{"id":7960,"date":"2007-03-01T00:00:11","date_gmt":"2007-02-28T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7960"},"modified":"2022-07-26T14:24:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:21","slug":"3-anarchietage-in-winterthur-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/3-anarchietage-in-winterthur-2\/","title":{"rendered":"3. Anarchietage in Winterthur"},"content":{"rendered":"<p>Diese sind ihrerseits in der &#8222;Libert\u00e4ren Aktion Winterthur&#8220; (LAW) aktiv. Die sich selbst als anarchistisches Netzwerk bezeichnende Gruppe ist mit drei Jahren selber noch ziemlich jung, was aber in einer Region, in der beinahe jede anarchistische Tradition fehlt, nicht weiter erstaunlich ist. Gegr\u00fcndet von Aktivistinnen und Aktivisten vornehmlich aus der Bewegung gegen den Irak-Krieg ((1)), konnte das Netzwerk einen stetigen Zuwachs verzeichnen. Innerhalb der LAW sind momentan rund 20 Menschen aktiv, der \u00fcberwiegende Teil weniger als 25 Jahre alt und mit der Lehre oder dem Studium besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<h3>Theoriebildung als Ziel<\/h3>\n<p>Die Anarchietage waren schon seit seiner Gr\u00fcndung ein konstitutiver Bestandteil des Netzwerkes. Einerseits ist das \u00f6ffentliche Auftreten mit Veranstaltungen libert\u00e4ren Inhaltes entscheidender Teil der Praxis, die von der LAW als M\u00f6glichkeit sowohl der Wissensvermittlung als auch des Austausches gesehen werden.<\/p>\n<p>Anderseits dienen die Anarchietage der theoretischen Grundlagenbildung innerhalb des Netzwerkes. In der Deutschschweiz existiert wenn \u00fcberhaupt nur eine sehr versch\u00fcttete libert\u00e4re Tradition. Obwohl bereits im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert erste Spuren anarchistischer Gruppierungen zu finden sind &#8211; oftmals durch italienische Emigrantinnen und Emigranten gebildet ((2)) -, waren diese stets kurzlebig, geografisch meist sehr begrenzt und in der \u00d6ffentlichkeit kaum pr\u00e4sent. ((3))<\/p>\n<p>In Winterthur selbst kam es in der ersten H\u00e4lfte der 1980er Jahre im Zuge der schweizweiten Jugendbewegung letztmals zu einem gr\u00f6\u00dferen Aufflackern linksradikalen, aber nicht unbedingt anarchistischen Protestes. Dieser sorgte jedoch viel eher durch seine Praxis (Abfackeln von Autos und Industrieanlagen, ein Bombenanschlag auf das Fensterbrett eines damals amtierenden Bundesrates) und durch die darauf folgende massive Repression gegen ihn ((4)) als durch seine Theoriebildung f\u00fcr Aufsehen.<\/p>\n<p>Danach blieb es in der Stadt lange Zeit ruhig, die durch die damals im Niedergang befindliche Industrie, welche einem grossen Teil der Winterthurer Bev\u00f6lkerung Arbeit gegeben hatte, gepr\u00e4gt war und es in Form einer brachliegenden Fabrikw\u00fcste noch heute ist. Der sich abzeichnende dritte Golfkrieg war es dann, der die angestaute politische Energie J\u00fcngerer wie \u00c4lterer kurzzeitig b\u00fcndeln konnte. Die aus den Protesten \u00fcbrig gebliebenen Personen wussten anfangs durch einen \u00fcbersprudelnden Aktivismus Politik und Bev\u00f6lkerung von Winterthur zu beeindrucken (nationales Aufsehen erregte die dreit\u00e4gige Besetzung eines leer stehenden, knapp 100 Meter hohen und als st\u00e4dtisches Wahrzeichen symbolisch aufgeladenen Hochhauses Anfang 2004), gingen aber bald wegen politischer Differenzen verschiedene Wege.