{"id":8015,"date":"2007-03-21T00:00:44","date_gmt":"2007-03-20T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8015"},"modified":"2022-07-26T12:59:00","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:00","slug":"geschlechterbilder-in-den-deutschen-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/03\/geschlechterbilder-in-den-deutschen-medien\/","title":{"rendered":"Geschlechterbilder in den deutschen Medien"},"content":{"rendered":"<h3>1. Einleitung<\/h3>\n<p>[&#8230;] Intention des Artikels ist zun\u00e4chst die Darstellung dessen, wie deutschsprachige Medien Frauen in einem konkreten Kriegsfall &#8211; dem Kosovokonflikt &#8211; beschreiben. [&#8230;]<\/p>\n<p>Die von mir verwandte Methode orientiert sich an der &#8222;Kritischen Diskursanalyse&#8220; des Duisburger Instituts f\u00fcr Sprach- und Sozialforschung (DISS). Auch der vorliegende Text ist von einer Publikation des DISS inspiriert, &#8222;Medien im Krieg&#8220;, einer breit angelegten Studie zur Berichterstattung \u00fcber den Kosovo-Konflikt in den deutschen Medien. Allerdings ist meine Analyse eher kursorisch [&#8230;].<\/p>\n<p>Neben den &#8222;b\u00fcrgerlichen&#8220; und in Deutschland allgemein bekannten Zeitungen, die auch das DISS in erw\u00e4hnter Studie analysiert hat, habe ich vier Zeitungen bzw. Zeitschriften aus dem &#8222;alternativen&#8220; Spektrum hinzugezogen: Die &#8222;Junge Welt&#8220;, die &#8222;Jungle World&#8220; und die &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; (GWR), sowie die &#8222;Emma&#8220;.<\/p>\n<p>Der Einbezug dieser vier Zeitungen liegt darin begr\u00fcndet, dass diese einen engagierten Bezug zum Thema haben und es f\u00fcr das zu Behandelnde relevant ist, auch die Berichterstattung aus jenen Positionen zu analysieren, die sich engagiert mit dem Kosovo-Konflikt und den Geschlechterrollen auseinandergesetzt haben. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es wesentlich mehr Publikationen mit einem engagierten Standpunkt, die sich mit diesem Komplex besch\u00e4ftigt haben, die hier genannten haben jedoch die Vorteile, dass sie vier recht unterschiedliche Positionen einnehmen ((1)) und regelm\u00e4\u00dfig erscheinen. Zudem sind Tages-, Wochen- und Monatszeitung und mit der &#8222;Emma&#8220; eine zweimonatlich erscheinende Zeitschrift pr\u00e4sent, denn auch das intendiert eine verschiedene Berichterstattung. ((2))<\/p>\n<p>[&#8230;] Interessant wird es [&#8230;] f\u00fcr Lesegruppen im In- und Ausland, wenn hier durchg\u00e4ngige Strukturen entdeckt werden k\u00f6nnen. Wenn etwa &#8211; und davon gehe ich aus &#8211; die Zeitungen keineswegs eine vermeintliche &#8222;Wahrheit&#8220; berichten, sondern grunds\u00e4tzlich ihre Interpretation, die unter gewissen Voraussetzungen stattfindet, pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Diese &#8222;Tiefenstruktur&#8220; ist m.E. gegeben durch ein bestimmtes Geschlechter- und Rollenbild. Elshtain und Mordt (s. u.) haben dieses f\u00fcr die Politik der Internationalen Beziehungen analysiert und die Vermutung liegt nahe, dass sich ihre Ergebnisse auch auf die (Print)Medien beziehen lassen [&#8230;].<\/p>\n<p>Wenn im Folgenden, ausgehend von Elshtains und Mordts Beschreibung des Geschlechterensembles, die Vorgehensweise einzelner Medien beschrieben wird, so will ich jenen damit nicht vorwerfen, &#8222;kriegstreiberisch&#8220; oder &#8222;patriarchal&#8220; zu sein. In der Vergangenheit wurde dieserart von Untersuchungen h\u00e4ufig unterstellt, sie w\u00fcrden die Medien aus einem moralischen Impetus heraus kritisieren und zudem eine einseitige Medienschelte \u00fcben. Die untersuchten Diskursfragmente repr\u00e4sentieren einen in ihnen wiederzufindenden Gesellschaftszustand, der allerdings von einer ethischen Warte aus durchaus zu kritisieren ist.<\/p>\n<h3>2. Das Ensemble der Geschlechterverh\u00e4ltnisse in den Internationalen Beziehungen<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In ihrem Aufsatz &#8222;Das Geschlechterarrangement der klassischen Sicherheitspolitik&#8220; (in: Harders\/Ro\u00df 2002) f\u00fchrt Gabriele Mordt, sich auf Jean Bethke Elshtain (u.a. Elshtain 1997) beziehend, ein \u00fcbersichtliches Ensemble von vier Geschlechterrollen ein, die, so die These, das Geschlechterarrangement in den Internationalen Beziehungen manifestieren.<\/p>\n<p>Dieses &#8222;Tableau&#8220; besteht auf &#8218;m\u00e4nnlicher&#8216; Seite aus dem (erfolgreichen) <i>Politiker<\/i> und dem <i>Soldaten<\/i>, auf der &#8218;weiblichen&#8216; aus der <i>Kriegermutter<\/i> und der <i>sch\u00f6nen Seele<\/i>.