{"id":8023,"date":"2007-04-01T00:00:39","date_gmt":"2007-03-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8023"},"modified":"2022-07-26T13:31:22","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:22","slug":"die-mit-den-totenschadeln-tanzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/04\/die-mit-den-totenschadeln-tanzen\/","title":{"rendered":"Die mit den Totensch\u00e4deln tanzen"},"content":{"rendered":"<p>Damit meinten sie jedoch nicht die entbl\u00f6\u00dfte, als &#8222;Tagespussy&#8220; funktionalisierte &#8222;Natalie&#8220;, die an diesem Tag als Aufrei\u00dfer f\u00fcr die Werbeanzeigen aus dem Prostitutionsmilieu diente. Gemeint war damit u.a. ein ordnungsgem\u00e4\u00df aufgestellter Bundeswehrsoldat, pr\u00e4ziser: ein Gebirgsj\u00e4ger, der mit einem Totenkopf posierte. Dieses Bild ist mit einer Digitalkamera aufgenommen worden und vermutlich 2003\/2004 in Afghanistan entstanden.<\/p>\n<p>Dieses und andere Knochen- und Totenkopf-Bilder zirkulieren seit Jahren in mehreren tausend St\u00fcck in der Subkultur des Militarismus in diesem Land. Warum es aber ein weiteres Bundeswehrtotensch\u00e4delfoto in derselben Ausgabe lediglich auf die zweite Seite gebracht hat, muss verwundern. Immerhin ist darauf neben einem Totenkopf der Penis eines Bundeswehrsoldaten zu sehen: Dieses Foto bringt den Zusammenhang zwischen gewaltt\u00e4tigem Ficken und Morden im Soldatenleben auf den Punkt. Wenn man den Text und die Bilder der Bild-Berichterstattung zum Thema &#8222;Totensch\u00e4del-Skandal&#8220; analysiert, kann man die Bigotterie dieser Skandalisierung unschwer erkennen. H\u00e4tte es doch mit Blick auf die in den Jahren 1995-1999 gezeigte Fotoausstellung &#8222;Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht&#8220; hei\u00dfen m\u00fcssen: &#8222;Schon wieder Schock-Fotos von deutschen Soldaten&#8220;.<\/p>\n<h3>Diffuse Vorder- und Hintergr\u00fcnde eines Skandals \u2026<\/h3>\n<p>Niemand in der politischen \u00d6ffentlichkeit konnte sich in den folgenden Tagen dieser Totensch\u00e4del-Kampagne entziehen. Gibt es doch f\u00fcr eine mediale Darstellung kaum ein besseres Symbolzeichen als einen Totenkopf.<\/p>\n<p>Die tagelange Kampagne war dabei seitens ihrer Initiatoren in eine staatstragende Rhetorik eingebunden: &#8222;Sind sich Vorgesetzte immer ihrer Verantwortung bewusst?&#8220; ((1))<strong> <\/strong><\/p>\n<p>Hochrangige VertreterInnen aller Parteien, inklusive die Kanzlerin und ihr Verteidigungsminister, beeilten sich unisono, ihre Abscheu zu bekunden. Der amtierende Bundesverteidigungsminister verstieg sich in einer Parlamentsdebatte zu der allseits beklatschten Aussage: &#8222;Wer sich so verh\u00e4lt, hat in der Bundeswehr keinen Platz.&#8220;<\/p>\n<p>Was mag ausgerechnet die Bild-Zeitung, die es Zeit ihres Bestehens niemals an Unterst\u00fctzung der Institution Bundeswehr hat fehlen lassen, dazu bewogen haben, diese peinlich-pornographischen Dokumente als Skandal zu vermarkten?<\/p>\n<p>Nicht ganz auszuschlie\u00dfen, dass die enge Verbindung des Springer-Konzerns zu Teilen der Bundeswehrgeneralit\u00e4t im Vorfeld anstehender Etatk\u00fcrzungen f\u00fcr den Bundeswehrausbildungsbereich f\u00fcr eine prominente Platzierung der Totensch\u00e4del gesorgt hat. ((2))<\/p>\n<p>Ein Kommentator einer linken Gazette vermutete als Hintergrund m\u00f6gliche politische Rochaden der NATO im Hinblick auf die Zukunft des Afghanistan-Einsatzes. ((3))<\/p>\n<p>Vielleicht wird einmal jemand aus der Chefredaktion der Bild-Zeitung aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen plaudern. Erst dann wird man \u00fcber die Hintergr\u00fcnde des Totensch\u00e4del-Skandals nicht mehr auf Spekulationen angewiesen sein.