{"id":7996,"date":"2007-03-01T00:00:16","date_gmt":"2007-02-28T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7996"},"modified":"2022-07-26T13:56:46","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:46","slug":"mein-filmfuhrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/mein-filmfuhrer\/","title":{"rendered":"Mein Filmf\u00fchrer"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Video trat einen Siegeszug an, von dem sein Hauptdarsteller                 nur tr\u00e4umen konnte und dies dank des neuen Massenmediums Internet.               <\/p>\n<p>Auf Video-Share-Seiten wie YouTube stellten Tausende von KonsumentInnen                 das St\u00fcck ein, es gibt bereits englische \u00dcbersetzungen. Und sie                 fanden Nachahmer: W\u00e4hrend Harald Schmidt in seiner Late-Night-Show                 vermeintlich ein nationalsozialistisches Video entdeckt hatte                 und &#8222;YMCA&#8220; von den Village People mit historischen Filmaufnahmen                 unterlegt oder aber in einer Persiflage auf Guido Knopps &#8222;ZDF-history&#8220;                 herausfinden l\u00e4sst, dass der Ostfeldzug die Suche nach Hitlers                 verlorenem Hoden war, und diese Aufnahmen auch prompt zahlreich                 \u00fcber das Internet verbreitet werden, beginnen die Internet-Video-Freaks                 damit, Moers&#8216; &#8222;Bonker&#8220; zu Hause nachzuspielen und mit dem Handy                 zu filmen, um es ebenfalls einer Welt\u00f6ffentlichkeit zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Abgesehen von der Massenverbreitung durch das World Wide Web                 ist das nur in Deutschland neu, das (westliche) Ausland machte                 sich schon immer gerne \u00fcber den F\u00fchrer lustig, z.B. auf der britischen                 Homepage <a href=\"http:\/\/www.catsthatlooklikehitler.com\">www.catsthatlooklikehitler.com<\/a>,                 die &#8222;kitlers&#8220; pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Jugendlichen ist es Hobby, das Internet nach neusten Hitler-Videos                 zu durchsuchen und diese per Handy oder Mail auszutauschen: Hitler                 ist lustig. Hitler ist Pop.<\/p>\n<p>In diese Situation hinein platzt Dani Levy mit seinem neuen Film                 &#8222;Mein F\u00fchrer &#8211; Die wirklich wahrste Wahrheit \u00fcber Adolf Hitler&#8220;.               <\/p>\n<p>Das hat der Film nicht verdient, denn er ist nicht das, f\u00fcr das                 er in der \u00d6ffentlichkeit augenscheinlich gehalten wird. &#8222;Mein                 F\u00fchrer&#8220; ist keine Comedy, sondern ein durchaus (tot)ernster Film                 mit satirischen Elementen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne war es wahrscheinlich kein Geniestreich, Helge                 Schneider f\u00fcr die Rolle Adolf Hitlers zu buchen. Auch wenn Helge                 Schneider den Stempel &#8222;Comedian&#8220; ebenso wenig verdient hat wie                 der Film die entsprechende Kategorie. Der Vorsitzende der j\u00fcdischen                 Gemeinde M\u00fcnsters, aber auch viele andere, betonen, sie h\u00e4tten                 nichts gegen den Film, Helge Schneider sei aber nicht ihr Geschmack.                 Schneider w\u00fcrde zu sehr sich selber spielen. <\/p>\n<p>Alles andere als das: Sieht man davon ab, dass Helge Schneider                 als Hitler in dem Film unvermeidbarer Weise Eva Braun zu Silvester                 1944\/45 ein Liebeslied auf der Orgel spielen muss, hat der komische                 Musiker sich zur\u00fcckgenommen zugunsten der Rolle, die er zu spielen                 hatte.