class_list":["post-7954","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-317-marz-2007","category-die-waffen-nieder"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7954","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7954"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7954\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7954"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7954"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7954"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}