{"id":8006,"date":"2007-03-01T00:00:12","date_gmt":"2007-02-28T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8006"},"modified":"2022-07-26T14:14:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:54","slug":"lesebewegungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/lesebewegungen\/","title":{"rendered":"Lesebewegungen"},"content":{"rendered":"<p>In Anlehnung an einen Witz \u00fcber vereinsmeiernde Deutsche konnte man in den bewegten Jahren zwischen 1967 und 1989 fragen: &#8222;Was machen zwei Linke, wenn sie sich treffen?&#8220; &#8211; Antwort: &#8222;Sie gr\u00fcnden ein Zeitungsprojekt!&#8220;<\/p>\n<p>Heute w\u00e4re sicherlich Weblog, Wiki, Mailinglist oder \u00e4hnliches hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Dennoch meint Bernd H\u00fcttner, Herausgeber des 2006 erschienenen &#8222;Verzeichnis der Alternativmedien&#8220;: &#8222;Die Szene der alternativen Stadtzeitungen, die als die klassischen alternativen Medien gelten, ist tot.&#8220; (S. 17) Sie seien entweder eingestellt oder h\u00e4tten sich derma\u00dfen kommerzialisiert, dass ihr alternativer Charakter verlorengegangen sei.<\/p>\n<p>Dies gelte f\u00fcr das gesamte Spektrum alternativer Medien, die sich &#8222;zu Tode gesiegt&#8220; h\u00e4tten: &#8222;Ihre Anliegen und Praxisformen wurden selektiv in den postfordistischen Kapitalismus integriert. Dies ist nicht negativ, denn niemand kann heute ernsthaft in die bleierne Zeit der 1960er Jahre in Ost und West zur\u00fcck wollen.&#8220; (S. 19)<\/p>\n<p>Heute, da das Blei l\u00e4ngst durch Coltan ersetzt worden ist, finden sich im Verzeichnis dennoch immerhin 452 Adressen alternativer Printmedien, die einen interessanten \u00dcberblick \u00fcber die deutschsprachige alternative Szene vermitteln, ohne dabei den Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit zu erheben. Sie sind sowohl nach Erscheinungsort als auch thematisch geordnet, wobei sich die Publikationen nicht immer eindeutig einem Thema zuordnen lassen.<\/p>\n<p>Die thematische Vielfalt hat sich \u00fcber die vergangenen Jahrzehnte erhalten, nur quantitativ ist ein R\u00fcckgang alternativer Printmedien zu verzeichnen. Zu fragen w\u00e4re, ob sich mit der Einstellung oder der Kommerzialisierung und Integration von Einzelprojekten tats\u00e4chlich bestimmte Themen erledigt h\u00e4tten, wie z.B. &#8222;die Frauenfrage&#8220;. Die Unterdr\u00fcckung von Frauen ist durch die moderne, staatliche &#8222;Gleichstellungspolitik&#8220; sicher nicht beendet, sondern nur subtiler geworden. Es l\u00e4sst sich allein an der Anzahl von Printmedien eben nicht alles ablesen!<\/p>\n<h3>Ausgew\u00e4hlte Beispiele alternativer Printmedien<\/h3>\n<p>Eingeleitet wird das Verzeichnis von Artikeln aus der (alten) Szene alternativer Printmedien. So schreibt Burghard Flieger \u00fcber die drei Gro\u00dfprojekte <em>WOZ<\/em> (Wochenzeitung, Z\u00fcrich), <em>taz<\/em> (Tageszeitung, Berlin und weitere Lokalredaktionen) und <em>junge Welt<\/em> (Berlin). Sein Beitrag gew\u00e4hrt Einblicke in die Geschichte dieser drei Projekte und zeigt auf, wie sie mittels genossenschaftlicher Strukturen &#8211; im Falle der <em>taz<\/em> aber auch mittels Einwerbung kommerzieller Anzeigen z.B. der Bundeswehr -, am Leben gehalten werden konnten. Deutlich wird, dass auch erfolgreiche Gro\u00dfprojekte wie die <em>WOZ<\/em> kollektiv strukturiert sein k\u00f6nnen und nicht zwangsl\u00e4ufig Zentralisierung und Machtkonzentration erfordern.<\/p>\n<p>Gottfried Oy widmet sich in seinem Beitrag den theoretischen Bedingungen, unter denen Alternativmedien produziert wurden (und werden). Die &#8222;Masse&#8220; sollte nicht einseitig agitiert werden, sondern als &#8222;Lebenswelt war Gegen\u00f6ffentlichkeit auch immer dadurch gepr\u00e4gt, Medienkompetenz vermitteln zu wollen, sich selbst zu Medienproduzenten zu machen und dadurch letztlich auch das eig(e)ne Rezeptionsverhalten radikal zu ver\u00e4ndern.