{"id":7988,"date":"2007-03-01T00:00:29","date_gmt":"2007-02-28T22:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7988"},"modified":"2022-07-26T14:24:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:21","slug":"der-kampf-der-textilarbeiterinnen-gegen-die-schone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/der-kampf-der-textilarbeiterinnen-gegen-die-schone\/","title":{"rendered":"Der Kampf der Textilarbeiterinnen gegen die Sch\u00f6ne"},"content":{"rendered":"<h3>Der Konflikt<\/h3>\n<p>Bei Hermosa ((2)) gab es keine                 geregelten Arbeitszeiten; die Arbeiterinnen mussten permanent                 \u00dcberstunden leisten. Oft arbeiteten sie bis zu 14 Stunden, manchmal                 sogar bis zu 20 Stunden am Tag, an sieben Tagen die Woche, bei                 unbezahlten \u00dcberstunden. Wer sich weigerte, dies zu leisten, wurde                 entweder entlassen oder f\u00fcr einen Monat von der Arbeit suspendiert.                 Eine harte Strafe, denn ihr Monatseinkommen von ca. 100 Euro reichte                 sowieso schon kaum zum Unterhalt ihrer Familien. Schwangere Frauen,                 die die St\u00fcckvorgaben nicht mehr erf\u00fcllen konnten, wurden nach                 Angaben der Arbeiterinnen &#8222;zur Strafe&#8220; in die Cafeteria gesperrt.                 Jegliche Ans\u00e4tze von Gewerkschaftsgr\u00fcndungen wurden sofort unterdr\u00fcckt,                 die Arbeiterinnen entlassen. Hinzu kam die bakterielle Verschmutzung                 des Trinkwassers, die den offiziellen Grenzwert um 117 Prozent                 \u00fcberstieg. Gen\u00e4ht wurde f\u00fcr Markenkonzerne wie Adidas, Nike, Russel                 und Reebok. <\/p>\n<h3>Sch\u00f6ner Schein<\/h3>\n<p>Adidas und Nike haben l\u00e4ngst Verhaltenskodexe, &#8222;Codes of Conduct&#8220;,                 festgeschrieben, in denen sie u.a. erkl\u00e4ren, die sozialen Rechte                 der ArbeiterInnen zu sichern. Die Einhaltung des Codes lassen                 sie regelm\u00e4\u00dfig von der Fair Labor Association (FLA) \u00fcberpr\u00fcfen.                 Allerdings haben sie lediglich den Charakter unverbindlicher Absichtserkl\u00e4rungen.                 In der Praxis werden sie regelm\u00e4\u00dfig gebrochen ((3));                 zum Beispiel werden sie in den Maquilas, den Zulieferfabriken                 gro\u00dfer Konzerne in den lateinamerikanischen Sonderwirtschaftszonen,                 regelm\u00e4\u00dfig dadurch umgangen, dass Kontrollen im Vorfeld angek\u00fcndigt                 werden. Den Besch\u00e4ftigten wird vorgeschrieben, was sie bei Nachfragen                 zu antworten haben, so wie es etwa bei Hermosa der Fall war. Den                 ArbeiterInnen sind die &#8222;Codes of Conduct&#8220; in der Regel unbekannt.<\/p>\n<h3>Organisierung<\/h3>\n<p>Als den Hermosa-Frauen schlie\u00dflich noch der mickrige Lohn vorenthalten                 wurde, begannen sich einige von ihnen zu organisieren, denn ihre                 Unzufriedenheit war gro\u00df. Im April 2005 wurden sie beim Arbeitsministerium                 als Gewerkschaft registriert, seitdem stieg die Zahl der Organisierten                 stetig an. <\/p>\n<p>Im Mai wurde die komplette Belegschaft vor die T\u00fcr gesetzt, ohne                 die ausstehenden L\u00f6hne und die gesetzlich vorgeschriebenen Abfindungen                 auszuzahlen.<\/p>\n<p>Schon bald stellte sich heraus, dass Montalvo, der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer                 der Hermosa-Maquila, den Arbeiterinnen zwar jahrelang die Sozialabgaben                 vom Lohn abgezogen hatte, sie aber seit 1996 nicht abf\u00fchrte, sondern                 in die eigene Tasche flie\u00dfen lie\u00df. Das gleiche gilt f\u00fcr die Anteile,                 die er als Arbeitgeber h\u00e4tte tragen m\u00fcssen. Mehrere hunderttausend                 US-Dollar wurden auf diese Weise veruntreut. Die Arbeiterinnen                 standen damit ohne Rentenanspruch und ohne Anspruch auf gesundheitliche                 Versorgung da. <\/p>\n<h3>Kampfansage<\/h3>\n<p>Die Hermosa-Arbeiterinnen, die sich organisiert hatten, wurden                 auf &#8222;schwarze Listen&#8220; gesetzt. Seitdem finden sie auch in anderen                 Fabriken keine Anstellung mehr, werden beschattet und verfolgt.                 Trotzdem gaben sie aber nicht klein bei, sondern harrten seit                 ihrer Entlassung vor den Fabriktoren aus, um den Abtransport der                 Maschinen zu verhindern.