<\/p>\n<p>Voraussetzung einer jeden (pro)feministischen wissenschaftlichen Kritik der internationalen Sicherheitspolitik ist die Akzeptanz der These, dass in dieser der &#8222;politische Mensch&#8220; nach wie vor als &#8222;politischer Mann&#8220; verstanden wird, &#8222;Politik&#8220;, begriffen als die &#8218;hohen Staatsgesch\u00e4fte&#8216; und damit auch als &#8222;M\u00e4nnersache&#8220;. Damit assoziiert werden nicht nur St\u00e4rke, Konsequenz und Rationalit\u00e4t, sondern auch Mut und Unabh\u00e4ngigkeit, und dies sowohl als &#8218;m\u00e4nnliche&#8216; Eigenschaften, als auch als jene Erfordernisse, die in der (internationalen) Politik als relevant erscheinen. Entsprechend sind sie es, die, trotz vorgeblicher Geschlechtsneutralit\u00e4t, Handlungen und Entscheidungen in den Internationalen Beziehungen kennzeichnen. Mordt betont, dass die dichotomen Geschlechterbilder der Internationalen Beziehungen sich <i>nicht<\/i> prim\u00e4r in Rationalit\u00e4t\/Emotionalit\u00e4t ausdr\u00fccken, sondern vielmehr in Aktivit\u00e4t\/Passivit\u00e4t, was, so Mordt, angesichts der realen internationalen Situation kaum noch Konflikte und Strukturen erkl\u00e4ren kann, diesen Anspruch aber nach wie vor erhebt.<\/p>\n<p>Der Typus des <i>Politikers<\/i> stellt sich als n\u00fcchtern und rational dar, diese Ratio steht im Zweifelsfall sowohl \u00fcber Moral, als auch \u00fcber gesetzlichen Begrenzungen. Er wirkt distanziert sowohl von seiner Klientel (etwa den W\u00e4hlerInnen), als auch von anderen &#8222;Staatsm\u00e4nnern&#8220; (die seiner Ratio entgegenwirken k\u00f6nnten). ((3)) Dadurch gewinnt er an Autorit\u00e4t, die ihn in dem &#8222;Machtkampf&#8220; (Morgenthau 1973) erfolgreich handeln l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dennoch ist diese Figur ausgestattet mit einer individuellen Pers\u00f6nlichkeitsstruktur (so kann etwa aus der &#8222;N\u00fcchternheit&#8220; eine negativ besetzte &#8222;Skrupellosigkeit&#8220; werden) und spezifischen Handlungskompetenzen, die an sein jeweiliges Amt gebunden sind.<\/p>\n<p>Der erg\u00e4nzende Typus des <i>Soldaten<\/i> dagegen ist durch und durch emotional: Er ist bereit, bedingungslos sein Leben zu riskieren, er liebt sein &#8222;Vaterland&#8220;, die Nation und die Familie, er wird assoziiert mit Hingabe, Verbundenheit und Kameradschaft. Seine Aufgabe ist die Wahl der &#8222;effizientesten&#8220; Mittel zur Erreichung der durch den Politiker vorgegebenen Ziele, d.h., die Vorgabe ist, den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Schaden f\u00fcr den Gegner bei geringst m\u00f6glichem Verlust auf eigener Seite zu erzielen. Der so durch Hierarchien geformte Soldat kann sp\u00e4ter zum rationalen Politiker werden.<\/p>\n<p>Die Typen <i>Politiker<\/i> und <i>Soldat<\/i> arbeiten Hand in Hand, sie symbolisieren Kampfbereitschaft und Kampfkraft, die eine Effizienz der Sicherheitspolitik gew\u00e4hrleisten sollen. Der Politiker repr\u00e4sentiert dabei den &#8222;leidenschaftslosen&#8220; und &#8222;kalkulierenden&#8220; Aspekt dieser Politik, der Soldat den &#8222;emotionalen&#8220;. Erst beide Aspekte zusammen verhelfen der Sicherheitspolitik im traditionellen Sinne zu ihrer &#8222;Effizienz&#8220;.<\/p>\n<p>Zusammengefasst ist also der m\u00e4nnliche Typus, ob als Politiker oder Soldat, f\u00fcr die Sicherheit zust\u00e4ndig, die staatlich organisiert wird. Ausgerichtet ist diese Politik der Sicherheit auf den weiblichen Typus, auf die <i>Kriegermutter<\/i> sowie die <i>sch\u00f6ne Seele<\/i>.<\/p>\n<p>&#8222;Weiblichkeit&#8220; ist entsprechend diametral der &#8222;M\u00e4nnlichkeit&#8220; gegen\u00fcbergestellt, sie steht f\u00fcr Privatsph\u00e4re, Subjektivit\u00e4t und Abh\u00e4ngigkeit, allgemeiner f\u00fcr Schw\u00e4che, Wankelmut und Emotionalit\u00e4t. Als solche ist sie von der m\u00e4nnlichen und politischen Staatlichkeit weitgehend abgekoppelt: Auf dem Tableau der Internationalen Beziehungen ist die Frau keine Staatsb\u00fcrgerin im vollwertigen Sinne. Prim\u00e4res Bed\u00fcrfnis der &#8218;weiblichen&#8216; Typen ist Schutz. Die m\u00e4nnliche Politik &#8211; einschlie\u00dflich des Krieges &#8211; ist auf diesen Schutz ausgerichtet.<\/p>\n<p>Insbesondere die <i>sch\u00f6ne Seele<\/i> ist der Inbegriff dieses Typus: Sie steht f\u00fcr Schw\u00e4che, Zartheit, Weltfremdheit, Utopismus, gleichzeitig jedoch auch &#8211; positiv konnotiert &#8211; f\u00fcr Tugendhaftigkeit, Gewaltfreiheit und Aufopferungsbereitschaft. Ihrem &#8218;weiblichen&#8216; Wesen sind Krieg und Gewalt absolut fremd, sie entsprechen nicht ihrem &#8222;Naturell&#8220;. Dennoch ist der Typus nicht abgekoppelt von der Sph\u00e4re des Krieges, seine Aufgabe ist die Linderung des Leids. So finden wir die <i>sch\u00f6ne Seele<\/i> wieder in der Geliebten des Soldaten oder in der Sanit\u00e4terin.<\/p>\n<p>Die <i>Kriegermutter<\/i> ist der entsprechende Gegenentwurf zur <i>sch\u00f6nen Seele<\/i>. Sie ist die zivile Patriotin, die ihre S\u00f6hne vaterlandstreu zu guten Soldaten erzieht. Ebenso wie erstere ist sie bedingungslos opferbereit und unterst\u00fctzt &#8222;ihre M\u00e4nner&#8220; bis zum Letzten. Sie sorgt f\u00fcr die Aufrechterhaltung von Opferbereitschaft und Patriotismus. Gewalt und Krieg sind f\u00fcr sie vertretbar, wenn das nationale Gemeinwesen und die b\u00fcrgerliche Freiheit bedroht sind.