&#8220; (S. 40)<\/p>\n<p>Sinnbild f\u00fcr diese Entwicklung ist ein radikal offenes Redaktionskonzept, wie es die in Berlin von 1969 bis 1972 erscheinende linksradikale <em>Agit 883<\/em> hatte: &#8222;<em>883<\/em> wird genossenschaftlich gef\u00fchrt [Offene Finanzdarlegung] Das Blatt wird nicht allein von denen getragen, die es technisch zuwege bringen. <em>883<\/em> hat nur Bestand, wenn jeder mitarbeitet; als Informant, Anzeigengeber, Rechercheur, Diskutant, Kritiker + Zahler. Genossen! Schickt Beitr\u00e4ge, Nachrichten, Pornos, Bilder, Ideen, Vorschl\u00e4ge, Kritik, Infos, Karikaturen, Agit-Prop, Anregungen, Anzeigen etc.&#8220;<\/p>\n<p>Die Redaktionssitzungen dieser weit \u00fcber die Grenzen Westberlins ausstrahlenden Zeitung glichen zumindest zeitweise \u00f6ffentlichen Szenetreffen, auf denen sich die verschiedenen Fraktionen der Linksradikalen Westberlins heftige Wortgefechte lieferten, so der Beitrag von Knud Andresen, Hartmut R\u00fcbner und Markus Mohr.<\/p>\n<p>Einer der am interessantesten und besten geschriebenen Beitr\u00e4ge ist der von Gisela Notz \u00fcber die Anf\u00e4nge der Neuen Frauenbewegung, \u00fcber Frauenprojekte und Printmedien. Angesichts des Stellenwerts, den heute die <em>Emma<\/em> als &#8222;Frauenzeitschrift&#8220; in der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit innehat, und wie sie gleichzeitig die interessanteren, weil radikaleren Ans\u00e4tze, wie z.B. die Frauenzeitschrift <em>Courage<\/em>, \u00fcberdeckt(e), kann man nur froh \u00fcber die Ver\u00f6ffentlichung dieses Artikels sowie dieses Buches sein. Es erhellt den Blick auf Bewegungen jenseits des Mainstreams.<\/p>\n<p>Sehr gut zu lesen ist auch der einzige Beitrag \u00fcber eine ostdeutsche Zeitschrift, n\u00e4mlich der von Dieter Moldt \u00fcber die Geschichte des <em>mOAning star<\/em>, einer &#8222;Zeitschrift der Offenen Arbeit und der Kirche von unten&#8220;. Moldt beschreibt humorvoll und lebendig, wie in der DDR gegen den Staat und im Schutz der Kirche \u00d6ffentlichkeit hergestellt wurde. Diese nicht ganz ungef\u00e4hrliche Arbeit lie\u00df den politischen Gegner oft sehr alt aussehen, was in dem Beitrag sehr sympathisch beschrieben wird.<\/p>\n<p>Aufschlussreich ist der Artikel von Andi Kuttner \u00fcber &#8222;Fanzines und die Geschichte ihrer Entstehung&#8220;. Angefangen bei ersten Versuchen von Science Fiction-Fans in den USA in den 1950er Jahren \u00fcber Fanzines aus der Rock- und sp\u00e4ter der Punk-Bewegung bis zur heutigen Entwicklung von Weblogs und \u00e4hnlichem im Internet vollzieht Kuttner quasi nebenbei die Entstehungsgeschichte des DIY-Prinzips (Do it yourself) nach.<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge von Lena Laps \u00fcber eine weitere feministische Zeitung (<em>IHRSINN<\/em>) und ein Interview mit dem Redakteur Bernd Dr\u00fccke \u00fcber die anarchistische Monatszeitung <em>Graswurzelrevolution<\/em> runden den redaktionellen Teil des Verzeichnisses ab.<\/p>\n<p>Insgesamt l\u00e4sst sich sagen, dass die Texte im Verzeichnis der Alternativmedien sehr informativ, zum Teil hervorragend geschrieben und damit gut zu lesen sind. Darum kann ich dieses Buch jeder und jedem w\u00e4rmstens empfehlen.<\/p>\n<p>Auch aufgrund des gr\u00fcndlich recherchierten Adressenverzeichnisses sollte es einen Stammplatz in allen linken Archiven, Infol\u00e4den und Zentren haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Anlehnung an einen Witz \u00fcber vereinsmeiernde Deutsche konnte man in den bewegten Jahren zwischen 1967 und 1989 fragen: &#8222;Was machen zwei Linke, wenn sie sich treffen?&#8220; &#8211; Antwort: &#8222;Sie gr\u00fcnden ein Zeitungsprojekt!&#8220; Heute w\u00e4re sicherlich Weblog, Wiki, Mailinglist oder \u00e4hnliches hinzuzuf\u00fcgen. 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