<\/p>\n<p>Immer wieder machten sie mit Stra\u00dfenaktionen auf ihre Situation                 aufmerksam. Daraufhin kam es im Dezember 2005 zu einem Treffen                 mit Vertretern von Adidas und Nike, bei dem Gregg Nebel von Adidas                 behauptete, dass sein Unternehmen seit Jahren nicht mehr bei Hermosa                 produzieren lie\u00dfe. <\/p>\n<p>Jedoch widersprechen die Angaben der Arbeiterinnen dieser Aussage,                 laut denen bis 2005 Adidas-Artikel in der Fabrik hergestellt wurden.               <\/p>\n<p>Seit Ende 2003 fungierte Hermosa als Subunternehmen von Chi-Fung,                 einem direkten Adidas-Vertragspartner. Als Nebel auf die Verletzung                 des Verhaltenskodexes hingewiesen wurde, verweigerte er weitere                 Gespr\u00e4che. Bei seinem n\u00e4chsten Besuch in El Salvador blockierten                 die Gewerkschafterinnen deshalb den Eingang zum Hilton Princess                 Hotel in San Salvador, in dem Nebelabgestiegen war, und verliehen                 \u00fcber Lautsprecher ihrer Wut lautstark Ausdruck. <\/p>\n<p>Erneut formulierten sie ihre Forderungen und erregten viel Aufsehen                 in der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<h3>In den M\u00fchlen<\/h3>\n<p>Die Chancen, allein auf dem Rechtsweg etwas zu erreichen, sch\u00e4tzten                 die Hermosa-Arbeiterinnen als sehr gering ein, nicht zuletzt auch                 deshalb, weil der Fabrikbesitzer \u00fcber einflussreiche Kontakte                 zur rechtskonservativen Regierungspartei ARENA ((4))                 verf\u00fcgt. Dennoch hatten sie gegen Montalvo Strafanzeige wegen                 Unterschlagens von Sozialabgaben gestellt.<\/p>\n<p>Beim Arbeitsministerium machten sie immer wieder Druck, damit                 es sich f\u00fcr die Einhaltung ihrer gesetzlich verbrieften Rechte,                 Vereinigungsfreiheit sowie die Auszahlung ausstehender L\u00f6hne und                 Abfindungen einsetzt. Au\u00dferdem sollte es feststellen, dass die                 Schlie\u00dfung der Fabrik wegen der Gewerkschaftsgr\u00fcndung klar gegen                 die Landesgesetze verst\u00f6\u00dft. Da dies kaum Erfolg hatte, setzten                 die Arbeiterinnen von Anfang an auf direkte Aktionen und die Unterst\u00fctzung                 von Gruppen der Clean Clothes Campaign (CCC), um die Konzernzentralen                 und die salvadorianische Regierung international unter Druck zu                 setzen. Unterst\u00fctzung im Land erhielten die Hermosa-Arbeiterinnen                 v.a. von der Frauenorganisation Las M\u00e9lidas ((5)),                 die ihnen auch eine Anw\u00e4ltin f\u00fcr den Prozess stellte. Dar\u00fcber                 hinaus hatten sie Kontakte zur Gewerkschaftsf\u00f6deration FENASTRAS                  ((6)) aufgenommen, diese aber                 wieder verlassen, nachdem sie festgestellt hatten, dass sie f\u00fcr                 den Unternehmer arbeitet. <\/p>\n<p>Sie schlossen sich darauf dem noch jungen Gewerkschaftsbund CSTS                  ((7)) an, und diverse Nichtregierungsorganisationen                 stellten sich ebenfalls hinter die Arbeiterinnen. Enorm wichtig                 blieb allerdings der internationale Druck.<\/p>\n<h3>Internationale Solidarit\u00e4t<\/h3>\n<p>Adidas, nach Nike die Nr. 2 unter den Sportartikelherstellern,                 kaufte sich f\u00fcr satte 45 Millionen Euro den Titel &#8222;Hauptsponsor                 der Fu\u00dfball-WM 2006&#8220;. CCC-Gruppen nutzten das \u00f6ffentliche Interesse,                 das dieses Ereignis nach sich zog, und initiierten zahlreiche                 Aktionen gegen Adidas, um auf die Hermosa-ArbeiterInnen aufmerksam                 zu machen und darauf hinzuweisen, wie der Konzern versucht, sich                 aus seiner Mitverantwortung f\u00fcr deren Situation zu stehlen. Insbesondere                 die Christliche Initiative Romero (CIR) ((8))                 unterst\u00fctzte die Frauen in ihrem Kampf, half ihnen auch finanziell,                 damit sie ihren Prozess f\u00fchren konnten. Proteste gab es in diesem                 Zusammenhang bereits im Vorfeld der WM, w\u00e4hrend der Adidas-Aktion\u00e4rsversammlung                 im bayerischen F\u00fcrth. In K\u00f6ln fand ein bundesweiter Aktionstag                 statt; u.a. in Hamburg, Berlin, Leipzig, Gelsenkirchen, Weilheim,                 Hannover, Frankfurt\/Oder und Main sowie Bielefeld, Rostock und                 Dresden liefen weitere Aktionen w\u00e4hrend der WM. Durch den erzeugten                 Druck wurde beispielsweise erreicht, dass sich nicht nur lokale                 Medien des Problems annahmen, sondern auch \u00fcberregionale Zeitungen,                 Radio- und Fernsehsender das Thema aufgriffen. Die CIR rief dazu                 auf, Protestkarten und -Faxe an die Konzernzentralen von Adidas                 und Puma sowie die salvadorianische Regierung zu schicken.