<\/p>\n<p>Im Sinne Foucaults sind die vier vorgestellten Idealtypen <i>Politiker, Soldat, Kriegermutter <\/i>und<i> sch\u00f6ne Seele<\/i> &#8218;Aussagen&#8216; (Foucault 1987) ((4)) \u00fcber M\u00e4nner und Frauen, die Macht- und Herrschaftsmechanismen m\u00f6glich machen. Als solche sind sie nicht &#8222;Erfindung&#8220; einer herrschs\u00fcchtigen m\u00e4nnlichen Kaste, sondern wirken gesamtgesellschaftlich. Besonders deutlich wird dies bei der <i>sch\u00f6nen Seele<\/i>: Das Bild der pazifistischen und gewaltfreien <i>sch\u00f6nen Seele<\/i> wurde von der differenztheoretischen Schule innerhalb des Feminismus durchaus bereitwillig aufgenommen und positiv besetzt, sie stellt schlie\u00dflich ethische Prinzipien dar, die auf ein besseres &#8222;Naturell&#8220; der Frau hinweisen w\u00fcrden. Aber auch der Typus der <i>Kriegermutter<\/i> wird in feministischen Debatten durchaus wieder aufgenommen, etwa in der Diskussion um die \u00d6ffnung eines Wehrdienstes f\u00fcr Frauen, allgemeiner aber auch in b\u00fcrgerlichen Gleichberechtigungsvorstellungen. ((5))<\/p>\n<p>Die durch die vier Typen dargestellten Aussagen sind dabei keineswegs starr, sondern einem steten Wandel unterworfen. Der Wandel der Kriegsformen, aber auch die Debatten um eine Berufsarmee, die Beteiligung von Frauen im Milit\u00e4r und an friedenssichernden und konfliktregulierenden Ma\u00dfnahmen ver\u00e4ndern die Typen nachhaltig, zumindest in den hochindustrialisierten Staaten. Insbesondere gilt dies f\u00fcr den leidenschaftlichen und opferbereiten Soldaten: Der <i>Soldat<\/i>, aber auch die<i> <\/i>anderen beschriebenen Typen, werden in ihren klassischen Rollen anders wahrgenommen, weil die Kriegslegitimation nur noch selten die Vaterlandsverteidigung ist. ((6))<\/p>\n<p>Dieses Tableau der Geschlechterzuordnungen ist rein deskriptiv. Elshtain und Mordt nutzen diese Beschreibung, um zu einer Kritik dieser Verh\u00e4ltnisse zu kommen. Deutlich ist erkennbar, dass es sich um Stereotype handelt. Die Geschlechterordnung in den Internationalen Beziehungen ist dichotom. Es handelt sich um eine simple Zerlegung in Eigenschaftszuschreibungen, der kein Mensch entspricht. Handlungen, die den Zuschreibungen nicht zuzuordnen sind, l\u00f6sen damit Verwirrung und Unverst\u00e4ndnis aus, h\u00e4ufig werden sie infolge dessen pathologisiert oder psychiatrisiert (vgl. Elshtain 1995: 163-193).<\/p>\n<p>Elshtain weist darauf hin, dass das, was f\u00fcr die Internationalen Beziehungen beschrieben wird, Auswirkungen auf das \u00f6ffentliche Leben hat: Das \u00f6ffentliche Leben ist &#8218;m\u00e4nnlich&#8216; konnotiert. ((7)) Medien, um die es im Folgenden geht, sind Bestandteil dieses \u00f6ffentlichen Lebens. Es erscheint somit naheliegend, dass das skizzierte Tableau sich in diesen best\u00e4tigen wird. Auch Mordts Beschreibung der Funktionen des Geschlechterensembles weisen darauf hin, dass dieses Tableau in den Medien reproduziert wird: Die vier beschriebenen Stereotypen sollen in der scheinbaren &#8222;Ausnahmesituation&#8220; Krieg Orientierungsm\u00f6glichkeiten bieten. Sie sind somit geeignet zur Legitimation, zur Verurteilung und zur Erkl\u00e4rung von Kriegen, rechtfertigen einzelne Handlungen innerhalb der Kriegssituation, die mit diesen Rollen erkl\u00e4rt werden und haben im wesentlichen eine argumentatorische Schutzfunktion gegen Kritik oder abweichende Positionen. Sie bieten, mit einem Satz, den Medien und ihren RezipientInnen Deutungsmuster [&#8230;]<\/p>\n<h3>3. Medien im Krieg: Ergebnisse der DISS-Forschung und erg\u00e4nzende eigene Ergebnisse<\/h3>\n<p>Das DISS (Duisburger Institut f\u00fcr Sprach- und Sozialforschung) legte 2002 mit dem Band &#8222;Medien im Krieg.&#8220; (J\u00e4ger\/J\u00e4ger 2002) die Ergebnisse einer Kritischen Diskursanalyse vor, die \u00fcber den Zeitraum 24. M\u00e4rz bis 10. Juni 1999 auf die Printmedien Frankfurter Rundschau (FR), Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), Die Tageszeitung (taz), Bild, Die Zeit, Spiegel und Focus angewandt wurde.<\/p>\n<p>Andrea Kirchner, Sebastian Kreischner und Ina Ruth (in J\u00e4ger\/J\u00e4ger 2002: 29-71) untersuchten in diesem Zusammenhang insbesondere die Bebilderung der Artikel zum Kosovo-Konflikt. Auff\u00e4llig war &#8211; insbesondere in der BILD-Zeitung &#8211; die h\u00e4ufige Darstellung von Frauen und Kindern z.B. in Fl\u00fcchtlingstrecks. Diese Bilder sollen an ein Mitgef\u00fchl appellieren, da Kinder und Frauen besonders schutzbed\u00fcrftig seien. Auch die Darstellung deutscher Politiker auf Photos entspricht der Beschreibung Mordts: Es sind grunds\u00e4tzlich M\u00e4nner, die hier als &#8222;seri\u00f6s und bereit, Verantwortung zu \u00fcbernehmen&#8220; (J\u00e4ger\/J\u00e4ger 2002: 39) dargestellt werden.<\/p>\n<p>Die nahezu einzige Frau, die als Individuum in den untersuchten Medien benannt und dargestellt wurde, war Mirjana Markovic, die Ehefrau Slobodan Milo\u0161evics. Sie tritt in der Berichterstattung allerdings nicht aus dem Schatten ihres Mannes hervor.<\/p>\n<p>Unter meiner Fragestellung ist aus dem Band des DISS die Feinanalyse eines Kommentars in der taz von Sonia Mikich (J\u00e4ger\/J\u00e4ger 2002: 265-275) herauszuheben: Es ist offensichtlich, dass sie erw\u00e4hlt wurde, diesen Kommentar zu schreiben, weil sie jugoslawischer bzw. serbischer Herkunft ist. ((8)) Als solche, so scheint es, darf sie in der Form des Kommentars das Vorgehen der NATO kritisieren, und sie tut dies haupts\u00e4chlich, wie es von ihr erwartet wird: Emotional. ((9)) Das macht schon die \u00dcberschrift ihres Kommentars deutlich: &#8222;Wir haben verloren, <i>ich <\/i>habe verloren&#8220; (Hervorhebung von mir, T.B.). Mikich ruft in Form ihrer Verwandtschaft, die individuellen Opfer auf den Plan, um sie argumentativ gegen die Kriegsf\u00fchrung einzusetzen ((10)), sie stellt diskursiv N\u00e4he her (vgl. J\u00e4ger\/J\u00e4ger 2002: 267). Damit destruiert sie die \u00fcblichen Feindbilder &#8211; das Kollektivsubjekt &#8222;Serben&#8220; &#8211; und benennt alle Beteiligten als VerliererInnen des Konflikts: &#8222;<i>Wir <\/i>haben verloren, ich habe verloren&#8220;.