<\/p>\n<h3>\u2026 seine organisatorischen Folgen und politische Reichweite<\/h3>\n<p>Zun\u00e4chst l\u00f6ste der Totensch\u00e4del-Skandal die gr\u00f6\u00dfte Untersuchung in der Geschichte der Bundeswehr aus. 5.500 Bundeswehrsoldaten hatten gegen\u00fcber ihren Dienstvorgesetzten Stellung zu nehmen. Zu Beginn der Pressekampagne wurde mit starken Begriffen wie &#8222;Milit\u00e4rstaatsanwalt&#8220;, &#8222;Verh\u00f6re&#8220;, &#8222;Gest\u00e4ndnisse&#8220;, &#8222;Reue&#8220; und &#8222;Feuern&#8220; gearbeitet. Nach drei Monaten kam das Ergebnis: Nicht ein einziger Bundeswehrsoldat wurde &#8222;gefeuert&#8220;, lediglich f\u00fcnf davon sollen in den n\u00e4chsten 24 Monaten nicht bef\u00f6rdert werden. ((4))<\/p>\n<p>Allemal kann der Totensch\u00e4del-Skandal im Ergebnis als eine Art Reinigungskrise des Bundeswehr-Milit\u00e4rapparates interpretiert werden. Diese Lesart dr\u00e4ngt sich bei der Interpretation des Cartoons von Klaus Stuttman auf:<\/p>\n<p>Bundeswehrsoldaten sollen in Zukunft fachkundig und neutral Totensch\u00e4del herstellen, anstatt damit zu spielen.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen Zweifel an der These gehegt werden, dass der Totensch\u00e4delskandal letztlich Widerwille und Ablehnung weiterer Milit\u00e4reins\u00e4tze von Bundeswehrsoldaten bef\u00f6rdert hat.<\/p>\n<p>In der \u00d6ffentlichkeit vielleicht, bei den wesentlichen Entscheidungstr\u00e4gern nicht.<\/p>\n<p>Die im Kern oberfl\u00e4chliche Skandalisierung schloss affirmative Lesarten zuk\u00fcnftiger Bundeswehrmilit\u00e4reins\u00e4tze immer ein:<\/p>\n<p>So wusste ein Kommentator des &#8222;Stern&#8220; die Totensch\u00e4delspielereien in der Formulierung, dass hier &#8222;die in der normalen Anarchie des Krieges (Soldaten) \u00fcber die Str\u00e4nge geschlagen&#8220; h\u00e4tten, zu verniedlichen, um schlie\u00dflich zu dem Schluss zu gelangen, dass ein besch\u00e4digtes &#8222;Image der Bundeswehr&#8220; nun mal &#8222;der Preis (sei), den die Deutschen f\u00fcr ihre Wiedereingliederung in die Reihe der souver\u00e4nen, mitunter auch Krieg f\u00fchrenden Staaten zahlen m\u00fcssen&#8220;. ((5))<\/p>\n<h3>\u2026 und was das alles mit Mittenwald zu tun hat<\/h3>\n<p>Dieser politische Skandal provozierte eine Reihe von Nebeneffekten, die auf ihre Weise den jahrelangen Protest gegen die Traditionspflege deutscher Gebirgsj\u00e4ger in Mittenwald ber\u00fchren: Er verweist nicht nur auf eine l\u00e4ngere Vorgeschichte des Totensch\u00e4delskandals im Bundeswehrmilit\u00e4rapparat selbst.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus r\u00fcckten die Bundeswehrgebirgsj\u00e4gereinheiten und teilweise ihre historischen Massenmordtraditionslinien in das Zentrum der \u00d6ffentlichkeit. In einem Bericht des Korrespondenten einer b\u00fcrgerlichen Regionalzeitung ist dieser Bezug in die Formulierung gekleidet: &#8222;F\u00fcr den Einsatz am Boden in den unwegsamen Bergregionen am Hindukusch sind sie besonders geeignet.<\/p>\n<p>Das sichert den Gebirgsj\u00e4gern eine Sonderstellung, geht h\u00e4ufig aber auch mit einer Sondermentalit\u00e4t einher: Die Totenkopf-Fotos, aufgenommen w\u00e4hrend der uns\u00e4glichen Patrouille in der Umgebung von Kabul, liefern den unr\u00fchmlichen Beweis daf\u00fcr.