{"id":7958,"date":"2007-03-01T00:00:16","date_gmt":"2007-02-28T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7958"},"modified":"2022-07-26T14:24:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:21","slug":"ein-ausgezeichneter-graswurzelrevolutionar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/ein-ausgezeichneter-graswurzelrevolutionar\/","title":{"rendered":"Ein ausgezeichneter Graswurzelrevolution\u00e4r"},"content":{"rendered":"<p>Ossi hat die ersten 15 Lebensjahre in Deutschland gelebt, ohne deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft. Dann haben seine Eltern ihn zwangsweise in die T\u00fcrkei geschickt, wo er ein Internat besuchen musste. Diese &#8222;Bildungseinrichtung&#8220; wurde von Islamisten und Rechtsextremen geleitet, Misshandlungen waren an der Tagesordnung und Ossi erlebte die H\u00f6lle auf Erden. Aber seinen Willen konnte niemand brechen.<\/p>\n<p>Er politisierte sich, wurde zum gewaltfreien Anarchisten, gr\u00fcndete mit FreundInnen eine Kommune und gewaltfrei-libert\u00e4re Zeitungen. Nach mehrj\u00e4hriger Vorbereitung hatte der Graswurzelrevolution\u00e4r 1995 \u00f6ffentlich seine Kriegsdienstverweigerung erkl\u00e4rt und seinen Wehrpass verbrannt.<\/p>\n<p>Weil es in der T\u00fcrkei kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gibt, wurde er mehrmals auf Grund von Befehlsverweigerung bzw. Fahnenflucht inhaftiert. Nach seiner Entlassung erhielt er immer wieder die Aufforderung, sich zum &#8222;Wehrdienst&#8220; zu melden. Er lie\u00df die Termine verstreichen und nutzte die Verhandlungen vor dem Milit\u00e4rgericht ebenso wie seine Verurteilungen, um die \u00d6ffentlichkeit auf den Umgang der t\u00fcrkischen Regierung mit Kriegsdienstverweigerern aufmerksam zu machen. Insgesamt war Ossi 701 Tage inhaftiert.<\/p>\n<p>2006 hat der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte die t\u00fcrkische Regierung wegen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Strafverfolgung im Fall Osman Murat \u00dclke verurteilt (die GWR berichtete).<\/p>\n<p>Nach wie vor folgenlos: der langj\u00e4hrige GWR-Autor und Redakteur der von 2001 bis 2004 erschienenen t\u00fcrkisch-deutschen GWR-Beilage <em>Otk\u00f6k\u00fc<\/em> (deutsch: &#8222;Graswurzel&#8220;) gilt noch heute als Deserteur. Jederzeit k\u00f6nnte der inzwischen 36j\u00e4hrige Familienvater verhaftet werden. Er kann keinen Pass beantragen, keine Arbeit annehmen und kein Konto er\u00f6ffnen, solange er den Kriegsdienst verweigert.<\/p>\n<p>F\u00fcr Ossi ist es unm\u00f6glich, die T\u00fcrkei zu verlassen. Und das will er auch nicht. Er ist sich seiner Wirkung auf andere und seiner Rolle als &#8222;Protagonist&#8220; einer t\u00fcrkischen Graswurzel- und Kriegsdienstverweigererbewegung bewusst. Wer das Gl\u00fcck hat, ihn kennen zu lernen, trifft auf eine beeindruckende Pers\u00f6nlichkeit, die selbst auf politische Feinde eine gro\u00dfe Wirkung hat.<\/p>\n<h3>Ein Beispiel<\/h3>\n<p>1996 teilte er sich eine Gemeinschaftszelle u.a. mit dem &#8222;Grauen Wolf&#8220; Mehmet Bal, der wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war. Bal stand Ossi zun\u00e4chst feindselig gegen\u00fcber. Als Ossi dann wegen einer erneuten Verurteilung wieder in die Zelle gebracht wurde, waren Mehmet Bal und die anderen Gefangenen beeindruckt. Sie fingen an, sich mit ihm, mit seinen Positionen, mit gewaltfrei-libert\u00e4rer Ethik auseinander zu setzen.<\/p>\n<p>Mit der Zeit hat sich Mehmet Bal gewandelt. Im Sommer 2002 wurde er aufgrund einer Amnestie aus der Haft entlassen und erhielt den Marschbefehl zu einer Einheit. Dann hat er den Kriegsdienst verweigert. ((1)) Er wurde gefoltert, aber trotzdem hat er sich geweigert, ein Gewehr zu tragen und sich den Befehlen des Milit\u00e4rs zu beugen. Mehmet Bal hat sich vom Faschisten zum radikalen Pazifisten gewandelt. Und diese wunderbare Entwicklung w\u00e4re ohne Ossi und seinen aufrechten Gang nicht denkbar gewesen.