<\/p>\n<p>Als unmittelbare Reaktion darauf wurde vom &#8222;antiautorit\u00e4ren Fl\u00fcgel&#8220; die LAW gegr\u00fcndet, die seither bem\u00fcht ist, theoretisch an Terrain zu gewinnen. Obwohl die Theoriebildung auf Grund der geschilderten historischen Umst\u00e4nde ein wichtiger Bestandteil ist, organisieren sich im Netzwerk Menschen mit ganz verschiedenen anarchistischen oder allgemein antiautorit\u00e4ren Ansichten. Dies f\u00fchrt unter anderem dazu, dass die LAW als Ganze kaum mit Statements in Erscheinung tritt, die innerhalb der anarchistischen Bewegung strittige Punkte ber\u00fchren.<\/p>\n<h3>Viele Veranstaltungen, wenige Referentinnen<\/h3>\n<p>Doch zur\u00fcck zu den Anarchietagen, welche wohl der offensichtlichste Ausdruck dieser theoretischen Vielfalt sind. Im Vorwort des Readers f\u00fcr die vergangenen Anarchietage hei\u00dft es, dass &#8222;durch die Veranstaltungen eine m\u00f6glichst grosse Facette an freiheitlichem Gedankengut und freiheitlicher Praxis abgedeckt werden&#8220; ((5)) soll. Ein Blick auf das Programm scheint diesen Eindruck zu best\u00e4tigen: Veranstaltungen zu historischen (Kirchenverfolgung w\u00e4hrend der Spanischen Revolution, Verfolgung der Roma und Sinti w\u00e4hrend des Nationalsozialismus), regionalen (Libert\u00e4re Bewegung im Tessin und im Elsass), technischen (Open-Source-Bewegung), &#8222;schr\u00e4gen&#8220; (ein Queer-Trash-M\u00e4rchen), theoretischen (Kritik an Demokratie und Volk, die Evolution der Kooperation) und praktischen (ArbeiterInnenkontrolle in Venezuela, libert\u00e4re Medien, destruktive und konstruktive Kritik am Anarchismus) Themen konnten ein durchaus ausgewogenes Bild des Anarchismus vermitteln.<\/p>\n<p>Zwei Sachen fallen jedoch auf: erstens die fast vollst\u00e4ndige Absenz von Referentinnen, zweitens die geballte Ladung an Veranstaltungen (ein Dutzend insgesamt), die es f\u00fcr nicht in der Region wohnhafte Personen schwierig machte, alle Tage nach Winterthur zu kommen. Von einem Journalisten auf den ersten Punkt angesprochen, verwiesen zwei Aktivisten der LAW auf die fehlenden Kontakte und die mangelnde \u00f6ffentliche Pr\u00e4senz von Frauen (z.B. als Autorinnen) in der deutschsprachigen anarchistischen Bewegung. Jedoch sei im letzten Jahr ein Abend zu Anarchafeminismus organisiert worden, an dem unter anderem diese Frage thematisiert worden sei. Bei der Planung f\u00fcr die n\u00e4chsten Anarchietage 2008 sollen dennoch gezielt Frauen f\u00fcr Referate angefragt werden. Zum Sinn einer gro\u00dfen Anzahl von Veranstaltung befragt, meinten die beiden Personen, dass in den n\u00e4chsten Jahren darauf geschaut werde, mehr unentgeltliche \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten in Winterthur anzubieten. Ob es in Zukunft auch eine abgespeckte Version der Anarchietage geben k\u00f6nnte, wollten sie aber offen lassen.<\/p>\n<h3>&#8222;Klassenfeinde&#8220;, &#8222;M\u00fcslifresser&#8220; und &#8222;Konterrevolution\u00e4re&#8220;, aber auch Lob<\/h3>\n<p>Das breite Angebot zog folgerichtig und von der LAW durchaus erhofft BesucherInnen unterschiedlicher sozialer und politischer Herkunft an. Dogmatische Marxistinnen und antitechnologische Anarchisten, Hochschuldozenten und junge Fabrikarbeiterinnen fanden Abend f\u00fcr Abend den Weg in den gemieteten Veranstaltungsraum in der Altstadt von Winterthur. Dies f\u00fchrte zu angeregten Diskussionen, mitunter aber auch zu ernsthaften Auseinandersetzungen, die jedoch gl\u00fccklicherweise immer &#8222;nur&#8220; verbal ausgetragen wurden. Wirklich interessant und konstruktiv wurden die Diskussionen dann, wenn praktische Fragen thematisiert wurden.