<\/p>\n<p>Da das DISS von einer anderen Fragestellung ausging, ist aus dem Forschungsergebnis keine Aussage \u00fcber die Menge der Berichterstattung herauszufinden, die Frauenrollen oder auch Geschlechterrollen (mit)thematisiert. Durch die eigene kursorische Analyse kann vorl\u00e4ufig festgehalten werden, dass dies insgesamt selten der Fall war. [&#8230;] Gleichzeitig ist auff\u00e4llig, dass das Benennen geschlechtlicher Rollen mit den zu erwartenden Zuschreibungen erst im weiteren Verlauf des Konflikts auftritt: Den JournalistInnen scheint es notwendig erschienen zu sein, erst die allgemeinen &#8222;Grundlagen&#8220; zu kl\u00e4ren, bevor &#8222;vertiefend&#8220; berichtet werden konnte.<\/p>\n<p>In dieser &#8222;vertiefenden&#8220; Berichterstattung erhalten Frauen eine Rolle , die sich als nat\u00fcrlich, hegend und pflegend, passiv und leidend beschreiben l\u00e4sst. Die Konsequenzen dieser Berichterstattung k\u00f6nnen dabei durchaus verschieden sein. Allgemein jedoch intendiert der deutschsprachige Journalismus den Zusammenhang zwischen Weiblichkeit und Privatheit: Frauen m\u00fcssen in Sicherheit gebracht werden, also aus dem \u00d6ffentlichen, das in diesem Fall kriegerisch ist, entfernt werden. Deutliche Verwirrung, gespickt mit einem vorwurfsvollen Duktus, spendet den Medien etwa die Integration von Frauen in (para)milit\u00e4rische Streitkr\u00e4fte: &#8222;Spiegel&#8220; und &#8222;WAZ&#8220; betonen die Aufnahme von &#8222;Br\u00fcdern und Schwestern&#8220; (Spiegel 13\/99) in die U\u00c7K (Ustria \u00c7lirimtare e Kosoves: Befreiungsarmee des Kosovo). Als Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr dieses &#8222;unweibliche&#8220; Verhalten muss der Nationalismus herhalten &#8211; teilweise sicherlich zu recht: Betont wird in der &#8222;WAZ&#8220; (7.4.1999) etwa die albanische &#8222;Tradition&#8220;, die die Frauen mitk\u00e4mpfen l\u00e4sst. Aber auch die Mobilmachung &#8222;aller&#8220; Serben, einschlie\u00dflich Frauen, wird \u00e4hnlich thematisiert (Spiegel 13\/99).<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Die Printmedien beweisen ein wesentliches Interesse, Opfer darzustellen und stellen damit, wie die zitierte Studie des DISS belegt, eine Legitimationsstrategie f\u00fcr das Eingreifen der EU zur Verf\u00fcgung. Dabei bedienen sie traditionelle Klischees, insbesondere jenes von Frauen in passiven Opferrollen. Es ist allerdings Vorsicht angebracht, diesen Medien deshalb &#8222;Kriegstreiberei&#8220; vorzuwerfen. Die Medien nutzen Symboliken, die sie bei ihren LeserInnen als bekannt voraussetzen. Die Analyse dieser Berichterstattung wirft somit einen Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Diskurs, in dem entsprechende geschlechtliche und nationalistische Rollenbilder verankert sind. Dass es sich keineswegs um eine bewusste Strategie f\u00fcr den Eintritt in einen milit\u00e4rischen Konflikt handelt, sollte der Blick auf jene Medien zeigen, die die westliche Intervention kritischer beurteilen.<\/p>\n<h3>4. Alternative Medien<\/h3>\n<p><i>[&#8230;] <\/i><\/p>\n<p>4.3. Graswurzelrevolution<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abgesehen von einem Leserbrief in der &#8222;WAZ&#8220; ist die &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; die einzige Zeitung, die antimilitaristische Fraueninitiativen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens benennt und selber zu Wort kommen l\u00e4sst. Die Belgrader &#8222;Frauen in Schwarz&#8220; werden schon im ersten Leitartikel zum Kosovo-Konflikt (GWR 238, April 1999) als Organisation benannt, die (serbische) Deserteure versteckt. Im weiteren Verlauf der selben Ausgabe kommen die (ex)jugoslawischen Frauen dieser Initiative selbst zu Wort ((11)): Auf S.11 dokumentiert die GWR einen offenen Brief von Lepa Mladenovic, der mit den Worten endet &#8222;So senden Feministinnen und Pazifistinnen aus Belgrad ihre schwesterlichen Gr\u00fc\u00dfe zu ihren Freundinnen und zu den albanischen Frauen mit ihren Familien im Kosovo.&#8220;; auf S.12 beschreibt Teodora Tabacki von den Belgrader &#8222;Frauen in Schwarz&#8220; die &#8222;Antikriegsbewegung in Jugoslawien&#8220; und die &#8222;Mythologisierung des Kosovo&#8220;, die nicht nur vom Regime, sondern auch von der Opposition reproduziert w\u00fcrde. Tabacki fordert eine &#8222;Demythologisierung&#8220;, um &#8222;etwas in Jugoslawien zu ver\u00e4ndern&#8220;.<\/p>\n<p>Auf S.11 meldet sich die Redaktion der GWR selbst zu Wort in einem Artikel mit dem vielsagenden Titel &#8222;M\u00e4nner f\u00fchren Krieg!