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Direkter formuliert das der Friedensaktivist Jakob Knab: &#8222;Seit ihrer Gr\u00fcndung im Ersten Weltkrieg bewegen sich die bayrischen Gebirgsj\u00e4ger in einem v\u00f6lkisch-reaktion\u00e4ren, genuin milit\u00e4rischen Milieu nach rechten Mustern. Diese Blickverengung f\u00fchrt zu Verdr\u00e4ngung, Schuldabwehr und Wahrnehmungsblockaden. Beim allj\u00e4hrlichen Pfingsttreffen in Mittenwald werden unbeirrt kriegerische T\u00fcchtigkeit, Treue und Kameradschaft beschworen.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Sch\u00f6n, nun auch in der f\u00fchrenden nationalen B\u00fcrgerInnenzeitung den Halbsatz zu lesen:<\/p>\n<p>&#8222;Touristen zieht es meist nicht in Scharen in Orte, die mit Schlagzeilen wie &#8218;Mittenwalder Totensch\u00e4nder&#8216; auffallen\u2026&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Der als B\u00fcrgermeister der Gemeinde Mittenwald amtierende Hermann Salminger wusste sich in den Massenmedien zu profilieren, wahlweise mit sadistischen Bemerkungen: &#8222;Die g&#8217;h\u00f6ren eing&#8217;sperrt, dass ihnen die Rippen krachen!&#8220; und &#8211; so man ihm dreiste L\u00fcgen nicht unterstellen mag &#8211; mit ahnungslosem Gebrabbel: &#8222;Wir sind nicht die Gemeinde der Totensch\u00e4nder. Das waren Idioten, die nichts mit unserem Ort gemein haben.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Ein kurzer Blick in die staatsanwaltschaftlichen Vernehmungsakten zu dem Gebirgsj\u00e4ger-Massaker in Kommeno, das von den Soldaten des Gebirgsj\u00e4ger-Regiments aus Mittenwald, unter der Leitung Josef Salmingers, Ritterkreuztr\u00e4ger, NS-Kriegsverbrecher und Vater des heutigen Mittenwalder B\u00fcrgermeister, ver\u00fcbt wurde, widerlegt derartige Fiktionen: 1943 ermordeten diese Gebirgsj\u00e4ger im nordgriechischen Kommeno nicht nur 317 Zivilisten, sondern sch\u00e4ndeten nach dem Massaker auch Frauenleichen. ((10))<\/p>\n<p>Trotzdem bleibt es ein Verdienst des B\u00fcrgermeisters, in der \u00d6ffentlichkeit auf ein Anwachsen der allj\u00e4hrlichen Pfingstdemonstrationen gegen die seit 1945 ungebrochene Gebirgsj\u00e4ger-Traditionspflege hingewiesen zu haben: Er &#8222;bef\u00fcrchtet jetzt f\u00fcrs kommende Jahr verst\u00e4rkte Proteste: Der Vorfall in Afghanistan sei \u201aWasser auf die M\u00fchlen&#8216; der Kritiker&#8220;. ((11))<\/p>\n<p>Das sind ganz ausgezeichnete Bedingungen, um folgende Forderungen am Pfingstwochenende in Mittenwald kund zu tun:<\/p>\n<ul>\n<li>Endlich weg mit den Gedenkfeierlichkeiten deutscher Gebirgsj\u00e4gereinheiten in Mittenwald!<\/li>\n<li>Schluss mit der Produktion von Totensch\u00e4deln im Kosovo, Afghanistan und anderswo!<\/li>\n<li>Bundeswehr? &#8211; Wegtreten!<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Damit meinten sie jedoch nicht die entbl\u00f6\u00dfte, als &#8222;Tagespussy&#8220; funktionalisierte &#8222;Natalie&#8220;, die an diesem Tag als Aufrei\u00dfer f\u00fcr die Werbeanzeigen aus dem Prostitutionsmilieu diente. Gemeint war damit u.a. ein ordnungsgem\u00e4\u00df aufgestellter Bundeswehrsoldat, pr\u00e4ziser: ein Gebirgsj\u00e4ger, der mit einem Totenkopf posierte. Dieses Bild ist mit einer Digitalkamera aufgenommen worden und vermutlich 2003\/2004 in Afghanistan entstanden. 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