<\/p>\n<p>So fand im Anschluss an die Veranstaltung &#8222;Ist der Anarchismus noch zu retten?&#8220;, die von mehr als 80 Personen besucht wurde, eine Diskussion \u00fcber die Frage nach Aktivismus und Kindern statt. Dies war einer der wenigen und doch so wichtigen Momente, wo ein Austausch \u00fcber alle Altersgrenzen hinaus m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Geduld musste von den BesucherInnen dann ge\u00fcbt werden, wenn die sehnlichst erwarteten Referenten aus Deutschland vor Stuttgart im Stau standen, Milde dann, wenn der Aktivist aus dem Elsass seinen Vortrag nicht halten konnte, weil sein Auto noch in Frankreich den Geist aufgab und ein schnell zusammengebasteltes Manuskript \u00fcber Demonstrationen in Frankreich als Ersatz verlesen werden musste.<\/p>\n<p>Insgesamt waren aber sowohl die VeranstalterInnen wie auch die angesprochenen BesucherInnen zufrieden mit dem Gebotenen.<\/p>\n<p>So haben nach Aussagen eines Aktivisten bisher noch nicht in der anarchistischen Bewegung aktive Leute Interesse gezeigt, bei einem der allw\u00f6chentlich stattfindenden Treffen der LAW vorbeizuschauen.<\/p>\n<h3>Wenig Interesse der Medien<\/h3>\n<p>Ein Wermutstropfen bleibt jedoch f\u00fcr die LAW. Anders als in den letzten Jahren sei das Interesse der Medien sehr begrenzt gewesen, meint eine Aktivistin. W\u00e4hrend vor zwei Jahren das Beinahe-Monopol-Radio der Ostschweiz noch f\u00fcnf Minuten nach Erhalt des Communiqu\u00e9s zu den Anarchietagen einen ausf\u00fchrlichen Beitrag &#8211; mit rot-schwarzem Stern versehen &#8211; auf seiner Website ver\u00f6ffentlicht habe, sei die ablehnende Haltung der Mainstream-Medien diesmal deutlich sp\u00fcrbar gewesen.<\/p>\n<p>Dasselbe Radio habe dieses Jahr nicht einmal den Anstand besessen, vereinbarte Interviewtermine einzuhalten, und eine der einflussreichsten Tageszeitungen der Deutschschweiz habe zwar einen Artikel \u00fcber die Anarchietage ver\u00f6ffentlicht, jedoch durchs Band mit dem Klischee des &#8222;gewaltt\u00e4tigen Anarchisten&#8220; gespielt und sogar den Namen des Interviewpartners jeweils mit einem schwarzen Balken versehen, weil das nach Meinung des Journalisten attraktiver aussehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Linke Radiostationen und Zeitungen, unter anderem die GWR, h\u00e4tten aber diese Negativbeispiele mit ausf\u00fchrlichen Berichten mehr als wett gemacht. Nicht zuletzt dank dieses Umstands hofft die Aktivistin, dass sich das n\u00e4chste Jahr noch mehr Menschen von den Anarchietagen angesprochen f\u00fchlen werden. Diese finden voraussichtlich im Februar 2008 statt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese sind ihrerseits in der &#8222;Libert\u00e4ren Aktion Winterthur&#8220; (LAW) aktiv. Die sich selbst als anarchistisches Netzwerk bezeichnende Gruppe ist mit drei Jahren selber noch ziemlich jung, was aber in einer Region, in der beinahe jede anarchistische Tradition fehlt, nicht weiter erstaunlich ist. Gegr\u00fcndet von Aktivistinnen und Aktivisten vornehmlich aus der Bewegung gegen den Irak-Krieg ((1)), &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/3-anarchietage-in-winterthur-2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"3. 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