&#8220; Argumentativ wird als Grund f\u00fcr das Eingreifen der NATO, da kein anderer zu finden sei, &#8222;eine nur aus dem Patriarchat erkl\u00e4rbare Allmachtsphantasie der NATO-M\u00e4nner&#8220; benannt. Es sei die &#8222;omnipotente, m\u00e4nnliche Lust [&#8230;] sich [&#8230;] die eigene kriegerisch-m\u00e4nnliche Potenz immer wieder zu beweisen.&#8220; Im selben Artikel wird Milo\u0161evic eine \u00e4hnliche Intention unterstellt. Er wolle seine &#8222;m\u00e4nnliche Ehre&#8220; retten und nicht als feige und &#8222;&#8218;unm\u00e4nnlich&#8216; dastehen&#8220;. Der Artikel endet parolenhaft: &#8222;Militarisierte M\u00e4nnlichkeit hei\u00dft Krieg! Nieder mit der M\u00e4nnlichkeit!&#8220;<\/p>\n<p>Interessanterweise wird die &#8222;M\u00e4nnlichkeit&#8220; des Krieges nicht in Zweifel gezogen, durch die Verwendung der Anf\u00fchrungsstriche aber die &#8222;Unm\u00e4nnlichkeit&#8220; der Feigheit. Trotz der stark verk\u00fcrzten Parolenhaftigkeit des kurzen Kommentars &#8211; verletzter m\u00e4nnlicher Stolz wird kaum die Begr\u00fcndung des Eingreifens gewesen sein &#8211; rekurriert die GWR hier durchaus sinnig auf die von Mordt unterschiedenen Mannsbilder des <i>Soldaten<\/i> und <i>Politikers<\/i>, die diese bestimmte Handlungsweise intendieren.<\/p>\n<p>Auch in der folgenden Ausgabe (GWR 239, Mai 1999) l\u00e4sst die &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; im Leitartikel &#8222;Gegen den Krieg!&#8220; Belgrader nichtstaatliche Organisationen zu Wort kommen. ((12)) Auf S.7 dokumentiert sie einen Aufruf gegen den Krieg der Belgrader &#8222;Frauen in Schwarz&#8220;. Die AutorInnen ((13)) betonen hier ihre solidarische Netzwerkarbeit auch mit &#8222;Frauen aus NATO-L\u00e4ndern&#8220; und bezeichnen sich als &#8222;Frauenorganisation, die sich immer gegen Militarismus engagiert hat&#8220; &#8211; ohne darauf zu rekurrieren, dass dies &#8217;nat\u00fcrlicherweise&#8216; so sein m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Die Ausgabe 239 der GWR enth\u00e4lt erneut eine Massenbeilage, diesmal unter dem Motto &#8222;Stoppt den Krieg!&#8220;. Diese Beilage thematisiert Geschlechterverh\u00e4ltnisse kaum, was jedoch ebenso aufschlussreich ist. Wenn es z.B. Volker Maria H\u00fcgel von &#8222;Pro Asyl&#8220; in seinem Artikel &#8222;Krieg und Fl\u00fcchtlingspolitik (S.2 der Beilage) gelingt, auf die Klischees von Frauen, Kindern und Alten als passive Opfer ((14)) zu verzichten, ist dies als Hinweis auf eine wertende und doch unbestechliche Journalistik zu verstehen. ((15)) Der Autor Harold the Barrel dagegen thematisiert die Rolle der Medien allgemein in seinem Artikel &#8222;Medienpropaganda. Instrumentalisierung des Leids f\u00fcr den Krieg.&#8220; (S.3 der Beilage). Unter Punkt 4 seiner Argumentation kritisiert er das Schweigen der Medien \u00fcber &#8222;Alternativen zum Krieg&#8220;, unter die er auch &#8222;feministische [&#8230;] Oppositionsgruppen&#8220; fasst. Diese \u00c4u\u00dferung beinhaltet allerdings nicht automatisch die Assoziation, dass Feminismus mit Pazifismus bzw. Antimilitarismus einhergeht, sondern sie ist vielmehr der Erfahrung durch die Kontakte insbesondere mit den &#8222;Frauen in Schwarz&#8220; geschuldet.<\/p>\n<p>Allgemein betrachtet, begeht die GWR nicht den Fehler, Organisationen wie die &#8222;Frauen in Schwarz&#8220; f\u00fcr eine eigene Interpretation von Feminismus und Pazifismus zu instrumentalisieren, sie gelten vielmehr als gleichberechtigte und gleichgesonnene InformantInnen.<\/p>\n<p>Ein letzter Artikel, der den kriegerischen Konflikt in Jugoslawien\/Kosovo analysiert, ist in dieser Ausgabe der GWR der Artikel &#8222;Warum gerade Jugoslawien\/Kosovo? Die Suche nach den wirklichen Kriegsmotiven der NATO.&#8220; (S.13f.) f\u00fcr den sich als Autor ebenfalls Harold the Barrel verantwortlich zeigt. Der Autor pr\u00e4sentiert hier verschiedene potentielle Angriffsmotivationen, wie sie in einer deutschsprachigen linken Kriegsopposition rezipiert und diskutiert wurden. Neben der &#8222;Bestrafung des IWF-Schuldners&#8220;, der &#8222;Sicherung des &#8218;Erdbebeng\u00fcrtels'&#8220;, der &#8222;kriegstreiberischen Internationale der Sozialdemokratie&#8220; und der Konkurrenz zwischen USA und EU wird hier auch der &#8222;patriarchale [&#8230;] Allmachtswahn als Grund f\u00fcr das &#8218;Hineinschlittern'&#8220; benannt. Das &#8222;Geschlechterarrangement der Internationalen Beziehungen&#8220;, wie Elshtain und Mordt es beschreiben, harmoniert sicherlich (wenn auch mit anderem Vokabular) teilweise mit dieser These des &#8218;patriarchalen Allmachtswahns&#8216;, jedoch nicht als Erkl\u00e4rung f\u00fcr diesen konkreten bewaffneten Konflikt. Harold the Barrel ist sich dessen bewusst, wenn er nicht den Beginn der Gewalt, sondern die als naturgem\u00e4\u00df erscheinende Eskalation der Gewalt hiermit erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Die GWR 240 erschien im Juni 1999 &#8211; &#8222;bei Layoutschluss sieht es so aus, als ob der Krieg vorl\u00e4ufig beendet wird.&#8220;, konstatiert Koordinationsredakteur Bernd Dr\u00fccke im Editorial (S.2). Sowohl die Berichterstattung der GWR als auch die der anderen alternativen und Mainstream-Printmedien wendet sich anderen Themen zu. Neben drei l\u00e4ngeren Artikeln thematisiert Achim Schmitz von &#8222;Schwule Kriegsdienstgegner e.V.