<\/p>\n<h3>Ein Novum in El Salvador<\/h3>\n<p>Am 1. September 2006 wurde schlie\u00dflich doch noch der Prozess                 gegen den Fabrikbesitzer Montalvo er\u00f6ffnet &#8211; ein Novum in El Salvador.                 Sp\u00e4testens jetzt wurde klar, dass auch auf dieser Ebene auf Zeit                 gespielt wurde. Die Termine wurden verschleppt, ZeugInnen eingesch\u00fcchtert,                 Beweismittel zur\u00fcckgehalten. Montalvo selbst lie\u00df sich wiederholt                 wegen gesundheitlicher Probleme entschuldigen. Daf\u00fcr bedrohten                 seine Anw\u00e4lte immer wieder die Hermosa-Arbeiterinnen. Am 15. November                 2006 wurde Montalvo schlie\u00dflich zu zwei Jahren Knast wegen Veruntreuung                 der Sozialbeitr\u00e4ge verurteilt. Damit hatten die Arbeiterinnen                 allerdings nichts erreicht, auch wenn ihre Freude und die ihrer                 direkten Unterst\u00fctzerInnen \u00fcber die Symbolik dieses Urteils gro\u00df                 gewesen sein mag. Eine Entsch\u00e4digung haben sie nicht in der Tasche.<\/p>\n<p>Einen Teilerfolg konnten sie hingegen kurz darauf verbuchen:                 Nach zeitgleichen Verhandlungen mit der FLA, bei denen sie wiederum                 von der CIR unterst\u00fctzt wurden, lie\u00df die FLA am 22. Dezember verlauten,                 dass sie einen Nothilfefonds &#8211; der erste in ihrer Geschichte &#8211;                 f\u00fcr die entlassenen Gewerkschafterinnen eingerichtet hat, in den                 die Markenfirmen einzahlen sollen. Die Anfangssumme betrug 36.000                 US-Dollar, die den Arbeiterinnen, wie vereinbart, \u00fcber die salvadorianische                 Organisation FESPAD ausgezahlt werden sollte. Am 29. Dezember                 best\u00e4tigte FESPAD, dass an 57 der 63 entlassenen Gewerkschafterinnen                 die ihnen jeweils zustehende Summe \u00fcbergeben werden konnte. <\/p>\n<h3>Noch nicht am Ende<\/h3>\n<p>Das Geld reicht allerdings bei weitem nicht aus, um ihrem Anspruch                 auf umfassende Entsch\u00e4digung Gen\u00fcge zu leisten. Nach einer FLA-Berechnung                 wurden die Hermosa-ArbeiterInnen \u00fcber die Jahre hinweg um \u00fcber                 800.000 US-Dollar betrogen.<\/p>\n<p>Zudem stehen die Arbeiterinnen noch immer auf &#8222;schwarzen Listen&#8220;,                 wodurch sie weiterhin keine Anstellung finden. Auf die Sportartikelhersteller                 und die salvadorianische Regierung muss deshalb weiterhin Druck                 ausge\u00fcbt werden, damit die Rechte der ArbeiterInnen endlich anerkannt                 und ihre Forderungen restlos erf\u00fcllt werden. Das gilt nicht nur                 f\u00fcr die Hermosa-ArbeiterInnen, sondern auch f\u00fcr alle anderen Zulieferbetriebe                 im Trikont. Denn die Situation der TextilarbeiterInnen in den                 Sweatshops bzw. Maquilas ist anderswo nicht besser als bei Hermosa                 in El Salvador.<\/p>\n<p>Die Hermosa-Arbeiterinnen haben w\u00e4hrend ihres Kampfes viele Entbehrungen                 in Kauf genommen. Sie standen \u00fcber den gesamten Zeitraum ohne                 Geldbez\u00fcge da, konnten ihre Mieten nicht aufbringen und mussten                 von der Hand in den Mund leben ((9)).               <\/p>\n<p>Dass sie solange durchgehalten haben, zeugt von der Kraft und                 Entschlossenheit, die sie nur in ihrem organisierten Zusammenhang                 und durch gelebte Solidarit\u00e4t entwickeln konnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Konflikt Bei Hermosa ((2)) gab es keine geregelten Arbeitszeiten; die Arbeiterinnen mussten permanent \u00dcberstunden leisten. Oft arbeiteten sie bis zu 14 Stunden, manchmal sogar bis zu 20 Stunden am Tag, an sieben Tagen die Woche, bei unbezahlten \u00dcberstunden. 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