<\/p>\n<h3>F\u00fcr das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung<\/h3>\n<p>Der Kampf f\u00fcr das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung kommt in der Milit\u00e4rdemokratur T\u00fcrkei einem Anrennen gegen Windm\u00fchlen gleich. Die Verurteilung des gewaltfrei-anarchistischen Kriegsdienstverweigerers Mehmet Tarhan zu einer vierj\u00e4hrigen Haftstrafe am 10. August 2005 l\u00f6ste in vielen L\u00e4ndern antimilitaristische Proteste aus (die GWR berichtete). Kaum bekannt ist dagegen, dass seit dem 7. Dezember 2006 der t\u00fcrkische Kriegsdienstverweigerer Halil Savda inhaftiert ist. Derzeit befindet er sich im Arrest in der 8. Panzerbrigade in Tekirdag. Zugleich finden zwei Verfahren wegen &#8222;Beharren auf Ungehorsam&#8220; gegen ihn statt. ((2))<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei herrscht ein Kulturkampf. Wer zum Beispiel \u00fcber die historische Tatsache des osmanischen V\u00f6lkermords an 1,5 Millionen Armeniern im Jahre 1915 erinnert, riskiert hohe Haftstrafen und sein Leben, selbst wenn er Nobelpreistr\u00e4ger ist und Orhan Pamuk hei\u00dft. Nachdem Pamuks Freund, der armenische Intellektuelle Hrant Dink von einem nationalistischen Eiferer ermordet wurde, demonstrierten im Februar 2007 Hunderttausende in Istanbul unter der Parole &#8222;Wir sind alle Armenier&#8220;.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst hoffen.<\/p>\n<p>Selbst Massenmedien wie <em>Der Spiegel<\/em> berichteten \u00fcber diese zivile Massenbewegung. ((3))<\/p>\n<p>\u00dcber die Menschenrechtsverletzungen gegen t\u00fcrkische Kriegsdienstverweigerer findet sich in den deutschen Leitmedien dagegen nichts. &#8222;Elitemedien&#8220; interessieren sich eben haupts\u00e4chlich f\u00fcr Eliten, nicht f\u00fcr Menschen die mit gewaltfreien Methoden einen milit\u00e4rischen Apparat sabotieren.<\/p>\n<p>Um so erfreulicher ist das Signal, das nun von den <em>Internationalen \u00c4rzten f\u00fcr die Verh\u00fctung des Atomkrieges, \u00c4rzte in sozialer Verantwortung e.V.<\/em> (IPPNW) ausgeht: &#8222;Osman Murat \u00dclke erh\u00e4lt die Clara-Immerwahr-Auszeichnung 2007, weil er in der T\u00fcrkei konsequent f\u00fcr sein Recht auf Kriegsdienstverweigerung eintritt und daf\u00fcr seit Jahren extreme pers\u00f6nliche Nachteile in Kauf nimmt.&#8220;<\/p>\n<p>Am 3. M\u00e4rz 2007 wird die IPPNW diese Auszeichnung im Rahmen einer Feierstunde im Georges-Casalis-Saal der Franz\u00f6sischen Friedrichstadtkirche in Berlin an Ossis Stellvertreter Coskun \u00dcsterci \u00fcberreichen.<\/p>\n<p>Seit 1991 verleiht die IPPNW die Clara-Immerwahr-Auszeichnung an Menschen, die sich trotz pers\u00f6nlicher Nachteile gegen Krieg, R\u00fcstung und f\u00fcr Menschenrechte einsetzen. Zuletzt wurde Christa L\u00f6rcher geehrt, die 2001 als einzige SPD-Abgeordnete gegen den Einsatz deutscher SoldatInnen in Afghanistan stimmte und daraufhin aus der SPD-Fraktion austreten musste.<\/p>\n<p>Benannt ist die Auszeichnung nach der Chemikerin Clara Immerwahr, die sich gegen die Arbeit ihres Ehemannes Fritz Haber stellte, der die Entwicklung und Anwendung von Giftgas im Ersten Weltkrieg vorantrieb.<\/p>\n<p>Wir gratulieren Ossi ganz herzlich zu dieser Auszeichnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ossi hat die ersten 15 Lebensjahre in Deutschland gelebt, ohne deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft. Dann haben seine Eltern ihn zwangsweise in die T\u00fcrkei geschickt, wo er ein Internat besuchen musste. Diese &#8222;Bildungseinrichtung&#8220; wurde von Islamisten und Rechtsextremen geleitet, Misshandlungen waren an der Tagesordnung und Ossi erlebte die H\u00f6lle auf Erden. Aber seinen Willen konnte niemand brechen. 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