&#8220; im Kontext der zu planenden Christopher Street Days 1999 Homosexualit\u00e4t und Militarismus unter der Forderung &#8222;Keine schwulen Soldaten auf den Christopher Street Days!&#8220; (S.4):<\/p>\n<p>&#8222;Weiter hie\u00df es, Soldatentum sei im Kontext eines patriarchalen M\u00e4nnlichkeitsbildes zu sehen, das zum Ma\u00dfstab der M\u00e4nnerrolle gemacht werde. Frauen komme in Kriegen immer die Aufgabe des Besch\u00fctzens der Kinder zu, w\u00e4hrend sie selbst Opfer von Gewalt und Vergewaltigungen werden, um die Gegner (M\u00e4nner) zu dem\u00fctigen.&#8220;<\/p>\n<p>Der zitierte Artikel ist dem Bericht vom &#8222;Zweiten Gro\u00dfen Ratschlag&#8220; &#8222;emanzipatorischer lesbischer, schwuler, bi-, trans- und intersexueller Menschen&#8220; vom 17.4.1999 entnommen. Dies impliziert kult\u00fcrlich einen kritischen Umgang. Der Formulierung ist anzumerken, dass es hier um eine Kritik der herrschenden Geschlechterverh\u00e4ltnisse geht, die tendenziell der kritischen Analyse Elshtains und Mordts nahe ist.<\/p>\n<p>Ihren wichtigsten Grund hat diese oftmals reflektiertere Berichterstattung m.E. (vgl. mein Fazit in Kap. 5) auch darin, dass sich die AutorInnen engagierter Presseerzeugnisse oftmals &#8211; wenn nicht \u00fcberwiegend &#8211; keineswegs im Spezialdiskurs Medien, sondern mindestens ebenso im Spezialdiskurs Wissenschaft bewegen. Deutlich wird dies auch in dem Artikel &#8222;Moderne, Nationalismus und Krieg&#8220; in der Ausgabe der GWR 240 (S.10f.), wiederum geschrieben von Harold the Barrel.<\/p>\n<p>Die obige kurze Einf\u00fchrung in das &#8222;Geschlechterensemble der Internationalen Beziehungen&#8220; sollte deutlich gemacht haben, dass das Klischee der Geschlechterrollen nicht ohne entsprechende nationalistische Klischees auskommt. Was Elshtain und ihr folgend Mordt beschreiben, ist jedoch ein spezifisch modernes Ensemble. Harold the Barrel unterscheidet in seinem Beitrag einen &#8218;postmodernen Nationalismus&#8216; (Bsp. BRD) und einen &#8218;vormodernen Nationalismus&#8216; (Bsp. Kosovo), in dem diese Rollen sich anders darstellen, als bei Elshtain und Mordt beschrieben. &#8222;Soldatenm\u00fctter rufen ihre S\u00f6hne heim &#8211; auch weil sie sie f\u00fcr ihre Subsistenzwirtschaft brauchen.&#8220;, konstatiert er. Ebenso wie deutsche Soldatenm\u00fctter, die gegen den Einsatz ihrer S\u00f6hne protestierten, entsprechen sie nicht dem Idealtypus der <i>Kriegermutter<\/i> &#8211; was weiter nicht verwunderlich ist. ((16)) Bemerkenswert ist aber ihr Erscheinen in der bundesdeutschen Medienlandschaft.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<h3>5. Fazit<\/h3>\n<p>Insgesamt ist, was die Mainstream-Printmedien betrifft, festzustellen, dass die These der \u00dcbertragbarkeit des Geschlechterensembles der Internationalen Beziehungen auf die mediale Ebene sich best\u00e4tigt hat, allerdings ist f\u00fcr die Printmedien die Achse Emotionalit\u00e4t\/ Rationalit\u00e4t in der &#8222;normal&#8220; erscheinenden Relation mit der Dichotomie Weiblichkeit\/ M\u00e4nnlichkeit ungleich wichtiger. [&#8230;]<\/p>\n<p>Die Bilder der <i>sch\u00f6nen Seele<\/i> und der <i>Kriegermutter<\/i> werden in den untersuchten Mainstreamprintmedien genutzt, aber in diesem Fall negativ dargestellt. Sie dienen einer Delegitimation der serbischen und albanischen Interessen. Intendiert wird damit, dass die westeurop\u00e4ischen RezipientInnen \u00fcber solche Klischees hinweg seien. Positiv besetzte Frauen sind passive Opfer, negativ besetzte nehmen die oben genannten Rollen ein und sind dabei aktiv, als politisch engagierte Soldatenmutter (taz) oder auch als Krankenschwester (WAZ), die ebenfalls als <i>Kriegermutter<\/i> erscheint.<\/p>\n<p>Die Berichterstattung \u00fcber Mirjana Markovic f\u00e4llt allerdings ein wenig aus dem Rahmen: Am naheliegendsten w\u00e4re eine Kategorisierung in die Rolle der <i>Kriegermutter<\/i>, die insofern zutreffend ist, als dass der entsprechende Patriotismus in den Medien referiert wird; aber insgesamt scheint hier die Frau ganz ausgeblendet zu sein, &#8222;Markovic&#8220; l\u00e4sst sich durch &#8222;Milo\u0161evic&#8220; ersetzen.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Die Frauenbilder der <i>Kriegermutter<\/i> und der <i>sch\u00f6nen Seele<\/i> betreffend, befinden sich die untersuchten Alternativmedien zwar im offiziellen medialen Diskurs, vertreten in ihren Aussagen jedoch nicht die Meinungshegemonie: So pr\u00e4sentiert die &#8222;Junge Welt&#8220; beispielsweise zwar <i>Kriegerm\u00fctter<\/i>, diese sind jedoch Kriegsgegnerinnen, ohne dabei <i>sch\u00f6ne Seelen<\/i> zu sein. \u00c4hnlich wie die subsistent wirtschaftenden Soldatenm\u00fctter, die die GWR 240 (S.10f.) benennt, wird hier ein klassisches Bild von der lebenssch\u00fctzenden und evtl. -rettenden Mutter pr\u00e4sentiert, die deshalb noch keineswegs z.B. feministisch oder antinationalistisch sein muss. Frauen als M\u00fctter geb\u00e4ren Leben und sch\u00fctzen dies mit ihrer F\u00fcrsorge; weshalb ja Friedensaktivistinnen nicht auch gleich Feministinnen sind bzw. antinationalistisch, sprich frei von Patriotismus etc.