<\/p>\n<p>Nun ist es gerade Helge Schneider, der scharfe Kritik an dem                 fertigen Produkt geliefert hat: Aufgrund der Schnitte sei Hitler                 als Schw\u00e4chling dargestellt, das sei ihm &#8222;zu profan&#8220;, so Schneider.                 Seine Kritik ist nachvollziehbar: Hitler wird als Opfer der Goebbels,                 Himmlers und G\u00f6rings dargestellt, \u00e4hnlich wie in Moers&#8216; &#8222;Adolf                 &#8211; die Nazisau&#8220; als Weichei, vom Vater verpr\u00fcgelt, schlaflos, weinerlich                 und sexuell schwach.<\/p>\n<p>Bevor man Schneiders Kritik nachvollzieht, sollte man allerdings                 ein genaueres Auge auf den Film werfen: &#8222;Mein F\u00fchrer&#8220; ist weit                 davon entfernt, Adolf Hitler oder den Nationalsozialismus zu verharmlosen.                 Denn, im Gegensatz zu vermeintlich seri\u00f6seren Produkten, wird                 deutlich: Der F\u00fchrer wei\u00df um die Judenvernichtung, er wei\u00df selbst                 um Auschwitz, dessen Lagerplan er in einer Szene vor sich liegen                 hat. Levy versteht sich auf das Understatement, die Kritik steht                 zwischen den Szenen.<\/p>\n<p>Besonders deutlich wird dies in der Darstellung eines &#8222;deutschen                 Volkes&#8220;. Der j\u00fcdische Schauspielprofessor Adolf Gr\u00fcnbaum wird                 am Fenster des F\u00fchrerhauptquartiers von seiner Ehefrau als &#8222;Adolf&#8220;                 angerufen, was den Jubel der Massen zur Folge hat: Nicht nur der                 F\u00fchrer ist es, dem ein Spiegel vorzuhalten ist &#8211; was h\u00e4tte das                 heute noch f\u00fcr einen Nutzen? &#8211; sondern die Folger, denen es egal                 zu sein scheint, wem oder was man folgt.<\/p>\n<p>Levy wei\u00df, wor\u00fcber er schreibt und dreht, nicht zuletzt aufgrund                 der Geschichte seiner Familie. Letztendlich ist es nicht ein F\u00fchrer                 und eine Geschichte, die Ziele seiner Satire sind, sondern eine                 Landesbev\u00f6lkerung, die &#8222;Deutschen&#8220;, und ihr Umgang mit der Geschichte,                 oder konkret: der Jubel einer vermeintlich gel\u00e4uterten Nation                 \u00fcber ihre L\u00e4uterung, manifestiert in Eichingers &#8222;Untergang&#8220; und                 Guido Knopps &#8222;Hitlers &#8230;&#8220; (die Punkte k\u00f6nnen beliebig ausgef\u00fcllt                 werden). Wie das deutsche Volk dem Juden Adolf Gr\u00fcnbaum, der fiktiv                 aus der Figur Hitlers ja \u00e4hnliches herauskitzelt wie die Popul\u00e4rhistoriker                 der BRD, zujubelt, so jubelt es \u00fcber ein &#8222;Wunder von Bern&#8220;. <\/p>\n<h3>Levys Film ist nicht geschichtskritisch, sondern zeitgen\u00f6ssisch                 sozialkritisch<\/h3>\n<p>&#8222;Mein F\u00fchrer&#8220; wimmelt von Filmzitaten. In einer der ersten &#8211;                 und erst mal unangenehm aufsto\u00dfenden &#8211; Szenen des Films wird der                 j\u00fcdische Professor Gr\u00fcnbaum in eine Kammer gesto\u00dfen, alleine,                 \u00fcber ihm ein Duschkopf. Die Assoziation ist klar und unangenehm.                 