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Die &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; und &#8222;Emma&#8220; schlie\u00dflich umgehen Geschlechterklischees weitestgehend, indem sie die betroffenen Frauen selbst zu Wort kommen lassen.<\/p>\n<p>Der andere &#8211; positiv zu bewertende &#8211; Umgang mit den verschiedenen M\u00e4nner- und Frauenrollen in den untersuchten Alternativmedien hat diverse diskursive und materielle Hintergr\u00fcnde: Gerade die beiden letztgenannten Medien haben einen klaren, engagierten Standpunkt in Friedens- bzw. auch in Geschlechterfragen. F\u00fcr sie wie auch f\u00fcr die &#8222;Junge Welt&#8220; und &#8222;Jungle World&#8220; gilt, dass sie nicht den Anspruch erheben, &#8222;objektiv&#8220; berichten zu wollen, sondern klare Positionen vertreten und diese argumentativ belegen, also eine andere Diskursstrategie verfolgen, die von den VertreterInnen der Mainstream-Medien sicherlich als &#8222;unprofessionell&#8220; abgetan w\u00fcrde. Zudem bewegen sich die vier untersuchten Alternativmedien an \u00dcberg\u00e4ngen verschiedener Diskursebenen: W\u00e4hrend der Mainstream sich nur auf der Medienebene bewegt, haben sie gr\u00f6\u00dfere Schnittstellen zur Diskursebene des politischen Engagements und dem Spezialdiskurs der Sozialwissenschaften.<\/p>\n<p>Die materiellen Umst\u00e4nde sind ebenfalls andere: Zum einen handelt es sich um Medien mit einer mengenm\u00e4\u00dfig geringen, daf\u00fcr aber spezialisierten LeserInnenschaft, die eine andere Form des Journalismus erwartet &#8211; mithin sind die Nachrichtenfaktoren andere. Rein \u00f6konomisch weist die geringere Zahl der LeserInnen auch auf eine prek\u00e4re Finanzlage hin, die keine oder nur wenige KorrespondentInnen vor Ort zu lassen. Weiterhin ist die Erscheinungsweise zu betrachten: &#8222;Jungle World&#8220;, &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; und &#8222;Emma&#8220; erscheinen in vergleichsweise hohen Abst\u00e4nden mit einem Umfang, der ausf\u00fchrliche Hintergrundanalysen zul\u00e4sst. Dadurch sind diese Medien nicht an das tagesaktuelle Geschehen gebunden.<\/p>\n<p>Durch das Einbinden engagierter Organisationen und Einzelpersonen aus Jugoslawien ist der &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; im Vergleich der w\u00fcrdevollste Umgang mit den direkt Betroffenen gelungen. In gewissem Sinne ist dies ein diskursiver &#8222;Zufall&#8220;, denn die Intentionen von &#8222;GWR&#8220; und den selber sprechenden Organisationen sind nahe beieinander bzw. sogar identisch. Die Berichterstattung der &#8222;Emma&#8220; ist \u00e4hnlich positiv zu bewerten.<\/p>\n<p>Die meisten AutorInnen der Alternativmedien reflektieren die Auswirkungen hierzulande, anstatt f\u00fcr Dritte sprechen zu wollen. Die Beschreibung der Situation in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens wird gerade in der GWR \u00fcber weite Strecken den direkt Betroffenen \u00fcberlassen. Sie unterscheidet nicht geschlechtlich zwischen Opfern und T\u00e4terInnen, sondern bewertet geschlechtsneutral und unabh\u00e4ngig von ethnischer bzw. nationaler Herkunft. Wie bei der GWR so werden auch bei der &#8222;Emma&#8220; Frauen nicht als die passiven Opfer einer m\u00e4nnlichen Politik vorgestellt, sondern eben jene, die sich aktiv gegen Krieg einsetzen.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Wie der &#8222;Jungle World&#8220;, so ist auch der GWR Nationalismus bzw. Nationalismen ein relevantes Thema. So weist Tobias Pfl\u00fcger darauf hin, dass es notwendig sei, den &#8222;Nationalismus aller betroffenen Gruppen [&#8230;] zu verurteilen.&#8220; (GWR 239, S.8: &#8222;Krieg an der Heimatfront&#8220;). Harold the Barrel weist auf die Ungleichzeitigkeit der Nationalismen hin (GWR 240, S.10f.: &#8222;Moderne, Nationalismus und Krieg&#8220;), albanischer und serbischer Nationalismus gelten ihm als &#8222;vormodern&#8220;, der deutsche\/europ\u00e4ische und US-amerikanische Nationalismus dagegen als &#8222;postmodern&#8220;. Diese Ungleichzeitigkeit verweist wiederum auf den Umgang der Mainstream-Medien mit dem Geschlechterensemble, denn dieses wird je nach Aussageintention negativ oder positiv konnotiert.<\/p>\n<p>Dies verweist letztendlich auch darauf, dass Elshtains und Mordts Beschreibung des Ensembles teilweise vereinfachend ist, denn selbst die Idealtypen variieren von Konflikt zu Konflikt und von Staat zu Staat: Staaten und Staatenb\u00fcnde, die hochtechnisiert sind, brauchen etwa den traditionellen Soldatentypus nicht mehr. Argumente wie &#8222;Vaterlandsverteidigung&#8220; \u00e4ndern sich in die &#8222;Verteidigung der westlichen Werte&#8220; oder auch &#8222;Friedenseinsatz f\u00fcr Menschenrechte&#8220; (vgl. auch Heike Kleffner in &#8222;Jungle World&#8220;, 14.4.1999: &#8222;Zivildienst in Flecktarn&#8220;). Mithin erscheinen auch die Frauenbilder und das gesamte Geschlechterarrangement variabler, als es die Beschreibung Elshtains und Mordts vermuten lassen. Mag dieses Arrangement auch hegemonial sein, die Analyse der Printmedien weist darauf hin, dass gerade der Konflikt im Kosovo den Beginn eines ereignishaften Bruches mit diesem Arrangement darstellt. Das kommende Geschlechterensemble wird allerdings ebenso eine soziale Konstruktion pr\u00e4sentieren, die der ver\u00e4nderten globalen Lage angepasst ist bzw. sich variabel den jeweiligen Umst\u00e4nden anpasst.