Beim Schauen des Films emp\u00f6rt die Szene zun\u00e4chst: ein unn\u00f6tiges                 filmisches Thriller-Element, eine Banalisierung des Holocaust,                 der unm\u00f6gliche und unn\u00f6tige Versuch, die Zuschauenden empfinden                 zu lassen, was ein Jude in der Gaskammer gef\u00fchlt haben m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Erst das Ende des Filmes l\u00e4sst ein Licht aufgehen: Adolf Hitlers                 Rede zum Neujahrstag 1945 ist ein geniales umgekehrtes Zitat aus                 Charlie Chaplins &#8222;Der gro\u00dfe Diktator&#8220;. In diesem Film spricht                 der j\u00fcdische Friseur (Chaplin) die von dem Diktator Hynkel (ebenfalls                 Chaplin) geplante Rede als einen Aufruf zu Frieden und Menschheitsverst\u00e4ndigung.                 Es war das erste Mal, dass der Stummfilmk\u00fcnstler im Film eine                 zusammenh\u00e4ngende Rede sprach. ((1))               <\/p>\n<p>Auch bei Levy h\u00e4lt ein Jude eine Rede, die der Diktator halten                 sollte. Er ist aber unsichtbar, und Helge Schneider bewegt seine                 Lippen und agiert zu einem Ton, der nicht von ihm kommt. In diesem                 Moment spielt Schneider den Chaplin des Stummfilms.<\/p>\n<p>2007 gesehen ist Levys &#8222;Mein F\u00fchrer&#8220; besser als Chaplins &#8222;Der                 gro\u00dfe Diktator&#8220;. Denn Dani Levy wei\u00df etwas, was Charlie Chaplin                 nicht wusste: Man darf zwar \u00fcber Adolf Hitler lachen, aber nicht                 \u00fcber den Holocaust. Chaplin konnte das nicht wissen, denn als                 er den Film 1938\/39 drehte, hatte es noch keinen Holocaust gegeben.                 Von Chaplin selber stammt das Zitat, er h\u00e4tte diesen Film sp\u00e4ter                 nicht mehr gedreht.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist auch die beschriebene banalisierende                 Eingangsszene neu zu beurteilen: Der Jude, der in einem Konzentrationslager                 unter der Dusche steht, ist ein direktes Zitat aus Steven Spielbergs                 &#8222;Schindlers Liste&#8220;, wo es eine ganze Gruppe von J\u00fcdinnen und Juden                 ist, die auf ihre Vergasung warten. Levys ironisches Spiel mit                 dieser Szene ist eine Kritik an der Trivialisierung der Geschichte.<\/p>\n<p>\u00dcber Hitler und den Nationalsozialismus wurde immer gelacht,                 selbst in den Konzentrationslagern. Als im Konzentrationslager                 B\u00f6rgermoor 1934 der &#8222;Zirkus Konzentrazani&#8220; (f\u00fcr den &#8222;Die Moorsoldaten&#8220;                 geschrieben wurde) seine Urauff\u00fchrung hatte und als in Dachau                 1943 die &#8222;Blutnacht auf dem Schreckenstein&#8220; als trampeliges Bauerntheater                 ebenfalls von H\u00e4ftlingen gespielt wurde, lachten selbst die Nazis,                 wenn sie auch nicht wussten, warum. Und Serdar Somuncu, der &#8222;T\u00fcrke,                 der uns den Hitler macht&#8220;, wei\u00df zu berichten, dass auch stramme                 Neonazis sich bei der Lesung aus &#8222;Mein Kampf&#8220; vor Lachen nicht                 halten konnten.<\/p>\n<p>Rolf Hochhuth, Autor des dokumentarischen &#8222;Der Stellvertreter&#8220;,                 konnte &#8222;Mein F\u00fchrer&#8220; nicht akzeptieren. F\u00fcr ihn war das eine Banalisierung.                 