<\/p>\n<h3>6. Literatur<\/h3>\n<ul>\n<li>Anker, Elisabeth u.a. (Hrsg.) 2003: M\u00e4nnerkrieg und Frauenfrieden. Geschlechterdimensionen in kriegerischen Konflikten. Wien.<\/li>\n<li>Bilke, Nadine 2002: Friedensjournalismus. Wie Medien deeskalierend berichten k\u00f6nnen. M\u00fcnster.<\/li>\n<li>Dr\u00fccke, Bernd 1998: Zwischen Schreibtisch und Stra\u00dfenschlacht? Anarchismus und libert\u00e4re Presse in Ost- und Westdeutschland. M\u00fcnster\/Ulm.<\/li>\n<li>Elshtain, Jean Bethke 1995: Women and War. Chicago.<\/li>\n<li>Elshtain, Jean Bethke 1997: Real Politics. Baltimore\/London.<\/li>\n<li>Foucault, Michel 1987: Arch\u00e4ologie des Wissens. Frankfurt a.M.<\/li>\n<li>Foucault, Michel 2004: Geschichte der Gouvernementalit\u00e4t. Band 1 u. 2. Frankfurt a.M.<\/li>\n<li>Friedrich, Rudi und Tobias Pfl\u00fcger (Hrsg.) 2004: In welcher Verfassung ist Europa? Europ\u00e4ische Union: Militarisierung und Fl\u00fcchtlingsabwehr. Grafenau.<\/li>\n<li>Galtung, Johan 1975: Strukturelle Gewalt. Beitr\u00e4ge zur Friedens- und Konfliktforschung, Hamburg.<\/li>\n<li>Galtung, Johan 1999: Friedensjournalismus. Niedere und hohe Stra\u00dfe der Konfliktberichterstattung. In: epd-Entwicklungspolitik 6\/99.<\/li>\n<li>Galtung, Johan und Mari Holmboe Ruge 1965: The Structure of Foreign News. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crises in Four Foreign Newspapers. In: Journal of Peace Research 2, S. 64-91.<\/li>\n<li>Galtung, Johan und Richard Vincent 1992: Global Glasnost. Toward a New World Information and Communication Order. Hampton.<\/li>\n<li>Hall, Stuart 1994: Der Westen und der Rest: Diskurs und Macht. In: Ders.: Rassismus und kulturelle Identit\u00e4t. Ausgew\u00e4hlte Schriften 2. Hamburg. S.137-179.<\/li>\n<li>Harders, Cilja und Bettina Ro\u00df (Hg.) 2002: Geschlechterverh\u00e4ltnisse in Krieg und Frieden. Perspektiven der feministischen Analyse internationaler Beziehungen. Opladen.<\/li>\n<li>Initiative Intelligente Deeskalations-Strategie (IIDS) 2003: Vorl\u00e4ufiges Konzept einer Intelligenten Deeskalations-Strategie f\u00fcr UNO, Demokratien, demokratische Bewegungen und Parteien sowie Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs). Aktualisierte Fassung 2003 der Version 1996. In: DISS-Journal\/kultuRRevolution. Sonderheft Irak-Krieg 2003. S.5-7.<\/li>\n<li>J\u00e4ger, Margarete und Siegfried J\u00e4ger (Hg.) 2002: Medien im Krieg. Der Anteil der Printmedien an der Erzeugung von Ohnmachts- und Zerrissenheitsgef\u00fchlen. Duisburg.<\/li>\n<li>J\u00e4ger, Siegfried 2001: Kritische Diskursanalyse. Eine Einf\u00fchrung. Duisburg.<\/li>\n<li>J\u00e4ger, Siegfried und Jobst Paul 1994: Von Menschen und Schweinen. Der Singer-Diskurs und seine Funktion f\u00fcr den Neo-Rassismus. (= DISS-Texte Nr. 13). Duisburg.<\/li>\n<li>Klaus, Elisabeth und Susanne Kassel 2003: Frauenrechte als Kriegslegitimation in den Medien. In: Anker u.a. 2003. S.13-27.<\/li>\n<li>Krippendorff, Ekkehart 1985: Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft. Frankfurt a.M.<\/li>\n<li>Lippmann, Walter 1964: Die \u00f6ffentliche Meinung. M\u00fcnchen.<\/li>\n<li>Mordt, Gabriele 2002: Das Geschlechterarrangement der klassischen Sicherheitspolitik. In Harders\/ Ro\u00df 2002. S.61 &#8211; 77.<\/li>\n<li>Morgenthau, Hans J. 1973: Politics among Nations: The Struggle for Power and Peace. 5. Auflage, New York.<\/li>\n<li>Moser, Maria Katharina 2003: &#8222;Auf das Opfer darf keiner sich berufen.&#8220; Opfer-Konstruktionen im Spannungsfeld von Krieg, Religion und Geschlecht. In: Anker u.a.2003. S.77-91.<\/li>\n<li>Oed, Cornelia 2002: Das Konzept des Friedensjournalismus nach Galtung &#8211; Umgesetzt in der Monatszeitschrift &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;? Hausarbeit im Reflexionskurs &#8222;Kriegsberichterstattung&#8220; (Dr. Armin Scholl) am Institut f\u00fcr Kommunikationswissenschaft der Universit\u00e4t M\u00fcnster. Download von <a href=\"\/news\/friedensjournalismus.shtml\">http:\/\/www.graswurzel.net\/news\/friedensjournalismus.shtml<\/a> am 9.11.2005.<\/li>\n<li>Zajovic, Sta\u0161a 2004: Ehemaliges Jugoslawien: Nationalismus und Militarismus in der Nachkriegszeit. In: Friedrich\/Pfl\u00fcger 2004. S.101-108.<\/li>\n<\/ul>\n<p><i>6.1. Verwendete Homepages<\/i><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"\/\">www.graswurzel.net<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\">www.jungewelt.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nadir.org\/nadir\/periodika\/jungle_world\/archive.htm\">www.nadir.org\/nadir\/periodika\/jungle_world\/archive.htm<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Einleitung [&#8230;] Intention des Artikels ist zun\u00e4chst die Darstellung dessen, wie deutschsprachige Medien Frauen in einem konkreten Kriegsfall &#8211; dem Kosovokonflikt &#8211; beschreiben. 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