H\u00e4tte er \u00fcber seinen dramaturgischen Kollegen George Tabori und                 dessen gro\u00dfartiges &#8222;Mein Kampf&#8220; \u00e4hnlich geurteilt? <\/p>\n<p>&#8222;Der Stellvertreter&#8220; oder auch Peter Wei\u00df&#8216; &#8222;Die Ermittlung&#8220; sind                 als dokumentarische St\u00fccke weit gekommen mit einer Aufarbeitung                 des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen. Sie stellen einen                 Schrecken dar, der dramaturgisch nicht mehr zu \u00fcbertreiben ist.                 Das Dokumentarische schlie\u00dft jedoch die Kenntnis der Dokumente                 als &#8222;wahrhaftige&#8220; Dokumente ein. Diesen dokumentarischen Anspruch                 versuchte Eichinger mit dem &#8222;Untergang&#8220;, und Guido Knopp versucht                 ihn jeden Sonntagabend in seiner Geschichts-Show, und diese sind                 es, die banalisieren.<\/p>\n<p>George Tabori und Charlie Chaplin genauso wie Walter Moers, Serdar                 Somuncu und Dani Levy stellen sich genau dieser Banalisierung                 entgegen. <\/p>\n<p>Sie machen &#8222;das Furchtbarste l\u00e4cherlich&#8220;, eben weil es l\u00e4cherlich                 war. W\u00e4hrend Hochhuth und Wei\u00df den Schrecken dokumentieren, sind                 auch sie auf andere Weise dokumentarisch: Sie dokumentieren die                 &#8222;Banalit\u00e4t des B\u00f6sen&#8220; (Hannah Arendt). <\/p>\n<p>Das Dokumentarische erz\u00e4hlt Geschichte, das Absurde und L\u00e4cherliche                 schafft die Verbindung zur Gegenwart. Dass das B\u00f6se so banal ist,                 weist auf seine weitere Wirksamkeit hin. Hochhuth und Wei\u00df pr\u00e4sentieren                 uns eine Geschichtsstunde, Tabori und Levy machen (didaktisch                 gelungenen) Sozialkundeunterricht.<\/p>\n<p>Dieser Vergleich (welcher K\u00fcnstler m\u00f6chte schon als Sozialkunde-Lehrer                 gelten?) hinkt und trifft es dennoch. Denn es gibt einen wunden                 Punkt in der Darstellung Levys: Auch die (reale) Banalit\u00e4t wird                 erst dann bewusst, wenn man bereits um die Banalit\u00e4t des B\u00f6sen                 wei\u00df, ebenso wie das Dokumentarische erst dann seine Wirkung entfaltet,                 wenn man um die Dokumente wei\u00df. Der Austausch von Hitler-Pop via                 moderner Massenmedien l\u00e4sst dieses Wissen vermissen. &#8222;Mein F\u00fchrer&#8220;                 kann seine Kritik erst dann entfalten, wenn bereits Wissen vorhanden                 ist. ((2))<\/p>\n<p>Dani Levy hat insofern das selbe didaktische Problem wie viele                 Geschichts- oder SozialkundelehrerInnen.<\/p>\n<p>Dennoch: Wer \u00fcber Nazis lacht, wird kein Nazi. Das trifft zumindest                 dann zu, wenn man wei\u00df, dass hier nicht Realit\u00e4t banalisiert,                 sondern die reale Banalit\u00e4t dargestellt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Video trat einen Siegeszug an, von dem sein Hauptdarsteller nur tr\u00e4umen konnte und dies dank des neuen Massenmediums Internet. Auf Video-Share-Seiten wie YouTube stellten Tausende von KonsumentInnen das St\u00fcck ein, es gibt bereits englische \u00dcbersetzungen. Und sie fanden Nachahmer: W\u00e4hrend Harald Schmidt in seiner Late-Night-Show vermeintlich ein nationalsozialistisches Video entdeckt hatte und &#8222;YMCA&#8220; von &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/mein-filmfuhrer\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Mein Filmf\u00fchrer - graswurzelrevolution","description":"Dieses Video trat einen Siegeszug an, von dem sein Hauptdarsteller nur tr\u00e4umen konnte und dies dank des neuen Massenmediums Internet. 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